von Michael Fischer und Martina Binnig
Lesedauer 4 Minuten
Der am 3. April im 1bis19-Magazin veröffentlichte Artikel „Die Illusion des Heiligen Krieges“ von Douglas Rushkoff hat für eine Kontroverse im Vorstand der Initiative gesorgt. Während einige Vorstands- und Redaktionsmitglieder mit dem Text mitgehen können, lehnen andere ihn als inhaltlich problematisch ab. Insbesondere die Aussage Rushkoffs, dass Israel das gewaltsame Kolonialprojekt seiner Vorgänger fortsetze, wird von einem Teil des Vorstands nicht mitgetragen. 1bis19 war als Bürgerinitiative in Reaktion auf die verfehlte Corona-Politik gegründet worden. Hier herrschte weitgehende Übereinstimmung. Bei anderen Themen sind sich die Mitglieder jedoch keineswegs einig. Das ist wohl exemplarisch für alle kritischen Bewegungen, die während der Coronajahre entstanden sind.
Rushkoffs Essay will einen großen Begriff entzaubern: „Heilige Kriege“ seien keine religiöse Wahrheit, sondern ideologische Konstruktionen, mit denen Gewalt nachträglich gerechtfertigt werde, so der Autor. Diese Grundidee ist plausibel und knüpft an eine verbreitete wissenschaftliche Sicht an: Konflikte entstehen selten aus Religion allein, sondern aus einem Zusammenspiel politischer, ökonomischer und sozialer Faktoren. Problematisch wird der Text jedoch dort, wo diese These auf aktuelle Konflikte übertragen wird. Hier zielt Rushkoff auf den Nahen Osten – auf das Spannungsfeld zwischen Israel, den USA und Akteuren wie Iran, Hamas oder Hisbollah. Dabei entsteht eine gewisse Schieflage: Religiöse Narrative auf westlicher Seite werden hervorgehoben, während sie bei den anderen Akteuren weniger stark gewichtet werden, obwohl sie dort oft explizit Teil der Ideologie sind. Diese asymmetrische Darstellung schwächt die analytische Überzeugungskraft des Textes.
Fehlende Selbstreflexion
Hinzu kommt eine deutlich erkennbare religionskritische Grundhaltung. Religion wird durchgehend als Problemquelle dargestellt, ohne dass vergleichbare Dynamiken in säkularen Ideologien berücksichtigt werden. Dabei können auch politische Weltanschauungen sinnstiftende Narrative und moralische Absolutheitsansprüche entwickeln, die unter Umständen zur Legitimation von Gewalt beitragen. Diese Perspektive bleibt im Text weitgehend ausgeblendet. Auffällig ist zudem die fehlende Selbstreflexion: Während religiöse Deutungsmuster konsequent dekonstruiert werden, bleiben die eigenen weltanschaulichen Voraussetzungen des erklärten Marxisten und Club-of-Rome-Mitglieds Rushkoff im Hintergrund.
Auch die Ausführungen des Autors etwa zu Trump sind ‒ vorsichtig gesagt ‒ meinungsstark. So spricht Rushkoff davon, dass Trump etwas von dem „genozidalen Kolonialismus, der Sklaverei, dem Rassismus und der Ausbeutung“ offenbare, die nötig gewesen seien, damit dieses Land dahin gelangen konnte, wo es heute sei. Außerdem behauptet Rushkoff: „England konnte seine Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr kontrollieren. Es übergab einen Teil Palästinas den Juden und einen Teil den Palästinensern. Niemand sonst wollte die Juden dort haben, sodass Krieg ausbrach und Israel seither sein Recht, dort zu sein, aggressiv verteidigt.“
Palästina-Begriff
Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Richtig ist: Das nach dem Ersten Weltkrieg gebildete britische Mandat Palästina wurde 1921 in das arabische Gebiet Transjordanien, das 1950 in Jordanien umbenannt wurde, und ein wesentlich kleineres Gebiet westlich des Jordans für jüdische Ansiedlungen geteilt. Die Schaffung eines gemeinsamen jüdisch-arabischen Staates in Palästina scheiterte letztlich an der antijüdischen Haltung der arabischen Seite. Unmittelbar nach Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 überfielen dann die arabischen Nachbarstaaten das Land, wobei Israel die vereinigten arabischen Streitkräfte besiegte. 1964 wurde die PLO gegründet, die in der 1968 angenommenen Palästinensischen Nationalcharta ihren Anspruch auf das vollständige ehemalige britische Mandat festschrieb. Alle Kompromissvorschläge zur Gründung eines arabischen Palästina-Staates wurden von der PLO kategorisch abgelehnt.
Dabei hat erst PLO-Vorsitzender Jassir Arafat aus taktischen Gründen überhaupt den Namen „Palästinenser“ eingeführt. Am 31. März 1977 gestand der PLO-Politiker Zahir Muhsein in einem Interview mit der holländischen Zeitung Trouw zudem unmissverständlichein: „Ein palästinensisches Volk existiert nicht. Die Schaffung eines Palästinenserstaats ist nur ein Mittel, um unseren Kampf gegen den Staat Israel zugunsten unserer arabischen Einheit fortzusetzen. In Wirklichkeit gibt es heute keinen Unterschied zwischen Jordaniern, Palästinensern, Syrern und Libanesen. Nur aus politischen und taktischen Gründen sprechen wir heute über die Existenz eines palästinensischen Volkes, weil arabische nationale Interessen verlangen, dass wir die Existenz eines bestehenden ‚palästinensischen Volkes‘ setzen, um dem Zionismus entgegenzustehen. Aus taktischen Gründen kann Jordanien, was ein souveräner Staat mit definierten Grenzen ist, nicht Ansprüche auf Haifa und Jaffa stellen, während ich, als ein Palästinenser, zweifelsfrei Haifa, Jaffa, Be’er Scheva und Jerusalem beanspruchen kann.“
Meinungsunterschiede ohne Brandmauer
Muhsein hat Recht. Die angebliche Verwurzelung eines eigenständigen palästinensischen Volkes in Palästina seit der Antike ist ein Mythos. Tatsächlich wurde die arabische Sprache und Kultur im 7. Jahrhundert n. Chr. in das damals christliche byzantinische Palästina gebracht. Hingegen haben Juden seit der Antike ununterbrochen in Palästina gelebt. Durchaus treffend stellt Rushkoff denn auch fest, dass die Linke die Israelis als „weiße, zionistische Kolonialisten auf dem Gebiet eines indigenen Volkes“ ansieht. In der Realität sind heute jedoch 20 Prozent der israelischen Bevölkerung Araber und gleichzeitig loyale Bürger Israels. Darüber hinaus hat es bereits faktisch eine Zweistaaten-Lösung gegeben: Israel hatte sich bekanntlich 2005 komplett aus dem Gazastreifen zurückgezogen, der daraufhin seit 2007 von der Hamas regiert wird. Mit desaströsem Ergebnis. Schließlich wurde in der Hamas-Charta von 1988 klipp und klar das Ziel festgelegt, Israel zu vernichten.
Auch in Anbetracht dieser historischen Fakten ist Rushkoffs Artikel zumindest als analytisch verkürzt und einseitig zu bewerten. Doch unterschiedliche Meinungen sind normal. Entscheidend ist: Wir ziehen keine Brandmauer untereinander, sondern uns verbindet dennoch das gemeinsame Engagement für die Wahrung der Artikel 1 bis 19 des Grundgesetzes!
Beide Beiträge ignorieren mE wesentliche Punkte:
a) (religiöse) Juden sehen sich als “auserwähltes Volk Gottes” mit einem göttlichen Auftrag gegenüber allen anderen Menschen und der ganzen Welt, Exzeptionalismus -> Abgrenzung -> Ablehnung
b) die Briten haben nicht nur einfach ein gewaltsam unterworfenes Gebiet aufgeteilt sondern die gewünschte Folge ist eine Verdrängung der dort lebenden Bevölkerung (-> illegale jüdische Siedler) UND eine ständige Kontrollbastion der Briten in der ölreichen Region (Geopolitik)
c) Zionismus ist ein Projekt, das VOR der Shoa begonnen wurde (siehe zB Moses Hess). Ultraorthodoxe Juden sehen in der Shoa sogar eine (verdiente) Strafe Gottes für das jüdische Volk (die Sünden wären auf der einen Seite Assimilation und andererseits Zionismus)
d) Juden sind vielleicht das meistmissbrauchte und meistgequälte Volk der Welt – und zwar am allermeisten (über die Geschichte, über 2000 oder mehr Jahre gesehen) durch Juden selbst – das begann schon mit der Selbstauferlegung der Diaspora, und somit einem ständigen Außenseitertum in oft feindlichen Umgebungen