Arbeitstherapie mit psychisch beeinträchtigten Menschen

Gast-Beitrag aus Bayern. Momentaufnahme in Corona-Zeiten

Johannes Kirnberger, Jahrgang 1957, arbeitet in einer kirchlichen Einrichtung. Der Schwerpunkt liegt in tagesstrukturierenden Maßnahmen für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Lesedauer: 3 Minuten

Diese Woche sollen meine betreuten Mitarbeiter wieder in die Werkstatt kommen. Die vergangenen Tage haben wir für Vorbereitungen genutzt. Acrylscheiben müssen  bereit gelegt werden, Werkzeuge sortiert und Hygienevorschriften beachtet werden. Dazwischen mache ich telefonische Notbetreuung und Kundenkontakte. Meine Mitarbeiter sind verunsichert. Die Zahlen, die Panik. Wie soll ich den Menschen ihre Angst vor Ansteckung und Krankheit nehmen, wohl wissend, dass es auch in der Werkstatt möglich ist, sich anzustecken?

Zahlen einordnen

Oft ist es notwendig, Hilfestellung bei der Interpretation der Zahlen zu geben. Dabei stelle ich immer wieder fest: Covid-19 ist auch eine Erkrankung der Medien. Sie sind getrieben von Auflagen und Mausklicks, von Schlagzeilen und dürftigen Informationen. Für Menschen mit einer chronischen psychischen Erkrankung ist das eine enorme Belastung, da die Angst krankheitsbedingt ihr ständiger Begleiter ist. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen Sicherheit zu geben und sie zu beruhigen, ohne die Krankheit zu verharmlosen. Zudem gab und gibt es auch bei unseren Mitarbeitern immer wieder Infektionen, das heißt positive Testergebnisse. Im Gegensatz zum Frühjahr haben die Erkrankungen aber meist keinen schweren Verlauf. 

Telefonische Betreuung kann die Nähe nicht ersetzen

Wenn unsere Mitarbeiter nicht in die Werkstatt kommen dürfen, fehlt ihnen etwas Essentielles, die tagesstrukturierende Arbeit. In dieser Zeit betreuen wir sie telefonisch oder auf Wunsch auch per Mail. Die therapeutische Arbeit am Telefon fordert uns alle sehr. Wir sind es gewohnt, praktisch zu arbeiten. Gespräche finden manchmal während der Arbeit in der Werkstatt statt, manchmal face-to-face. Am Telefon hingegen fehlen mir Mimik und Gestik des Anderen. Thematisch geht es fast ausschließlich um Corona.

Verminderte Arbeitsfähigkeit durch Isolation

Dass die Werkstatt wieder öffnet, ist gut und wichtig. Aber es bleibt spannend. Denn nach dem letzten Lockdown kam ein Großteil unserer Beschäftigten mit verminderten Arbeitsfähigkeiten wieder. Manche waren, aufgrund der langen Isolation, für ein paar Wochen in der Psychiatrie gewesen. Viele ihrer Tätigkeiten sind darüber in Vergessenheit geraten und mussten im Anschluss neu erlernt werden. Wie wird es diesmal sein? Die Schließzeit war nicht so lange. Wir sind optimistisch. Was bleibt uns auch übrig.

Veränderte Stimmung im Team

Der Kontakt innerhalb des Teams ist nicht so intensiv wie vor vorher. Es gibt kaum Besprechungen, der Austausch erfolgt vor allem per Telefon. Die Stimmung ist mäßig. Letzte Woche wurden wir gefragt, ob wir uns impfen lassen würden. Die Kollegen sind unsicher. Wie antworten, ohne gleich als Corona-Leugner abgeurteilt zu werden? Und welche Haltung sollen wir gegenüber unseren Beschäftigten einnehmen? Denn auch sie wollen über die Impfung sprechen. Es sind unter anderem Menschen mit wenig Lebenserfahrung und vielen Fragen. Fragen, welche uns selbst genauso beschäftigen, und auf die uns niemand eine Antwort geben kann.

Wir müssen ihnen einen Schutz-Ort geben

Aber die eigene Unsicherheit kann warten. Unser Job ist, Optimismus auszustrahlen, ruhig zu bleiben, die Menschen aus Ihrer Angst zu holen. Manchmal bin ich den ganzen Vormittag im Gespräch. Erfolg bedeutet, wenn ein Lächeln über ein Gesicht huscht, ein kurzer offener Blick. Es ist gut, dass sie hier sind. Denn neben einer warmen Mahlzeit gibt es auch Raum für Arbeit und Konversation. So gesehen sind wir eine Insel inmitten unruhiger und herausfordernder Zeiten. Ein geschützter Rahmen für Menschen, die wir begleiten wollen. Ein paar Stunden, an denen sie nicht isoliert, nicht einsam sind. Wenn sie abends zurück in ihre Wohnung gehen, lassen wir sie ohnehin wieder allein. Allein in der Nacht, allein mit Ihren Ängsten.

Die Worte der Politiker haben mit unserem Leben wenig zu tun

Abends auf der Heimfahrt, spricht wieder ein Politiker im Radio: Wir müssen Kontakte reduzieren und uns isolieren, Maßnahmen vertiefen und verschärfen. Diese Forderungen stehen im krassem Kontrast zu unserer täglichen Arbeit. Warum diese Choreographie der Angst und Bedrohung? Von Politikern erwarte ich Besonnenheit, Mut, Optimismus, Zuversicht. Panikreaktionen und Aktionismus sind in Krisenzeiten absolut falsch am Platz.

So werde ich am nächsten Tag wieder über Corona, die Zahlen und ihre Einordnung sprechen und warten, bis ein Lächeln über eins der Gesichter huscht.

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