„Ich hab da ein ganzes mieses Gefühl“, sagte Han Solo.

Von Frank Wilke

Lesedauer 4 Minuten
Wilke - Ich hab da so ein ganz mieses Gefühl
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Was hat „Krieg der Sterne“ mit Corona zu tun? Natürlich nichts, vielleicht von der Separation der Gesellschaft mittels Midi-Chlorianer-Test und dem prominenten Maske tragen (in Trendfarbe schwarz und zur Zufuhr „keimfreien Sauerstoffs“ 1) konzipiert) einmal abgesehen. Auch die Sache mit der Auflösung des Senats mit dem Ziel, dass der Imperator und seine Regionalgouverneure direkte Kontrolle ohne parlamentarische Prüfung besitzen, ist vielleicht etwas weit hergeholt, der Begriff „Regionalgouverneurskonferenz“ fiel schließlich nicht. Nun gut, eventuell die Warnung vor gefährlichem Verhalten, das zur „dunklen Seite“ führt, so dass „jene, die sich der Dunklen Seite anschließen, langsam aber sicher ihre Menschlichkeit verlieren“ 2). Menschenfeinde eben – so sagt das doch dieser Entertainer Böhmermann.

Aber wie könnte man ein Produkt, das von einem milliardenschweren Konzern vermarktet wird, mit einer Viruserkrankung vergleichen, in der milliardenschwere Konzerne ihre Produkte – Verzeihung, ich schweife ab. Übrigens, ich möchte klarstellen, dies ist eine persönliche Betrachtung ohne wissenschaftlichen Anspruch. Ich werde doch nicht das furchtbare Fallbeil der Faktenchecker herausfordern.

Frauenhasser und Rassisten

Ich habe bereits in jungen Jahren mit „Krieg der Sterne“-Spielzeug gespielt und lange darauf gewartet, endlich die zugehörigen Filme sehen zu können. Ein Klassenkamerad erzählte mir, dass er die Filme auf VHS habe, doch bei den Besuchen bei ihm waren entweder die „Bänder falsch gelagert“ oder beim „Großvater liegengeblieben“. Pech gehabt. So dauerte es doch noch eine Weile, bis ich endlich den „Krieg der Sterne“ im Bewegtbild genießen durfte – und ich war begeistert. Später besuchte ich eine „Jedi-Convention“, spielte „Krieg der Sterne“-Brettspiele, kaufte Videokassetten, CDs, DVDs und nahm an „Krieg der Sterne“-Live-Rollenspielen teil; der Begriff „Fan“ stellte eine durchaus vertretbare Titulierung dar. Hätte ich durch den Erwerb von „Krieg der Sterne“-Franchise-Produkten den entsprechenden Geldwert als Rentenbaustein erhalten, so könnte ich über frühzeitigen Rentenbeginn sinnieren.

Dann kamen die Prequels und dann die Sequels. Der erste Teil der Sequels (d.h. der siebte Teil, bitte googeln, wer sich wundert) gefiel mir gut, so dass ich mich auf den zweiten Teil freute: „Die letzten Jedi“. Als ich den Kinosaal verließ, war ich – gelinde gesagt – verstört. Ich fand den Film furchtbar.

Umso überraschter war ich, als ich die Kritiken las. Überschwengliche Begeisterung, volle Punktezahl – hatten die Kritiker den gleichen Film wie ich gesehen? Es beruhigte mich, dass ich in den sozialen Medien Kommentare sah, die mir aus der Seele sprachen. Offensichtlich fühlten viele so wie ich – nach diesem Film war dauerhaft sämtliches Interesse am „Krieg der Sterne“ erloschen, die Luft war raus, das Franchise ausgequetscht. Seit diesem Kinobesuch interessiert mich der „Krieg der Sterne“ nahezu nicht mehr. Verkünder kritischer Aussagen zum Film wurden jedoch zum Teil heftig beschimpft – sie seien allesamt Frauenhasser und Rassisten. Diese „Hater“, würden die Fangemeinschaft des „Krieg der Sterne“ zerstören, man müsse sie daher umgehend ausschließen. Jedwede Kritik an dem Film erschien auf einmal in einem schlechten Licht. „Echte“ Fans sollten sich umgehend distanzieren und in den sozialen Medien signalisieren, dass sie zu den „Guten“ gehören. Eine merkwürdige Logik: Fans, die typischerweise neben „Krieg der Sterne“ auch „Resident Evil“, „Terminator“, „Star Trek Voyager“ und „Alien“ mögen, sollen Frauenhasser sein? War „Lando Calrissian“ keine zentrale Figur in den alten „Krieg der Sterne“ Filmen? Die Argumente erschienen mir absurd.

Rechtzeitig die richtige Fahne hissen

Die Vehemenz, mit der diese vermeintlichen Argumente vorgetragen wurden, steigerte sich. Der Diskurs wurde dadurch nicht versachlicht, wie man sich vorstellen kann. Die Bewertungen für den Film auf Filmportalen waren gut, obwohl in den Kommentaren (gefühlt) wenig Positives stand. Schnell gab es Verlautbarungen, dass die Zahlen auf den Portalen gefälscht sein. Das bewirkte wiederum den Vorwurf, die „Hater“ seien zusätzlich Verschwörungstheoretiker. Schnell war auch irgendeiner gefunden, der Beleidigendes über die Schauspieler bei Twitter geschrieben hatte. Nun konnte man endlich alle, die den Film kritisierten, in Sippenhaft nehmen und ihnen strafrechtlich relevantes Verhalten unterstellen.

Ich war fassungslos. Es war doch nur ein Film. Ob der Film nun gut oder schlecht war, möge jeder selbst entscheiden – doch darum ging es bei diesem Sturm im Wasserglas schon lange nicht mehr. Es war ein „Kampf“, Gut gegen Böse und jeder, der nicht sofort die „richtige“ Flagge hisste, wurde als „Böse“ abgestempelt. Es reicht nämlich nicht, kein Rassist zu sein… man muss eine entsprechende Fahne im Garten haben und mindestens zwanzig virtuelle Fahnen in den sozialen Medien wehen lassen. Es tut anscheinend gut, aus der Gemeinschaft heraus auf Außenstehende herabzusehen und sie zu beschimpfen.

Wieso unterstellen wir niedere Motive, wenn jemand die Hauptdarstellerin aus „Krieg der Sterne“ Teil 8 kritisiert? Vielleicht gefällt die Rolle oder die Art des Schauspielerns nicht? Warum wird Frauenhass unterstellt? Wenn jemand ein Gericht in einem Restaurant nicht goutiert, wird bei ihm dann auch zwanghafter Hass auf Köche diagnostiziert? Nun, vielleicht kommt das noch.

Und ja, hier sehe ich nun tatsächlich die Parallele zu Corona. Wir schaffen es nicht mehr, andere Meinungen auszuhalten. Wir unterstellen unlautere Motive, sobald jemand eine andere Meinung vertritt. Wir halten andere Meinungen für gefährlich, verallgemeinern und spekulieren. Wir bieten diesen Ansichten keine Plattform mehr, hören weg, schränken ein, unterbinden, zensieren. Denn angeblich sei nur so das „Gute“ zu bewahren.

Um es in der Sprache von „Krieg der Sterne“ zu sagen: das ist der Weg zur „dunklen Seite“. Bedauerlich, dass so viele ihm folgen. Vertrauen wir der Macht und wenden wir uns von diesem Weg ab.

Quellen:

1) https://jedipedia.fandom.com/wiki/Darth_Vaders_Maske

2) https://jedipedia.fandom.com/wiki/Dunkle_Seite

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