Polen, Land der Freiheit

Gastbeitrag von Eugen Zentner

Ein Reisebericht von Berlin nach Kolberg

Lesedauer 10 Minuten

Sonnenstrahlen, blauer Himmel, Sommerluft: Bei dem glänzenden Wetter kommt Urlaubsstimmung auf. Eine Reise ins Ausland täte mir gut. Nach anderthalb Jahren Corona-Wahnsinn möchte ich wieder meine Seele baumeln lassen, ohne an Inzidenzen, Kontaktbeschränkungen oder sonstige Maßnahmen zu denken. Ich möchte wieder am Strand liegen und den Meereswellen lauschen. Kurzum: Ich möchte wieder leben. Aber wohin soll ich reisen? Flüge kommen nicht in Frage. Ich will mich weder testen noch impfen lassen, zumal auch das in manchen Ländern nicht mehr ausreicht, um einer Quarantäne zu entgehen. Bleiben nur die unmittelbaren Nachbarländer, deren Grenze man zu Land überqueren kann, ohne Kontrollen befürchten zu müssen.

Da ich in Berlin lebe, entscheide ich mich für Polen. Stettin, einst deutsche Stadt, ist nur einen Katzensprung entfernt, mit dem Regionalzug in knapp zwei Stunden erreichbar. Von dort ist es dann nicht mehr weit bis Kolberg, einer Hafenstadt an der Ostsee. Die Fahrkarte nach Stettin kostet bloß 12,70 Euro. So günstig bin ich nicht einmal zu besten Vor-Corona-Zeiten mit Ryanair geflogen. Ich mache also Nägel mit Köpfen und setze mich an einem Sonntag in einen gut gefüllten Zug, verkatert zwar, aber brav mit Maske. Während der Fahrt frage ich mich, wie die Polen mit der vermeintlichen Pandemie umgehen. Ob sie wohl auch überall und immer die Corona-Regeln befolgen? Ob sie stets Abstand halten, einen Mund-Nasen-Schutz tragen und ihre Mitmenschen strengstens ermahnen, sich ja nicht dem Maßnahmen-Schlendrian zu ergeben?

Ob die Passagiere die 3-G-Kriterien erfüllen

Als Russlanddeutscher kenne ich die slawische Mentalität ganz gut und kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Aber anderthalb Jahre Corona in Deutschland haben mich abgestumpft, ja nicht nur das: Sie haben mein Weltbild auf den Kopf gestellt. Was früher als selbstverständlich galt, hält heute nicht der kleinsten Überprüfung stand. Die Gewissheiten von gestern sind so löchrig geworden wie Schweizer Käse. Auf den hätte ich jetzt wirklich Lust. Eine Zugreise macht ganz schön hungrig, vor allem wenn gefühlt 50 Prozent der Passagiere von der Möglichkeit Gebrauch machen, mit einem Snack die Maskenpflicht zu unterlaufen. Während sie an ihren Brötchen kauen, am Eis lecken oder genüsslich in den Schokoriegel beißen, träume ich von Pierogi, Bigos und Zurek, polnischen Nationalgerichten, die sich mit einem kühlen Lech-Bier wunderbar herunterspülen lassen.

Um in den Genuss dieser Leckereien zu kommen, muss ich aber zunächst die Grenze passieren. Bei dem Gedanken daran drängt sich mir sofort die Frage auf, ob auf der polnischen Seite irgendwann Polizisten durch die Reihen gehen und kontrollieren, ob die Passagiere die 3-G-Kriterien erfüllen. Ich tue es nicht, bin weder geimpft noch genesen noch getestet. Was erwartet mich? Werde ich wieder nach Hause geschickt? Oder zu einem Test gezwungen wie einer meiner Freunde, der vor wenigen Monaten mit dem Zug über Dänemark nach Schweden fuhr und in Kopenhagen an die deutsche Grenze in Flensburg zurückbeordert wurde, um dort mit einem negativen Befund eine Einreiseerlaubnis zu erwerben.

Die Reise nach Polen entwickelt sich allmählich zu einem Abenteuer, zumindest in meinen Vorstellungen, die mit jedem weiteren Kilometer immer schrecklichere Horrorszenarien gebären. Ich versuche mich abzulenken und denke daran, dass ich bald am Bahnhof Angermünde umsteigen muss. Allerdings fällt der Anschlusszug aus, weshalb ich nach einem Ersatzbus suche, der mich nach Stettin bringen soll.

Nach mehrminütigem Durchfragen werde ich endlich fündig und steige ein, dieses Mal ohne Maske. Der Bus ist ohnehin fast leer. Rechts vor mir sitzt eine Polin mittleren Alters, die anscheinend in Deutschland wohnt und in ihrer Heimat ebenfalls Urlaub machen möchte. Eine Maske trägt auch sie nicht und fordert ihre drei Kinder auf, es ihr gleichzutun. Bereits hier merke ich den Mentalitätsunterschied, der im weiteren Verlauf deutlich zum Vorschein kommen wird. Gleich nebenan sitzt eine weitere Polin, etwas älter, aber sportlich. Sie erzählt mir, dass ihr die Corona-Politik in Deutschland zu schaffen mache. Deswegen ziehe sie nach über dreißig Jahren in der Bundesrepublik wieder in ihre Heimat. Eine Wohnung sei bereits gekauft worden. Jetzt freue sie sich aber auf einen entspannten Urlaub an der Ostsee, ohne Maskenpflicht, ständige Bevormundung und Impfagenda.

Hort der Freiheit und Eigenverantwortung

Ist es denn in Polen entspannter als hier, will ich wissen. „Ja, viel entspannter“, sagt sie. „Keiner sagt dir, was du zu tun hast. Alles basiert auf Freiwilligkeit.“ Wer eine Maske tragen möchte, könne das tun. Wenn nicht, sei das auch in Ordnung. Gleiches gelte für die Impfung. „Keiner schreibt dir etwas vor.“ Während sie spricht, merke ich, wie nahe ihr die Verhältnisse in Deutschland gehen. Ihre Worte gewinnen an Intensität, sie schildert unangenehme Erlebnisse, erzählt, wie sie im Fitnessstudio von einer wildfremden Frau gefragt worden sei, ob sie schon eine Impfung hinter sich habe. „Das geht sie überhaupt nichts an“, sagt sie. „In Polen sind solche Fragen undenkbar.“ Dort gelte das Motto „leben und leben lassen“. Sie sei bereits vor einigen Wochen schon einmal in Polen gewesen. „In den Bars und Clubs tanzen die Menschen dicht an dicht – seit Monaten. Es herrscht ganz normales Leben.“ Sie könne überall problemlos Sport treiben. Nach über einem Jahr habe sie sogar endlich wieder eine Sauna besuchen können.

Wir fahren derweil über verlassene Straßen Brandenburgs, vorbei an grünen Maisfeldern und sanierungsbedürftigen Häusern. Die Sonne brennt uns durch das Fensterglas direkt ins Gesicht. Während sich auf meiner Haut öliger Schweiß bildet, denke ich über die Worte der Frau nach. In ihnen erscheint Polen als die letzte Bastion westlicher Werte, als ein Hort der Freiheit und Eigenverantwortung. Das Verhalten des Busfahrers, der immerhin mehrmals am Tag hin und herfährt, unterstreicht diesen Eindruck. Obwohl wir uns noch in Deutschland befinden und im Bus keiner mehr eine Maske trägt, macht er keine Anstalten, uns zur Ordnung zu rufen.

Die gute Dame hat nicht zu viel versprochen. Nachdem wir die Grenze ohne Kontrollen oder andere unangenehme Vorkommnisse überquert haben, betrete ich am Stettiner Bahnhof endlich polnischen Boden. Mein Weg führt direkt in ein kleines Restaurant mit Terrasse. Dort wartet die erste Überraschung auf mich. Im Innenbereich tragen Personal und Gäste keine Maske, unabhängig davon, ob sie sich bewegen oder am Platz sitzen. In Deutschland undenkbar. Erst am Vorabend unternahm ich in Berlin den kühnen Versuch, ein Lokal maskenlos zu betreten, wurde aber sofort darauf verwiesen, dass das gegen die Hausregeln verstoße. In Neukölln sah ich sogar mit den eigenen Augen, wie der Geschäftsführer einer Bar ab 23 Uhr am Eingang kontrollierte, ob die Gäste per App ihren 3-G-Status belegen konnten.

Hafen von Stettin (Foto: Eugen Zentner)

Am Nachmittag schlendere ich ein wenig durch Stettin. Die Stadt hat eine bewegte Geschichte. Von 1630 bis ungefähr 1720 war sie in schwedischer Hand, wurde im 18. Jahrhundert von russischen und sächsischen Truppen eingenommen, bis sie König Friedrich Wilhelm I. schließlich für Preußen besetzte. Unter der neuen Herrschaft entwickelte sich Stettin zu einer prestigeträchtigen Festungs-, Verwaltungs- und Garnisonsstadt. Während sie später den Ersten Weltkrieg relativ gut überstand, wurde sie 1945 nach den Verbrechen des Nationalsozialismus in einem zerstörten Zustand an Polen übergeben. Die Jahre danach waren vom Sozialismus geprägt. Das drückt sich noch immer in der Architektur aus. Nur wenige Meter von der Altstadt ragen unzählige Plattenbauten empor – alte, teils heruntergekommene Gebäude, deren maroder Charme eine nostalgische Atmosphäre atmet.

Der behäbige Sozialismus hat die Seiten gewechselt

Zwischen abbruchreifen Anlagen, etlichen Baustellen und jeder Menge Imbiss-Stuben finden sich aber auch Straßen mit klassizistischer Architektur, die an Stettins deutsche Vergangenheit erinnern. Durch die Stadt fließt die Oder. Auf den beiden Promenaden laden viele bunte Cafés, Bars und Restaurants zu einem Besuch ein. Wieder stelle ich fest, dass so gut wie niemand eine Maske trägt. Es fühlt sich an wie das Leben vor Corona, unbeschwert und heiter.

Von der Ostseite des Flusses ist lautstark eine Kirmes zu vernehmen. Zwischen Riesenrad, spektakulären Fahrgeschäften, Schießbuden und Essständen „tobt der Bär“. Die Besucher laufen wie Ameisen herum, sie lachen, singen und schreien. Keiner achtet auf den Abstand, niemand kümmert sich darum, ob die Mitmenschen sich an Corona-Regeln halten. Gibt es sie hier überhaupt, grübele ich. Wohl schon, schließlich tragen einzelne Verkäufer und Sicherheitskräfte eine Maske – aber auch dann eher pro forma unter der Nase.

Auf einer Flussinsel nur unweit von der Kirmes entfernt finde ich eine Strandbar. Die Temperaturen sind immer noch hoch, der Durst bleibt unerbittlich. An der Bar hat sich eine riesige Schlange gebildet. Der Zapfhahn arbeitet unermüdlich. Wie es aussieht, genießen hier vor allem junge Leute ihren Sonntag. So gut wie alle Liegestühle sind besetzt. Man unterhält sich, träumt in den Tag hinein oder bewegt sich zur elektronischen Musik, mit der ein DJ für Stimmung sorgt. Wieder kommen in mir Bilder vom gestrigen Abend hoch, an dem ich in Berlin am berüchtigten Club der Visionäre vorbeifuhr. Am Eingang direkt gegenüber war ein Zelt aufgestellt, ein Test-Zentrum für alle, die den Club besuchen wollten. Und das Partyvolk ließ sich tatsächlich darauf ein. Es stand stundenlang an – am Test-Zentrum, danach am Clubeingang und dann auch noch an der Bar. Der behäbige Sozialismus hat die Seiten gewechselt, denke ich, während die Polen um mich herum fröhlich am Bier schlürfen.

Am Abend findet das Finale der Fußball-EM statt. Ich begebe mich in ein Vergnügungsviertel, wo eine Bar auf die andere folgt. Sie alle sind zum Bersten voll, innen wie draußen. Auf der Straße sieht es nicht anders aus. Überall sucht man den nächsten Bildschirm, um ja nichts zu verpassen. Der Alkohol fließt in Strömen. Trunkene Fußballfans grölen und jubeln. Masken? Ich sehe keine. Test-Zentren? Ebenfalls nicht. Und ich sehe auch keine Polizeikräfte, die angesichts der Menschenmassen zur Einhaltung der Abstände auffordern.

Von gesellschaftlicher Spaltung nichts zu spüren

Am nächsten Tag beginnt die neue Arbeitswoche. Schon früh morgens füllen sich die Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel. Größere Supermarktketten öffnen ihre Pforten, darunter auch der deutsche Discounter Lidl. Heute sehe ich schon mehr Menschen mit Maske. In Bussen und Straßenbahnen bilden sie sogar die Mehrheit, wie man als Passant gut sehen kann. Dennoch lassen sich immer noch genügend Passagiere ausfindig machen, die auf einen Mund-Nasen-Schutz verzichten. Streitigkeiten sind so weit nicht zu beobachten. Ich nehme mir vor, überall und an jedem Ort ohne Maske aufzutreten. Mal schauen, ob mich jemand zurechtweist oder gar ausschimpft. Jetzt will ich es wissen; die wenigen Stunden in Polen haben mich geradezu verwegen gemacht.

Mein Weg führt direkt in eine Lidl-Filiale. Die ersten Schritte im Laden sind noch von einer gewissen Unsicherheit geprägt, zumal ich noch niemanden sehe, der so wie ich keine Maske trägt. Doch das legt sich. Der Einkauf verläuft ohne erwähnenswerte Vorkommnisse. Keine bösen Blicke, keine Bemerkungen. Auch an der Kasse ist mein Geld von größerem Interesse als mein offenes Antlitz. Die erste Herausforderung habe ich gemeistert. Das war einfach, denke ich und überlege, welche Institution sich als nächstes für einen Test eignen würde. Da morgen die Weiterfahrt nach Kolberg ansteht, begebe ich mich zum Bahnhof, um ein Ticket zu besorgen.

Im Innenbereich ist das Masken-Verhältnis recht ausgewogen. Das gilt auch für die Schlange vor dem Verkaufsschalter, in der ich eine gute halbe Stunde stehe. Das gibt mir die Gelegenheit, die Szenerie zu beobachten. Alles geht seinen sozialistischen Gang. Die Menschen lassen sich von der Corona-Hysterie nicht anstecken. Wer das Virus ernst nimmt, schützt sich mit einer Maske. Wer nicht, verzichtet auf sie. Das tut vor allem die jüngere Generation, wie mir auffällt. Aber auch Senioren betreten öffentliche Einrichtungen unvermummt, ohne moralische Bedenken oder Angst zu zeigen. Anfeindungen nehme ich nicht wahr. Die Polen leben friedlich neben- und miteinander. Von einer gesellschaftlichen Spaltung ist nichts zu spüren. Alle begegnen sich mit Respekt und Menschlichkeit. Es gibt keine Bevormundung, weder von der einen noch von der anderen Seite. Die Corona-Regeln scheinen wirklich auf Freiwilligkeit zu beruhen, so wie es die Dame im Bus nach Stettin beschrieben hat.

Die Zeit in der Warteschlange verbringe ich, ohne auf meinen Regelverstoß angesprochen zu werden. Auch am Verkaufsschalter ist es kein Thema, so dass ich problemlos meine Fahrkarte bezahlen kann. Am nächsten Morgen steige ich in den Zug und bin gespannt, ob es im Fernverkehr genauso reibungslos abläuft wie zuvor. In der Tat: Die bisherigen Erfahrungen bestätigen sich. Ein Teil der Passagiere trägt eine Maske, der andere lässt sie in der Hosentasche – so wie ich. Der Schaffner fühlt sich dadurch aber nicht genötigt, die vermeintlichen Delinquenten zu ermahnen. Er kontrolliert kommentarlos die Fahrkarte und geht weiter. Hier und da sieht man an den Glasscheiben Aufkleber, die auf die Maskenpflicht verweisen. Ihre Zahl ist jedoch weitaus kleiner als in den deutschen Zügen, wo sich zudem im Fünf-Minuten-Takt eine aufgenommene Stimme meldet, um die Fahrgäste an die geltenden Corona-Regeln zu erinnern. Solche Ansagen fehlen hier völlig.

Kein einziges Plakat für einen Pieks zur Freiheit

Als ich in Kolberg ankomme, weht mir wohltuender Meereswind ins Gesicht. Die Hafenstadt gilt seit jeher als attraktiver Kur- und Badeort. Touristen aus aller Herren Länder kommen hierher, um sich zu entspannen und wieder Kraft zu tanken. Wie Stettin war Kolberg bis 1945 eine deutsche Stadt, bevor sie schließlich in polnische Hand überging. Bekanntheit erlangte sie durch den hartnäckigen Widerstand gegen Napoleons Truppen im Jahr 1807, als selbst die Bürger zu den Waffen griffen, um dem übermächtigen Feind Paroli zu bieten. In der NS-Zeit griff ein gleichnamiger Propagandafilm diese Ereignisse auf, um in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs den Durchhaltewillen der Deutschen zu stärken.

Ostses-Strand bei Kolberg (Foto: Eugen Zentner)

Wie umfangreich ist die Propaganda in Kolberg zu Corona-Zeiten, will ich wissen und frage Lukasz, meinen Gastgeber, in dessen kleiner Plattenbauwohnung ich mich über „Airbnb“ einquartiert habe. Über die Impfkampagne kann er nicht viel berichten. Ja, in den Nachrichten wird darüber gesprochen, aber im persönlichen Freundeskreis oder im Betrieb eher selten. Aufgewühlt wirkt Lukasz bei diesem Thema nicht. Er erzeugt nicht gerade den Eindruck, als breite sich in Polen die Furcht vor einer Impfflicht aus. Von Alarmismus oder Druck nehme ich ebenfalls wenig wahr. Mir begegnet kein einziges Schild, kein einziges Plakat, keine einzige Reklametafel, auf der ein Vakzin als Pieks in die Freiheit beworben wird. Nichts deutet auf eine mediale Dauerbeschallung hin. Corona und Impfung bleiben als Themen dezent im Hintergrund. Das bestätigen Lukasz’ Augen, die immer größer werden, als ich ihm von den Verhältnissen in Deutschland erzähle.

In den nächsten Tagen genieße ich den Urlaub in vollen Zügen. Die Zeit am Strand vergeht wie im Fluge. Auf feinem Sand brutzele ich vor mich hin und gönne mir zwischendurch eine Abkühlung im Salzwasser, das nicht nur meine physischen, sondern auch seelischen Wunden heilt. Zwischendurch verkoste ich die vielen geräucherten Fischsorten, die an jeder Ecke günstig angeboten werden. Zum Nachtisch gibt es Softeis oder frische Waffeln mit Obst und Sahne. Die Corona-Politik zu Hause verblasst zunehmend. Die pittoresken Sonnenuntergänge erinnern daran, wie wenig man braucht, um sich glücklich zu fühlen. Abends spaziere ich die Promenade entlang, atme die touristische Atmosphäre ein und genehmige mir den einen oder anderen Mojito, bevor die Nacht mich in ihre Arme nimmt.

Diese unnachahmliche Stimme der Moral

Am sechsten und letzten Tag vor meiner Abreise ziehe ich Bilanz. Bislang habe ich nicht ein einziges Mal eine Maske aufgesetzt. Ob im Zug oder im Restaurant, ob im kleinen Mischwarenladen oder im Supermarkt, nirgends habe ich ein Sterbenswörtchen gehört – nicht einmal in großen Hotels, wo ich Geld wechselte. Doch eine letzte Herausforderung steht noch bevor. Am Abend besuche ich ein Konzert der polnischen Rockgruppe Dżem. Immerhin handelt es sich um eine Großveranstaltung mit mehreren Hundert Gästen. Zumindest hier wird man sich doch befleißigen, eine Maskenpflicht durchzusetzen. Das legt auch die Rückseite des Tickets nahe, auf der alle Corona-Regeln groß abgebildet sind. Aber nein, auch hier herrscht völlige Normalität. Kein Mensch trägt eine Maske. Der Zutritt wird problemlos gewährt, man braucht weder mit einer Luca-App noch mit einem QR-Code einzuchecken.

Das Event ist gut besucht. Die Fans rocken vor der Bühne, als gäbe es kein Morgen. Für mich ist es das erste Konzert seit anderthalb Jahren. Es ist ein schöner Abschluss eines gelungenen Urlaubs, der mich wieder beflügelt hat. Am Tag darauf fahre ich mit frischer Energie zurück nach Berlin, voller Mut und Hoffnung. In dem Ersatzbus über die Grenze denke ich erst gar nicht daran, eine Maske aufzuziehen. Auch die anderen Fahrgäste scheinen diese Pflicht vergessen zu haben. Selbst in dem anschließenden Regionalzug leben wir die neugewonnene Freiheit aus, ohne sich von den vielen Maskenträgern einschüchtern zu lassen. Das Gemeinschaftsgefühl stärkt uns. Doch dann trennen sich allmählich die Wege, und ich knicke spätestens in der S-Bahn unter den finsteren Blicken ein. Die Realität holt mich mit voller Wucht ein. Scham kommt in mir hoch, ein Hauch melancholischer Bedrücktheit.

Vermutlich würde ich mich nicht so schlecht fühlen, wenn ich in Polen wegen meiner Maskenmuffeligkeit wenigstens einmal angeherrscht worden wäre. Das hätte den eklatanten Kontrast zwischen beiden Ländern zumindest abgeschwächt und nicht die Gewissheit verstärkt, mittlerweile in einem autoritären Staat zu leben. Also versetze ich mich gedanklich wieder zurück nach Polen, träume mich in diese aus deutscher Sicht anarchische Welt und stelle mir vor, wie dort doch noch jemand mit einem deutlichen Machtwort auf die Maskenpflicht verweist. Es ist ein innerer Drang nach psychischer Selbstentlastung. Und dann höre ich sie tatsächlich, diese unnachahmliche Stimme der Moral. Sie kommt von einer Frau hinter mir, die gerade ihren Mund-Nasen-Schutz aufsetzt und dabei laut durch den ganzen Waggon schreit: „Ordnung und Disziplin, ihr Arschlöcher!“
Deutschland, auf dich ist Verlass!

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