Arbeiten und Leben in Tansania – ein Erfahrungsbericht

Von Martin Bloem

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Nun konnte es also beginnen, das tansanianische Abenteuer. Angekommen um drei Uhr morgens am Julius-Nyerere-Airport nach einer schlafarmen und einer schlaflosen Nacht, einem recht kurzen Flug von Berlin nach Istanbul und einem längeren von Istanbul nach Daressalam. Den Flughafen hatte ich mir größer vorgestellt, um diese Tages- beziehungsweise Nachtzeit war dort wenig los und noch weniger geöffnet. Erst einmal musste – zusätzlich zu einem PCR-Tests, der trotz vollständiger Impfung vor Abflug notwendig war – auch ein Schnelltest gemacht werden. Die Zeiten, in denen eine Körpertemperaturmessung ausreichte, sind vorbei, seit dem Präsident John Magufuli im März 2021 verstarb und seine Stellvertreterin Samia Suluhu Hassan die Amtsgeschäfte übernommen hat.

Magufuli war bekannt dafür gewesen, dass er die Corona-Pandemie – nach einer kurzen Zeit weitreichender Einschränkungen und Schulschließungen im Frühjahr 2020 – für beendet erklärt und seitdem weitgehend ignoriert hatte.

Im Flughafen bestand genauso Maskenpflicht wie in Berlin und Istanbul. Das dennoch sehr anders mit dem Thema Corona umgegangen wird, als ich es aus Europa kenne, wurde mir spätestens klar, als ich einige Stunden später einen Fahrer aufgetan hatte, der mir bis zu meinem Weiterflug in die Kilimanjaro-Region die größte und wichtigste Stadt des Landes zeigte. Auf dem Fischmarkt standen die Menschen dicht an dicht, eine Maske trug niemand. Das hatte ich seit März 2020 so nicht mehr gesehen. Im Museum allerdings trugen die Mitarbeiter im Innenbereich durchaus eine Maske. Doch von Besuchern wurde dies nicht zwingend erwartet. Nachdem ich mir – völlig übermüdet – die Stadt angeschaut hatte, ging es letztlich weiter mit dem Flieger in Richtung Kilimanjaro und somit in Richtung meiner temporären Heimat Moshi. Dort wurde ich von meinem Gastgeber in Empfang genommen – obwohl ich mit meinen mittlerweile 48 Lenzen nicht mehr im typischen Alter für dieses Setting bin, hatte ich mich für einen Aufenthalt in einer Gastfamilie entschieden, um die Kultur des Gastlandes besser kennenzulernen.

Schule – zwischen Maskenfreiheit und Kasernenton

Drei Tage später begann auch mein Freiwilligeneinsatz in einer englischsprachigen Grundschule. Dies war und ist für mich Neuland, obwohl ich in Deutschland auch als Lehrer tätig bin, allerdings an einer Berufsschule mit mindestens 16-jährigen Schülerinnen und Schülern. Schulleiterin und Schulmanager erlebte ich allerdings auch erst einmal nur mit Gesichtsbedeckung. Diese sind allerdings von Anfang August bis Oktober immer mehr aus dem Bild der Schule verschwunden. Schon bald entpuppte sich die nominell bestehende Maskenpflicht in dieser Schule als weitgehende Makulatur. Hin und wieder waren mal einzelne Schülerinnen und Schüler mit Maske zu sehen, aber die deutlich überwiegende Mehrheit trug keine. Dies empfand ich insbesondere als Wohltat, als ich im „Singing-Club“ mit den Schülern einen deutschen Kanon einübte – mein liebstes Hobby hatte mir ja einige Zeit gänzlich gefehlt. Nun stand ich also wieder vor Schülern, die ungezwungen sangen und das Wort Aerosole vermutlich noch nie gehört hatten.

Im Paradies bin ich allerdings dennoch nicht gelandet. Der Ton, den Lehrer und Eltern hier ihren Sprösslingen an den Tag legen, ist durchaus gewöhnungsbedürftig und nur meine politische Korrektheit verbietet es mir, von schwarzer Pädagogik zu sprechen. Damit will ich nicht sagen, dass mit Kindern und Jugendlichen hier grundsätzlich unfreundlich umgegangen wird. Vielmehr wechselt der Ton von sehr zugewandt zu sehr harsch – auch bei vergleichsweise kleinen „Vergehen“, um dann genau so schnell wieder zu einem freundlichen Ton zurück zu wechseln. Sonderlich nachtragend ist man hier nicht.

Ellenbogenchecks gegen Griffe ans Hinterteil

Das Land ist zwar weitgehend frei von Corona-Einschränkungen – eine Maske musste ich innerhalb von gut zwei Monaten zwei Mal in einer Bankfiliale und ein Mal bei einem Optiker aufsetzen – aber durchaus nicht frei von Zwängen. Der Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit – dazu zählt durchaus auch schon Händchenhalten – ist tabu. Gerade die hiesigen Frauen sind sehr schnell sehr besorgt um ihren Ruf, es wird, was Frauen und Männer angeht, mit zweierlei Maß gemessen. Beim Thema Gleichberechtigung ist hier noch viel Luft nach oben, ungeachtet der Tatsache, dass dieses Land nun von einer Frau regiert wird. Wenn ich mit einem Auto im privaten Rahmen mitfahre, so ist es hier selbstverständlich, dass die Ehefrau des Fahrers auf die Rückbank klettert und den Platz neben dem Fahrer für mich räumt, auch wenn ich ausdrücklich sage, dass dies nicht nötig sei. Einzig Männern mit einem höheren Lebensalter als meinem stünde dieser Platz zu. Wenn ich mein Geschirr nach Mahlzeiten selbst wegräume, wird dies durchaus befremdlich gefunden – ein Mann hat in einer Küche eigentlich nichts zu suchen.

In Clubs fühlt man sich gänzlich in die Zeit von vor Corona zurückversetzt. Menschen tanzen dicht gedrängt auf voller Tanzfläche. Allerdings wird auch hier das Verhältnis zwischen Männern und Frauen deutlich. Frauen werden hier sehr körperbetont – um nicht zu sagen aggressiv – angetanzt, so dass so manche europäische Touristin oder Freiwilligendienst-leistende den Club schockiert wieder verlassen hat. In vielen europäischen Ländern würde ein Verhalten, das hier an der Tagesordnung ist, eine Anzeige wegen Belästigung zur Folge haben. Wie ich allerdings aus zuverlässiger Quelle weiß, gehen einheimische Frauen anders mit dem Problem um, bei Nichtgefallen wird den Männern durchaus mit Ellenbogenchecks zu verstehen gegeben, dass Griffe ans Hinterteil unerwünscht sind.

Politisch kann ich sagen, dass der Beliebtheitswert der jetzigen Präsidentin – wenn ich die Menschen hier reden höre – nicht an den ihres verstorbenen Vorgängers heranreicht. Auch wenn Magufuli in Europa schnell als Diktator bezeichnet wird und sich als „Coronaleugner“ endgültig ins Aus geschossen hatte – hier rechnen ihm viele Menschen seine konsequente Bekämpfung der Korruption hoch an und die Befürchtung, dass nun nach ihm Bestechlichkeit und Schlendrian wieder einziehen, sind groß. Allerdings haben viele Menschen hier auch durchaus Vorurteile gegenüber Frauen in Führungspositionen.

Skepsis gegen Impfkampagne und eine junge Bevölkerung

Was die Impfung gegen Corona angeht, sind die Ängste und Vorurteile der Menschen hier noch größer als in Europa. Die Ansicht, man würde „vergiftet“, sind weit verbreitet und lassen sich auch durch die Versicherung, man sei selbst geimpft und habe keinerlei Folgeschäden, nicht entkräften [ich habe, was die Impfung angeht, eine andere Meinung als die meisten Menschen, die die Maßnahmen kritisch sehen]. Der Impfstoff, das ist etwas, was von außen kommt, unter dem Motto: „und wieder einmal wollen die Weißen besser wissen, was gut für uns ist“. Die Quoten sind dementsprechend niedrig und es gibt mittlerweile – wie mir von unterschiedlichen Menschen zugetragen wurde – Werber, die von Tür zu Tür ziehen, um den Menschen die Impfung nahezubringen. Selbst erlebt habe ich dies allerdings noch nicht. Auch bekommt man durchaus von seinem Handyanbieter SMS-Nachrichten mit Werbung für die Impfung. Beides prallt an den Menschen hier weitgehend ab. Viele gehen davon aus, bereits mit Corona infiziert gewesen zu sein – bei gänzlich fehlenden Maßnahmen womöglich zurecht. Die Altersstruktur – und somit die Größe der Risikogruppen – kann überhaupt nicht mit einem Land wie Deutschland verglichen werden. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt etwa 18 Jahre – in Deutschland sind es 44,5. Die Lebenserwartung beträgt im Schnitt 65,5 Jahre, in den westlichen Industrieländern ist sie bekanntlich deutlich höher. Das Alter, in dem ein Mensch zur Risikogruppe gehören würde, erreichen viele Menschen hier schlicht und ergreifend nicht. Gemessen an der Gesamtbevölkerung versterben hier also – vermutlich – deutlich weniger Menschen an Corona, als das in Europa der Fall ist. Ich schreibe deshalb „vermutlich“, weil es offizielle Statistiken so gut wie nicht gibt.

Die ökonomischen Folgen

Auch ist das Thema in den Medien deutlich weniger präsent. Die ökonomischen Folgen hingegen sind deutlich spürbar, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass hier sehr viele Menschen vom Tourismus abhängig sind. Der Tourismus-Sektor erholt sich zwar allmählich wieder, aber ich habe aus vielen Quellen gehört, dass die Zeit im Frühjahr 2020 sehr schlimm war – Ausgleichszahlungen wie beispielsweise in Deutschland gibt es hier nicht.

Nun möchte ich nicht den Eindruck erwecken, das Problem Corona sei hier nicht existent. Ein Medizinstudent beispielsweise, der hier ebenfalls einen Freiwilligendienst geleistet hat – in einem Krankenhaus – sagte mir auf Anfrage, „etwa die Hälfte“ der Patienten sei „wegen Corona“ dort. Ich hatte keine Gelegenheit mehr, ihn nach der Schwere der Verläufe zu fragen, aber er hatte wahrlich keinen Grund, mir die Unwahrheit zu sagen, zumal er meine kritische Haltung den Maßnahmen gegenüber nicht kannte.

Insgesamt denke ich, dass aufgrund der extrem unterschiedlichen Bevölkerungsstruktur und Gesamtsituation die Lage in Tansania kaum mit der in Deutschland oder anderen europäischen Ländern verglichen werden kann. Daher sollte auch nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass das, was in Europa für richtig und notwendig erachtet wird, auch für Länder wie Tansania gelten sollte.

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