Von Kenneth Anders

Vaclav Havel, Lizensiert unter Creative Commons, Dank an Martin Kozák
Rückblick auf einen 1bis19-Workshop
„Ich will noch etwas tun, so möchte ich diese Welt nicht hinterlassen. – Ich möchte Ja zum Leben sagen, dabei aber ungehorsam bleiben. – Ich möchte Freude verbreiten. – Ich interessiere mich für Widerstandsformen, die nicht den Logiken unserer Gegner unterworfen sind. – Ich habe in meinem Leben sehr viele Formen des Widerstands kennengelernt und suche immer noch nach dem richtigen Ansatz. – Ich versuche nach vielen Erfahrungen, meinen Widerstand im Schreiben zu artikulieren, habe aber auch Lust auf Aktion. – Ich möchte es der Politik nicht leicht machen, die Schwäche dieser Gesellschaft auszunutzen; dem will ich etwas entgegensetzen. – Ich arbeite in einem familiären und lokalen Kontext und würde gern eine Brücke in eine größere Kommunikation finden, die nicht polarisiert. – Ich kann heute auf eine durchaus politische Biografie zurückblicken, wobei es mich wundert, dass das Wirksamste am wenigsten Spaß gemacht hat. – Mich interessiert am Widerstand vor allem das energetische Moment, das, was einen mit den anderen – auch konflikthaft – verbindet. – Mir ist es wichtig, dass jene, die die Matrix des Vertrauens verlassen haben, in Verbindung stehen. – Ich blicke auf eine sehr bewegte Widerstandsgeschichte zurück und denke immer noch, dass es irgendwie weitergehen muss. – Ich möchte das Grundgesetz in den propagandistischen und finanzpolitischen Interessenkonflikten geltend machen.“
Ein Treffen zur Selbstreflexion
So könnte man die Momentaufnahmen des persönlichen Engagements knapp zusammenfassen, die vom 17.-19. April 2026 bei einem 1bis19-Workshop in Thüringen aufeinandertrafen. Hinter den kurzen Sätzen stehen Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen, die – über Differenzen hinweg – der Eindruck verbindet, dass sicher geglaubte Grundsätze des Zusammenlebens verloren gegangen sind. Bei dem Zusammentreffen sollte es um Selbstreflexion und um mittelfristige Projekte und Ziele gehen: Lässt sich das brüchige Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens wiederherstellen, oder können sich die Strategien zur Aushöhlung von Grundrechten wie etwa die politisch gesteuerte „Wahrheitsproduktion“ oder die Eingriffe in die Freiheit der Wissenschaft ungehindert ihre Bahn brechen? Wie geht man mit einer Situation um, in der vieles der Agonie oder dem Desinteresse zum Opfer zu fallen scheint? Welche Bilanz der eigenen Aktivitäten in den letzten Jahren lässt sich ziehen? Und welche Ideen könnten durch die nächste Zeit führen?
Das Verständnis von Widerstand bedarf einer Erweiterung. Zehn Thesen.
Um Raum für die Reflexion zu schaffen, nahmen sich die 13 Teilnehmer Zeit für einen Input, den ich im Folgenden noch einmal vorstellen, in zehn Thesen zusammenfassen und kurz erläutern möchte. Diese Perspektiven haben sich bei der Lektüre von Václavs Havels „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ sowie im Dialog mit meiner Ko-Autorin Myrthe Jentgens (Anders/Jentgens 2025) entwickelt. Nicht zuletzt war die Diskussion im Workshop selbst außerordentlich anregend, sodass der folgende Text erst im Nachgang seine jetzige Form gefunden hat.
1. Widerstand ist ein menschliches Handeln, das zwischen zwei Polen stattfindet: dem Verhältnis zu uns selbst und dem Verhältnis zu den anderen, der Gesellschaft.
Da sich der Widerstand, von dem hier die Rede ist, auf gesellschaftliche Prozesse richtet, ist die Frage zulässig, ob er in seiner konkreten Ausübung überhaupt hilfreich ist. Tatsächlich gibt es viele Fälle, in denen man das bezweifeln kann. Ein Akt des Widerstands kann von den anderen Menschen als einschüchternd wahrgenommen werden, schon allein, weil sie mit einem Akt konfrontiert werden, zu dem sie sich selbst vielleicht außerstande sehen. Ein scheiterndes Aufbegehren mag auch den Herrschenden die Gelegenheit geben, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Somit kann es das Gefälle zwischen uns und der Macht sogar vergrößern.
Dieser berechtigte Zweifel blendet allerdings etwas Wichtiges aus: Der Impuls, zu widerstehen, kommt zuerst aus einem selbst. Er wurzelt in unserer Selbstachtung, in unserem Rechtsempfinden etc. Wir widerstehen nicht, weil uns gerade danach ist oder weil wir auf etwas spekulieren, sondern aus einem Imperativ heraus: Wir haben das Gefühl, uns äußern, widersprechen und widerstehen zu müssen. Hier liegt der primäre Vorgang. Die Wirkung unseres Handelns auf andere, etwa durch Vorbildwirkungen, Identifikation, Ermutigung oder Zurückdrängung eines gegnerischen Machtanspruchs ist dagegen der Horizont, in den dieser Vorgang gestellt wird.
In diesem Spannungsfeld zwischen der Beziehung zu uns selbst und der Zugehörigkeit zu den anderen sind auch zwei verschiedene Perspektiven auf uns als Handelnde möglich: jene des Selbstverhältnisses sowie jene auf uns als Teil der Gesellschaft. Im Diskurs kommt die zweite Perspektive zu kurz.
2. Da die Menschen verschieden sind, haben sie auch verschiedene Möglichkeiten, widerständig zu sein.
Wenn der erste Impuls für eine Widerstandshandlung im Selbstverhältnis liegt, stellen sich alsbald auch Fragen der Authentizität einer Widerstandshandlung. Sie muss sozusagen zu einem selbst „passen“, um Aussicht auf Erfolg zu haben. Man kann z.B. mit Humor die Macht brechen – aber man muss dazu auch befähigt sein. Menschen, denen der Witz nicht gegeben ist, brauchen gar nicht erst zu versuchen, ihn einzusetzen. Dies gilt auch für andere Eigenschaften wie Spontaneität, Gelassenheit, Sprachgewalt oder das, was man einen „gerechten Zorn“ nennt.
Letztlich lassen sich allerdings alle menschlichen Eigenschaften im Bemühen um Widerstand gegen gesellschaftliche Prozesse nutzen: Aus Zögerlichkeit wird dann die Klugheit der Abwägung, aus sprachlicher Zurückhaltung wird Musikalität, aus Ängstlichkeit wird Umsicht. Die Verschiedenheit der Menschen verweist sie aufeinander, denn gemeinsam können sie sich ergänzen und einander helfen. Deshalb sollte auch niemand beschämt werden, wenn er aus Gründen seines Naturells bestimmte Widerstandshandlungen nicht mitvollziehen möchte.
3. Entgegen der Tendenz, nur explizite öffentliche Äußerungen mit großer Reichweite anzuerkennen, ist es wichtig, auch die leisen Formen des widerständigen Handelns zu sehen und wertzuschätzen.
Die verbreiteten Leitbilder widerständigen Handelns richten sich an Protagonisten mit einer hohen Sichtbarkeit aus. Dies führt leicht zu einer Blindheit gegenüber der Vielfalt menschlichen Handelns und zu einer Entdifferenzierung der Mehrheit als „breite Masse“. Der Gedanke, dass auch die kleinen oder leisen Widerstandshandlungen eine große Bedeutung haben, liegt deshalb auf der Hand. Um es mit Havel auszudrücken: Es scheint mir deshalb, dass niemand die sogenannten „Dissidentenbewegungen“, die Art ihres Wirkens und ihre Perspektiven richtig verstehen kann, wenn er nicht dauernd diesen besonderen Nährboden beachtet, dem sie entwachsen (Havel 1989, S. 33). Das Abfangen eines staatlichen Übergriffs durch Verzögerung oder Abschwächung im Alltag oder auch nur die Aufrechterhaltung zwischenmenschlicher Wärme und Interaktion spielen für jene, die sich exponieren, eine sehr große Rolle – nicht nur als Rückhalt, sondern buchstäblich als Ferment ihres eigenen sozialen Handelns.
4. Das avantgardistische Prinzip, wonach die einen Menschen durch Einsicht und Entschiedenheit den anderen überlegen sind, trägt nicht zum Gedeihen einer widerständigen Kultur bei.
In jeder Widerstandsbewegung gibt es Popularität. Einzelne Akteure überwinden die herrschende [!] Sprachlosigkeit, artikulieren Empfindungen und Argumente und setzen ihre eigene Existenz aufs Spiel. Dafür gebührt ihnen Anerkennung, aber die Erfahrung ihrer Popularität ist ambivalent. Popularität reproduziert erstens die Aufmerksamkeitsregeln der Gesellschaft, die gerade zu kritisieren wären. Außerdem etabliert sie ein avantgardistisches Prinzip, wonach die einen konsequenter als die anderen sind, woraus eine Überlegenheit, ein Gefälle abgeleitet wird. Der o.g. Nährboden kann dadurch wiederum geschwächt oder „trockengelegt“ werden. Das unvermeidliche Auftauchen einzelner Protagonisten oder Dissidenten sollte also von diesen selbst (gemeinsam mit anderen) kritisch reflektiert werden.
5. Was heute falsch erscheint, kann morgen geboten sein: Widerstand ist kein Stellungskrieg.
Sowohl das sich wandelnde Selbstverhältnis als auch die großen Dynamiken der Gesellschaft können Handlungen von einem Tag auf den anderen sinnvoll oder überflüssig machen. Eigene Einsichten kommen oft plötzlich, und auch gesellschaftliche Diskurse können umschlagen. Sätze, die heute noch mutig sind, können am nächsten Tag affirmativ erscheinen – und umgekehrt. Daraus ergibt sich eine Herausforderung für die Geistesgegenwart: Es ist nötig, das o.g. Spannungsfeld zwischen Selbstverhältnis und gesellschaftlicher Rolle immer neu auszuloten, es zu spüren; nicht im Sinne des Kalküls, sondern als Sache der Intuition. Anders ausgedrückt: Der Moment, in dem sich entscheidet, was richtig und angebracht ist, kommt auf die Menschen zu. Warten und Geduld, nicht im Sinne des Hinauszögerns, sondern als Form gespannter Aufmerksamkeit für das Geschehen, sind in diesem Zusammenhang Tugenden des Widerstands.
6. Die einzige sinnvolle Konstante könnte die Distanz zur Macht sein.
Der tiefgreifendste Wandel, den die linke Bewegung in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, liegt in ihrer verlorenen bzw. preisgegebenen Distanz zur Macht. Damit wurden – zumindest in vielen Bereichen – die widerständigen Momente des linken Denkens und Fühlens in beinahe gespenstischer Weise gelöscht. Diese Erfahrung zeigt: Distanz zur Macht ist keine Aufgabe für den „Tag danach“, für die Zeit nach einem grundlegenden Wandel der Verhältnisse. Sie ist eine immerwährende Aufgabe der Übung und Reflexion – nicht in dem Sinne, dass Macht strukturell ausgeschlossen wird (das ist unmöglich), sondern im Sinne des inneren Abstands und der Möglichkeit des Wahrsprechens (vgl. Leyhausen 2025, S. 63).
7. Menschen sind Teil verschiedener sozialer Systeme. Deshalb müssen sie klären und abwägen, auf welches System sich ihr Handeln bezieht.
Als Teil von Familien, Gemeinschaften, Arbeitskollektiven, Kommunen und als Bürger eines Staates nehmen Menschen je spezifische Rollen ein und tragen in unterschiedlicher Weise Verantwortung. Damit sind innere und äußere Konflikte vorgezeichnet, denn während in der einen Rolle (etwa in der Familie) eine Schutzfunktion dominieren kann, ist in der anderen eine produktive Störung erforderlich. Die damit verbundenen Abwägungen (An wen richtet sich meine Handlung? Auf wessen Rückhalt bin ich für meine Handlung angewiesen? Wen möchte ich durch meine Handlung ermutigen?) sind oft schwierig, können aber auch zur Integrität des Handelns beitragen.
8. Die Wirksamkeit einer Widerstandshandlung korreliert mit der Erfassung der sozialen Komplexität, in der sie stattfindet.
Je genauer man die Verhältnisse versteht, in denen wir handeln, umso kreativer und präziser wird man in diesen Verhältnissen handeln können. Öffentliches Sprechen z.B. findet in einer bestimmten sozialen Form statt, die wir als Diskurs bezeichnen. Wer sich in diesen Diskursen zu Wort meldet, um seinen Widerspruch anzumelden, sollte die Diskurse kennen – nicht nur hinsichtlich der in ihnen erbrachten Beiträge, sondern auch hinsichtlich der unsichtbaren Grenzen, die es ggf. zu überwinden gilt, die aber auch die Höhe des Einsatzes absehbar machen. Ein gutes Beispiel ist die Aktion #allesdichtmachen in der Corona-Zeit. Sie war präzise und befreiend, eben weil sie die etablierten Sprachregeln in großer Schärfe erkannte und durchbrach. Einige der darin mitwirkenden Schauspieler hatten aber offensichtlich die „Mächtigkeit“ dieser Regeln unterschätzt und zogen ihre Beiträge im Anschluss zurück.
9. In jeder Opposition liegt die Gefahr einer Negativität, sodass die Muster reproduziert werden, gegen die man antritt.
Wer Widerstand leistet, tritt gegen etwas an und auf, das ist eine einfache, gegnerische Beziehung. Gerade auf Grund ihrer Einfachheit wird leicht übersehen, dass in der Opposition auch eine Gefährdung für den Opponenten liegt, nämlich das eigene Handeln und Denken in seinen Inhalten und Formen von eben jenen Menschen oder Mustern bestimmen zu lassen, gegen die er antritt. Dies geschieht, wenn man sich, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen, ihrer Strukturen, Muster und Begriffe bedient, oder auch nur ihre Themensetzungen übernimmt. Dieser Effekt kann bis in die grundlegenden menschlichen Regungen reichen, gegen die man sich zwar engagiert, die man aber schließlich zu reproduzieren riskiert. Zum Beispiel mobilisieren kritische Autoren im Widerstand gegen eine Politik der Angst immer wieder die Angst ihrer Leser. Allgemeiner: Im Kampf gegen die Entmenschlichung durch die Herrschenden werden diese Herrschenden wiederum allzu leicht entmenschlicht.
Durch die Beschränkung auf das negative Prinzip nimmt man Eigenschaften dessen an, was man ablehnt; man schnürt sich sozusagen das Herz ab. Havel sprach in diesem Zusammenhang von einer gesellschaftliche „Autototalität“, in der „jeder […] Opfer und Stütze des Systems“ ist. Ausgehend von dieser Einsicht öffnet sich der Blick in einen anderen Horizont, in dem die Figur der Opposition überschritten werden kann.
10. In der Widerstandhandlung sollte zum Ausdruck kommen, wofür es sich zu handeln lohnt.
Um die Logik der Opposition zu überschreiten, ist es ratsam, nach Gestaltungen zu suchen, in denen die eigene Sinnstiftung verankert ist, ja, in denen sie auch wirklich stattfindet. Gerade dort, wo künstlerische Arbeitsweisen ins Spiel kommen, wird besonders deutlich, dass das Festhalten an jenen Formen, in denen geherrscht wird, kontraproduktiv ist. Vielmehr ist es ein tief im Menschen liegendes Recht und Vermögen, sich nach Schönheit und Wahrheit zu sehnen und mit den anderen in Frieden zu leben. Diese Bedürfnisse verdienen ihren Ausdruck und indem sie diesen Ausdruck finden, erlangen sie ihre eigene Kraft und Wirklichkeit. Der Begriff des Widerstandes bedarf also einer Erweiterung und Öffnung, um für die Menschen einladend zu sein und um über den eingangs geschilderten Impuls, etwas im Sinne der Selbstachtung tun zu müssen, hinauszukommen. „Wenn das posttotalitäre1 System die Intentionen des Lebens komplex unterdrückt, und es basiert ja auf der komplexen Manipulierung aller Lebenserscheinungen, dann wird es auch gleichzeitig durch jede freie Lebenserscheinung indirekt politisch bedroht.“ (Havel 1989, S. 31)
Ausblick
An dem 1bis19-Wochenende wurden viele Aspekte dieses Inputs aufgegriffen und im Licht eigener Erfahrungen gewendet. Bestimmend war die Suche nach Wirksamkeit in Beziehung zum eigenen Vermögen und Bedürfnis. Am Beginn des Workshops war noch darüber gesprochen worden, dass das gegenseitige Grundverständnis in der Gesellschaft verloren gegangen ist. Bemerkenswert war für mich, dass ein solches Grundverständnis unter den Teilnehmern aber deutlich zu spüren war: Über teilweise gravierend voneinander abweichende Sichtweisen hinweg begegneten sie sich gegenseitig aufmerksam und zugleich – in der Differenz – gelassen. Auch praktische Ideen wurden (in drei Arbeitsgruppen) entwickelt und teils bereits in die Praxis umgesetzt. Davon wird noch zu lesen und zu hören sein.
Literatur
Anders, Kenneth und Jentgens, Myrthe (2025): Es ist beides da und es ist beides wahr. Über den Selbsterhalt in zerrissener Zeit. Aufland Verlag Croustiller.
Havel, Václav (1989): Versuch, in der Wahrheit zu leben. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg.
Leyhausen, Katja (2025): Gegen die Mehrheitstyrannei: Wahrsprechen in der Demokratie. In: In unerforschte Gebiete weit hinaus. Sprechen über die Corona-Gesellschaft. Aufland Verlag Croustillier: 46-74.
1 Havel meint mit „posttotalitär“, dass unsere Vorstellungen vom Totalitarismus an ein unterdrückendes Agens gebunden sind, das heute nicht mehr recht zu finden ist und auch nicht benötigt wird, weil die gesellschaftliche Komplexität selbst das konforme Verhalten der Menschen erzeugt. Um sich also von den historischen Formen der Diktatur abzugrenzen, verwendet Havel den Begriff des Posttotalitarismus bzw. des Autototalitarismus.