Und das Publikum? Schweigt

Ein Appell von Jens Fischer Rodrian

Lesedauer 4 Minuten

Ich vermute: euch geht es schlecht.
Wie wir seid ihr, Publikum, eines Grundnahrungsmittels beraubt worden. Die heilende Medizin zwischen Alltag und der Pause davon, zwischen Realität und Schwärmerei, die Brücke zwischen Wahn und Sinn, ein Naturheilmittel, das die Kraft hat, uns wiederzubeleben und uns die Möglichkeit gibt, uns immer wieder neu zu entdecken — die Kultur — abwesend. Man hat Euch bestohlen, uns allen ständig beteuert, die Kultur käme zurück. Nur Worte.

Kultur ohne Spaßrisiko

Als die Tore kurzfristig geöffnet wurden, als sich die Viren ausgeruht haben und in den Sommerschlaf fielen – gab es ein paar Konzerte unter sehr obskuren Bedingungen: Abstand halten! Nicht laut klatschen und bloß nicht mitsingen, zu gefährlich! Sich nicht vor Freude in die Arme fallen, nicht frenetisch jubeln, nicht nach dem Konzert Backstage mit dem Künstler abhängen. In Zweiergruppen sitzen! Beim Eintritt Maske auf, beim Konzert — je nach Laune der Ministerpräsidenten — auch mal ohne. Aber dann, das muss doch jeder verstehen, der ein halbwegs funktionierender Bürger ist, wie Richard David Precht, nicht laut „Zugabe!“ rufen, sondern lieber ein freundlich, mitleidiges Lächeln in Richtung Bühne schicken. Das ist aktuell ein “Solidaritätsakt mit den Risikogruppen”, staatlich angeordnet. Ist doch schön, dass man überhaupt wieder auf die Bretter hochsteigen darf. Aber bloß keine Zugabe, sonst steigt das Infektions- und Spaßrisiko.
Erbärmlich.

Doch lieber Netflix

Wenn es zu anstrengend wird, die ständig verschärften Hygieneregeln zu befolgen, dann beim nächsten Anzeichen von Kulturentzug vielleicht doch lieber die Dokumentation über die Eagles, Metallica oder Michael Jackson anklicken? Wäre so viel entspannter, kein Stress mit den offiziellen und den selbsternannten Masken-Sheriffs auf dem Weg zur S-Bahn oder im Konzertsaal. Netflix hat für jeden was dabei, von Doku bis Horror — wer braucht da noch eine lebendige Kulturszene?
Persiflage oder Dystopie? Nein. Realität für Publikum und Künstler seit Freitag, dem 13. März 2020.

Fördergelder…

Aber: am 16. März 2021  – ein Jahr, d.h. 365 Tage ohne Auftritte und Kultur später -, kommt vom Kulturförderpunkt Berlin ein Angebot:
Kunst- und Kulturinstitutionen aufgepasst: Die Videoplattform TikTok startet ein fünf Millionen Euro schweres (Corona-) Förderprogramm. Dieses soll 50 ausgewählten deutschen Kulturinstitutionen zugutekommen, die der kreativen Auseinandersetzung mit den Themen Inklusion und Diversität neue Impulse geben.”

5 Millionen für 50 ausgewählte Kulturinstitutionen, einmalig.
Zum Vergleich: ein sehr großes Kulturunternehmen in Deutschland verliert aktuell JEDEN MONAT 5 Millionen Euro für den reinen Unterhalt des Unternehmens, für Presse, Versicherung, Angestellte, etc.

Ohne Kommentar.                               

Aber das Angebot geht noch weiter:          
Last but not least möchten wir euch auf unsere wöchentliche Corona-Sprechstunde hinweisen, die wir am 13. April 2021 wieder mehrsprachig (Englisch, Polnisch, Türkisch, Arabisch, Spanisch) anbieten werden. Habt ihr also Bekannte in eurem internationalen Berliner Netzwerk, für die dieses Angebot interessant sein könnte, dann leitet diese Information gerne weiter. Wir freuen uns auf euch!”

Meint ihr das ernst? Was soll Künstler/Künstlerin in unserem “Internationalen Berliner Netzwerk” mit einer Corona-Sprechstunde, wenn er/sie/es nicht die Miete zahlen kann, die Schulbücher, das Essen und kurz vor dem Total-Kollaps steht wegen fehlender Lebens- und Arbeitsperspektive?                   

Wir brauchen euch!

Ich weiß, wir hatten alle immer eine Art Urvertrauen, dass es genug Künstler geben wird, die in Krisenzeiten aufbegehren und für verbale Randale sorgen, sich auflehnen, sich widersetzen. Aber leider hat der Corona-Kult auch die Kunst- und Musik-Szene erfasst. Online-Konzerte, beim Auftritt auf Kameras glotzen — sexy. Viele Kollegen denken eher darüber nach, wie viele Fans sie verlieren könnten, wenn sie sich laut beschweren, als aktiv an der Veränderung ihrer eigenen Situation mitzuwirken. Darum brauchen wir jetzt Euch, verehrtes Publikum, mehr als je zuvor! Denn es gibt nicht genug Künstler, die sich trauen.
Nicht jeder Grund für ihr Schweigen ist unverständlich, es stehen Existenzen auf dem Spiel. Dazu kommt, dass sich einige Kollegen eher als Dienstleister verstehen, sich mit ihrer Kunst noch nie politisch geäußert haben und jetzt wahrscheinlich auch nicht damit anfangen werden.

An das Publikum

Vielleicht würdet Ihr ihnen helfen, sich aus der Deckung zu wagen, wenn Ihr zeigt, dass Ihr ihnen treu bleibt. Sie haben in ihrer Angst, Euch zu enttäuschen, eines übersehen: Man kann sein Publikum auch verlieren, wenn man schweigt.
Jetzt geht es um Euch, liebes Publikum. Und ganz ehrlich, auch wenn Ihr mir das übel nehmt: Ich bin, gelinde gesagt, enttäuscht — zumindest von einem Teil von Euch.

Sind wir nichts anderes als Pausenclowns, die zwar das Leben stimulieren, wenn sie da sind, aber nicht wirklich fehlen, wenn sie weg sind? Sind wir kaum mehr als ein netter Zeitvertreib, den man jetzt auf unbestimmte Zeit mit Serien ersetzen kann? Warum fordert Ihr nicht die sofortige Wiederaufnahme aller Theaterstücke, die Wiederbelebung der Konzertszene, das Öffnen aller Auftrittsorte?

Was sind wir für Euch? Luxusgüter, die man für die Illusion von Sicherheit aufgibt? Ihr nehmt in Kauf, dass die ganze Kulturszene den Bach runtergeht — mit der Begründung, dadurch Oma retten zu wollen. Habt Ihr sie mal gefragt, ob sie das will?

Vielleicht möchten die Großeltern lieber ins Theater gehen und die neueste Inszenierung von Brechts „Mutter Courage“ sehen, anstatt in Isolation zu versauern und darauf zu warten, dass die Welt Corona-frei wird.

Die Welt wird nie Corona-frei sein, ebenso wenig, wie der Mensch die Schwerkraft abschaffen kann. Manche Dinge entziehen sich unserem Einfluss.

Die kulturelle DNA

Es genügt bei weitem nicht, mehr Geld für uns zu fordern, wie es die „Alarmstufe Rot“ tut. Es geht um geistige Nahrung, um Austausch, Kreativität und Ausdruck. Es geht um die kulturelle DNA.

Eines sei noch gesagt, damit wir uns nicht missverstehen: Wer generell Angst vor Krankheiten hat und in diesem speziellen Fall die Bedrohung durch einen Virus fürchtet, hat mein absolutes Verständnis. Jede Angst ist für den, der sie hat, real, ob es sich um eine objektive Bedrohung oder subjektive Furcht handelt. Nur sollte das eigene Narrativ nie zur Bewertungsskala für die Allgemeinheit werden.

Ich verstehe, dass jeder seine eigene Aufwachgeschwindigkeit hat. Lasst Euch aber nicht zu viel Zeit, denn wir stehen nicht ewig zur Verfügung. 

Fast ein Drittel meiner Kollegen aus der freien Szene hat ihre Berufung bereits an den Nagel gehängt — und es werden immer mehr, die das Herumkrebsen von einer Soforthilfe zur nächsten satt haben und Euer Schweigen als Zeichen dafür sehen, dass sie anscheinend nicht systemrelevant sind.

Zeigt ihnen, dass sie sich irren, sonst war‘s das mit uns!

————————————————————————–
Gastbeiträge geben die Meinung des Autors/der Autorin wieder.
1bis19 bietet eine Plattform für vielfältige Meinungen und Kommentare.

Teilen

3 Kommentare

  1. Sehr gut und sehr richtig. Aber wie “wage ich mich aus der Deckung”? So viele trauen sich nicht, sich öffentlich gegen die Massnahmen auszusprechen weil man umgehend an den Pranger gestellt wird, sein Vergnügen höher einschätzt als Omas Leben. Ich würde, wenn ich wüsste wie.

  2. Die aktuelle Krise der Kunst ist Folge eines schon seit mehreren Jahren dauernden Prozesses und Teil der gesellschaftlichen Krise.
    Die letzten Jahre habe ich mich oft gewundert, dass so viele Künstler die Nähe zu Regierungsakteuren und zum Sponsoring der Wirtschaft gesucht haben. Oft habe ich mich gefragt, wieso Künstler, die sich selbst als “kritisch links” ansahen, versuchten systemtreu und konform zu den Narrativen der Macht zu bleiben. Vielmehr wirkten sie wie Dienstleister, die einen Markt bedienten.

    Seit der Finanzkrise 2009 wurden sozial-schwache Milieus immer weiter geschwächt und ausgegrenzt. Zunächst die Jugend in Südeuropa mit einer hohen Arbeitslosigkeit in der Eurokrise; dann die Milieus, die bei der postmodern-globalisierten Welt nicht mehr mithalten konnten: Mitbürger ohne akademischen Abschluss, Mitbürger, die in der alten Welt aus Industrieberufen und körperlicher Arbeit ihr Brot verdienten. Mitbürger, die in strukturschwachen Gebieten wohnten, vielleicht in Ostdeutschland auf dem Land, die merkten, dass ihre Bedürfnisse und Werte in den Medien nicht mehr abgebildet wurden. Wenn sich in den letzten Jahren diese Bevölkerungsschichten zu beschweren begannen, dass sie sich nicht mehr gebraucht (nicht mehr “systemrelevant”) vorkamen, waren es gerade die akademischen, großstädtischen Kulturschaffenden, die im Dienste der Machtstrukturen sich an der Ausgrenzung und Abwertung dieser beteiligten.

    Die “linke, kritische Kulturszene” feierte sich selbst bei “Wir sind mehr”-Veranstaltungen mit freundlichen Grußbotschaften aus der Regierung und “sponsored by Pepsi und Flixbus”. Oft habe ich mich gewundert, seit wann die Kulturszene vor allem an der Selbstinszenierung interessiert war und weshalb sie so brav die Komfortzone der gehobenen sozialen Milieus bediente. Wo war die Kunst, die die Machtstrukturen des eigenen postmodernen Milieus in Frage stellte? Wollte man selber unbedingt systemrelevant sein, weil man gesehen hatte, wie es den Milieus erging, die nicht mehr in die neue digitale Wirtschafts- und Konsumkultur passten?

    Jetzt erlebt die Kulturszene, dass ihr Publikum auch dann in der Komfortzone bleibt, wenn sie selbst als “nicht mehr systemrelevant” gekennzeichnet wird. Das Dilemma ist, dass die Kulturszene nun selber in die Lage gerät, wie diejenigen, die sie gerade noch mit abwertenden Zuschreibungen beschämt hat. Wer von den “Abgehängten” sich beschwerte, wurde schnell als “Spinner”, “Rechter” oder gar “Nazi” bezeichnet. Wie werden nun Künstler reagieren, die selber “abgehängt” werden vom System und sich nicht mehr gebraucht fühlen in der digitalen Welt? Vermutlich wäre es ein erster Schritt, die eigene Rolle der letzten Jahre zu reflektieren.

    • Richtig beschrieben, vielen Dank, Jens und Andreas.
      Meine persönliche, kuriose Erfahrung: Wir Teilnehmer des “Schweigemarsches” wurden am 22.November 2020 am Zielort (Oper Nürnberg) mit einem handgeschriebenen Plakat der Schauspieler und dem Spruch empfangen: “Nein zu Stasi- und Progromrelativierung. Mehr Denken statt Quer-Denken. Enjoy Complexity.”
      Leider reichte die gedankliche Komplexität derjenigen Mitarbeiter inklusive der eingeweihten Theaterleitung nicht aus, um zu erkennen, dass sie ihre Protestnote an die Demonstranten genau über das Banner gehängt hatten, welches künftige Besucher mit einem “Auf Wiedersehen im Dezember”bei Stange halten sollte, was aber bereits absehbar durch die Corona-Maßnahmen zunichte gemacht wurde.
      Eine weiße politische Weste scheint selbst manchen Kulturschaffenden wichtiger zu sein als ihr eigener Beitrag zur Kultur, zumindest so lange staatlicher Lohn fließt.
      Und so haben an jenem Tag 2000 Bürger für die Theater demonstriert und die Schauspieler gegen eben diese Bürger…

Schreibe einen Kommentar