
Kenneth Anders & Myrthe Jentgens: Es ist beides da, und es ist beides wahr (Buchauszug)
Kenneth Anders & Myrthe Jentgens: Es ist beides da, und es ist beides wahr (Buchaus-zug)
und MAGAZIN für demokratische Kultur
und MAGAZIN für demokratische Kultur

Kenneth Anders & Myrthe Jentgens: Es ist beides da, und es ist beides wahr (Buchaus-zug)

Stellen wir uns unsere Gesellschaft einmal als ein Chorkonzert vor: Der Chorleiter verpatzt den Anfang des großen Werks und ist zu feige, sich zu korrigieren. Was tun dann die Sänger? Kann man diese Situation mit Humor bewältigen?

Am 14. März starb Jürgen Habermas. Er wird als Staatsphilosoph der Demokratie gefeiert. Doch sein Werk hat wesentlich dazu beigetragen, soziale und materielle Konflikte in moralische Fragen umzudeuten.

Wenn „Satire-Künstler“ wie Philipp Ruch gegen die AfD oder andere Regierungskritiker „Kunst“ machen, dann lieben sie das Grundrecht der Kunstfreiheit. Denn um sie damit straffrei zu stellen, erweitern Gerichte gerade ihren Begriff der Kunst und ignorieren die Grundprinzipien rechtsstaatlicher Verfahren.

Das von nur drei Personen angestrengte Volksbegehren „Stoppt Gendern in Hessen” stand vor großen Hürden und war trotzdem zu Beginn sehr erfolgreich. Was dann allerdings geschah, könnte man in ein Lehrbuch über die Funktionsweise „unserer Demokratie“ aufnehmen.

2023 startete in Hessen ein Volksbegehren „Stoppt Gendern in Hessen”. Bernd Fischer, einer der drei Initiatoren, begründet es sachlich und politisch. Er berichtet von diesem Experiment und zieht Schlussfolgerungen über den Zustand „unserer Demokratie“.

Die generative KI wird unsere menschliche Kreativität zerstören, lautet eines der Argumente gegen sie. Denn ihre Produkte sind so perfekt, dass sie uns entmutigt. Doch die lebendige Erfahrung spricht gegen diese Dystopie. Der Autor gibt uns eine Hoffnung als Weihnachtsgeschenk.

Wenn Geisteswissenschaftler den Gebrauch disruptiver technologischer Entwicklungen besprechen, haben sie nicht immer die Füße auf dem Boden der geschichtlichen Realität. Ihre Kritik bleibt zahnlos und außerdem politisch voreingenommen. Wie gut, dass man bei 1bis19 darüber diskutieren kann!

Im Prolog eines populären Buches über „die Rebellen“ der Jenaer Frühromantik (erschienen 2022) findet sich plötzlich ein diskreditierender Absatz über die Rebellen der Corona-Jahre: Sie hätten (egoistisch) auf ihren individuellen Freiheiten bestanden. Johanna Eisele dokumentiert ihren Versuch einer Kontaktaufnahme und Diskussion mit der Autorin des Buches.

Wer sich eine milde und konstruktive Sicht auf alles Menschliche bewahren will, der bestreitet es oft. Jedoch: Das Böse am Menschen gibt es wirklich! Der Beweis? Es gibt die Lust am Bösen. Und wie könnte es diese Lust geben, wenn es nicht gäbe, worauf sie gerichtet ist? Es braucht den Blick der Ästhetik auf eine moralische Kategorie – und einen literaturgeschichtlichen Exkurs.

Öffentliche Bibliotheken haben in Deutschland politische Neutralität sowie Meinungs- und Informationsfreiheit zu garantieren. Trotzdem hat der Berufsverband der Bibliothekare einen sechsköpfigen „Expert*innenzirkel Medien an den Rändern“ eingerichtet, der Indexlisten unerwünschter Bücher erstellt. Seitdem sind deutsche Bibliothekare damit beschäftigt, Warnhinweise auf Büchern anzubringen, die die Leser vor „umstrittenen“ Inhalten schützen sollen. Eine passionierte Leserin wünscht sich mehr davon!

Hatten wir in den ersten acht Monaten der Corona-Pandemie ein Maximum oder ein Minimum im Sterbegeschehen? Wir verlassen die emotional aufgeladenen Schlagzeilen und wenden uns den nüchternen Zahlen des Statistischen Bundesamts zu. Die Ergebnisse der kritischen Überprüfung und die Reaktion des Amtes auf sachliche Kritik sind enttäuschend.

„Eine Zensurabsicht liegt der Aktion fern“, heißt es seit 1991 in der Satzung der Aktion Unwort des Jahres. Aber während früher meistens sprachliche Missgriffe und Verfehlungen im öffentlichen Auftritt von Großbänkern, Managern und Spitzenpolitikern kritisiert wurden, werden heute systematisch Alltags-Sprachgebräuche kriminalisiert und folglich doch zensiert. Die 2024er Wahl von biodeutsch ist ein trauriges Beispiel dieser trotzdem nicht ganz neuen Praxis. Den guten Gebrauch des Wortes reservieren die Experten für sich. Die Autorin beginnt hier eine sprach- und diskursanalytische Serie zur Unwort-Aktion.

Wissen Sie, wie die Klaviatur eines Klaviers aussieht? Bestimmt. Sofern Sie diese nicht vor Ihrem geistigen Auge haben, schauen Sie sich bitte mal in Ruhe eine Klaviatur an. Fällt Ihnen etwas auf? Vermutlich nicht, sieht ja aus wie immer.

Gedanken zur filmischen Adaption des gleichnamigen Romans „The Zone of Interest“ von Martin Amis (1949-2023) durch den britischen Regisseur jüdischen Glaubens Jonathan Glazer, der anlässlich der Oscar-Verleihung als „Bester internationaler Film“ am 10.3.2024 in Los Angeles in seiner von tiefem Humanismus getragenen und viel diskutierten Dankesrede wagte, den Missbrauch der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes in der NS-Zeit für die Entmenschlichung im aktuellen Gazakrieg zu beklagen.(1)

Die Schauspielerin Philine Conrad hat in mehreren fiktionalen Kurzgeschichten die teils erschreckende gesellschaftliche Entwicklung während der Corona-Krise verarbeitet. Nun liegt das Werk als Hörspiel vor – und liefert auf realistische Weise einen tiefen Einblick in die Seele eines zerrütteten Landes.

Übungsdialoge in Sprachlehrbüchern sind ein Spiegel ihrer Zeit und trotzdem manchmal zeitlos, auch über historische Ideologiewechsel hinweg. Was uns ein Russisch-Lehrbuch aus der DDR heute zu sagen hat.

Wie gerade der Kulturbereich unter den Coronamaßnahmen gelitten hat und immer noch leidet und welche verstörenden Erfahrungen beispielsweise Opernsängerin machen mussten, greift die sehenswerte Doku „Hauptsache GEIMPFT“ auf.

In denen letzten Tagen belehrten uns die öffentlich bestellten oder sich berechtigenden Sprach- und Denkhüter wieder einmal über die verwerflichsten “Floskeln” und “Unwörter” des vergangenen Jahres und man beginnt nach eigenen Worten verstörender Assoziationen zu ringen.

"„Schatz, wir haben hier 2G“. Die Kellnerin erschien über mir. Sie sah aus wie Demeter, die nach ihrer Tochter suchte. Sie war schwarz gekleidet, sah blass aus und schaute mich mit flüchtigen Augen an.

Mit Angst lässt sich nicht nur viel Geld verdienen, sondern auch die Gesellschaft kontrollieren. In den letzten Jahrzehnten ist eine regelrechte Sicherheitsindustrie entstanden. Wie sie funktioniert, erläutert der Publizist Leopold Stummer in seinem Buch «Fehlalarm!» – auf scharfsinnige wie humorvolle Weise.

Der Filmemacher Dietrich Brüggemann hat seinen ersten Roman vorgelegt. Darin erzählt er nicht nur eine Geschichte über Liebe, Freundschaft und Familie, sondern zeichnet auch ein authentisches Bild der gegenwärtigen Gesellschaft – samt ihrem übersteigerten Moralismus, einer verrohten Diskussionskultur und dem Hang, zunehmend im digitalen Raum zu leben.

"In der Not erkennt man seine Freunde”, fuhr es mir durch den Kopf, als ich mich in meinem Zimmer an einen Stuhl gefesselt wiederfand. Sie hatte meinen Mund geknebelt und mir die Augen mit einem Tuch verbunden, aber sie wollte auf keinen Fall Blindekuh mit mir spielen. … Was hatte ich ihr getan?

Kein Märchen ist im heutigen Deutschland zu alt, dass es nicht lohnte, es den Menschenkindern – natürlich unter behutsamer Anpassung an den galoppierenden Fortschritt des Zeitgeists – zur sittlichen Reifung wieder zu erzählen. Wer geschlechterspezifische Stereotypen und kulturelle Aneignung vermeidet, wird danach selbst mit gutem Gewissen einschlafen.

Ich hatte mich über die Einladung zu einem unbeschwerten Sommerfest bei Freunden gefreut, denn da die warmen Tage sich allmählich zu neigen beginnen, muss man die Inzidenzen wieder schärfer ins Auge fassen, damit man nicht enthemmt in die nächste Welle läuft und das Gesundheitssystem leichtfertig zum Zusammenbruch bringt.

Auch ich wollte gesund bleiben. Natürlich. Ich hatte mich fest an die Regeln gehalten, aber dann geschah dieses dumme Missgeschick.

In der Odyssee erzählt uns Homer, dass sein durch Welt und Meere irrender Held unter die Phäaken geriet. All zu viel ist von diesem Volk nicht bekannt, außer dass es genussliebend und von Gütern des Lebens überreich gesegnet war und - den Meeresgott und „Erderschütterer“ Poseidon verärgern konnte.

Die Industriegesellschaft der Moderne, so sah Walther Rathenau im Jahre 1913, präge mit ihrer Mechanisierung der Lebenswelt den mentalen Habitus des Menschen so sehr, dass alle Lebensgebiete von komplizierter Gleichförmigkeit bestimmt würden. Ideengeschichtlich stellt die zur Bekämpfung der “Corona-Pandemie” seit 2020 forcierte Deprivation des modernen Menschen in ihrer Monotonisierung sozialer Interaktion, den Durchbruch zum Zeitalter der Medikalisierung dar.

In der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass die Kultur politisch nur sehr wenig Einfluss hat. Eine Initiative will das ändern und der Branche zu mehr Durchschlagskraft verhelfen. Sie vernetzt kritische Künstler, fördert den Diskurs und baut parallele Strukturen auf.

Die sogenannten Montagsspaziergänge wachsen von Woche zu Woche. Einige Musiker haben sogar Lieder veröffentlicht, in denen sie das Phänomen thematisieren. So unterschiedlich sie formal auch sind, inhaltlich haben sie alle das Zeug zu einer Hymne.