17. Juli 2021: Impressionen aus Fulda (von Silvia Krull)

Das kollektive „Tagebuch“ dient der Dokumentation und Selbstreflexion der zivilgesellschaftlichen Arbeit für Meinungsfreiheit in einer Zeit, wo dieses und andere Grundrechte gefährdet sind: Wer erinnert sich nicht an ein Gespräch oder einen schriftlichen Austausch über die Coronapolitik, bei dem er besonders verzweifelt war über Aggressionen, Mauern, Predigten oder im Gegenteil überrascht darüber, dass plötzlich eine Tür aufging, eine Frage berücksichtigt oder ein Argument angehört wurde. Und an welcher Stelle in der Auseinandersetzung war es möglich, etwas von den Gefühlen, Motiven, Begründungen der anderen Seite nachzuvollziehen und vielleicht gemeinsam weiterzuentwickeln? Welche Situationen und Medien der Kommunikation sind überhaupt geeignet, um in einen Kontakt mit Andersmeinenden zu kommen? Zeichnen sich bei solchen Erlebnissen Entwicklungen im gesellschaftlichen Diskurs ab? Dieser Ort im Magazin ist offen für alle kommunikativen Erfahrungen – Erfahrungen, die einschlägig sind, weil sie etwas über den Stand der Debattenkultur und Meinungsfreiheit in unserem Land aussagen.

Sokrates soll angeblich seine Fragetechnik auf den Marktplätzen „Hebammentechnik“ genannt haben. Durch Fragen soll das Gegenüber in eine reflektierende Position gebracht werden, um dann seine Antwort sozusagen selbst zu gebären. Marktplatz passt auch. Wobei gestern in Fulda der Marktplatz ein wenig pittoresker Bahnhofsplatz war. Ich merke, wir sind nicht mehr in dem beschaulich gesättigten Bayern. Die Lebensrealitäten fühlen sich in den verschiedenen Städten Deutschlands doch sehr unterschiedlich an.

Hebammentechnik

Die oben beschriebene Technik passt gut zu unserer niederschwelligen Herangehensweise. Gestern musste ich nur vermehrt feststellen, dass die Besucher unseres interaktiven Schilderwaldes diese Fragetechnik zunehmend auch bei uns anwenden! Warum auch nicht. Eine Frage ist ja auch eine Möglichkeit, sich erst mal selbst nicht so ganz eindeutig mit seiner Meinung zu outen. Wir eiern also erst einmal umeinander herum, ohne uns wirklich „anfassen“ zu müssen. Mit der Zeit werden die Positionen dann ein bisschen sichtbar: Unzufriedenheit darüber, dass jede Einrichtung (Altenheim, Gasthaus z.B.)  die Hoheit über die Auslegung des gerade gültigen Maßnahmendschungels hat, mischt sich mit der Überzeugung, dass jede Gesellschaft Regeln braucht und dass Covid-19 eindeutig wissenschaftlich belegt eine sehr gefährliche Waffe sei, mit der ich mein Gegenüber (falls ich infiziert bin) angreife. Schluck, da ist sie wieder, diese Kriegsrhetorik. Fühle mich ohnmächtig. Ich merke, heute bin ich nicht so reaktiv wie manches andere Mal. Die Worte strömen nicht so aus mir raus; komme eh nicht zu Wort, da mich mein Gegenüber immer wieder mit den Worten „Wie bitte?“ unterbricht, wenn ich kontern will. Es bleibt ein unzufriedenes Gefühl bei mir zurück, nicht „das Richtige“ gesagt zu haben, eine Gelegenheit verpasst zu haben, nicht den Riss der Mauer zwischen uns gefunden zu haben, durch den ich Kontakt herstellen könnte. 

Zwischen den Argumenten

Trotzdem ist auch hier nach längerem Gespräch ein Muster für mich erkennbar. Nach einiger Zeit Sprechen wird das Sprechtempo langsamer, es gibt mehr Pausen, es entsteht Zeit für Gedanken. Mein Gesprächspartner unterbricht mich jetzt auch nicht mehr mit „Wie bitte?“. Es passiert also etwas in den Gesprächen, das ganz offensichtlich auch ein wenig (oder ganz viel?) jenseits der Worte stattfindet. Deckt sich mit meiner Überzeugung, dass ich nicht glaube, mein Gegenüber mit Argumenten (in Form von Worten) überzeugen zu können. Aber warum dann überhaupt reden? Weil es eine Möglichkeit, ein Vehikel ist, mit meinem Gegenüber erst einmal in Kontakt zu kommen. Möglichkeit des Scheiterns inkludiert. Kein Grund zum Aufgeben. Kontakt (trotz Kontaktbeschränkung, denn Reden ist ja immer erlaubt gewesen!) hat trotzdem stattgefunden. Und: Kein Erlebnis ist ohne Wirkung. Die Wirkung muss sich mir nicht mitteilen, passiert aber trotzdem. 

Zeit für Alltägliches 

Noch besser sichtbar ist es für mich, wenn ich nicht direkt selbst in Gespräche involviert bin, sondern die anderen ein wenig dabei beobachten darf. Ein Passant nähert sich dem Schildergarten noch mit versteinerter Miene und stellt meinem Mann die Frage, was denn das hier sei. Nach ein paar Wendungen im Gespräch – es wird mitten drin auch über ganz Anderes, Alltägliches gesprochen, das nichts (!) mit dem Thema Grundrechte und Maßnahmen zu tun hat – sehe ich die eben noch versteinerte Miene lächeln und entspannt erzählen. Manchmal sieht der ganze Redeprozess von außen wie ein behutsames Aufschließen aus. Langsam das Vertrauen der Menschen zurückerobern: Ja, wir dürfen etwas sagen. Keine Vorsicht nötig. Hebammentechnik. Wie soll ich gebären, wenn ich voller Angst und Spannung bin?

Es hat sich also doch wieder einiges bewegt. Abwarten, Durchhalten, Zeit geben. 

Jeder einzelne Kontakt ist eine Veränderung.

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