von Kenneth Anders
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Ich habe einmal in einem Kammerchor gesungen, der in Österreich zu einer Konzertreise unterwegs war. Es ergab sich, dass wir in einer Klosterkirche in einem Gottesdienst singen durften, der für den Rundfunk aufgenommen wurde. Eines unserer Stücke war die Motette „Das ist mir lieb“, eine Psalmvertonung von Heinrich von Herzogenberg, eines Komponisten aus dem 19. Jahrhundert. Das Stück ist so aufgebaut, dass nach einem einleitenden Andante eine Fuge folgt, die durch den Alt eingeleitet wird. Das Andante endet mit: „Dass der Herr mein Flehen anhöret, darum will ich ihn anrufen, das ist mir lieb.“ Die anschließende Fuge beginnt mit dem Satz: „Stricke des Todes hatten mich umfangen und Angst der Hölle hatte mich getroffen.“ Sie setzt auf einem a ein, und, wie sollte es anders ein, von da an geht‘s bergab. Die „Hölle“ ist dann schon ein c, und wenn die Angst schließlich „getroffen“ hat, ist der Alt eine Oktave tiefer angelangt, beim tiefen a also. Da braucht man als Frau schon Volumen, damit es noch gut zu hören ist.
Wenn der Anfang im Chor verrutscht
Nun barg aber dieser Übergang eine Tücke, beinahe eine kleine Falle, in die unsere Altistinnen prompt hineinliefen. Denn die Fuge war harmonisch nicht unmittelbar mit dem bisherigen musikalischen Geschehen der Motette verknüpft. Die Sängerinnen setzten deshalb eine Quarte zu tief ein, weshalb die „Hölle“ auf einem g gesungen werden musste und also kaum noch zu vernehmen war. Das „getroffen“ war gar nicht mehr singbar. Der Rest des Stückes war eine Tortur. Drei Viertel waren noch zu absolvieren, aber es war einfach hoffnungslos zu tief, die Musik wollte nicht mehr klingen und Teile der Stimmen fielen einfach aus. Ein Grauen, wenn auch sicher nicht das, was sich Herzogenberg für die besungene Gottesferne klangbildnerisch vorgestellt hatte.
So kann es gehen, wenn man eine Sache falsch anfängt: Sie lässt sich um nichts in der Welt richtig zu Ende bringen. Die einzige Möglichkeit hätte in den Händen des Chorleiters gelegen. Er hätte den Fehler blitzschnell erfassen, abwinken, neue Töne geben und das Ensemble frisch einsetzen lassen können. Aber dafür fehlte es ihm an Geistesgegenwart. Stattdessen stand er nun da und dirigierte desillusioniert mit einem sehr traurigen Gesicht zu Ende.
Zu tief, zu hoch
Etwas Ähnliches erlebte ich in meinem Gemeindechor. Es war Weihnachten, wir sollten ein Halleluja singen. Die Chorleiterin gab einen deutlich zu tiefen Ton an, jemand im Chor bemerkte das und flüsterte laut: ZU TIEF! Aber die Chorleiterin war überfordert und flüsterte zurück: EGAL! Also sangen wir los. Den Männern, die ein absteigendes Mantra zu singen hatten, ging beim sechsten Halleluja der Ton aus. Die Frauen aber, offenbar erschrocken über die ungewohnte Tiefe, hatten sich unterdessen entschieden, eine Oktave höher einzusetzen als sonst, weshalb das Stück einen ganz eigentümlichen Klang annahm: Unten ein verzweifelter Bass, der mit zunehmender Tiefe leiser wurde und schließlich ganz aushauchte, oben dagegen ein schrilles, kehliges Fiepsen. Das war gar nicht mehr recht wie Musik, eher wie ein Klangexperiment. Ich habe mir berichten lassen, dass ein Mann in der Kirchenbank seine Frau fragte: „Muss dit so sein?“ Die Frau hatte ratlos mit den Schultern gezuckt.
Die Rolle der Chorleiter
Zum Fall eins in Österreich lässt sich sagen: Es braucht einen erfahrenen Chorleiter, der so ein Problem schnell erfassen und in Windeseile abwägen kann, ob eine Unterbrechung oder ein Durchsingen angesagt sind. Und der daraufhin auch sofort handelt und neue Töne angibt. Das kann nicht jeder.
Der Fall zwei ist noch interessanter. Hier hatte die Chorleitung die Möglichkeit gehabt, gleich richtige Töne zu geben und so das Debakel zu verhindern. Ja, sie war sogar noch von einem Chormitglied auf den Fehler hingewiesen worden, hatte sich aber unter Zeit- und Erwartungsdruck gesehen und die Warnung in den Wind geschlagen. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Politik, Gesellschaft und Medien als Chor
Stellen wir uns das politische Geschäft der Gegenwart als einen Chor vor. Und malen wir uns aus: Da hat jemand falsche Töne angegeben, sodass das gemeinsame Singen scheitern muss. Ein anderer bemerkt es rechtzeitig und sagt es auch noch, aber seine Warnung wird von der Chorleitung ignoriert und von den anderen Sängern sogar weggezischelt. Denn diese meinen, es sei jetzt keine Zeit mehr. Es müsse schnell gehen, und so schlimm könne das mit den falschen Tönen doch nicht sein. So ist es ja oft in der Gesellschaft: Es wird gern behauptet, wir seien unter Zeitdruck, es fehle gerade die benötigte Ruhe zu Überprüfung der eingeschlagenen Richtung. Stimmgabeln seien auch nicht mehr zeitgemäß.
Nun singen wir also, oder wir handeln, wie immer wir es nennen wollen. Und es klingt schrecklich. Bald treten die ersten aus den Reihen heraus und sagen, da sing ich nicht mehr mit, das geht so nicht! Die anderen, die noch weitersingen, werfen befremdete Blicke auf diese Querulanten und denken, die schaden unserem Chor! Denen darf man auf keinen Fall zustimmen, das wäre Applaus für die Falschen. Daraufhin gehen einige der Abtrünnigen dazu über zu brüllen, um sich Gehör zu verschaffen, und bald nennt man sie die Wutsänger. Das Klangerlebnis verschlechtert sich ein weiteres Mal.
Ach, den Rundfunk haben wir vergessen, der hatte ja übertragen. Der Rundfunk nimmt alles auf und lobt die Aufführung in den höchsten Tönen. Und dann sagen alle: Seht ihr, es lief im Rundfunk! Die finden es gut, also muss es gut sein.
Wenn man Anfangsfehler nicht zugeben kann
Selbstverständlich müsste der Chorleiter seinen Fehler zugeben. Er müsste das Lied abbrechen und neue Töne angeben. Aber er hat keinen Humor, und er ist feige. Und da er den Mut schon vor dem ersten Takt nicht hatte, die Sache einzuräumen, hat er den Mut auch nach dem dritten Takt nicht, und nicht nach dem hundertsten. Er dirigiert eisern weiter, mit einem aufgesetzten Lächeln, obwohl es so schlecht klingt. Er belügt sich selbst und wird daher immer schwächer im Geist. Er lässt sich Strafen einfallen für jene, die ihn auf die falschen Töne hinweisen wollen: Hinsetzen und Schweigen! Alle, die vermittelnde Töne anschlagen, um etwas an der verfahrenen Situation zu ändern, werden als Feinde „unseres Chores“ gebrandmarkt und des Saales verwiesen. So wird das Lied immer dünner und erbärmlicher. Und dies wird durch immer lauteres Singen kompensiert. Durch falsches Singen.
Im Gegensatz zu einem Lied geht das Leben weiter. Ein Konzert ist irgendwann zu Ende und man kann nach Hause gehen. Dann können die Sänger ihre Wunden lecken oder darüber lachen. Oder sie können auch einfach einen zweiten Chor gründen und versuchen, es besser zu machen.
Aber die Gesellschaft bleibt. Man kann nicht einfach eine zweite gründen.
Ist das nicht ein Alptraum?