Eine Glosse von Adri Nalin

Der Kabarettist Uwe Steimle steht aus Sicht der Staatsanwaltschaft unter dem Verdacht, den öffentlichen Frieden durch Androhung von Straftaten gestört zu haben. Dabei wollte er doch nur bei einer Podiumsdiskussion der AfD im Juli 2026 steinalte Pointen recyceln und neuen Wein in alten Schläuchen servieren. Die Veranstaltung begann mit einer Anweisung an das Publikum, die mehr kabarettistische Mehrdeutigkeit bot als die späteren Witze von Uwe mit Ansage: „Suchen Sie sich bitte links oder rechts einen Platz, aber bitte die Mitte freihalten.“ Die Mitte musste frei bleiben, damit die drei „Helden“ des Abends ab durch die leere Mitte in die Arena einziehen konnten. Bei der Wahl des Sitzplatzes auf dem Podium legte Steimle die Messlatte des Abends für das uneigentliche Sprechen: „Aber ich wollte doch rechts außen (sitzen) …“
Nach den politischen Thesen-Müslis seiner beiden Vorredner Ulrich Siegmund („Hier sitzen die Menschen mit dem gesunden Menschenverstand!“) und Tino Chruppalla („Familien muss wieder das zustehen, wofür sie da sind. Dann brauchen wir keine illegale Zuwanderung mehr.“), wollte Steimle in seiner Stand-up-Nummer „eine andere Tonage“ in den Abend bringen. Er stieg ein mit „das Merkel“. Damit griff er in den traditionellen Pointenbaukasten, den 1989 schon der Kabarettist Martin Buchholz nutzte, als er den damaligen Berliner Bürgermeister „das Diepgen“ nannte. Bald kam Uwe auf das Merkel-Gemälde zu sprechen. Ihren leuchtend blauen „Kaftan“ auf dem Bild erklärte er damit, dass Angela im Grunde die Gründerin der blauen Partei sei: „Ohne das Merkel würde es die AfD gar nicht geben.“ Frisst da die Gag-Revolution ihre Kinder? Schlummert im doppelten Boden des Witzes gar die Aussage, hätte Merkel die Flüchtenden nicht mit „Wir schaffen das!“ begrüßt, hätte es die AfD nicht über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft? Oder kennt sich Steimle in der Kabarettgeschichte einfach zu gut aus und brauchte nur eine Steilvorlage, um endlich Werner Finck zitieren zu können? Denn ein schillerndes Zitat beeindruckt das Publikum oft mehr als der Abglanz selbstgestrickter Pointen. Finck (1902-1978) kam in der NS-Zeit mit einem gerahmten Hitler-Portrait auf die Bühne und fragte: „Was mach ich jetzt mit ihm? An die Wand stellen oder aufhängen?“ Bei Uwe Steimle hieß es: „Im Moment hängt sie erst mal und wenn alle Stränge reißen, ne, oder der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand. Also, uns wird schon was einfallen, wie Werner Finck gesagt hätte.“ Bitte auf der spitzen Zunge zergehen lassen: Der vermeintliche Schmutz-Finck Steimle zitiert Finck sogar ausdrücklich! Oder wie „Die Prinzen“ singen: „Alles nur geklaut“.
In die Kategorie „lieber gut geklaut als schlecht erfunden“ fällt auch der zweite Aufhänger für den Staatsanwalt. Steimle machte Kanzler Merz als Phrasendrescher lächerlich, dessen Reden der unfreiwilligen Komik eines Erich Honeckers in nichts nachstehen würden: „Ich bin sehr für ein Pflichtjahr, wenn es freiwillig ist!“ Auch hier gibt es ein Vorbild. Ähnlich paradox formulierte Karl Lauterbach im Januar 2022: „Selbst die Impfpflicht führt ja dazu, dass man sich zum Schluss freiwillig impfen lässt.“ Steimle bereitete nach der Kanzler-Schelte einen alten Kohl-Witz von Matthias Deutschmann auf Merz gemünzt wieder auf: „Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn wirklich braucht?“
Liebe, lieber Staatsanwaltende (lieber gendern als auswandern), aus folgenden Gründen ist der Verdacht gegen Uwe Steimle, den öffentlichen Frieden durch Androhung von Straftaten zu gefährden, nicht zu erhärten:
- Wir haben schon lange keinen öffentlichen Frieden mehr, der dementsprechend auch nicht gefährdet werden kann.
- Aufgewärmte Witze beißen nicht – aufgewärmt schmeckt nur Lasagne.
- Was passieren würde, wenn tatsächlich mal „einer bei uns einen guten politischen Witz“ machen würde, wusste schon Kurt Tucholsky: „ … dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.“ Aber nicht mal das wäre eine Straftat …
Sehr schöner Artikel.
Einen kleinen Schönheitsfehler gibt es aber dennoch.
Bei uns halten sich nur sehr wenige Flüchtlinge (und schon gar keine “Flüchtenden” auf – die wären ja gerade auf der Flucht und würden nicht hier bleiben).
Es sind Eindringlinge.
Man darf die Dinge gerne beim Namen nennen.