Ich habe einen öffentlichen Beruf – ein Problem?

Kolumne von Sonja Sorglos* (Name von der Redaktion geändert)

Sonja Sorglos schreibt seit 2010 für Magazine und Zeitschriften Kolumnen

Lesedauer 4 Minuten

Ich äußere mich hier anonym. Weil ich einen öffentlichen Beruf habe. Nehmen wir mal an, dass ich Schauspielerin bin. Und mein Agent mir abgeraten hat: „Auf keinen Fall äußerst du dich kritisch zu den Corona-Maßnahmen. Dann denken die Leute, du nimmst das Virus nicht ernst. Und steckst sie an. Oder du bist asozial. Und rechts.“ Ein Dilemma. Mein Agent muss mich verkaufen, ich kann seine Sorgen nachvollziehen. Aber ich komme in der schönen, neuen Welt nicht klar. Natürlich gibt es das Virus, Corona, aber dass wir uns deswegen seit einem Jahr maßregeln lassen, unsere Rechte eingetauscht haben, für scheinbare Sicherheit, ohne nennenswerten Widerstand, schnürt mir täglich die Kehle zu. Und weil ich ja, wie wir in diesem Text annehmen, Schauspielerin bin, habe ich es mit einem Perspektivwechsel versucht. Rollentausch. Ich wollte einfach verstehen, was mich von all denen trennt, die „die Maßnahmen“ befürworten.

Nun, zuallererst steht die Erkenntnis, dass es auch jede Menge Leute gibt, die an Corona gut verdienen. Und Leute, die beruflich unbehelligt sind. Der riesige finanzielle Schaden trifft vor allem die, die sonst für den Spaß verantwortlich waren. Dafür, unseren Alltag zu einem schöneren zu machen. Restaurantbesitzer*innen, Boutiqueinhaber*innen, Musiker*innen, Theatermacher*innen, Clubbetreiber*innen. Unter denen ist die Akzeptanz der Situation inzwischen eher gering. (Was nicht heißt, dass sie sich nicht an die Regeln und Bestimmungen halten. Sie halten sich, nach meiner Recherche, verzweifelt daran.) Die anderen zucken die Schultern und gucken jetzt lieber fern. Und bestellen bei Deliveroo, statt auszugehen. Viele haben ihre Wohnungen ganz außerordentlich toll ausgestattet im ersten Corona-Jahr. Die Einrichtungsbranche boomt. Amazon ist der große Krisengewinner.

Gestern bin ich Bahn gefahren. (Kein Krisengewinner.) Ein Musiker hat in einer Bahnhofsunterführung Saxophon gespielt. Irre gut. Er sah wie ein Penner aus. Ärmlich. Und unglücklich.

„Ist doch jetzt alles bald vorbei“, sagt mein Agent. Sagt er seit einem Jahr. Aber auf diese Aussage stoße ich oft: „Bald geschafft!“ „Sei doch optimistisch, das wird wieder.“

Kann es wieder werden, wenn eine Gesellschaft so passiv zusieht, wie der Schaden von denen ertragen wird, die ihr Leben dem Spaß gewidmet haben und nicht dem Geld? Dem Spaß der anderen, wohlgemerkt. Nicht mehr lange und wir sind alle umgeschult. Dann ist der Spaß vorbei und die Preise für das Vergnügen von Morgen diktiert ein Monopol. Amazon. Das ist die Welt, die wir für unsere Kinder… tja, was soll man sagen: Übrig lassen, vielleicht?

Überhaupt, die Kinder! Wir alle wissen, dass die Kinderjahre uns für’s Leben prägen. Und was machen wir? Wir lehren sie das Fürchten. Isolieren sie, machen ihnen Angst vor Nähe, vor Krankheit und vor Tod. Ich kenne richtig viele kleine Kinder, die in Behandlung wegen Depressionen sind. Wer in der Kindheit depressiv war, wird der das wieder los? Und die Jugendlichen, die erfahren mussten, dass sie aus Solidarität zu Hause bleiben, monatelang alleine vor dem Bildschirm saßen, ausschließlich und stundenlang, erbärmlich geradezu, für „die Alten“ die jetzt geimpft werden, für die die Friseursalons geöffnet wurden, als die Schulen noch geschlossen waren. „Für die Würde der älteren Bevölkerung“, wie es in der entsprechenden Regierungserklärung hieß (NRW). “Für die Würde der Stammwähler” wäre ehrlicher gewesen. 

Wir haben unseren Jugendlichen vermittelt: Eure Bedürfnisse sind weniger wert. Zuallererst wird Oma geimpft, dann geht Oma zum Frisör. Und zur Fußpflege. Und dann könnt ihr wieder in die Schule gehen. Vielleicht. Party? Erste Liebe? Klassenfahrten? Die Welt entdecken. Erwachsen werden. Nö.

Aber ich wollte ja die Perspektive wechseln. Und um die Gegenseite besser zu verstehen, frage ich eine Mutter, die „dran glaubt“. „Warum muten wir unseren Kindern so eine Kindheit zu?“ Die Antwort kommt umgehend: „Wegen dem exponentiellen Wachstum. Wenn sich alle gleichzeitig anstecken, sind bald die Intensivstationen überfüllt.“

Das ist das Damoklesschwert, das seit einem Jahr über uns schwebt. Das böse Auge der Pandemie. Die Horrorvision, die uns knechtet: „Wenn: Dann…“ „Denk an Brasilien!“ legt die Mutter nach. „Und die Mutation!“ „Deutschland ist aber nicht Brasilien. Vieles ist ganz anders da. Der direkte Vergleich hinkt. Im Gegenteil: In Deutschland wurden im letzten Jahr sogar Kliniken geschlossen. Einige. Der Pflegenotstand wird weiter ignoriert. Da stimmt doch vieles nicht, oder?!“ Die andere Mutter schweigt. Ein Schweigen, auf das ich häufig stoße jetzt. Wenn ich Fragen stelle. Dann stoße ich immer irgendwann an den Punkt, wo geschwiegen wird. Da fängt nämlich die große Unbekannte an. Das Horrorszenario. Wenn: Dann…

Und natürlich will man auf der Seite derer stehen, die jetzt das Richtige tun. Ich kann das verstehen. Es ist einfacher, zu sich selbst zu sagen: „Diese anonyme Autorin, die ist vermutlich rechts. Eine Leugnerin. Mit der habe ich besser nichts zu tun. Sicher ist sicher.“

Es ist leichter, wenn die eigene Einstellung millionenfach gespiegelt wird, als der eigenen Wahrnehmung zu trauen (sie überhaupt zu kennen) und damit unter Umständen alleine dazustehen. Das ist auch Selbstschutz: Es macht das Eingesperrtsein erträglicher, wenn man an die Rettung durch den Lockdown glaubt. Das zeigt mir mein Perspektivwechsel ganz eindeutig. „Noch ein ganz harter Lockdown, dann ist es gut.“ Wenn ich ganz ehrlich bin, beneide ich die Zero-Covid-Anhänger sogar um einen so reinen, klaren Wunsch: Dass Covid „vorbei“ sein wird. Wenn wir „es“ noch einmal tun. Da glaube ich nicht daran. Es wurden große Versprechen an alle Lockdown-Beschlüsse geknüpft. Und was blieb übrig, jedes Mal: das Virus. Und so lange wir nicht anfangen, darüber zu reden, in was für einer Welt wir jetzt und zukünftig leben wollen, mit Corona, solange wir unsere überforderte Regierung alleine straucheln lassen und uns selbst in Schweigen hüllen (oder Zweifelnde diffamieren) so lange ändern wir auch nichts daran. An allem, was gerade passiert.

Niemand will Brasilien, aber zwischen Brasilien und z.B. Schweden ist noch sehr viel Raum für bessere Lösungen. Und für die trete ich ein. Unter Pseudonym. Vorerst. Vielleicht oute ich mich auch. Wenn ich gar nichts mehr zu verlieren habe. Oder wenn ich nicht mehr dafür diffamiert werde, dass ich Fragen stelle. Und nicht fraglos bei allem mitmache.

Bitte, schaut euch an, wie wir jetzt leben. Das ist unser Leben. Es findet gerade statt. Und das Leben unserer Kinder. Uns hat die Angst im Griff. Die Angst vor dem Tod. Das freut den Tod. Denn so hat er Macht über das Leben. Es liegt an uns, ob wir ihm die weiter zugestehen.

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