Das große Gesetz des Friedens

Gast-Beitrag von Bastian Barucker
Barucker, *1983, ist ausgebildeter Überlebenstrainer und Wildnispädagoge. Er begleitet seit 15 Jahren Menschen dabei, sich wieder in der Natur zu Hause zu fühlen

Lesedauer 7 Minuten

Das große Gesetz des Friedens hat sechs Nationen über Jahrhunderte Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit gebracht. Es war ein ausgeklügeltes Modell, das auf Konsens, Respekt, Fairness und einem Gleichgewicht zwischen Mann und Frau beruhte und der Souveränität und Freiheit des Einzelnen große Bedeutung einräumte. Diese alten, indigenen Prinzipien des nordamerikanischen Nationen-Bündnisses der Irokesen könnten uns bei der Transformation in eine tatsächliche freiheitlich-demokratische Grundordnung den Weg weisen.

Wie können wir das meines Erachtens gescheiterte Demokratie-Modell reparieren oder revolutionieren, um tatsächlich zu einem gemeinsamen und demokratischen Leben zu gelangen? Das ist die Frage, die ich mir stelle. Vorwürfe oder Kritik an unserem aktuellen Gesellschaftsmodell sind legitim und aktuell besonders wichtig, genauso wichtig wie die Vision einer anderen und neuen Art des Zusammenlebens. So könnten wir mit der Kraft einer Vision für etwas Neues die nächsten Schritte in die Zukunft gehen. Dafür braucht es meiner Ansicht nach eine radikale Offenheit, eine Wurzel-Forschung.In diesem Artikel soll es um die demokratischen Strukturen und Abläufe des nordamerikanischen Nationen-Bündnisses der Sechs Nationen – auch Haudenosaunee genannt – gehen, das viele Jahrhunderte vor der Ankunft der Europäer auf der Grundlage des großen Gesetzes des Friedens gegründet wurde. Das alte Wissen um dieses Gesetz scheint von unschätzbarem Wert für ein neues oder besser gesagt sehr altes Demokratieverständnis und für eine tatsächlich freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Die „Doktrin der Entdeckung“ – das falsche Narrativ eines unbesiedelten Kontinents

Als Kolumbus 1492 in San Salvador – Mittelamerika – landete, befanden sich auf dem nordamerikanischen Kontinent 5 – 15 Millionen indigene Bewohner, die er fälschlicherweise Indianer nannte. In Nordamerika existierten Nationen, die regionale und ganz eigene Kulturen, Regeln und Normen entwickelt hatten und praktizierten und in diplomatischen Beziehungen zueinander standen. Zum Erstaunen für die ankommenden, hierarchie- und herrschaftsgewohnten Europäer fanden sie bei ihrer Ankunft wenig bis keine Hierarchien vor. Auch gab es kein Militär und keinen großen Regierungsapparat, der die Menschen beherrschte. Jede Person war mit freiheitlichen Rechten und Souveränität über die eigene Lebensführung ausgestattet.Oren Lyons, Führer und Bewahrer des Wissens der Onondaga, Teil der Sechs Nationen, formulierte es 1992, anlässlich des Jahres für indigene Bevölkerungen, vor den Vereinten Nationen folgendermaßen:

„Wir lebten zufrieden unter dem großen Gesetz des Friedens. Uns wurde gelehrt, Gesellschaften zu gründen, die auf den Prinzipien Freiheit, Fairness, Gerechtigkeit und auf der Kraft des guten Verstandes fußten. Unsere Gesellschaften basieren auf großartigen demokratischen Prinzipien, der Autorität der Menschen und auf gleichwertiger Verantwortlichkeit von Männern und Frauen. Es war ein großartiges Leben auf dieser Schildkröteninsel und Frieden mit Respekt war überall.“[1]

Als europäische Siedler nach Amerika kamen, trafen sie dort folglich nicht auf einen unbesiedelten Kontinent mit wilden Primitiven. Sie trafen auf das starke und vereinte Bündnis der Nationen. Aber im Sinne der europäischen Geschichte, Macht durch Herrschaft, machten sie sich auf den Weg, das Land und dessen Einwohner zu beherrschen. Koste es was es wolle.

Der Weg des Friedensstifters

Die Irokesen sind ein Verbund aus ursprünglich fünf und später sechs Nationen, die nach langer kriegerischer Auseinandersetzung vereint wurden. Dieses Bündnis bestand ursprünglich aus den Mohawk, Seneca, Onondaga, Cayuga und Oneida. Im Jahre 1772 folgte das Volk der Tuscarora. Im 12. Jahrhundert befanden sich diese Nationen im Krieg, und es herrschte Zwietracht und Missgunst, sowohl zwischen den, als auch innerhalb der einzelnen Gruppen. Es war eine Zeit voller Gewalt und Hass.[2] In dieser düsteren Epoche erscheint ein Mann, der innerhalb von 40 Jahren alle verfeindeten Stämme besucht und ihre Führungspersönlichkeiten dazu bringt, sich gemeinsam zu versammeln. Der „Friedensstifter“ überbringt allen 50 „Chiefs“ seine Botschaft des Friedens und der Einigkeit. Er schafft, was unmöglich erschien: Er vereint die fünf bis aufs Blut verfeindeten Nationen unter dem großen Gesetz des Friedens. Sie begraben ihre Waffen unter einer großen, weißen Kiefer, deren Äste ausladend wachsen und jeder Nation, die sich dem Frieden verschrieb, Schutz bietet. Diese Kiefer steht am Onondaga See im Staate New York. Ihre Wurzeln reichen in die vier Himmelsrichtungen und werden die Wurzeln des Friedens genannt. Dieser neu gegründete Verbund nannte sich Haudenosaunne, die Menschen des Langhauses, auch bekannt als die Irokesen.

Die Einflusstheorie – Lernten die Europäer von den Indigenen?

„Eines der wenigen, kleinen Geheimnisse der Gründerväter ist die Tatsache, dass sie ein demokratisches Modell nicht in England, Frankreich, Italien oder einer anderen sogenannten „Wiege der Demokratie“ fanden. Thomas Jefferson, Benjamin Franklin und andere entdeckten bei den amerikanischen Indigenen die älteste partizipative Demokratie auf der Erde:“
(The U.S. Constitution and the Great Law of Peace)

Unter der Einflusstheorie versteht man die Fragestellung, inwiefern die Europäer durch den Kontakt mit der indigenen Lebensweise in ihren Vorstellungen von Demokratie, Freiheit, Gleichberechtigung und Souveränität beeinflusst wurden. Dieser Fragestellung ging auch Geschichtsprofessor Gregory Schaaf nach und fand aufgrund eines Zufalls Erstaunliches. Gregory Schaaf fand 73 fehlende Seiten eines privaten Tagebuchs von George Washington. Diese beschrieben, was geschah, als dieser im Jahre 1776 beauftragt wurde, die erste Indianer-Agentur – eine Art Vermittlungsstelle zwischen Indigenen und Amerikanern – zu gründen.Aus diesen Dokumenten und aus der mündlichen Geschichtsschreibung der Irokesen geht nicht nur hervor, dass die „Irokesen zweifellos erheblichen Aufwand betrieben haben, um zwischen den beiden Seiten der Amerikanischen Revolution Frieden zu stiften“, so Schaaf. Die amerikanische Revolution war die Ablösung der Siedler von der britischen Krone und der Beginn der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika. Weiterhin bestätigten diese und weitere Dokumente, dass die europäischen Siedler von der Konföderation der Sechs Nationen, ihrer föderalen Struktur und ihrem Verständnis von Freiheit und Souveränität beeindruckt waren.

„Das moderne Europa entwickelte sich unter dem Einfluss unserer Ideen. Impulse aus dem Amerikanischen halfen mit, das göttliche Recht der Könige und des Adels in Frage zu stellen. Die Aufzeichnungen der Jesuiten gaben der Intelligenzia in Frankreich neue Nahrung, und unser Demokratiebegriff beeinflusste die Französische Revolution. Ob Jean Jacques Rousseau oder ein Jahrhundert später Friedrich Engels, sie erhielten geistige Anstöße von uns. Im großen Gesetz des Friedens, der Verfassung der Haudenosaunee, ist die Freiheit der individuellen Meinungsäußerung eines der tragenden Prinzipien. Die heutige Pressefreiheit in Nordamerika und Europa ist eine Fortsetzung der Redefreiheit, die es vor eurer Entdeckung Amerikas nicht gab. Ebenso wenig gab es bei euch Religionsfreiheit. Diese Gedanken der Freiheit kommen nicht nur aus dem Langhaus der Haudenosaunee, sie waren Bestandteil aller indianischen Stammesgesellschaften, sie waren an vielen Plätzen der Welt zu finden, nur nicht im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts. Es war der europäisch-indianische Kontakt, der eure Gesellschaft unterwanderte.“
(John Mohawk Sotsisowah, Brief an die Europäer)

Blaupause für eine tatsächliche freiheitlich-demokratische Grundordnung

Egalitäre Konsensdemokratie

„Sichtbar wurde die Kontur einer herrschaftslosen Gesellschaft, deren politische Seite, nämlich die Sphäre institutionalisierter Entscheidungsfindung, als egalitäre Konsensdemokratie bezeichnet werden kann. Gemeint ist ein mehrstufiges, politisches Gebilde, in dem politische Führung immer an die Zustimmung der Geführten gebunden blieb und höhere Instanzen gegenüber untergeordneten über keinerlei Weisungsbefugnis verfügten. Das Verhältnis von Befehl und Gehorsam spielte weder in der politischen noch in häuslichen Belangen eine Rolle, und das Verhältnis der Geschlechter gründete sich auf eine egalitäre Machtbalance.“
(Thomas Wagner, Irokesen und Demokratie)

Wie oben beschrieben, ist es kaum bekannt, dass die Gründerväter sozusagen bei den Haudenosaunee in die Lehre gingen, um die Anwendung des Großen Gesetzes des Friedens auf nationaler und internationaler Ebene zu lernen. Ein wichtiges Fundament dieser Gesellschaftsform war die Entscheidungsfindung durch Konsens statt durch Mehrheit. Die indigene Clanmutter Alice Piel formuliert es folgendermaßen:

Sie haben nicht die Macht wie die Staatsoberhäupter in euren Demokratien, in denen immer eine Minderheit zu kurz kommt. Sind unsere Häuptlinge in politischer Mission unterwegs, sei es bei den Lakota in South Dakota oder bei der UNO in Genf, können sie nur vortragen, was im Konsens unter Beisein von uns Clanmüttern besprochen wurde; stellt sich ein neues Problem, das eine Entscheidung verlangt, müssen sie es zu uns zurück ins Langhaus tragen.“
(Dewasenta, die Clanmutter des Aal-Clans, amerikanischer Name: Alice Papineau)[3]

Die Rolle der Frauen

Als europäische Siedler nach Amerika kamen, trafen sie auf Gesellschaften, in denen Frauen gleichwertig und gleichwürdig behandelt wurden und sich Machtpositionen gleichberechtigt mit den Männern teilten. Genauso wie das fast gänzliche Fehlen von Hierarchien und Strategien zur Unterdrückung gegenüber der Bevölkerung, muss die gleichwertige Rolle der Frauen bei den Europäern großen Eindruck hinterlassen haben. Der Nationenverbund der Haudenosaunee war eine matrilineare Kultur. Das Langhaus der Familie und das dazugehörige Land gehörten der Frau und Mutter. Die Zugehörigkeit zu einem Clan basierte auf der Abstammungslinie der Mutter. Das große Gesetz des Friedens sah vor, dass es einen Rat der „Clanmütter“ gab. Aufgabe dieses Rates war es unter anderem neue „Chiefs“ vorzuschlagen. Die Clanmütter suchten nach Führungspersönlichkeiten, die mitfühlend, demütig, intelligent und kritikfähig waren, um als neue Führer vorgeschlagen zu werden. In einem weiteren Prozess wurden Kandidaten anschließend von der ganzen Nation mittels Konsensdemokratie bestätigt.

Eine weitere Aufgabe der Frauen war das Überwachen der aktiven Chiefs und deren Entscheidungen. Sollte sich ein Chief durch ein Verhalten oder Entscheidungen hervortun, die nicht dem Leben dienen, hatten die Clanmütter die Möglichkeit ihn zu verwarnen. Hier sei erwähnt, dass Entscheidungen bei den Irokesen auf dem 7-Generationen-Prinzip fußten. Das bedeutet, dass eine Entscheidung im Hinblick auf das Wohl der kommenden sieben Generationen zu fällen war. Sollte nach einer Verwarnung der angesprochene Chief wieder mit ähnlichem Verhalten auffallen, gab es ein Gespräch mit den Clanmüttern. Bei einem weiteren Verstoß war es möglich, auf Konsensbasis des Rates der Clanmütter, den Chief seines Amtes sofort zu entheben.

Frauen saßen außerdem in den Räten, in denen es um Krieg und Frieden ging und konnten darüber entscheiden, ob ein Krieg sinnvoll und angebracht ist. Auch das mussten sie im Konsens entscheiden. Ein weiterer großer Unterschied zur aktuellen US-amerikanischen Gesellschaft ist die Tatsache, dass der oberste Gerichtshof der Irokesen ausschließlich von Frauen besetzt war und die Judikative somit hauptsächlich den Frauen anvertraut war.

Ein Teil der feministischen Bewegung in den USA geht auf die Beobachtung indigener Frauen und ihrer Rolle in der Gesellschaft zurück.
Am 18. August 1920 wurde Frauen in den USA das erste Mal das Wahlrecht zugestanden.

Die Qualitäten von Führungspersönlichkeiten

Wenn ich mir heutzutage Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft anschaue, erblicke ich selten Persönlichkeiten, deren Aussagen oder Vorbild mich tief berühren. Ich erlebe Rechthaberei, Voreingenommenheit, Selbsterhöhung und damit einhergehende Abwertung Anderer. Ich erlebe die Unfähigkeit Fehler einzugestehen und eine Art Überheblichkeit, die die Führenden dem Leben und den Bedürfnissen der Menschen entfremdet. Selten erlebe ich jemanden, von dem ich behaupten würde, er habe sich auf den Weg gemacht, um eine starke Persönlichkeit zu entwickeln, der bereit ist, seinen Ruf zu verlieren, um seinem Gewissen treu zu bleiben.

Durch mein langjähriges Studium indigener Kulturen habe ich entgegen der aktuellen Zustände immer wieder festgestellt, dass Eigenschaften wie Respekt, Demut, die Fähigkeit des Zuhörens und ein integrativer Ansatz hoch geschätzte Qualitäten von Führungspersonen waren. Chief Oren Lyons, Chief und Mitglied der Seneca Nation und damit Teil des Bündnisses der Sechs Nationen sprach im Jahre 1992 vor den Vereinten Nationen und beschrieb die erforderlichen Führungskompetenzen so:

„Unsere Führungspersönlichkeiten wurden darin geschult Menschen mit Visionen zu sein und jede Entscheidung im Interesse der kommenden sieben Generationen zu fällen. Sie sollten Mitgefühl und Liebe für die ungeborenen Generationen haben.“[4]

Schlussbetrachtung

Meiner Ansicht nach leben wir schon lange in einer Scheindemokratie, in der wir vergessen haben, was uns zusteht. Ich empfinde es als höchst dringlich, dass jeder und jede ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass wir alles Notwendige in unseren Händen halten, um ein friedliches Miteinander zu erschaffen. Teile der notwendigen, neuen Strukturen dafür sind im großen Gesetz des Friedens zu finden. Ein indigener Ältester sagte einmal zu mir „Du bist nur so lange unschuldig, solange du nicht weißt.“ In dem Augenblick, in dem ich um Dinge weiß, die der Gemeinschaft dienen können, ist es auch meine Verantwortung diese Dinge in Handlungen zum Ausdruck zu bringen.

[1]https://ratical.org/many_worlds/6Nations/OLatUNin92.html
[2]https://mollylarkin.com/u-s-constitution-great-law-peace/
[3]https://oya-online.de/article/read/235-Von_den_weissen_Wurzeln_des_Friedens.html)
[4]https://ratical.org/many_worlds/6Nations/OLatUNin92.html, S. 33
 

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