„INFECTED“ – Ein EU-Comic von 2011

Ein Beitrag von Eugen Zentner

Lesedauer 5 Minuten
Infected - JD Morvan & Huang Jia Wei
Infected – JD Morvan & Huang Jia Wei

Im Jahr 2011 hat die EU-Kommission einen Comic in Auftrag gegeben, in dem ein Virus die Welt lahmlegt. Rund 86.000 Euro an Steuergeldern wurden für dieses Projekt bereitgestellt, mit dem Ziel, einem jungen Publikum eine Pandemie zu erklären. Die Lektüre sollte vor allem vermitteln, welche Bedeutung einer internationalen Zusammenarbeit bei der Eindämmung zukommt. Bislang ist das knapp fünfzigseitige Werk überwiegend unter dem Radar geblieben, obwohl die Parallelen zu den Ereignissen während der Corona-Krise viele Fragen aufwerfen. Woher rührt etwa die geradezu hellseherische Kraft? Wie konnte schon damals ein Szenario durchgespielt werden, das fast zehn Jahre später Realität werden sollte?

«Infected», so der Titel der actionreichen Science-Fiction-Story, skizziert in englischer Sprache eine Pandemie, deren Geschichte ebenfalls in China beginnt: 2006 besichtigt eine Gruppe hochrangiger Experten in Peking ein sogenanntes P4-Labor, wo an hochansteckenden Krankheitserregern geforscht wird, gegen die es noch keine Impfstoffe gibt. Plötzlich taucht ein Zeitreisender aus der Zukunft auf und verkündet, dass schon bald eine große Epidemie ausbrechen werde. Dazu kommt es dann tatsächlich – durch Zoonose. Nach einem Affen-Angriff springt das Virus B-1049 von Tier auf den Menschen über und verbreitet sich schließlich weltweit. Unglücklicherweise sei das erste Opfer der UN-Sonderbeauftragte für Pandemien gewesen, weshalb internationale Gesundheitsorganisationen auf den Ausbruch nicht effektiv hätten reagieren können, heißt es in dem Comic.

Am Ende ist rund eine Milliarde Tote zu beklagen. Die ergriffenen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus bringen die Menschen an ihre Grenzen. „Das schlimmste war“, berichtet der zeitreisende Held, „dass die Leute sie akzeptierten, indem sie Dascari Sotuije die totale Macht gaben“, einem Bodyguard, der mit Hilfe der Mafia „ein krummes Labor einrichtete und Anti-Pandemie-Medizin produzierte“. Unter seiner Führung seien Kontakte zwischen Menschen und Tieren sechs Jahre lang nicht erlaubt gewesen, erzählt der Held weiter. Warum haben die Menschen diesen Wahnsinn mitgetragen? Auch darauf gibt das Comic eine Antwort: „Eine Milliarde Tote machte (die Maßnahmen) glaubwürdig. Insbesondere weil niemand mehr den offiziellen Institutionen mehr traute, denen Versagen bei der Antizipation dessen vorgeworfen wurde, was geschah.“ Im Laufe der Pandemie hätten sich die strikten Maßnahmen-Ideen auch darauf ausgeweitet, die Menschen zu separieren.

Vertrauen durch harte Entscheidungen

Im Kontext des Social Distancing wird sogar ausgeführt, welche negativen Wirkungen es zeitigte: Isolation und Depression. „Es dauerte Jahre, bis einige das Gesetz brachen und anfingen, sich ab und an zu treffen.“ Um solche Zustände zu verhindern, will der zeitreisende Held aus der Zukunft dem Verlauf der Dinge eine andere Richtung geben. Doch sein Ansatz hört sich ein wenig widersprüchlich an: „Nur politisch harte Entscheidungen und eine enge Kooperation zwischen allen beteiligten Playern kann diese und andere Krisen von vornherein verhindern“, weil dadurch „das Vertrauen in die offiziellen Institutionen erhöht“ werde.

Zoonose, Angst vor dem Tod als Instrument des Gehorsams, Social Distancing: Viele Elemente im Comic spielten auch während der Corona-Krise eine zentrale Rolle. Man stößt sogar auf ein Totschlagargument, auf die Politiker bis heute gerne zurückgreifen, um die harten Maßnahmen zu rechtfertigen, nachdem sie sich als falsch erwiesen haben: „Aber die Menschen beschweren sich immer, selbst wenn wir wirklich vorbereitet sind. Du wirst verdammt, wenn du etwas unternimmst, und auch dann, wenn du nichts tust.“

Die Rattengift-Methode

So viele Parallelen sind schon verblüffend und nähren den Verdacht, dass «Infected» aus propagandistischen Zwecken veröffentlicht wurde – unter dem Rückgriff auf die sogenannte Rattengift-Methode. Wie sie funktioniert, erläutert der Publizist Johannes Menath so: „Rattengift wird mit einem Stoff versetzt, der für die Tiere äußerst wohlschmeckend ist“, schreibt er in seinem kürzlich erschienenen Buch «Moderne Propaganda», „so sehr, dass sie sich dafür in Gefahr begeben. Im übertragenden Sinn bedeutet das, dass man großen Einfluss ausüben kann, wenn man eine propagandistische Botschaft in ein Medium verpackt, das den Menschen Spaß macht. Beispiele solcher Medien sind Fernsehserien, Videospiele oder Musik.“ Oder eben Comics. Solche Medien würden „freiwillig in großem Umfang konsumiert, und niemand erwartet dabei politische Beeinflussung, sondern vielmehr Unterhaltung, was die Übermittlung von Botschaften erleichtert.“

Als eine der wichtigsten Botschaften lässt in «Infected» die Aussage erkennen, dass die Zoonose ein sehr wahrscheinliches Szenario darstelle. Darauf macht an einer Stelle der unglückselige UN-Sonderbeauftragte für Pandemien aufmerksam, indem er auf einem großen Markt in Asien in einem Interview verlautbart, „dass 75 Prozent der weltumspannenden Infektionskrankheiten ihren Ursprung im Tierreich haben und dass die Zahl der neuen Infektionskrankheiten exponentiell ansteigt.“ Wer sich die Diskussionen zum Ursprung von SARS-CoV-2 während der Corona-Pandemie vergegenwärtigt, erkennt in dieser Aussage einen zentralen Bestandteil des offiziellen Narrativs. Von Beginn an wurde die Frage nach dem Ursprung des Virus mit der Zoonose beantwortet, während jede andere Hypothese als „Verschwörungstheorie“ galt. Diese Dogmatik überraschte viele Wissenschaftler, unter anderem den Biologen Günter Theißen, der in seinem Buch «Das Virus» beschrieben hat, auf welche Hindernisse und Ungereimtheiten er bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema gestoßen ist.

Institutionelle Zusammenarbeit auf internationaler Ebene

Eine weitere wichtige Message des Comics geht ebenfalls auf eine Aussage jenes UN-Sonderbeauftragten zurück: „Die Globalisierung erleichtere die Ausbreitung (von Krankheiten) zu Epidemien und Pandemien“, sagt er und liefert damit eine Steilvorlage für die Kernbotschaft, die sich im Denken der Leser verankern soll: Pandemien lassen sich nur dann stoppen, wenn es eine institutionelle Zusammenarbeit auf internationaler Ebene gibt. Das Vertrauen in offizielle Institutionen sei daher wichtig. Nachdem der zeitreisende Held im Comic eingegriffen hat, entwickeln sich die Ereignisse weniger dramatisch. „Die Verluste wurden auf weniger als eine Million Menschenleben begrenzt“, heißt es am Ende, wo eine Riege von Entscheidungsträgern auf einer Pressekonferenz die Ergebnisse präsentiert. „Und die Ausbreitung des Virus B-1049 wurde in nur sechs Wochen gestoppt, nachdem die groß angelegte Serum- und Impfstoffproduktionsphase durch das Voluntary Emergency Pharmaceutical Consortium gestartet wurde.“

Das erinnert stark an den Verlauf der Corona-Krise und die an sie gebundene Impfkampagne, der es, so das offizielle Narrativ, zu verdanken sei, dass das Virus bekämpft werden konnte – wenn auch nicht in sechs Wochen. „Diese Krise war beispiellos“, heißt es weiter im Comic, „ebenso wie die globale Reaktion. Ermöglicht wurde dies durch schnelles diplomatisches Handeln und die außergewöhnliche Vernetzung von Beamten, Experten und der Zivilgesellschaft über Grenzen, Sprachen und Fachdisziplinen hinweg unter der Führung internationaler Fachorganisationen.“ Die letzten drei Wörter dieser Aussage sind entscheidend. Praktisch wird hier die Stärkung internationaler Institutionen beworben, an die Staaten im Gesundheitsbereich Entscheidungsbefugnisse abgeben sollen.

Geplantes Pandemie-Abkommen

Genau das sieht der sogenannte Internationale Vertrag zur Pandemieprävention vor, der sich gerade noch in der Ausarbeitung befindet, dessen Inkrafttreten aber für 2024 geplant ist. Dieses Pandemie-Abkommen beruht auf der Annahme, dass weder einzelne Regierungen noch die Weltgemeinschaft Pandemien vollständig verhindern können. Deswegen sollen die Befugnisse der WHO erweitert werden, damit sie bei künftigen Ausbrüchen eigenmächtig eingreifen kann. Diese Aspekte finden sich alle in dem Comic von 2011, was wieder an die Rattengift-Methode erinnert. Mit ihr, schreibt Johannes Menath in «Moderne Propaganda» weiter, sollen die Menschen an das gewünschte Denken sukzessive herangeführt werden: „Wenn man eine Gruppe an eine Sache gewöhnen möchte, die vermutlich Widerstand hervorrufen wird, so kann es sinnvoll sein, sie zunächst nur mit jenen Teilaspekten in Kontakt zu bringen, die positiv oder neutral wahrgenommen werden.“ Habe eine Gruppe erst einmal eine Vorstellung davon erhalten, könne der eigentlich gewünschte Aspekt folgen. Es sieht so aus, als wurden während der Corona-Krise alle wichtigen Handlungselemente des Comics real durchgespielt. Die Menschen wurden nicht nur mit dem Zoonose-Narrativ und Horrormeldungen über hohe Sterberaten konfrontiert, sondern durchlebten auch harte Maßnahmen wie das Social Distancing und die damit verbundenen Qualen. Zum Schluss wurde ihnen mitgeteilt, dass die Pandemie dank Impfstoffen und den engen internationalen Zusammenarbeit bekämpft werden konnte. Die Regierungen agierten quasi als Antagonisten und Protagonisten zugleich, indem sie zunächst jene harten Maßnahmen verhängten und anschließend die Lösung lieferten. Diese Vorgehensweise bezeichnet Propaganda-Experte Menath als „Priming“. Es werde ein geistiges Grundklima geschaffen, welches eine darauffolgende Handlung vorbereite: „So wird ein gedanklicher Kontext hergestellt, der Entscheidungen unterbewusst in die gewünschte Richtung lenkt.“

Teilen

Schreibe einen Kommentar