Gastkommentar von Andreas Hansche

Lesedauer 5 Minuten

Das Restrisiko zu sterben, ist erstaunlich hoch, wenn man die Sache vom Ende her denkt. Bis an die technische Moderne heran bestimmte im Bewußtsein der Menschen weitestgehend der Zufall den Tod. Der Zufall war zugleich Trost und hieß Gott. Medizinischer Fortschritt unter anderem führt zu wissendem Handeln, vermindert den Zufall. Die Verlängerung des Lebens und seiner Qualität sind die Folge. Aber sein Restrisiko verringert sich nicht. Eine Verhältnisrechnung – hier Verlängerung, da Verringerung – geht, was den Tod betrifft, am Ende nicht auf. Denn man kann die Spanne zwischen Eins und Null nicht unendlich verlängern, indem man, je näher man der Null kommt, immer noch einen Teiler findet. Nur im Märchen verhandelt der Held mit dem Tod.

Je mehr man über medizinische Zusammenhänge weiß, desto mehr wächst die Komplexität möglicher Ursachen dessen, was eigentlich zum Tod eines Menschen führt. Obwohl jede einzelne Teil-Ursache wissenschaftlich benannt werden kann, weiß man eben vieles nicht und so bleibt ein Rest. Die Machbarkeit der Dinge, die unsere Lebensqualität erhöhen und unser Leben verlängern, stößt an die Grenze, die der Tod setzt

Gesetzt den Fall, sämtliche Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung von Sars-Cov2 würden Tod und Tode zumindest im Microbereich verzögern, so bleibt doch eine ungeheure Last, die auf das Kollektiv verteilt wird. Weil durch eine Verkettung von Zufällen irgendwo ein Jemand sterben könnte, weil ich jemandem zu nahe gekommen bin, werden Kausalität und Zufall mit Schuld verknüpft. Die Verkettung von Faktoren, die im Möglichkeitsspiel mit anderen zum Tod führen könnten, wird in einen Schuldstring verwandelt.

Die Last auf dem Kollektiv kann für den Einzelnen aber auch Macht bedeuten: Ich trage eine Maske und verhindere Tod. Eigentlich ist derjenige, der glaubt mächtig zu handeln, so ohnmächtig wie der scheinbar Schuldige auch: Wie möchte er in der Komplexität von Krankheit und Tod nachweisen, daß sein Handeln Tod verhindert hat?

So sehr es im allerkleinsten Fall sein kann, daß irgendwas irgendwas bewirkt haben könnte, könnte es das eben auch nicht. Aber wenn das Handeln des Einzelnen im Kollektiv derart aufgeladen wird, daß das Zufällige besonders wird, obwohl es für ihn nicht sichtbar ist, braucht er eine Erklärung, die nicht mehr rational ist. Sie steht als Ersatz für die fehlende Kausalkette, tritt aber nach wie vor als rational in Erscheinung. Die Maske und das Abstand-Halten mögen daher scheinbar rationales Handeln sein, die Art, wie der Einzelne das betreiben muss, um die für ihn fehlende Kausalität zu ersetzen, ist jedoch ein Ritus.

Die Natur beseelt zu finden, sich Götter mächtig und unsterblich zu denken, an Tod und Auferstehung Jesu teilzuhaben, in der Hoffnung, daß das Restrisiko gemindert werden kann. Der Glaube an eine unsterbliche Seele, kann dem Einzelnen die Kraft geben, den Verführungen von Macht, Kollektiv und Besitz zu widerstehen. Er kann ihm die Angst vor dem Tod nehmen. Mit und neben einem starken Gott kann der Einzelne stark genug sein, anderen Menschen zu widerstehen und ihnen gleichzeitig zu vertrauen.     

Das Gewissen ist ein inneres Gespräch über die persönliche Verantwortung

Das schlechte Gewissen ist die Angst vor der Autorität, sei sie göttlich oder menschlich. Das schlechte Gewissen macht unfrei, z. B. das schlechte Gewissen, weil ich an dem Ritus nicht teilhabe oder ihn gar verweigere.

Schuld ergibt sich aus den Folgen einer Tat. Der Tathergang muss aber konkret nachvollziehbar sein, ich muss Antwort geben können auf meine Tat. Schuld ergibt sich aus den Folgen einer Tat. Der Tathergang muß aber konkret nachvollziehbar sein, ich muß Antwort geben können auf meine Tat. Wenn die konkrete Verbindung eines Hergangs nicht existiert, nur ein Es-könnte-sein, kann ich aber keine Antwort auf das geben, was ich getan habe. Wenn man mir vorwirft, daß irgendwo jemand sterben könnte, weil ich den Ritus nicht eingehalten habe, wird mein schlechtes Gewissen mit konkreter Schuld verknüpft.

Archaische Gesellschaften schützen sich vor Bedrohungen ihrer Stabilität durch das Tabu, also das Verbot von Handlungen um Komplexität zu vermindern. In einer Welt, die bedrohlich und komplex genug ist, ist diese Reduktion eine Überlebensstrategie.

Spätestens seit der Aufklärung versuchen wir bewußt Komplexität zu verstehen, sie nicht zu negieren und zu tabuisieren. Abstandsriten, wie sie derzeit praktiziert werden, sind eine Form des Tabus. Für Menschen, die sich „in jenem stillen Zwiegespräch zwischen mir und meinem Selbst“ (Hannah Arendt) befinden, sei es, ob Gott dabei eine Rolle spielt oder nicht, ist die Verknüpfung von Tabu und Schuld eine Kränkung.

Plötzlich merke ich, daß ich nicht per se frei bin, sondern abhängig von den Grundrechten einer freien Gesellschaft. Wenn ich so massiv und plötzlich per Verordnung meines aus dem Gewissen ableitbaren Handelns beraubt werden soll, damit Tod verhindert wird, führt dies zu einer Verminderung der Handlungsfähigkeit. Unbeweglichkeit aber verhindert Möglichkeiten, Möglichkeiten die an anderer Stelle gebraucht werden. Das Geheimnis einer freien Gesellschaft ist, daß sie sich selbst hilft, wie ein Organismus, der nur die nötigsten Regeln braucht.

Das Problem

Wir befinden uns im Moment in einer Situation, in der das Problem nicht zur Lösung passt. Die erhoffte Wirkung trifft nicht ein, die Lösung ist eine, in die sich die Anleitung zum Unglücklichsein geschrieben hat.

Es geht offensichtlich nicht um das allgemeine Wohl. Dazu würde die Analyse des Unwohls gehören, nämlich das richtige Problem zu benennen. Wo verbreitet sich das Virus und wie groß ist eigentlich die Gefahr, wird aber nicht gefragt. Stattdessen definiert die Lösung das Problem: Alle tragen überall Masken, also verbreiten alle überall das Virus. Man ist erstaunlich unfrei, wenn man sich immer erst fragt, wie die Sache ausgeht.

Freiheit und Willkür

Daß Freiheit enttäuschend sein kann, schafft den Wunsch nach Regeln, einer Unfreiheit, in deren Schatten das Bedürfnis nach Sicherheit als Freiheit empfunden werden kann. Die Durchsetzung des Willens der einen gegen die Freiheit anderer ist Zwang. Die einen nehmen sich die Freiheit, Zwang auszuüben, die anderen haben ein Bedürfnis nach Zwang und die dritten werden gezwungen. Verändert der Zwang seine Richtung, nicht nach dauerhaften Regeln, sondern wie es gerade paßt, ist das Willkür. Die Willkür richtet sich aber auch gegen die, die sich eben noch ihres Willens zur Unfreiheit sicher waren. Willkür und Unfreiheit schaffen deshalb keine Sicherheit, sondern immer mehr Unsicherheit, die ja gerade mit der Abschaffung der Freiheit beseitigt werden sollte. Welche Regeln morgen gelten, weiß keiner.

Ich fühle mich sicher, wenn ich selbst entscheiden kann. In der derzeitigen Unfreiheit fühle ich mich unsicher, weil ich nicht weiß, was gilt. Ich muss daher den Entscheidern vorwerfen, daß sie dem Unsicherheitsgefühl nachgegeben und damit die Willkür mitverursacht  haben. Es geschah nicht ohne Einverständis aus und in die Situation der Unsicherheit. Wenn sich aber die Regierenden als die einer freiheitlichen Demokratie verstehen, ist es ihre Pflicht, darauf zu achten, nicht in die Falle von Unfreiheit und Willkür zu geraten.

Vor einem Jahr hat eine Mehrheit gewählt, sich zu unterwerfen, die Regierenden dazu aufgefordert, diese Maßnahmen zu vollziehen.  Aber jetzt sieht man sich in einer Zwangsjacke, die man so nicht wollte. Selbst der treueste Bejaher aller Maßnahmen sieht ihre Unstimmigkeiten in ihrer Willkür. Scheinbar rationale Maßnahmen-Muster zeigen immer deutlicher ihren Illusionscharakter, je mehr sie durch ein hektisches Hin-und-Her bestimmt werden.  Das nachverordnende Vorgehen gegen die kleinen Freiheiten, die sich im Schatten der Unfreiheit herausgenommen werden, führt dazu, daß niemand mehr weiß, was richtig und falsch ist.

Die möglichen Folgen der Willkür sind vorhersehbar: Jeder macht, was er will, aus Verzweiflung oder Trotz. Wäre es nicht von Anfang an der Weg der Freiheit gewesen, daß jeder frei entscheidet aus eigenem Ermessen und eigener Verantwortung?


Gastbeiträge geben die Meinung des Autors/der Autorin wieder.
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