Hessens Schande

ein Gastkommentar von Tristan Nolting

Lesedauer 3 Minuten
Bouffier im Hessischen Landtag

Image: Martin Kraft (photo.martinkraft.com)    License: CC BY-SA 3.0  via Wikimedia Commons

Hessen hat als erstes Bundesland die Möglichkeit geschaffen, ungeimpfte Menschen auch vom Supermarkt auszuschließen. Diese Verordnung ist eine der vielen Entscheidungen während dieser Pandemie, die mich an unserem Rechtsstaat zweifeln lassen. Aber wenn ich nur zweifeln würde, würde ich die Füße stillhalten. Diese Entscheidung der hessischen Landesregierung offenbart für mich eine völlige Verachtung der Menschenrechte und eine Diskriminierung ohnegleichen. 

Was sprachlos macht, ist die Begründung von Ministerpräsident Volker Bouffier für diese Anordnung. Er gehe nämlich davon aus, dass die Option eh nur teilweise genutzt werden würde. Bei dieser Entscheidung geht es eben nicht nur darum, ob die Option genutzt wird oder nicht!

Ist es sinnvoll, dass ungeimpfte Menschen nun statt zum nächstgelegenen Supermarkt fünf Kilometer weiterfahren müssen? Entspricht dies dem politischen Ziel, den als apokalyptisch angesehenen Klimawandel aufzuhalten? Das kann doch wohl nicht wahr sein.

Nein, es geht auch darum, was für ein Vorbild wir als Gesellschaft sind und welche Schritte wir gehen, um das wertvolle Gut der Gesundheit aufrechtzuerhalten. Seit dem Zweiten Weltkrieg sollte die deutsche Mentalität von Toleranz geprägt sein, weil sich nie mehr solche Menschenverachtung wiederholen durfte. Wir Deutschen wollten um jeden Preis neue Formen der Diskriminierung gegenüber anderen Gesellschaftsgruppen verhindern. Und heute, wenn es um die Gesundheit geht, ist es plötzlich in Ordnung? Ist Gesundheit mehr wert als Einigkeit, Recht und Freiheit? Anscheinend schon, wenn es den Menschen vollkommen gleichgültig zu sein scheint, mit welcher Hautfarbe, Haarfarbe, welchem BMI, welcher Gesinnung, welcher Religion oder welchen Vorstrafen ein Mensch in den Supermarkt geht. Beim Thema Impfung jedoch werden Menschen plötzlich systematisch ausgeschlossen.

Psychosoziale Gesundheit ist kein „nice-to-have“

Ich beginne mich zu fragen, ob eigentlich Menschen mit Vorstrafe in einen Supermarkt dürfen oder nicht? Solches wäre mir auch nicht durch den Kopf gegangen, wenn nicht die hessische Landesregierung es doch tatsächlich gewagt hätte, ungeimpfte Menschen zu diskriminieren. Jede Form der Diskriminierung ist ein Tor zur Hölle.

Ich will hier Politikern keine böse Absicht unterstellen, aber im Angesicht dieser Entwicklungen frage ich mich, wie geschichtsvergessen eine ganze Gesellschaft sein kann, wenn sie solche politische Beschlüsse akzeptiert? Hat man das Diktum des 1949 aus der DDR geflohenen, späteren Generalsekretärs der FDP Karl-Hermann Flach, „Die Freiheit stirbt zentimeterweise“, verdrängt?

Es ist schon lange an der Zeit, die Pandemie für beendet zu erklären und den „Freedom-Day“ auszurufen. Wenn Länder wie Dänemark oder Norwegen es sich erlauben können, warum nicht auch Deutschland? Es geht hier jedoch inzwischen weniger um eine Erlaubnis durch die deutschen Politiker, wieder in den Normalzustand zurückkehren zu dürfen. Es ist den deutschen Bürgern ein Recht, ihr altes Leben wiederzubekommen, nachdem Jung und Alt so lange Zeit auf elementarste Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit und soziale Anerkennung verzichtet haben.

Ich bitte an dieser Stelle nicht darum, den Freedom-Day auszurufen, weil ich ungeimpft bin. Ich habe gute Gründe dafür, dass ich mich nicht impfen lasse und ich muss mich dafür auch bei niemandem rechtfertigen. Weder beim Arbeitgeber noch in meinem sozialen Umfeld. Und für dieses Prinzip würde ich gesellschaftliche Diskriminierung („Ohne Impfung darfst du hier nicht rein!“) noch lange ertragen!

Ich bitte darum, dass der Freedom-Day ausgerufen wird, damit auch die Auswirkungen der psychosozialen Gesundheit anerkannt werden, welche in den letzten Jahren völlig vernachlässigt wurden und erheblichen Schaden an Gesellschaften weltweit angerichtet haben. Wer wie ich seine Masterarbeit über „Biopsychosoziale Aspekte der COVID-19-Pandemie in Deutschland“ geschrieben hätte, der wüsste, dass die psychosoziale Gesundheit kein „goodie“, kein „nice-to-have“ ist, sondern essentiell in Prävention und Therapie. Die psychosoziale Gesundheit wirkt sich ganz real auch auf das körperliche Befinden aus.

Der Freedom-Day würde nicht nur zur Verringerung von psychosozialen Folgeschäden durch die Pandemie führen, sondern auch zur Reparatur von soziokulturellen Werten, zur Entstigmatisierung und Entdiskrimimierung von Bevölkerungsgruppen sowie zur Anerkennung von kollektivem Leid und Angst.

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