Katja Leyhausen: In unerforschte Gebiete weit hinaus. Sprechen über die Corona-Gesellschaft (Buchauszug)

von der Redaktion

Lesedauer 8 Minuten
Buchcover: In unerforschte Gebiete weit hinaus. Sprechen über die Corona-Gesellschaft

Einleitung: In unerforschte Gebiete weit hinaus

Die globalistisch konzertierte Corona-Politik bedeutete einen Zivilisationsbruch, der so heftig war, dass mit der Zivilisation auch das Sprechen aussetzte. Das betraf alle Teile der Corona-Gesellschaft, vor allem die demokratisch-öffentlichen Institutionen: Parlamente, Medien, Gerichte, Schulen, Universitäten. Anders als in der totalitären DDR versagten sogar die Kirchen und die zwischenmenschlichen Beziehungen in Familien, unter Freunden und Kollegen. Im Sprechen gemeinsam nachdenken, miteinander debattieren und streiten, nach passenden Bezeichnungen für die Geschehnisse suchen, Argumente abwägen, ohne Ideologie, Überheblichkeit und Borniertheit, mit Humor und Ernst sich gegenseitig kritisieren – all das war mit dem ersten Lockdown wie über Nacht abgesagt. Auch die germanistische Sprachwissenschaft versagte in der Analyse der sprachhistorischen Ereignisse vollständig. Die Hoheit über den öffentlichen und privaten Kommunikationsraum hatten propagandistische Think Tanks errungen, die sich, ohne irgendwelche Vorbehalte, schon viele Jahre zuvor darüber verständigt hatten, dass eine „Pandemie“ kommen und man diese im globalen Technologiewettrüsten für Technologiedurchbrüche nutzen würde. Sie hatten sich darauf verständigt, dass die Sprache der Entscheider und Influencer auf „überraschende Weise“ in „unerforschte Gebiete“ ausgedehnt werden müsse, um die Realitätswahrnehmung bei Politikern und Bevölkerungen so zu manipulieren, dass deren Technologieoffenheit sichergestellt sei.

Wer nach dem Ausbruch der „Pandemie“-Politik im März 2020 diese Manipulation verstehen und abwehren wollte, um sich die Sprache zu erhalten, war auf sich selbst zurückgeworfen. Wer nicht in stummer Ohnmacht verharren wollte, musste aktiv und kreativ werden. Das war die Initiative „1bis19 – Für Grundrechte und Rechtsstaat“, der ich mich im April 2021 anschloss. Hier lernte ich mutige Wahrsprecher kennen, die es, wie ich, in den offiziellen Lügen nicht mehr aushielten und die daher die Verantwortlichen und Mitläufer daran erinnerten, dass Demokratie etwas anderes bedeutet, als den Katastrophenszenarien und Herrschaftsphantasien, den moralischen Erpressungen und technologischen Rettungsversprechen globalistischer Institutionen und Geldgeber nachzulaufen. Ich lernte Johanna, Axel, Andreas & Andreas, Michael, Vera, Ulli und Ullrich kennen, Sylvia und Horand, Johannes & Erika und viele andere mehr. Wir klärten uns in umfassendem Sinne auf und rangen darum, eine Sprache für das unfassbare Geschehen zu finden. Wir studierten die Nachrichten, politische Dokumente, gesetzliche Verordnungen und wissenschaftliche Studien. Wir diskutierten miteinander und formulierten daraufhin informierte Anfragen an die Bundestagsabgeordneten, an die Parteifraktionen, an den Vorstand des Deutschen Ärztetages, an die STIKO, an die regierungstreuen Medien, an eigene Arbeitgeber sogar. Wir organisierten Schilderdemonstrationen, für die wir kurze, prägnante Fragen über die irrationale Politik- und Gesellschaftsverfassung formulierten, um sie den Passanten auf den Schildern entgegenzuhalten. Die Herausforderung bestand darin, durch die Fragen freundlich zum Nachdenken anzuregen, ohne die herrschende Diskussionsverweigerung noch zusätzlich aufzureizen. Daneben organisierten wir konspirative Treffen, Vorträge, Konzerte, Wochenendausflüge, Restaurantbesuche …

Natürlich beteiligten wir uns auch an den großen Demonstrationen in Berlin, Frankfurt, München …  Weniger große Demonstrationen (mit einigen hundert Teilnehmern) organisierte damals Achim von der Offenen Gesellschaft Kurpfalz in Heidelberg, Speyer, Karlsruhe, Mannheim, Wiesbaden. Seine Demonstrationen waren perfekt organisiert. Obwohl die Auseinandersetzungen mit den Behörden zäh und absurd waren, blieb doch die Stimmung unter den Demonstranten immer heiter. Wir unterstützten uns gegenseitig, so gut wir konnten.

Unvergessen ist der von Andreas und Achim angemeldete und einem hochmotivierten 1bis19-Team organisierte „Maskenzug“ in Mainz an Rosenmontag 2022: Die Karnevalisten hatten ihren Rosenmontagszug im vorauseilenden Gehorsam selbst abgesagt. Sie drückten sich – angetrunken und ohne medizinische Masken – zu Tausenden in der Mainzer Innenstadt herum, während wir – wir Narren! – mit 400 Demonstranten, kreativen Slogans und Verkleidungen stolz an ihnen vorbeizogen. Natürlich hatten uns die Behörden OP-Masken auferlegt. Nicht weniger als 400 Polizisten sorgten im Eins-zu-eins-Verhältnis dafür, dass sie nicht unter die Nase rutschten.

Bei den Demonstrationen begannen meine Versuche, als Germanistin die Sprachlosigkeit zu überwinden und über die sprachwissenschaftlich unerforschten Gebiete der gesellschaftlichen Coronalandschaften zu sprechen. Bis dahin nur theoretische Vorträge vor halb schlafendem Universitätspublikum gewöhnt, stand ich auf einmal unter freiem Himmel, bei Sonne und bei Regen, auf der Straße und hielt Reden für meine politischen Freunde. Einige der Demonstrationsreden bilden das Herz dieser kleinen Textsammlung: Ich habe sie teils mehrmals vorgetragen, dank Camilla und Ulrich habe ich sie im „1bis19-Magazin für demokratische Kultur“ veröffentlichen können. Alle Texte, die ich dort zur Corona-Gesellschaft veröffentlichte, fallen aus dem üblichen Textsortenschema völlig heraus. So geht es zu, wenn Kultur zusammenbricht und etwas Neues entsteht. Die Texte sind politisch, aber keine üblichen Demonstrationsreden oder Kommentare. Sie sind analytisch, aber nicht wissenschaftlich. Sie sollten unterhaltsam sein, aber nicht feuilletonistisch.

Verschwörungstheoretiker, Extremismusexperten und Expertenextremismus genügt in Methode und Ergebnissen einer diskurs- und korpuslinguistisch-wissenschaftlichen Analyse, wurde aber im März 2022 vor dem Gebäude der Hessischen Landesregierung in Wiesbaden unter unsäglichen behördlichen Auflagen als Demonstrationsrede gehalten: Die Polizei hatte überall Absperrgitter aufgestellt, um uns – Verschwörungstheoretiker! – als Aussätzige weithin zu markieren und den Passanten den Zugang zu erschweren. Sie ließ uns Abstandshalter am Boden anbringen, die auf dem riesigen Platz von den wenigen, damals leider nur ungefähr 20 Demonstranten, ohne Not und ganz brav eingehalten wurden – was die Polizei nicht daran hinderte, uns durch fortlaufende Maßreglungen über angebliches körperliches Gedränge zu schikanieren und mit Auflösung der Demo zu bedrohen. Als sich ein Ehepaar gegen Ende unbedacht umarmte, verlangte die ehrgeizige Polizeihauptkommissarin die Ausweise heraus und nahm die Daten auf. Elektrokabel am Boden sollten den Grund abgeben, die Veranstaltung wegen Unfallgefahr schon vor ihrem Beginn abzusagen. Vom Veranstalter musste also entschieden werden, ob er auf die polizeiliche Unsinnsanweisung hin die Kabel entfernt und eine Schweigeversammlung abhält oder ob er es waghalsig unternimmt, die Demonstration samt Reden mit Lautsprecheranlage durchzuführen. Womöglich verschaffte er der ehrgeizigen Polizeichefin noch einen weiteren Karrieresprung wegen ihrer selbstlosen Bekämpfung der Demokratiefeinde! Aus der behördlichen Anweisung, das Mikrophon müsse bei jedem Rednerwechsel desinfiziert werden, machte Achim eine großartige Desinfektionsshow, die den Polizisten genauso auffallen musste wie die frechen Reden. Die Repression war groß, aber die Solidarität von 1bis19 und Offener Gesellschaft Kurpfalz war es auch. Was haben wir über diese peinliche Inszenierung der Landeshauptstadt gelacht!

Jedes öffentliche und private Wort des Widerspruchs war eine Befreiung und bleibt es bis heute. Unter der Rubrik „Tagebuch der freien Meinung“ dokumentierten wir schon damals im 1bis19-Magazin Versuche, die allgegenwärtige Kommunikationsblockade im Umgang mit Freunden und Bekannten zu überwinden. Im Herbst 2021 hoffte ich noch, dass man solche Versuche gestalten kann (in der Demo-Rede Auf der Suche nach dem Verbindenden). Doch tatsächlich endeten sie regelmäßig in absurden Gesprächsverläufen (Jahreswechsel-Nachlese mit Segelschiff; Telegram und der Kampf gegen Gewalt), so dass ich das Sprechen über die Corona-Gesellschaft schließlich nur noch karikieren konnte (Russisch-Lernen in der DDR und heute). Im Winter 2021 zeichnete sich ein Propagandabooster ab, als die Beschimpfung der „Pandemieleugner“usw. zunehmend ersetzt wurde durch den „Kampf gegen rechts“. Heute erscheint diese Zeit wie die Vorbereitung für den Kampf gegen Friedensaktivisten, Migrations- und Digitalisierungskritiker – die seitdem alle in denselben Sack von „Rechtsextremismus“ und „Hass und Hetze“ gesteckt werden, damit man tüchtig draufhauen kann. Den Ton gibt die Antifa vor, mit ihrem historisch besinnungslosen „Nazi“-Fetisch. Von den ideologischen Verirrungen, die in diesem öffentlichen und privaten „Kampf gegen rechts“ entstehen, werden auch die Kinder und Jugendlichen (bis in den Kindergarten hinein) nicht verschont. Sie sind beschrieben in Mein schönstes Erlebnis: Verordneter Antifaschismus und Schweigefuchs-Purismus. In anderen, längeren Analysen schöpfte ich aus der Sprach- und Literaturgeschichte, aus der Geschichte der Rhetorik und der Philosophie, um die Gegenwart zu verstehen. Es entstanden Texte über die demokratischen Debatten im Frankfurter Paulskirchenparlament 1848/49 (Über Dummheit und Würde in der Corona-Debatte), über das Risiko des Wahrsprechens im antiken Griechenland (Parrhesia) sowie über die Ästhetik des Bösen seit der europäischen Aufklärung (Das Böse am Menschen gibt es wirklich!).

Nebenher habe ich versucht, mit noch fachlicheren, sprachwissenschaftlichen Beiträgen (Vorträgen und Aufsätzen) den schlafenden Universitätsbetrieb zu wecken und die Entwicklung umzulenken. Das ist mir – wie auch meinen berühmten kritischen Kollegen aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen – zwar nicht gelungen. Aber heute ist dadurch dokumentiert, dass auch die Sprachwissenschaftler schon damals genau wissen konnten und mussten, welcher Krieg von den Verantwortlichen angezettelt worden war. Orte, gegensätzliche Meinungen zur Corona-Politik zu publizieren, boten die traditionsreiche diskursanalytische Zeitschrift „kultuRRevolution“, der von der Siegener Germanistik erarbeitete „Diskursmonitor“ (zur Analyse politisch-strategischer Diskurse) und der Arbeitskreis „Recht und Sprache“ an der Universität Heidelberg.Die sprachwissenschaftliche Analyse der haarsträubenden Argumentation in der STIKO-Empfehlung der mRNA-Stoffe für 12-Jährige leiteten wir damals, von 1bis19 aus, an einen zunächst aufgeschlossenen Arzt aus dem Vorstand des Ärztetages und sogar an Thomas Mertens von der STIKO weiter – ohne Rückmeldung, versteht sich (Was kann die STIKO? Medizin, Politik und Magie in der COVID-19-Impfempehlung für 12- bis 17-Jährige).

Bis heute interessiert mich als Germanistin – neben den denunziatorischen Feindwörtern („Verschwörungstheoretiker, Querdenker, Nazi“) und dem aufdringlichen Selbstlob (der sogenannten „Experten“ oder des „vernünftigen Teils der Gesellschaft“), den nachweislich falschen Sachbezeichnungen („Pandemie, Infektion, Impfung“ usw.), den instrumentalisierten, ebenso falschen Hochwertwörtern („Solidarität, Wissenschaft, Demokratie“ ) und ihren spalterischen Gegensatzwörtern („egoistisch, dumm, rechts, extremistisch“) – vor allem die absurde Moralgrammatik. (Den Ausdruck übernehme ich von Tobias Gall).

Diese Moralgrammatik ist beschrieben in der Rede über Verschwörungstheoretiker, Extremismusexperten und Expertenextremismus, in der Analyse der STIKO-Empfehlung  (Was kann die STIKO?) und in mehreren Texten über Foresight-Katastrophismus (Wie wir uns die Zukunft dichtmachen). Sie wurde zum einen auf einem Missbrauch der Modalverben aufgebaut, in der primitiven, aber allgegenwärtigen Litanei: „Das Virus kann dich umbringen, und da es sich um eine einzigartige Pandemie handelt, muss esdich umbringen. Aber Lockdowns, Impfungen und Solidarität – mit anderen Worten: die liebe Regierung und ihre unfehlbaren Expertenkönnen uns alle retten; und da nur sie das können, müssen alle dabei mitmachen und tun, was von ihnen rechtlich angeordnet und medizinisch verordnet wird. Widersprechen darfst du nicht. Anderenfalls können, müssen und dürfen wir dich – leider, leider – als Verbrecher an unserer Gesellschaft denunzieren und bestrafen. Denn solche Leute können unsere Demokratie zerstören, und wenn wir nichts tun und es immer mehr werden, dann müssen sie unsere Demokratie zerstören …“ Wäre die Corona-Politik von Wissenschaft und Sachverstand geleitet gewesen, dann hätte man, statt dieser Litanei aus hypothetischen Modalverben, den Indikativ der Realitätsbeschreibung verwendet und nüchtern gesagt, was ist.

Die Corona-Moralgrammatik bestand zum anderen aus einer böswilligen Manipulation der grammatisch-lexikalischen Mittel, mit denen wir die Zeit und Geschichte sowie unsere Handlungsmacht in ihnen ausdrücken. Das Verständnis der individuellen Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten sollte manipuliert werden. Die zynische und hochaggressive Aufforderung „Bleiben Sie gesund!“ bspw. ist ein einziger sprachlicher Unsinn. Damit wurde erstens jeder als „gesund“ erklärt. Schließlich kann man nicht „gesund bleiben“, wenn man nicht „gesund ist“. Und zweitens brandmarkte man damit jeden, der an irgendwas erkrankte bzw. zusätzlich erkrankte, als aktiv verantwortlich dafür. Denn der Imperativ – die grammatische Aufforderungsform – ist nur bei Handlungsverben sinnvoll. Durch den Imperativ wurde der Zustand des „Gesundbleibens“ zur aktiven, entscheidungsbasierten Handlung umgedeutet – so, als ob nur entscheidungsunfähige Versager („Aluhüte, Querdenker, Schwurbler“) in ihrem Leben jemals „krank werden“. Mit dieser manipulativen Abschiedsformel wurde man darauf abgerichtet, Gesundheit und Krankheit als Ergebnis selbstgewählter Regierungstreue wahrzunehmen. Indem viele Menschen solche unwürdigen Mittel der sprachlichen Propaganda selbst aktiv immer weiter kolportierten, redeten sie sich gegenseitig ein, durch absolute Regierungstreue ihre Zukunft vollständig in der Hand zu haben: nichts falsch machen zu können, sich auf Unsicherheiten nicht mehr einlassen zu müssen und dementsprechend auch nicht mehr zweifeln und diskutieren, selbst nachdenken und formulieren zu müssen, Floskeln gedankenlos nachplappern zu dürfen usw.   

Heute bleibt diese phrasenhafte Moralgrammatik hochaktuell; sie wird – wie alle anderen Propagandamittel – auch nach dem Ende der Corona-Politik weiterhin systematisch eingesetzt. Den Bevölkerungen wird Angst gemacht vor „Klimawandel“, vor den Russen, vor Putin und vor Trump, vor Migration und Terrorismus, vor „Antisemitismus“, vor „Hass und Hetze“ der „Rechtsextremisten“ und weiterhin vor „Pandemien“. Überall geht es darum, Industrialisierungsprojekte und neue, zweifelhafte Technologien der Energie-, Pharma-, Rüstungs- und Digitalkonzerne widerstandslos durchzusetzen. Weil dadurch die Sprach-, Kritik- und Meinungsfreiheit hinterhältig außer Kraft gesetzt und Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit Berechnung hintertrieben werden, arbeitet nicht nur die Germanistin am Problemverständnis weiter, sondern auch die 1bis19-Initiative für Grundrechte und Rechtsstaat. Man kann sie besuchen, nicht nur auf ihrer Webseite im Internet. 

Beim Zusammenstellen der Texte und ihrer erneuten Lektüre musste ich Widersprüche bzw. rasante Veränderungen in meiner Erkenntnis und Selbsterkenntnis wahrnehmen, über die vielleicht auch Leser stolpern: Die Brutalität des Propagandakrieges war auch für die Sprachwissenschaftlerin zuerst nur zu spüren. Erst nach und nach vermochte ich sie mit fachlichem Handwerk aufzuarbeiten. Die Textsammlung spiegelt also – als Zeitdokument – einen Bewusstwerdungsprozess, den ich nicht im Nachhinein korrigieren und dadurch verfälschen möchte, weil ich es heute besser weiß. Heute würde ich bspw. nicht mehr affirmativ von „Pandemie/ Pandemiezeiten“ und „Klimawandel“ sprechen, weil man diese Ausdrücke als reine Propagandawörter einordnen muss. „COVID-Impfung“ würde ich durchgehend mit Distanzmarkern (Anführungszeichen) versehen, und zwar nur, weil ich für mich noch keine griffige Bezeichnung der toxischen mRNA-Produkte und -Behandlung gefunden habe. Mit Pegida-Demonstranten und ihrer Klage über Diktaturerfahrungen nach 2015 würde ich heute verständnisvoller umgehen, mit Kritikern aus den eigenen Reihen dagegen strenger: Foucaults Forderung nach dem ethischen Kriterium der Wahrsprecher und Herrschaftskritiker in der Parrhesia – das ist die Forderung nach einer harmonischen Beziehung zwischen dem eigenen Reden und der Art und Weise, wie man lebt – würde ich heute stärker gewichten. Zu offensichtlich ist die Instrumentalisierung des politischen Widerstands für Kommerz und Selbstprofilierung bei so manchem Regierungskritiker. Verführer, Blender und Sprachmanipulierer gibt es auf allen Seiten.

Nachdem ich versöhnlich (mit der Suche nach dem Verbindenden) angefangen habe, ende ich optimistisch. Wir werden all diejenigen nicht vergessen, denen zur Strafe für ihr humanistisches, aufklärerisches und rechtsstaatliches Engagement alles genommen wurde – außer der schon von Hannah Arendt gefeierte „lachende Mut“ (Lachender Mut – Laudatio auf Christian Dettmar).Am aufreibenden, aber nicht erfolglosen Widerstand gegen die Corona-Politik konnte man sehen: Es gibt viele wirksame Möglichkeiten, den Propagandisten die falsche Sprache, die sie uns aufnötigen, streitig zu machen, sich selbst in „unerforschte Gebiete“ hinauszuwagen, um sie ihnen durch kritische Nachforschung wieder zu entreißen und sie mit einer besseren Sprache neu zu beackern und fruchtbar zu machen.

Katja Leyhausen (2025): In unerforschte Gebiete weit hinaus – Sprechen über die Corona-Gesellschaft. Aufland Verlag Croustillier.

Teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert