Sachbuch: «Die Propaganda-Matrix (2021)» – Der Kampf für freie Medien entscheidet über unsere Zukunft

Eine Rezension von Eugen Zentner

Lesedauer 6 Minuten

Die Berichterstattung über Corona öffnete sehr vielen Menschen die Augen. Zwar gab es schon vorher sehr viel Kritik an den Leitmedien, doch im Jahr 2020 konnten immer weniger Bürger übersehen, dass jene nicht das abbilden, was sich in der Realität abspielt. Wer in einer großen oder kleinen deutschen Stadt für Grundrechte demonstrierte, musste am nächsten Tag lesen, dass er an einem Protest von „rechten Gruppierungen“ teilgenommen habe. Wer früher als renommierter Wissenschaftler zu Talk-Shows und Interviews eingeladen worden war, erhielt wegen der Kritik an den Maßnahmen plötzlich das Etikett „Schwurbler“ oder „Verschwörungstheoretiker“ verpasst. Wer in die Krankenhäuser schaute, fand keine überfüllten Zimmer, sondern gähnende Leere. Propaganda, stellten nun viele fest, ist nicht nur ein fernes Phänomen aus Russland oder der Türkei – sie ist auch hierzulande allgegenwärtig.

Diese Erkenntnis hat selbst der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen neu gewonnen, ein ausgewiesener Profi, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München  einen Lehrstuhl innehat und früher sogar beim Radio und der Leipziger Volkszeitung praktische Erfahrungen im Journalismus sammelte. In seinem jüngsten Buch «Die Propaganda-Matrix» setzt er sich mit der Rolle der Leitmedien auseinander und beschreibt Mechanismen, die bei der Steuerung dessen wirksam werden, was man gemeinhin öffentliche Meinung nennt. Anfangs sollte der Titel «Die Medien-Matrix» lauten. Der Begriff «Propaganda» schien Meyen eher unpassend. „Das ist das, was die anderen machen. Nazis und Kommunisten vorzugsweise, aber auch sonst alle Gegner und Feinde“, schreibt er. „Propaganda: Das ist der Anfang vom Ende. Das ist Lüge plus Emotion. Das ist Komplexitätsreduktion plus Wiederholung. Die immergleiche Botschaft so oft und so laut, bis auch der Letzte Hurra schreit und dabei ignoriert, verdrängt, vergisst, dass dieser Ruf das Leben kosten kann.“

Der Kommunikationswissenschaftler änderte jedoch seine Meinung – nach einem Gespräch mit dem Rubikon-Verleger Jens Wernicke und erst recht, nachdem er sich ausgiebig mit dem französischen Soziologen Jacques Ellul beschäftigt hatte. Propaganda sei weniger etwas, das bestimmte Leute zur Erreichung eines bestimmten Zwecks tun, als ein soziologisches Phänomen. Die technologische Gesellschaft bedinge die Existenz von Propaganda, während Propaganda im Gegenzug das Überleben dieser Gesellschaftsform sicherstelle. Ellul unterscheide die Agitationspropaganda von einer Integrationspropaganda, bei der dem Bildungssystem eine besondere Rolle zukommt. Das überzeugte Meyen. „Der Begriff Propaganda ist in der Matrix des Westens systematisch verdreht worden“, schreibt er.

Um diese Matrix zu erläutern, bezieht sich der Autor gerade in den Anfangspassagen gerne auf den gleichnamigen Film-Klassiker der Wachowskis. Diese Analogien gehören zu den Höhepunkten des Buches. Sie sind treffend, inspirierend und unterhaltsam. Sie helfen nicht nur, den Film besser zu verstehen, sondern auch «Die Propaganda-Matrix» – auch wenn diese sich grundlegend unterscheidet. „Dieser Matrix können wir nicht ausweichen“, so Meyen. „In unserer Welt gibt es weder das sagenumwobene Zion, eine Stadt tief unter der Erdoberfläche, in der die letzten «freien Menschen» auf die Revolution warten dürfen oder wenigstens so gut leben, wie das nach der Apokalypse und ohne Matrix eben geht, noch Schiffe wie die Nebukadnezar, die alles zum Guten wenden sollen, gelenkt von einem charismatischen Kapitän wie Morpheus.“ In Anlehnung an Michel Foucault bezeichnet er die «Propaganda-Matrix» als eine Art anonymes, zwingendes Gedankensystem, das einer Zeit und einer Sprache angehört und unser Denken und Handeln einzäunt.

Der Propaganda-Matrix könne niemand entkommen, auch wenn man die «rote Pille» geschluckt und alles durchschaut habe, heißt eine zentrale These. In Meyens Buch geht es um Strukturen, um das große Ganze. Der Autor liefert keine Textanalyse, keine Auseinandersetzung mit einzelnen Beispielen aus der Zeit der Corona-Berichterstattung. Vielmehr skizziert er die Abhängigkeitsverhältnisse, in denen die Leitmedien mit Wirtschaft, Politik und urbanen kreativen Milieus stehen. Sein Buch bietet theoretische Erklärungsansätze an und stützt sich dabei auf die Arbeiten großer Denker: Niklas Luhman, Ulrich Beck, Pierre Bourdieu, Michel Foucault. Meyen behandelt das Filtermodell Edward S. Hermans und Noam Chomskys, geht auf Eward Bernays’ Propaganda-Theorie ein und analysiert Walter Lippmans Gedanken zur «Pseudoumwelt».

Trotz der vielen theoretischen Bezüge liest sich «Die Propaganda-Matrix» aber nicht wie ein akademisches Werk. Es ist leicht verständlich und eingängig. Der Abstraktionsgrad hält sich auf einem erträglichen Niveau, weil der Autor die Komplexität so weit abbaut, dass die Zusammenhänge verständlich bleiben. Er schreibt prägnant, mitreißend und mit viel Esprit, der in jeder Zeile sichtbar wird. Wer sie liest, findet bisweilen wahre Schätze – Sätze, die auf den Punkt bringen, was viele Menschen angesichts des medialen Wahnsinns spüren und denken: „Ich will nicht, dass jemand entscheidet, was ich wissen und wen ich hören darf. Ich will auch nicht, dass mir jemand sagt, wer die «Guten» sind und wer die «Bösen». Als Bürger, als Wähler, als Mensch möchte ich erfahren, was in der Welt so läuft, und mir selbst meinen Reim darauf machen. Wenn das dann unbedingt noch kommentiert werden muss: meinetwegen. Aber eigentlich ist mir egal, wie Heribert Prantl oder Claus Kleber die Welt sehen.“

Viele von Meyens Überlegungen helfen zu verstehen, warum die Berichterstattung so ist, wie sie ist. Warum Leitmedien eine so ungeheure Macht haben. Warum sie sich am Establishment orientieren und warum sie die wichtigen Ereignisse zunächst abschirmen, um dann mit staccatoartigen Überschriften von ihnen abzulenken. Das Buch soll aufklären, aber auch einen Funken Hoffnung transportieren. Vor allem soll es zeigen, „was aufgeklärte Menschen aus der Matrix machen können“. Um ihnen den Weg zu weisen, stellt der Autor sein eigenes Modell vor, in dem es um Arenen der Öffentlichkeit geht. In ihnen entsteht laut Meyen die Matrix, in ihnen können wir um sie kämpfen. „Das Wort Arena“, schreibt er, „soll sagen: Die Realität der Leitmedien muss nicht so bleiben, wie sie ist. Die Propaganda-Matrix muss nicht so bleiben, wie sie ist. Und: Wir können selbst dann etwas tun, wenn wir auf den ersten Blick weit weg sind von denen, die da miteinander ringen.“

Das Arena-Modell der Öffentlichkeit beschreibt ein Wechselspiel zwischen drei Ebenen. Ganz oben stehen nach Meyen die Leitmedien. Was hier nicht erscheine, bleibe unsichtbar. Auf den beiden Ebenen darunter aber, „in Veranstaltungen jeder Art und im Alltag, bei den vielen zufälligen Begegnungen hier und dort“, kämen schließlich wir ins Spiel, all jene, die nicht Teil der Leitmedien sind. Hier ließe sich die Medienrealität auf die Probe stellen und sogar verändern. Dafür müsse man aber in die Arenen hinein. Die erste bezeichnet Meyen in Anlehnung an Michel Foucault als „Diskursordnung“. Sie bestimmt, was von wem wo und wie gesagt werden kann. Sie definiert den Raum des Sagbaren und die Regeln, nach denen bestimmte Fakten zu einem bestimmten Thema «wahr» und andere «falsch» werden.

Die zweite Arena heißt „Medienlogik“ und bildet die „Grammatik der Medienkommunikation“. Darunter lassen sich alle Prozesse subsumieren, die Medieninhalte prägen. Es handelt sich um einen Bauplan für den Journalismus, um Gesetze wie den „Medienstaatsvertrag, die Rekrutierung und die Ausbildung des Personals“, aber auch um Imperative der Aufmerksamkeitsökonomie. „Die härteste Währung im Journalismus heißt Exklusivität“, lautet ein markanter Satz, den Meyen in diesem Kontext formuliert.„Ausgewählt wird das, was uns aufhorchen lässt, und sei es eine «mysteriöse Lungenkrankheit» tief in der chinesischen Provinz.“

Die dritte Arena trägt den Namen „Medialisierung“. Der Begriff fasst das zusammen, „was Menschen tun, damit sie selbst oder das, was ihnen wichtig ist (Ideen, Organisationen, Institutionen), in der Öffentlichkeit in einem guten Licht erscheinen.“ Eine große Rolle spielen hierbei PR-Apparate, die sowohl Regierungen als auch große Konzerne ausgebaut haben. Mit ihnen soll nicht nur der Wettbewerb der Ideen torpediert werden, sondern auch der Glauben, „der Journalismus könnte so etwas wie eine vierte Gewalt sein“. Die vierte Arena bezeichnet Meyen schlicht als „journalistisches Feld“. Um es zu erklären, bedient er sich der «Habitus»-Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu.

Wie Journalisten handeln, denken und fühlen, so der Kerngedanke, hänge stark von ihrer Sozialisierung ab. Und die entspräche größtenteils derjenigen von Menschen, die in den Regierungen, Ministerien und Chefetagen großer Konzerne sitzen. Daher sei es kaum verwunderlich, dass Journalisten und Politiker oder Manager die gleichen Werte teilen. Es entstehe eine gewisse Nähe, die Meyen so erklärt: „Die Redaktionen der Leitmedien in Deutschland sind weiß, akademisch gebildet, urban, sehr deutsch und zumindest an der Spitze männlich und in gewisser Weise auch wohlhabend. Vor allem aber sind diese Redaktionen homogen und nicht viel anders als diejenigen, über die sie berichten. Töchter und Söhne von Angestellten, Beamten, Selbständigen. Man war auf den gleichen Universitäten, man lebt in den gleichen Vierteln, man mag die gleichen Cafés – und kann die Welt folglich gar nicht so viel anders sehen als die Entscheider in Politik, Kultur, Justiz, Wirtschaft.“

Aus diesen Arenen entsteht die «Die Propaganda-Matrix». Wer sie kennt, sie erkundet, ihre Mechanismen studiert, wird die Berichterstattung mit anderen Augen sehen und sich wohl weniger ärgern. Meyens Modell liefert das nötige Handwerkszeug, um im Kampf um die Wahrheit strategische Gewinne zu erzielen. Es ist erhellend und anspornend. «Die Propaganda-Matrix»bietet zwar keinen Ausweg, lässt sich aber verändern. Einen Weg in die Freiheit gibt es durchaus.

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Die Propaganda-Matrix – Der Kampf für freie Medien entscheidet üb er unsere Zukunft von Michael Meyen, Verlag Buchkomplizen, Frankfurt 2021
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