Istanbul: Mit und ohne Maske

Ein Reisebericht von René Blažević

In der Türkei gibt es derzeit eine ganze Reihe an Beschränkungen und Vorgaben zum Thema Corona. Doch wie werden diese in der Realität umgesetzt?
Ein Reisebericht aus der Stadt am Bosporus.

Lesedauer 6 Minuten
© Andrew Liu

Wenn man am Flughafen von Istanbul ankommt, fällt zu allererst auf, dass man immer wieder Fluggäste sieht, die ihre Masken entweder unter der Nase, am Kinn oder bisweilen nur an einem Ohr hängend tragen. Die Sicherheitskräfte scheint das nicht zu interessieren.

Zunächst heißt es anstehen zur Passkontrolle. Dicht an dicht gedrängt stehen hunderte Menschen an. Abstand? Fehlanzeige.

Wer einen Reisepass mitführt, erhält nach kurzem Vergleich des Fotos einen Stempel in das Dokument. Deutsche dürfen mit ihrem Personalausweis einreisen und bekommen einen kleinen Zettel mit Stempel ausgehändigt. Dieser bescheinigt, dass die Einreise mit eben solchem stattgefunden hat. Man steht vor Zollbeamten, die in kleinen Kabinen zusammen sitzen – manche mit, andere ohne Maske. Einen negativen Corona-Test möchte niemand sehen. Nicht einmal das Dokument zur digitalen Einreiseanmeldung. Nach dem Verlassen des Flughafens steht man nun in einer riesigen Menschenmenge. Es ist laut, Menschen warten auf ihre Verwandten, Taxifahrer schreien, man solle zu ihnen kommen. Fast niemand trägt eine Maske.

Der von uns gebuchte Uber-Fahrer begrüßt uns vor dem Auto und lädt unser Gepäck ein. Er trägt eine Maske. Wir steigen in sein Fahrzeug, jedoch ohne uns ebenfalls eine solche aufzusetzen. Es scheint für den Mann in Ordnung zu sein: Während der annähernd einstündigen Fahrt werden wir kein einziges Mal dazu aufgefordert, eine Maske zu tragen. In der Stadt angekommen, sehen wir überall Menschen, die ihrem Alltag nachgehen. Einheimische, die in Geschäften, Restaurants und Hotels arbeiten oder aus sonstigen Gründen auf der Straße umherlaufen. Touristen, die sich die Stadt anschauen. Wieder fällt auf, dass allenfalls die Hälfte von ihnen eine Maske trägt. Hiervon tragen wiederum viele die medizinische Maske lediglich am Kinn. Und selbst wenn Menschen eine Maske tragen – auf Abstand scheint hier niemand zu gehen. Das alles ist verblüffend, gilt in der Türkei doch offiziell eine strenge Maskenpflicht. Auf der Seite des Auswärtigen Amts heißt es wörtlich: „Im gesamten öffentlichen Raum, in Supermärkten und in öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Tragen von Schutzmasken Pflicht. Soziale Distanz (drei Schritte Abstand) wird eingefordert.“

Verordnung und Umsetzung

Am nächsten Morgen laufen wir einige Minuten durch kleine und ruhige Straßen, bevor wir auf der Suche nach einem Geldautomaten an einer großen Kreuzung anlangen. Es ist die Haltestelle Karaköy, direkt an der bekannten Galata-Brücke, welche die Altstadt Istanbuls mit den neueren Vierteln verbindet. Was uns zuerst auffällt: Es ist voll! Hunderte Menschen und Autos schieben sich zeitgleich über die Straßen und Fußwege der Kreuzung. Erneut trägt nur etwa die Hälfte der Passanten eine Maske. Erneut stehen die Menschen dicht an dicht beisammen.

Weiter geht es nun auf der Suche nach einem angemessenen Frühstück. Nach kurzer Zeit erreichen wir die Mumhane Caddesi, eine gemütliche kleine Straße mit vielen Cafés und Restaurants. Immer wieder werden wir angesprochen und eingeladen, Platz zu nehmen. Masken? Fehlanzeige. Als wir uns schließlich von einem der vielen Angebote hinreißen lassen, nehmen wir Platz und bestellen unser Frühstück. Die Kellner tragen keine Masken und auch die Gäste nicht. Wegen des schönen Wetters sitzen alle an den Tischen vor dem Restaurant, doch auch hier ohne Abstand dicht an dicht. Neben unserem Tisch hängen zwei Schilder: Auf einem der beiden werden Gäste aufgefordert, Masken zu tragen. Auf dem zweiten Schild ist ein Plan angebracht, welche Tische besetzt werden dürfen. Es wird außerdem erklärt, dass zwischen allen Tischen ein Mindestabstand von 1,50 m einzuhalten ist und die Kapazität des Lokals nur zu 50 % ausgeschöpft werden darf. Die Umsetzung jedoch scheint hier niemanden zu interessieren.

Als wir später einen der kleinen Kaufmannsläden betreten, um uns mit Wasser einzudecken, trägt der Verkäufer seine Maske am Kinn. Es stört ihn nicht, dass wir keine Masken tragen.

Auch in der Asmalı Mescit Caddesi, einer Straße mit vielen kleinen Restaurants und Bars in Beyoglu, trägt kaum jemand eine Maske. Als wir eines der Lokale zum Abendessen betreten, trägt hier keiner der Gäste eine Maske und auch von den Mitarbeitern trägt sie nur einer.

Man bittet uns freundlich hinein und bedient uns. Aber nicht nur, dass man sich nicht an unserer fehlenden Gesichtsbedeckung stört: Weder ein Impfnachweis, noch ein Test oder der obligatorische HES-Code wird verlangt. Den Code erhält man nach der digitalen Reiseanmeldung vor der Einreise und soll ihn offiziell überall einscannen müssen.

Einen Tag später kommen wir in den gleichen Kaufmannsladen wie am Tag zuvor. Ein anderer Verkäufer sitzt nun an der Kasse. Als wir bezahlen wollen, zieht er seine Maske hoch. Aufgefordert, selbst eine Maske zu tragen, werden wir nicht.

Als wir später am Tag zum ersten Mal die Straßenbahn nutzen, trägt jeder dort eine Maske. Nur ein älterer Herr trägt sie am Kinn. Anders als in Deutschland scheint sich niemand für unsere fehlenden Masken zu interessieren.

Auch an den großen Sehenswürdigkeiten wie der Hagia Sophia und der Blauen Moschee sind hunderte Menschen unterwegs. Neben den vielen maskenlosen Touristen stehen hier außerdem Polizei und Militär bereit, doch auch dessen Aufmerksamkeit gilt weder Maskenpflicht, noch Abstandsregeln. Beim Betreten der Hagia Sophia stehen Polizeibeamte bereit und rufen doch den Touristen immer wieder zu: „Maske! Maske!“. Im Inneren der ehemaligen Kirche sieht es dann aber doch wieder ganz anders aus: Viele Menschen nehmen ihre Masken herunter, um Fotos zu machen oder tragen sie halbherzig unter der Nase oder gar am Kinn. Weitere Polizeikontrollen? Nicht vorhanden.

Sicherheit am Basar

Auf dem Ägyptischen Basar, der sich vom Hafen der Altstadt, bis zum Großen Basar weiter im Süden erstreckt, sind viele Menschen unterwegs. Alle drängen sich dicht an dicht durch die engen Gassen. Aus deutscher Sicht kann man es kaum glauben, es wirkt wie eine Reise in die Vergangenheit. Das einzige, was noch an Corona erinnert, sind die Masken, die erneut etwa die Hälfte der Menschen trägt. Ansonsten ist es hier teilweise kaum möglich zu laufen, weil die Menschen so dicht gedrängt stehen. Es wird hitzig diskutiert, Lebensmittel hängen unverpackt vor den Ständen. Immer wieder sieht man Menschen, die Lebensmittel anfassen, prüfen, und dann doch weitergehen.

Am Eingang zum Großen Basar steht ein Sicherheitsbeamter. Vor ihm steht ein großer Metalldetektor, den jeder Besucher passieren muss. In seiner Hand ein weiterer Scanner. Beim Passieren des Detektors piept nichts, er scheint ausgeschaltet zu sein. Auch für unsere fehlenden Masken interessiert sich erneut niemand. Innerhalb des Großen Basars sieht man so gut wie niemanden mit einer Maske herumlaufen. Der bekannte Ort ist verhältnismäßig leer, und so sitzen die einzelnen Händler häufig zusammen, rauchen gemeinsam, unterhalten sich angeregt.

Alles in allem verliefen die weiteren Tage in Istanbul genauso ab. Nur am letzten Abend wurde ich in der Straßenbahn von einer jungen Frau und ihrer vermeintlichen Mutter auf energische Weise darauf hingewiesen, eine Maske zu tragen. Der Polizist am Eingang des Bahnsteigs indessen hatte sich für die Durchsetzung der Maskenpflicht nicht interessiert.

Auf dem Weg zum Flughafen setzte der Taxifahrer eine Maske auf, nachdem ich eingestiegen war. Ich sagte ihm, er brauche für mich keine zu tragen. Er gab mir daraufhin aber zu verstehen, dass die Polizei es kontrolliere. Tatsächlich sahen wir mehrfach Polizeikontrollen: in der Stadt und auch kurz vor dem Flughafen. Allerdings wurde unser Fahrzeug nicht angehalten – obschon ich keine Maske trug.

Da ich unseliger Weise vergessen hatte, dass mein Rückflug von einem anderen Flughafen startete, musste ich mir neuerlich ein Taxi rufen, welches mich auf die andere Seite der Stadt bringen musste. Auch dieser Taxifahrer interessierte sich nicht für die Maskenpflicht, er selbst trug keine. Nach angenehmer, ja lustiger Fahrt, bei der wir uns fast eine Stunde lang mithilfe des Google Übersetzers unterhielten, näherten wir uns dem Flughafen. Vor uns sah ich erneut eine Polizeikontrolle. Unser Taxifahrer tippte mich am Ellenbogen an und rief, „Maske, Maske!“. Wir zogen uns daraufhin die Masken über und passierten die Kontrolle.

Resümee: Insgesamt wurden wir in fünf Tagen lediglich vier Mal aufgefordert, eine Maske zu tragen. Es ist also so, dass es offiziell Beschränkungen gibt, deren Umsetzung vielerorts aber nicht wirklich konsequent verfolgt wird. Und selbst wenn die Polizei hin und wieder Kontrollen durchführt, so sind doch die Bewohner Istanbuls gelassen. Anders als in Deutschland stört es niemanden, wenn man keine Maske trägt oder ihm zu nahe kommt.

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