Katapultiert Corona uns in eine neue Epoche?

Gastbeitrag von Tristan Nolting

Die Beitragsreihe “Wie geht’s weiter” beleuchtet offen die Frage, wie es mit unserer Gesellschaft weitergehen kann. Hat die Corona-Zeit Probleme zu Tage gebracht, die wir beleuchten sollten? Sind wir mit dem Status Quo unseres Zusammenlebens zufrieden? Wir lassen in den kommenden Monaten Menschen aus Politik, Wirtschaft, aus den Medien, dem Bildungsbereich und der Kultur zu Wort kommen.

Lesedauer 8 Minuten

Alle Jahre wieder stellen sich der Menschheit existenzielle Fragen, die von einer menschlichen Krise ausgehen. Ich schreibe hier bewusst und ohne Wertung von einer „menschlichen Krise“ und nicht von einer „menschengemachten Krise“. Denn egal von welcher Seite wir auf die COVID-19-Krise schauen – ob von der Maßnahmen-befürwortenden Seite oder von der Maßnahmen-kritischen Seite – wir merken, es läuft etwas falsch.

Ich wüsste gerne, was wohl die bekannten und modernen Denker Vera F. Birkenbihl, Erich Fromm, Hans-Peter Dürr, Karl R. Popper oder Paul Watzlawick zur derzeitigen Situation in Deutschland gesagt hätten. Ich, der ich durch die genannten Personen stark beeinflusst wurde, habe Folgendes für mich erkannt. Gesamtgesellschaftlich lässt sich derzeit ein Abwärtstrend feststellen: Weg von der Toleranz hin zur Bildung von Fronten, die sich immer weiter voneinander entfernen. Die meisten Menschen werden gemerkt haben, wie die unterschiedlichen Meinungen bezüglich des „unsichtbaren Feindes“, wie das Virus dilettantisch von Presse, Politikern und Wissenschaftlern genannt wurde (und teilweise immer noch wird), zur Spaltung der Gesellschaft geführt hat. Die Ursache für die soziale Spaltung liegt jedoch nicht am Virus selbst. Vielmehr lässt sich ein Krieg gegen das Unsichtbare generell konstatieren, der sich nur durch die Angst vor dem Virus hat instrumentalisieren lassen. Insofern ist „Corona“ nur der Höhepunkt eines Zirkus-Aktes, der sich als Verbannung des Geistigen und Spirituellen in der westlichen Welt offenbart.

Wann der Abwärtstrend – weg vom Geist, hin zum Körper – begonnen hat, lässt sich schwerlich feststellen. Es gab sicherlich einige Schlüsselpunkte in der westlichen Geschichte. Diese wollen wir an dieser Stelle jedoch nicht weiter behandeln, da wir lieber auf unsere Epoche schauen sollten. Wer die Wissenschaften studiert, merkt, dass das Sammeln von Erfahrung und Wissen rein materiell-quantitativer Art ist. Die durch den Cartesianismus eingeführte Idee, dass Geist und Körper zwei voneinander getrennte und unabhängige Instanzen (Leib-Seele-Dualismus) sind, hat die Postmoderne fest im Griff. Ansonsten wäre eine andere Sicht auf die COVID-19-Pandemie, aber auch auf andere menschliche Krisen garantiert. Diese Idee beeinflusst nach wie vor nicht nur die moderne Philosophie, sondern auch diverse andere Disziplinen, wie etwa die moderne Medizin. Und auch wenn zunehmend der Widerspruch auffällt, dass der Leib-Seele-Dualismus zur immer weiteren Abstraktion und zum Verlust der Wirklichkeit führt, so merken viele Menschen, dass es nahezu erschütternd und prekär ist, zu versuchen, den Zug zu stoppen. Der Zug rast bereits mit Volldampf in Richtung eines völlig ent-geist-erten gesellschaftlichen Zusammenlebens. Gibt es ein zurück?

Vielleicht kann die Erschütterung der COVID-19-Krise dazu beitragen, den Menschen aus seiner Bewusstlosigkeit wachzurütteln

Schließlich birgt jede Krise auch eine Chance – oder anders ausgedrückt: Je dunkler es wird, desto heller brennt auch das Licht, welches die Nacht erleuchtet.

Versteht mich nicht falsch: Weder bin ich ein Fan von radikalen Methoden, die den Menschen dazu bewegen sollen, sein Verhalten zu verändern, noch glaube ich daran, dass Politiker oder TV-Intellektuelle mit ihren Patent-Lösungen den individuellen Menschen notfalls auch mit der Macht des Staates dazu bringen können, die Menschheit zu erretten. Denn bereits hier ist die Frage zu stellen – wovor muss der Mensch in unserer Epoche gerettet werden? Vor den bösen „unsichtbaren Viren“? Dem „unsichtbar voranschreitenden Klimawandel“? Oder womöglich gar vor seinem „unsichtbaren und unvollständigen Selbst“?

Vielleicht ist es gerade jene Prämisse unserer Epoche: Der moderne Mensch will vor dem Unsichtbaren gerettet werden, obwohl das Unsichtbare immer auch als geistig-spirituelle Komponente des Menschen essenziell ist. So scheint es geradezu ein Selbstverständnis zu sein, dass der moderne Mensch von anderen (Politikern, Wissenschaftlern etc.) gerettet werden will, ungefragt dessen, ob er gerettet werden muss. Oder besser noch: Da sich der moderne Mensch ausschließlich über seinen Körper identifiziert, könnte ihn da nicht schlussendlich die Technik von seinem Kampf gegen das Unsichtbare erlösen? Wenn die Menschheit also in 200 oder 300 Jahren auf den Anfang des 21. Jahrhunderts zurückblickt, wie würden sie diese Epoche (nach der Postmoderne) wohl nennen? Ausgehend von den Tendenzen in der Gesellschaft bleiben für mich zwei realistische Möglichkeiten:

  1. Technizismus: Die Technik wird als absolut gesetzt – für den Menschen ist kein weiterer Fortschritt mehr ohne Technik denkbar
  2. Animismus: Die Wirklichkeit wird von Geist (und Geistwesen, engl. spirits) beseelt, der die weitere Entwicklung bedingt – der Mensch integriert dies in sein gesellschaftliches Zusammenleben

Im ersten Falle wird der weitere Fortschritt der Menschheit abhängig gemacht von jeder Art von Technik (wie es beispielsweise in der modernen Medizin bereits erkennbar ist), die dem rein körperlichen Menschen ein gewisses Maß an Erlösung vor den Gefahren der äußeren Welt bringt. Immer bessere Maschinen (z.B. Beatmungsgeräte, Chemotherapie etc.), Masken, Micro-Chips, Medikamente & Co. sollen den Menschen vor dem „unsichtbaren Feind“ schützen. Das Leben selbst wird zunehmend unter dem Gesichtspunkt technischer Möglichkeiten verstanden. Diverse Technikdystopien haben sich dieser möglichen Zukunft bereits angenommen und auf die Gefahren hingewiesen, die durch den materiellen Sicherheitsfanatismus entstehen. Im Anhang findet sich einiges an Literatur hierzu.

Im zweiten Falle gewinnt die Menschheit das Bewusstsein für die geistigen Eigenschaften der Wirklichkeit zurück, was in vergangenen Kulturen (wie im alten Ägypten) noch vorhanden gewesen ist. Der Animismus ist also gleichzeitig eine Rückbesinnung an das Wissen antiker Kulturen. Dazu gehört auch die Integration von spirituellen, geisteswissenschaftlichen und transpersonalen Erkenntnissen in die „Mainstream-Wissenschaft“, wie der Naturphilosoph und Bewusstseinsforscher Jochen Kirchhoff sie nennt. Dass sich die Abstraktion der Naturwissenschaft analog mit der Perversion der geistigen Qualität des Menschen und der Ausbeutung der Natur vollzogen hat, dafür hat Jochen Kirchhoff in seinem Buch „Was die Erde will“ eindrückliche Argumente geliefert:

„Wer die Himmelswüste postuliert, wird früher oder später auch den ihn tragenden irdischen Boden zur Wüste machen.“ (Kirchhoff, 2009)

Ein Wissenschaftler sollte sich durchaus der Errungenschaften der Wissenschaft bewusst sein: so etwa die Fortschritte Medizin (Lebenserwartung, Hygiene etc.), Kommunikation, Infrastruktur und Wohlstand. Dies ist nicht zu leugnen. Jedoch sollte sich ein Wissenschaftler auch über die aktuellen Fehler und Ungereimtheiten des Systems Wissenschaft bewusst sein. So etwa das fehlende Verständnis von Gesundheit und Krankheit (und was eigentlich Heilung ist), die Unfähigkeit zur Klärung existentieller Fragen der Menschen (Was sind wir eigentlich: Biocomputer, höhere Tiere, beseelte Lebewesen oder etwas ganz anderes? Warum sind wir: Darwinismus, Kreationismus, Simulation oder etwas ganz anderes?), die fehlende interdisziplinäre Zusammenarbeit (insbesondere auch in Krisenzeiten) oder aber die stark vorherrschende Tendenz, „unwissenschaftliche“ Meinungen auszugrenzen und zu diffamieren (hierauf wies bereits der bekannte Physiker Hans-Peter Dürr hin). Alles in allem hat die Wissenschaft zum quantitativ-materiellen Erleben des Menschen beigetragen, nichts oder wenig jedoch zu seinem qualitativ-geistigen Erleben. Anders formuliert: Die Wissenschaft hat nichts zur Zufriedenheit oder zum Frieden beigetragen, teilweise ist sogar das Gegenteil passiert.

Sich gegenseitig zuhören? Die Meisten sind nicht fähig dazu

Auch hierfür würden sich zahlreiche Beispiele finden lassen. Allerdings ist es nicht immer hilfreich, nur zu kritisieren. Selbst wenn dies auf konstruktivem Wege geschieht, muss auch die Bereitschaft dafür da sein, überhaupt erst zuzuhören. Und diese Krise hat vor allem eines für mich bewiesen: Die meisten Menschen sind unfähig, sich gegenseitig zuzuhören. Ob dies wohl auch mit der verkümmerten geistig-spirituellen Komponente der Gesellschaft zu tun hat?

Auch hier könnte ich wieder Gründe dafür anführen, weshalb dies so ist – zum Beispiel aufgrund des psychologischen Nebels, den vor allem die bekannte Management-Trainerin Vera F. Birkenbihl ab den 1970ern in Deutschland bekannt gemacht hat. Aber dies ist nicht zielführend. Sinnvoller wäre es, sich anzuschauen, ob die weitere Aufklärung und Aufbereitung von Informationen überhaupt gebraucht wird. Ist also überhaupt noch ein Bedürfnis nach Informationen über die COVID-19-Pandemie vorhanden?

Aus meiner eigenen Erfahrung würde ich dies verneinen und ich bin mir auch sicher, dass du, lieber Leser, mir zustimmen würdest. Die Fronten sind inzwischen so stark erhärtet, dass ein Meinungsumschwung über bestimmte Themen (ob beispielsweise das Fortbestehen der epidemischen Lage von nationaler Tragweite gerechtfertigt ist) eher die Ausnahme ist als die Regel. Ich glaube, dass die Diskussionen, die derzeit geführt werden, egal wie argumentiert wird, kaum noch zu einem fruchtbaren Ergebnis führen werden, mit dem alle zufrieden sind. Daher hoffe ich eher darauf, dass sich in Zukunft Projekte und Versuche mehren werden, die dem Animismus Vorzug gegenüber dem Technizismus geben, sodass sich die Menschen ihre Zufriedenheit selbst zurückholen und sich nicht mehr auf andere verlassen. Anstatt davon auszugehen, dass Menschen einander vor dem Virus durch die Maske schützen, könnte das eigenverantwortliche Handeln (Immunsystem!) in die Köpfe der Menschen zurückkehren. Anstatt immer weiter im Außen nach der Lösung der Misere zu suchen, könnte der Mensch lernen, nach innen zu schauen. Auch der britisch-österreichische Wissenschaftsphilosoph Karl R. Popper sah die Eigenverantwortung (als immanente Eigenschaft) als eine Grundvoraussetzung jeder Demokratie.

Epoche des Umschwungs?

Die Postmoderne könnte sich also als eine Epoche des Umschwungs und des Überdrusses der materialistisch-außengerichteten Perspektive erweisen. Sodann kann der Mensch seinen notwendigen Gegenpol zum Körper, den Geist, wieder neu kennenlernen und sich ein Bewusstsein schaffen, welches die erheblichen Limitationen in der Wahrnehmung der Wirklichkeit überwinden kann. Der indische Philosoph und Geistliche Jiddu Krishnamurti sagte einst sehr passend:

„Die Wandlung der Gesellschaft ist nicht so wichtig; sie wird sich natürlich und zwangsläufig ergeben, wenn der Mensch die innere Wandlung vollzogen hat.” (Krishnamurti, 1999)

Die innere Wandlung oder auch Selbsterkenntnis kann auf unterschiedlichsten Wegen erreicht werden. Man muss nicht in einen Yoga-Kurs gehen, noch muss man mir glauben, um sich selbst und seinen Geist zu erkennen. Wichtiger ist es, sich mit sich selbst und seinen Bedürfnissen zu befassen und sich ein Umfeld zu schaffen, in welchem individuelles Wachstum und Selbstverwirklichung möglich ist. Fragen, die du dir also stellen solltest, sind:

  1. Was tragen herkömmliche Medien zu meinem Wohlbefinden bei?
  2. Kann ich meine Aufmerksamkeit besser investieren als in Politiker, die stets das Blaue vom Himmel versprechen oder die in ständiger Angst vor dem großen Unbekannten leben?
  3. Womit kann ich mich identifizieren und was möchte ich unterstützen?   

In gewissem Maße hat diese Krise (gelinde gesagt) also auch ihre Vorteile: Alte Gewohnheiten können aufgebrochen werden und der moderne Mensch fängt an herauszufinden, was er wirklich will. Das vom amerikanischen Psychologen Abraham Maslow definierte Bedürfnis nach Selbstverwirklichung erhält somit einen neuen Stellenwert. Und ich stelle einfach mal in Aussicht, dass sich sehr viele Probleme lösen könnten, wenn jeder Mensch ganz individuell für sich erkennt, wodurch er sich verwirklichen kann.

Vielleicht ist die dadurch entstehende Epoche des Animismus zugleich auch eine Epoche der Be-GEIST-erung?

Abbildung: Die Bedürfnispyramide als Sinnbild der Theorie der Bedürfnishierarchie nach Maslow (Maslow selbst nutzte dieses Sinnbild nicht). In der Bedürfnispyramide geht es um die Motivation eines Menschen, bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen. Die Motivation ist entsprechend höher, wenn der Mensch auch einen „höheren Sinn“ in seinen Bedürfnissen sieht. Bleibt der Mensch aber auf einer niedrigeren Stufe wie der körperlicher Grundbedürfnisse stehen, obwohl er die Möglichkeit hat, sich selbst höher zu denken, entstehen geistige Probleme, die das Erleben beeinträchtigen können. *Eigene Darstellung

P.S. Ich habe hier bewusst keine Projekte vorgestellt, die ich für sinnvoll halte. Jeder Mensch muss für sich selbst entscheiden, worin er seine Zeit investieren möchte. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, wer Wissen über sich selbst gewinnt, im entfernten Sinne auch „Selbstbewusstsein“ hinzu gewinnt, der wird ganz frei und eigenständig diese Wahl treffen können.

Weiterführende Literatur & Vorträge:

Birkenbihl, V. F. (2006). Viren des Geistes. Seminar. EAN: 4051238007725

Birkenbihl, V. F. (2006). Pragmatische Esoterik. Seminar. EAN: 4260057819499

Dürr, H. P. (1997). Das Geistige ist die treibende Kraft. forschenlernen. Youtube Deutschland. URL: https://www.youtube.com/watch?v=lrgQakHPRP8

Dürr, H. P. (2011). Warum es ums Ganze geht. GLOBART. Youtube Deutschland. URL: 

https://www.youtube.com/watch?v=RKma6xCTIBE

Fromm, E. (1993). Furcht vor der Freiheit. dtv. ISBN: 3423350245 

Kirchhoff, J. (2009). Was die Erde will: Mensch, Kosmos, Tiefenökologie. Drachen Verlag. ISBN: 3927369373 

Kirchhoff, J. (2020). The Great Reset als Technische Welterlösung? Youtube Deutschland.
URL: https://www.youtube.com/watch?v=Kgnj2zTzcxc

Krishnamurti, J. (1999). Jenseits der Gewalt. Ullstein. ISBN: 3548358004

Nolting, T. (2021). Moderne Medizin. Was läuft falsch in der Heilkunde des 21. Jahrhunderts? DENKMAL Podcast. Youtube Deutschland. URL:

https://www.youtube.com/watch?v=hTYIrwyN_vg

Popper, K. R. & Kiesewetter, H. (2003). Gesammelte Werke 5: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1: Der Zauber Platons. Mohr Siebeck, 8. Auflage. ISBN: 9783161480683

Watzlawick, P. (2009). Eine Anleitung zum Unglücklichsein. Piper, 15. Auflage. ISBN: 3492249388. 

Technikdystopien:

Brooker, C. (2017). Black Mirror. Netflix. URL:

https://www.netflix.com/de/title/70264888

Orwell, G. (1994). 1984. Ullstein. ISBN: 3548234100

Kling, M. U. (2019). QualitityLand. Ullstein. ISBN: 3548291872

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