Warum können wir eigentlich nicht miteinander sprechen?

Ein Erklärungsversuch von Rebecca Niazi-Shahabi
Gastbeitrag

Rebecca Niazi-Shahabi stammt aus einer deutsch-iranisch-israelischen Familie und lebt in Berlin. Sie arbeitet als Autorin und Werbetexterin und schreibt populär-philosophische Sachbücher, von denen einige Bestseller wurden.

Lesedauer 8 Minuten

Wie konnte das passieren? Wie konnte es soweit kommen, dass viele, viele Menschen (und nicht die schlechtesten) den Verstand verlieren? Das fragen wir uns jetzt, die Wenigen, die von sich glauben, sie hätten ihn noch. Ich brauche nicht alles aufzuzählen, was in den letzten Monaten daran zweifeln ließ, ob die, die irrationale Maßnahmen anordnen, ausführen, durchsetzen oder mitmachen, noch bei Trost sind. Jeder weiß, oder sollte wissen, was ich meine, denn die Welt ist aus den Fugen, die Fälle sind bekannt:

Es werden fünf Menschen ihrer Freiheit beraubt, weil in der Familie ein Kind ist, in dessen Schule ein anderes Kind – mit dem erstgenanntes gar keinen Kontakt hatte – positiv auf Corona getestet wurde, mit einem Test, bei dem sogar der Hersteller sagt, dass man, um sicherzugehen, im Falle eines positiven Ergebnisses noch einmal nachtesten müsse, schließlich könnte der Test auf Virusreste oder ein anderes Virus angeschlagen haben. Hätte man einem Juristen vor zwei Jahren erzählt, dass so etwas ausreicht, um gleich mehrere berufstätige Menschen für zwei Wochen in ihrer Wohnung einzusperren, er hätte es nicht für möglich gehalten. Hätte man einem Arzt erzählt, dass Patienten angesichts einer Infektion, die in 0,2 Prozent der Fälle zu einer schwerwiegenden Erkrankung oder zum Tode führt, in helle Panik geraten, er hätte sie versucht, sie zu beruhigen. Hätte man vor zwei Jahren eine kettenrauchende Freundin gehabt, die trotz Speiseröhrenkrebs das Rauchen nicht lassen kann und die sich seit über einem Jahr jeden Umgang mit Menschen verbietet, weil sie Angst hat, sie könnte sich mit einem Virus anstecken, man hätte ihr geraten, doch erst einmal mit dem Rauchen aufzuhören. Hätte man mir gesagt, dass inzwischen bei Dealern harte Drogen mit Maske und Abstand abgeholt werden, weil Dealer und Käufer Angst haben, sich eine Krankheit einzufangen, ich hätte gelacht.

Gespräche sind nicht mehr möglich – aber es bleiben viele Fragen

Das Problem ist, dass das Gespräch mit all diesen Menschen keinen Sinn ergibt, weil keine Information mehr durchdringt. Der Philosoph Gunnar Kaiser fragt im Youtube-Beitrag („Verstehe ich das richtig?“) viele Fragen, die ich auch habe: Warum müssen negativ getestete Kinder trotzdem in der Schule auseinander sitzen und Masken tragen, die ihnen die Luft zum Atmen nehmen, andererseits aber gar nicht gegen Viren, sondern nur gegen Feinstaub nutzen? Warum muss die Polizei alte Menschen auseinandertreiben, die auf der Bank in der Frühlingssonne Weißwein trinken (vielleicht der letzte Frühling ihres Lebens), obwohl doch – eigentlich – jeder Mediziner weiß, dass sich das Virus an der frischen Luft (wenn man nicht gerade knutscht) nicht überträgt. Warum fordern Politiker und Mediziner, dass sich ALLE impfen lassen sollen, wenn doch die Impfung vor einer Ansteckung schützt – und somit jeder geschützt ist, der/die sich impfen lässt? Warum ist der Wunsch der Geimpften, die Impfunwilligen, die eine Impfung für nicht notwendig halten und sich vor deren Nebenwirkungen mehr fürchten also vor Corona, so übermächtig?

Warum reagiert keiner darauf, dass sich im letzten Jahr die Suizidversuche und auch die erfolgreichen Suizide massiv erhöht haben, warum erschüttert das viel zu wenige? Warum das Beharren darauf, dass Menschen, die sich Gedanken machen, Corona für keine große Gefahr halten, rechts oder “verschwurbelt” sind? Also die, die zu Bedenken geben, dass neben Gesundheit auch die Freiheit wichtig ist und dass, wenn man es mit der Bekämpfung einer Krankheit so übertreibt, dass Menschen aus Vereinsamung Herzinfarkte bekommen oder aus dem Fenster springen, das Ziel des Gesundheitsschutzes ad absurdum geführt wird. (Wie übrigens bei allem, was man übertreibt.)

Es wird eng auf der Seite derer, die Solidarität fordern und den anderen aber, der eine andere Meinung hat, nicht mehr ertragen. (Während diejenigen, die die Maßnahmen kritisch sehen, es sehr wohl ertragen, wenn die, die Maske tragen und Abstand haben wollen, das tun dürfen. Und sie würden auch als Solidargemeinschaft Masken und Tests und Impfungen mitbezahlen. Und als Friseur, Barbesitzer und Theaterbetreiber auf all die Ängstlichen Rücksicht nehmen, davon bin ich überzeugt.)

War Corona der Anfang der aktuellen Entwicklung?

Kommen wir also auf die eine und alles entscheidende Frage zurück: Wie konnte es soweit kommen? Das hat doch nicht erst mit Corona angefangen? Da bricht sich etwas Bahn, das muss in vielen Menschen schon drin gewesen sein, sonst würden nicht so viele mitmachen, bzw. gar nicht verstehen, was die, die nicht mitmachen wollen, überhaupt für ein Problem haben. Es sind viele Antworten gegeben worden, aus juristischer, medizinischer und aus politischer Sicht. Stichworte sind Erosion des Rechtssystems, Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit, die Moralisierung der Politik angesichts der Machtlosigkeit gegenüber der Globalisierung usw.

Angst vor dem Tod – und die Freude, andere auf Spur zu bringen

Ich will es aus psychologisch-soziologischer Sicht versuchen, denn das, was sich jetzt geballt zeigt, ist schon lange mein Thema gewesen. Dass es so ernst ist und so tief geht mit der Lebensverneinung, habe ich aber doch nicht gedacht. Diese Lebensverneinung durchzieht alles und erzeugt deswegen eine immer größere Sehnsucht, mal richtig am Leben zu sein. Also „voll und ganz im Hier und Jetzt zu leben“, „seinen Traum zu verwirklichen“, „sich hinzugeben und man selbst zu sein“. All die Vokabeln, die mir überall begegneten, ob in der Werbung, in Büchern, im Schaufenster eines Yogastudios, als Ermahnung auf Teebeuteln – und die mich immer misstrauisch gemacht haben, denn wenn es schon draufsteht, dann kann es nicht drin sein. Wenn es wirklich stattfinden würde, müsste keiner davon sprechen.

Es geht hier um zwei Dinge, denen ich auf den Grund gehen will, einerseits die Angst vor dem Tod, die plötzlich die Gesellschaft im Griff hat und andererseits die Freude, andere auf Spur zu bringen. Denn das in dieser Pandemie beide Bewegungen auf ungute Weise zusammenkommen, ist offensichtlich. (Wobei die Freude am Zurechtweisen noch größer zu sein scheint als die Todesangst, anders ist es nicht zu erklären, dass Menschen fremden Menschen ganz nahe kommen, um ihnen minutenlang zu erklären, dass es nicht in Ordnung sei, wenn sie keine Maske tragen und keinen Abstand halten.)

Nehmen wir eine Figur, an der sich zeigen lässt, was passiert, wenn man alles gut machen will. Zum Beispiel Karl Lauterbach, der hat in seiner Funktion als gesundheitspolitischer Sprecher der SPD ein paar Studien gelesen, in denen nachgewiesen wurde, dass zu viel Salz ungesund ist; seitdem isst er salzlos – und zwar komplett. Mitstreiter sagen, dass sie nicht mehr mit ins Restaurant gehen, weil er sogar darauf besteht, dass Nudeln in salzlosem Wasser gekocht werden. Karl Lauterbach tut etwas Gutes für seinen Körper, indem er ihm kein Salz zumutet, viele Krankheiten werden sozusagen von ihm präventiv behandelt, man kann gar nicht aufzählen, wie viele es sind. Menschen machen Sport, weil es gesund ist, meditieren, weil es den Geist befreit, ernähren sich gesund, trinken keinen Alkohol, essen kein Gramm Zucker. Das kann man machen, jeder kann ja machen, was er will und für richtig hält. Doch man muss dabei eines bedenken, dass – will man Krankheit und zu frühen Tod verhindern – man leider sein ganzes Leben eben genau mit diesen Dingen beschäftigt ist. Viele Philosophen haben schon darauf hingewiesen. Wer sich optimiert, macht sich zum Objekt seiner Gestaltungswut. Das ist das Gegenteil von Leben; die Sehnsucht aber nach dem Leben bleibt und wird immer größer. Dann muss man noch mehr Kurse buchen, die Körper, Geist und Seele erwecken und noch gesünder essen, bis man am Ende gar nichts mehr isst, außer Licht. Man kennt das.

Lebenszeit verkaufen, um zu überleben

Sich selber zum Objekt zu machen ist die höchste Form der Entfremdung. Als die ersten Soziologen in die englischen und deutschen Fabriken Anfang des 20. Jahrhunderts gingen, waren sie entsetzt über den Missmut und die Wut der Arbeiter. Karl Marx beschrieb die Entfremdung der Arbeiter, die darin bestand, dass sie ihre Arbeitskraft und Lebenszeit vollständig verkaufen mussten, um zu überleben – wobei ihnen das Produkt ihrer Hände Arbeit nicht einmal gehörte. Wertschätzung, Stolz, Anerkennung, Würde, Gesundheit – all das gab es nicht für die Sklaven der Frühindustrialisierung. Das einzige, was ihnen gehörte, war ihre Verzweiflung. Bald regte sich Widerstand, gleichzeitig wurden die Strukturen komplexer, die Unternehmen größer, es entstand die Klasse der Verwaltungsangestellten. Arbeitsabläufe mussten geregelt, die Zusammenarbeit gefördert werden. Es reichte nicht mehr, einen Einpeitscher, den Vorarbeiter, hinzustellen, um die Arbeiter auf Spur zu bringen, nun musste in Unternehmen und Behörden eine einigermaßen produktive Stimmung herrschen, schon allein, um gegen andere Unternehmen auf dem Markt zu bestehen.

Die Gestaltung des eigenen Selbst – oder alles muss einen Sinn haben

Die Psychotherapie, also die Erforschung der eigenen Impulse und die Gestaltung des eigenen Selbst zu mehr Produktivität, war eine Erfindung für den Arbeitsmarkt. Mit welchen Techniken man sich dressieren sollte, um mit anderen möglichst produktiv und reibungsfrei zusammenzuarbeiten, ist u.a. von der Soziologin Eva Illouz ausführlich beschrieben worden. Wie sie am Beispiel der USA zeigt, ist diese Idee der Optimierung auf das Privatleben übergeschwappt: Beziehungstipps, Kommunikationstechniken, Erziehungsratgeber überschwemmten Zeitungs- und Buchmarkt und gehören heute immer noch zu den Bestsellern. Sich so zu gestalten, dass man den anderen angenehm ist, dass es besser läuft auf der Arbeit, dass man glücklichere Paarbeziehungen führt und seine Kinder zu besseren Menschen erzieht, ist – man kann es nicht anders sagen – zu einer Ideologie geworden.

Nichts wird heute einfach nur so gemacht, alles muss einen Sinn haben, sogar Pausen sind dazu da, um die Kreativität zu fördern, aus Krisen muss man lernen, Freizeit muss erholsam sein, ein Hobby sinnvoll, die Kinder glücklich, die Paarbeziehung stabil und das Sexleben erfüllend. Kurz, alles muss gestaltet und verbessert werden, das Selbst wird zum Objekt, das Leben und die Umwelt zum Material. Spaß ist etwas anderes.

Lebensfreude?

So wurde nach und nach die Entfremdung in unserer Gesellschaft zum blinden Fleck, zu etwas, was so umfassend verleugnet wird, dass man es nicht mehr wahrnehmen und benennen kann. Das ist der Grund, warum die, die sich am meisten anstrengen und disziplinieren, tatsächlich der Meinung sind, sie würden besonders viel aus ihrem Leben herausholen! Doch ihnen rennt der wenige Spaß davon, den man als Mensch in diesem Leben haben kann – das merken sie aber nicht, denn es bleibt ihnen ja noch eine unendliche Quelle der Freude: Die Selbsterhebung über die, die „mit Chips vor dem Fernseher sitzen“ oder mit „Billig-Würstchen und Bier schon nachmittags im Stadtpark sitzen und ihre Kinder anschreien“. Oder was es da noch an negativen Bildern gibt, mit denen man sich abgrenzen kann.

(Dass tatsächlich vielen Menschen der Spaß abhanden kommt, sieht man an den vielen Posts in Sozialen Medien nach einem Wochenende, wo jede Tätigkeit, die früher total banal und selbstverständlich war, wie mit Freunden grillen, im Garten mit den Kindern arbeiten, einen Ausflug machen, öffentlich gemacht wird. So dass ganz deutlich wird, dass viele nur noch über den Neid der anderen empfinden können, dass es „doch schön war“, was sie erlebt haben…)

Nur, wer sich selbst als Objekt begreift, kann sich, ohne zu zögern, als Virenträger sehen und sich auch so behandeln lassen. Ein Objekt findet nichts dabei, sich mal für eine Weile komplett zurückzuziehen. Es dämmert ihm nicht, dass das unmenschlich ist, sich als störendes Element zu betrachten und sich und anderen das Recht auf Ansprache, Licht und Weißwein am Abend mit Freunden abzusprechen für die gute Sache. Die, die darunter leiden, dass sie all das nicht mehr haben, verachtet er (oder sie), sein Trost in seinem Home Office ist, dass er es besser weiß und macht als andere. Nun kann er von den Freizeitaktivitäten träumen, die im Traum ganz unbeschadet von seinem Verwertungszwang als Versprechen in der Ferne schimmern, wenn denn mal die Pandemie vorbei ist. Er kann warten, sein Überlegenheitsgefühl über andere hält ihn aufrecht, über die, die sich nicht zusammenreißen können oder wollen. Schwache sind das, dumme Menschen, die nicht kapieren, dass es um Höheres geht, die auf irgendetwas und irgendwen reinfallen. Würde er hören, um was es den Kritikern wirklich geht – um Würde, Freiheit, Rechtsstaat, Verhältnismäßigkeit u.v.a. – würde er seinen einzigen Halt verlieren, den er im Leben hat: Seine Selbstachtung. Deswegen verweigert er das Gespräch mit ihnen.

Wie man die Selbstachtung von Zeit zu Zeit beiseite lässt und wieder mit anderen das Leben um seiner selbst willen feiert – das könnten uns die Kulturtechniken und -orte zeigen, die genau dafür erfunden worden sind: Tanz, Theater, Karneval, Kneipen und Szenebars, Saunen, Fußballplätze, Eiscafés und Biergärten. Aber ist ja alles zu, nicht systemrelevant.

Der Gesellschaft blinder Fleck

Es geht nicht um Moral, es geht nicht darum, welche Seite schlauer oder besser ist, es geht darum, dass jede Gesellschaft ihre blinden Flecken hat und jede Gesellschaft, die das Ansprechen dieser blinden Flecken verhindert, dazu verdammt ist, in eine ganz schreckliche abzurutschen. Und das wird schrecklicher als Corona je werden könnte. (Es könnte sein, dass am Ende x-mal mehr Maßnahmenkritiker im Gefängnis sitzen, als Menschen in Intensivbetten liegen.)

Der blinde Fleck unserer Gesellschaft ist, dass Selbstachtung nicht alles ist. Dass zu viel Selbstachtung sogar unglücklich und einsam macht. Weil ein Leben, in dem man jede Situation dazu benutzt, um sich zu bestätigen und besser als andere zu fühlen, bald keinen Spaß mehr macht. Weil es keine Kleinigkeit ist, wenn man die Angst vor dem Tod nicht mehr besiegen kann, indem man zusammen feiert, lacht oder küsst. Auch, wenn man danach einen Kater hat oder mit Grippe im Bett liegt. Das Sterben müssen wir verdrängen, das aber geht nur gemeinsam.

Jede Gesellschaft hat Räume, in denen man einfach mal Dinge tun kann, die nicht gerade die Reputation und Selbstachtung fördern, aber Spaß machen. Denn nur, wer säuft und frisst, obwohl das nicht gesund ist, wer herumhurt, obwohl er weiß, dass die Familie nicht begeistert ist, wer die Arbeit oder Schule schwänzt, wer mal unkorrekt spricht oder schreibt oder Dinge zerstört, die heile bleiben sollen, ist wahrhaft souverän, weil am Leben. Und darauf will ich hinaus: Man kann den Krankheiten dieser Welt nicht begegnen, indem man alles desinfiziert und die Menschen einsperrt und diszipliniert. Denn dann tötet man jeden Tag die Gründe, für die es sich zu leben lohnt.

Was man braucht, um mit den Risiken dieses Lebens fertig zu werden, sind Souveränität und (Galgen)humor, Zärtlichkeit und Nachsicht. Dazu Salz, Kuchen und Champagner.

Doch solange zu viele Menschen ihren Lebenshalt nicht in der Gesellschaft von anderen sehen, sondern in immer mehr und härteren Hygienemaßnahmen, wird mit ihnen nicht zu reden sein. Man muss also Geduld haben.

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