Und jetzt?

Zwei Jahre Krisenzustand – Was haben wir daraus gemacht?

von Camilla Hildebrandt

Lesedauer 4 Minuten

1bis19 - Und Jetzt?
Perspektive in der Mitte

„Jedes Problem ist auch eine Chance.” Natürlich, sagt ein Teil innerlich zu dem Satz, den jeder schon einmal gehört, auf Buchcovern oder im Internet gelesen hat. Aber ein anderer Teil schreit innerlich: Und wie zum Teufel soll diese Chance aussehen? Nehmen wir das Beispiel Covid-19-Pandemie. Eine Gruppe der Gesellschaft wurde wissentlich durch Politiker, Medien und teilweise die eigene Familie diskreditiert, vom sozialen Leben ausgeschlossen und schuldig für die Pandemie erklärt. Manchen wurde die Arbeit oder das Studium verwehrt, andere öffentlich an den Pranger gestellt, einige davon bis heute. Der Grund: diese Gruppe hatte beschlossen, sich nicht mit den neuartigen Covid-19-Impfstoffen behandeln zu lassen. Nun stellt sich also die Frage: Wie kann diese Zeit der massiven sozialen Ausgrenzung als Chance verstanden werden? Maritta, Ende 40:

Ich bin wirklich froh, dass ich es geschafft habe, mir treu zu bleiben und dass mich Menschen, die mir wirklich nah sind, nicht enttäuscht haben, egal was sie selbst von dem Virus halten. Gerade jetzt fragen mich aber immer mal Leute, wie man das überzeugt aushalten kann, wenn die gesamte Gesellschaft gegen einen ist.“

Erika, 30 Jahre, aus Schweinfurt, sagt dazu, sie habe sich in den letzten zwei Jahren selbst neu kennengelernt und erfahren, wer von ihren Mitmenschen tatsächlich Freunde sind…,

…wer eine Meinung hat und diese vertritt oder auch nicht. In meiner Depression und Angst den Job zu verlieren, keine Lohnfortzahlung zu bekommen und aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, in diesen Momenten war ich mein stärkster Freund. Ich habe erfahren, wer für mich da ist und wer nur da ist, wenn ich mich in einem guten Zustand befinde. Es hat mich vieles gelehrt. Ich habe zugeschaut, wie Menschen ihre Kinder als Vorwand nehmen, um ihre eigenen Freiheiten zu fördern. Viele Situationen haben mir einen anderen Blickwinkel aufgezeigt und mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung bereichert.“

Wachstum?

Im Buddhismus spielt z.B. das Leid eine zentrale Rolle. Leid ist hier normaler Bestandteil des Lebens und wird nicht als Strafe, sondern als Lernaufgabe für das persönliche Wachstum verstanden. Laura, 34, aus Hamburg, hat die letzten zwei Jahre zum Beispiel als Zusammenfall einer bis dahin geglaubten Realität und Wahrheit erlebt.

Durch diesen Zusammenfall habe ich ein komplett neues Weltbild und Menschenbild erhalten. Ich habe dadurch Raum und Zeit gewonnen, um meine Werte und meinen Sinn nochmal komplett zu hinterfragen und zu überdenken! Alle vermeintlich wichtigen Dinge sind unwichtig geworden. Das, was ich früher belächelt habe, sind nun wichtige Säulen in meinem Leben und haben mich meinem inneren Kern nähergebracht. Stichwort Menschlichkeit. Das hört sich vielleicht esoterisch an, ist es aber nicht. Es kommt der Punkt an dem man sich und seine Seele schützen muss vor den äußeren Informationen bzw. Manipulationen und ständigen Bedrängungen und Übergriffigkeiten.“

Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert.“

Charlie Chaplin reagierte 1940 mit dem Film Der große Diktator“ auf die Gräueltaten während der Nazi-Zeit. Höhepunkt des Films ist eine beeindruckende Rede am Ende: „Die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen, und unser Wissen kalt und hart. Wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig. Aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte. (…) Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert.“ Psychologin Rosa hat in den letzten zwei Jahren viel Menschlichkeit in ihrer Gruppe an Gleichgesinnten erfahren.

Die Maßnahmen engen uns in unserer Freiheit ein, zumindest ist das unsere Wahrnehmung. Für jedes Problem gibt es aber auch mindestens eine Lösung. Mein Problem war, dass ich als überzeugte Ungeimpfte und PCR-Verweigerin nicht mehr zu meinen Kindern nach Deutschland fliegen konnte. Ich bin stattdessen mit dem Auto 2200 Kilometer gefahren und habe dabei kleine Abstecher in wunderschöne Orte eingebaut. Seit 2021 bin ich auf diese Weise vier Mal nach Deutschland, Portugal, Italien und die Schweiz gefahren und habe meine Erfahrungen an allen Grenzen in einer Social-Media-Gruppe für ungehindertes Reisen geteilt. Füreinander und Miteinander schaffen wir es, Lösungen zu finden.“

Rosa ist überzeugt davon, dass Herausforderungen Chancen darstellen können. Chancen kann man ergreifen für kleine oder große Lebensbereicherungen, wie sie es nennt.

Auch mein Bruder und andere Personen in meinem Umfeld haben lösungsorientierte Erfahrungen gemacht. Er arbeitete zum Beispiel in Irland, war während des Lockdowns in Spanien und konnte so das Land nicht verlassen. Das Leben hier in Spanien hat ihm jedoch besser gefallen, so hat er bei seinem Arbeitgeber einen Homeoffice-Job mit spanischer Besteuerung durchsetzen können und lebt nun tatsächlich glücklich über diese Chance in Granada. Eine Freundin wiederum hat einen Garten angelegt und erntet inzwischen ungespritztes Obst und Gemüse, da sie ungern mit Maske einkaufen ging und Lieferengpässe bereits vorhersah.“

Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein“

In Charlie Chaplins Rede heißt es: „Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir sollten am Glück des andern teilhaben und nicht einander verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns niemals näher. Auf dieser Welt ist Patz genug für jeden, und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen. Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein. Wir müssen es nur wieder zu leben lernen.“
Eine Utopie? Steffen Burger, Ende 40 aus Aichtal sagt:

Hinter uns allen liegen zwei harte Jahre, Unsicherheit, Angst, Einschränkungen, Verzweiflung. Inzwischen hat sich die Lage deutlich entspannt: Das Niveau der schweren Erkrankungsfälle liegt deutlich unterhalb von schweren Grippewellen der Vorjahre. Omikron ist im Begriff, die Pandemie zu einem natürlichen Ausgang zu führen. Klaus Stöhr und andere Experten sehen darin nicht nur den üblichen, natürlichen Verlauf einer Pandemie, sondern auch DEN Weg hin zur ersehnten Herdenimmunität. So weit – so gut? Viele Menschen haben dennoch Angst. Ich denke: Der eigentliche Ausweg aus der Pandemie wird letztlich nicht Omikron sein, sondern gegenseitiger Respekt und Verantwortung – auch und vor allem gegenüber unseren Kindern.“

Verantwortung bedeutet vor allem auch dem Anderen – erwachsenen Bürger – Eigenverantwortung zuzugestehen, ohne Bevormundung. Denn es ist nicht die Aufgabe der Volksvertreter Lebensanweisungen zu erteilen oder Bevölkerungsgruppen für schuldig zu erklären, sondern das Zusammenleben demokratisch zu gestalten. Erika aus Schweinfurt: „Ich bin dankbar für die letzten zwei Jahre, auch wenn es sehr weh tut und es viel Arbeit sein wird, das alles irgendwann zu verarbeiten.“

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