Offener Appell an den geschätzten Oberzensor

kolportiert von Leonia Tralalinska und Katja Leyhausen

Lesedauer 3 Minuten
Unsere Demokratische Bibliothek – Leonia Tralalinska

Hochgeschätzter Herr Zensur-Professor, verehrte Index-Expertinnen,



ich muss Ihnen vom Zustand meines Geistes berichten: Bisher war er stabil, träge und voller Vertrauen. Doch langsam und unmerklich füllt er sich mit gefährlichem Inhalt. Ich erlaube mir, Sie ins Vertrauen zu ziehen, und beeile mich, Ihnen zu erklären, was mir gerade zustößt:

Nun, Herr Professor Oberzensor, ich radikalisiere mich! Mein Geist macht, was er will. Er fühlt sich unbeaufsichtigt und ist auf die schiefe Bahn geraten. Er denkt quer und saugt, wie nebenbei, die ekelhafte rechte Ideologie in sich auf.

Ich ertappe mich dabei, wie ich an langen Winterabenden nachdenke. Ich lese beispielsweise einen zeitgenössischen Autor, der behauptet, dass es viele Geschlechter gebe und er selbst geschlechtslos sei. Ein anderes Mal lese ich, dass weiße Männer einen angeborenen Rassismus in sich tragen oder die Kühe durch die Befriedigung ihrer physiologischen Bedürfnisse unseren Planeten gefährden. Ich lese sogar, dass die deutschen Bibliotheken einen Bildungsauftrag durchzusetzen haben, der die Zensur-, Meinungs- und Informationsfreiheit einschränken darf.

Das weckt in meinem unbeaufsichtigten, wilden und bäuerlichen Geist so starke Einwände, dass ich – völlig gegen meinen Willen – die Lektüre abbrechen muss. Nur, weil mein trotziger Geist meint, das sei fragwürdiger Unsinn! Er schickt mich, die Bücher in den öffentlichen Bücherschrank zu stellen, um sie loszuwerden. Er hat sogar begonnen, nach Büchern mit einem anderen Inhalt zu suchen. Er sucht für mich Autoren aus, die klassisch und altmodisch sind – rechtslastige, verschwörerische Texte! Ich bin empört und aufrichtig entsetzt: Mein Geist täuscht mir falsche Absichten vor, so dass ich eine seltsame Erleichterung spüre.

Lieber Herr Professor, liebe Index-Expertinnen, sehen Sie bitte das ganze Ausmaß der Katastrophe, die ich gerade durchlebe: Selbst in den schlimmen humanistischen Büchern vergangener Jahrhunderte fühle ich mich verstanden! Das ist ein schrecklich aufrührerisches Gefühl beim Lesen! Niemand wirft mir vor, dass ich eine weiße Haut habe, dass ich mich nicht mit dem Genprodukt habe impfen lassen und dass ich gerne Rindfleisch esse. So zieht mich mein Geist täglich mehr auf die Seite des moralischen Feindes! Ganz gegen meine Absicht werden mir die Tradition und die Familie, die allgemeine menschliche Vernunft, Kritik und Skepsis gegenüber dem staatlichen Narrativ lieb und wichtig!

Ich bitte Sie daher flehentlich: Retten sie mich! Ich habe mich schon so verführen lassen! Morgens stehe ich auf, sehe in den Spiegel und denke: Jetzt habe ich schon wieder das Falsche gedacht! Ich kann mir kaum noch in die Augen sehen.

Schützen Sie mich also bitte vor der rechten Ideologie, die in Unsererdemokratie immer mehr um sich greift. Sie macht den Geist widerspenstig, verdirbt den Charakter und benebelt das Gehirn. Als freies und vorausschauendes Land sollten wir mit felsenfestem Willen die Versuchungen des rechten Teufels abwehren. Denken Sie: solche Teufel wie Familie, Tradition, Vernunft und gesundes Essen! Stellen wir endlich eine Einigkeit her! Rechnen wir ab mit all denjenigen, die es ihrem Geist dreist erlauben, anders zu denken. Ihr Gift tötet den inneren Seelenfrieden und den geliebten Glauben an unserendemokratischen Staat.

Die Dämonen müssen zensiert werden! Hören Sie, Herr Großzensor! Stempeln Sie sie heftig mit ihrem Verbot! Werden sie noch aktiver! Kleben Sie Warnungen auf die furchtbaren Bücher! Stempeln Sie, kleben Sie! Denn die abweichenden Gedanken, diese bösen, satanischen Geister, sind gerissen. Sie sind im Bunde mit meinem aufsässigen Geist. Sie dringen heimlich in den Kreis meiner Persönlichkeit ein und bringen mich dazu, ihnen blind zu folgen.

Es sind Verführer, die zensiert werden müssen! Ziehen Sie die Daumenschrauben an! Wir brauchen nicht sechs Expertinnen, wir brauchen eine Armee aus Zensoren – Zensoren, die Tag und Nacht Warnhinweise geben, wenn Bücher die Freiheit Unsererdemokratie frech untergraben. Eliminieren Sie die feindlichen Bücher Andersdenkender, schaffen Sie sie aus meinem Gesichtskreis! Zaudern Sie nicht, verbrennen Sie sie.

Zum Teufel mit der Redefreiheit! Zum Teufel mit dem Individuum! Ich fordere die Rückkehr zur Tradition der kollektiven Einstimmigkeit! Genosse Mao und Genosse Stalin haben es vorgemacht: Unseredemokratie-Verteidiger aller Länder, vereinigt euch!

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Ein Kommentar

  1. Danke, sehr schön auf den Punkt gebracht, werde Unseredemokratie fleißig verbreiten.

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