Perfekte Songs in 5 Sekunden – und warum ich trotzdem weiter in den Proberaum gehe

von Andreas Hansel

Lesedauer 5 Minuten
Der Rhein an der Mainspitze – © 1bis19 (Andreas Hansel)

Es ist mehr als zehn Jahre her: Ich, Amateur- und Hobbymusiker auf Kreisliga-Niveau, fahre mit dem Auto von der Arbeit nach Hause und höre Radio. Boney M.: „Down By The River“ läuft gerade. Ein Song, den ich zu der Zeit, als er veröffentlicht wurde, ebenso wenig mochte wie die Band Boney M. an sich. Ausnahmsweise bleibe ich auf dem Sender und denke mir: Man könnte doch auch mal ein schönes Lied über einen Fluss schreiben. In den nächsten Minuten entsteht in meinem Kopf ein neues Lied, ein paar Textzeilen, eine Melodie. Es reift während der Fahrt in meinen Gedanken.

Wie ein neuer Song entsteht

Zu Hause angekommen nehme ich die akustische Gitarre in die Hand, lege mir einen Zettel und einen Stift bereit, finde die passenden Akkorde zu meiner Melodie, baue den Text aus und schreibe Notizen zu Textzeilen und Harmonien auf den Zettel. Die Idee zum neuen Song: „Rhine River Ballad“ war zwar noch unvollständig, aber sie war geboren.

Zur nächsten Probe mit meiner Band nehme ich die Fragmente des neuen Songs mit, stelle sie den anderen Musikern vor, diskutiere mit ihnen, wie das Gesamtwerk mit fünf Instrumenten aussehen könnte, das vorher nur auf Akustikgitarre existierte. Wir fangen gemeinsam mit der Strophe an, finden ein passendes Tempo, spielen die Strophe einige Male und feilen ein wenig daran. Dann nehmen wir uns den Refrain vor, dann die Übergänge und den Schluss. Nach einigen Wochen mit weiteren Proben, lebhaften Diskussionen und viel Freude ist das Stück so weit, dass wir damit in ein Studio gehen und es einspielen können.

Wir suchen ein Studio, einigen uns über die Kosten, finden ein Wochenende, das für alle passt, fahren hin und spielen drei Songs mehrfach ein. Wir hören sie gemeinsam ab, entscheiden uns für die beste Version, korrigieren die ein oder andere Passage, indem wir sie nochmal spielen, und überlassen die finale Feinarbeit dem Studioinhaber. Der mischt in unserer Abwesenheit die Instrumente ab, bügelt vielleicht noch den einen oder anderen Fehler raus, den wir vorher überhört haben, garniert das Ganze mit ein paar Effekten und liefert uns ein paar Tage später fertig gemasterte Lieder als Wave- und MP3-Datei.

Hörprobe: „Rhine River Ballad” – Handgemacht

Die ganze Band trifft sich, um die Ergebnisse gemeinsam anzuhören. Jeder hat eine CD in der Hand, ist ein paar Hunderter ärmer, aber ein bisschen stolz, zufrieden und glücklich. Das war der Prozess, wie er vermutlich bei vielen Amateurbands in ähnlicher Form stattgefunden hat, bevor es Suno.ai gab.

Musik erzeugen mit Suno.ai

Mit Suno.ai werfe ich einen Songtext, den ich irgendwann in den vergangenen Jahren geschrieben habe, in die KI, schreibe einen mehr oder minder langen Prompt dazu und erhalte nach fünf Sekunden zwei komplette Versionen des Liedes. Die beiden Versionen sind – und das macht mich echt fertig – deutlich besser, als wir es als Amateurband oder selbst sehr gute, professionelle Musiker auf eine CD bringen können. Die virtuellen Musiker sind virtuos, auf Champions-League-Niveau, und die Qualität des Audiomaterials ist so gut, dass sie sich kaum mehr von der Qualität eines guten Produzenten und Studios unterscheiden lässt.

Der ganze Spaß – sofern ich es überhaupt so bezeichnen sollte – kostet ca. 5 Euro im Monat, ist aber auch in einem reduzierten Leistungsumfang kostenlos verfügbar. Im Ergebnis kann man für jedes erzeugte Lied eine MP3-, eine WAVE-Datei und sogar einzelne Spuren, sogenannte Stems, herunterladen. „Erstelle mir eine unplugged Version“, „Füge ein Bläser-Ensemble hinzu“, ist alles nur einen Mausklick entfernt.

In den letzten beiden Monaten habe ich die Pro-Version Suno.ai exzessiv ausprobiert und aus vielen meiner alten Texte und Aufnahmen Songs nach meinen Vorgaben erzeugen lassen. Ich wiederhole mich: 5 Sekunden und ich erhalte eine Version, die qualitativ besser ist, als ich es je selbst könnte. Einigen Freunden habe ich etwas davon vorgespielt. Von Ungläubigkeit, Faszination über Begeisterung bis Gänsehaut war jede Reaktion dabei.

Hörprobe: „Australia Has Fallen” – KI-gemacht

Einen befreundeten Studio-Inhaber habe ich besucht und ihm eine Handvoll der Stücke vorgespielt. Selbstverständlich kannte er Suno.ai, er hat sogar die Studio-Version, die teurer ist, aber noch mehr kann. Dennoch war er überrascht, wie gut die Qualität ist. Wir haben eines der Lieder mit einer aktuellen CD einer international renommierten Künstlerin verglichen. Qualitative Unterschiede waren für uns nahezu nicht feststellbar.

Entwertung menschlicher Arbeit

Was macht das mit mir? Was macht das mit uns? Soll ich noch selbst auf die herkömmliche Art und Weise komponieren? Das kostet mich doch viel mehr Zeit und das Ergebnis ist schlechter. Soll ich noch mit der Band proben? Der Proberaum kostet Geld und die anderen Musiker nerven gelegentlich. Soll ich noch Gitarre üben? So gut wie die virtuellen Suno-Gitarristen werde ich ohnehin niemals spielen. Diese Fragen beschäftigen momentan viele Musiker – Amateure wie auch Profis – sowie viele andere Akteure in der Musikbranche.

Der „alte Prozess“, den ich eingangs beschrieben habe, wird durch die KI zeitlich, emotional und sozial entwertet. Der Wert des Handwerks wird zerstört. Die Identität als „Schaffender“ bricht weg und die Band als sozialer Raum stirbt leise. Drei bis vier Wochen Bandprobe mit Ausprobieren, Diskutieren, Streiten, sich Zusammenraufen und Spielen sind offenbar nicht länger erforderlich, um qualitativ gute Musik zu erschaffen. Das geht jetzt in wenigen in Sekunden – mit einem Klick.

Die Musikbranche wird sich drastisch verändern

Was haben wohl die Maler gedacht, als die Fotographie erfunden wurde? Vermutlich haben etliche ihre Pinsel weggeworfen und aufgegeben. Andere haben genau das gemacht, was die Kamera nie konnte – und wurden unsterblich. Genau dasselbe passiert jetzt in der Musik.

Viele Amateurbands und semiprofessionelle Bands werden still und leise aufhören, weil der Aufwand einfach nicht mehr im Verhältnis zum Ergebnis steht. Manche werden sich daran versuchen, Songs einzustudieren, die sie von der KI haben schreiben lassen, um diese dann live zu spielen. So wie die vielen Coverbands, die ihre Stars nie getroffen haben. Die, die bleiben, werden es tun, weil sie den Prozess selbst lieben, weil sie das Miteinander brauchen, weil sie live etwas erzeugen wollen, das keine KI der Welt kopieren kann.

Die Major-Labels und Streaming-Plattformen werden KI-Musik im ganz großen Stil vermarkten, weil sie dann endlich keine Produzenten, Studio-Musiker und (vor allem) keine Künstler mehr bezahlen müssen. Der Anteil an den Margen, der bei den großen Markt-Akteuren hängen bleibt, wird noch größer werden, als er es ohnehin schon ist. Die großen, internationalen Live-Acts werden dadurch endgültig zu artistischen Playback-Shows verkommen. Mit noch mehr Laser-, Licht- und Pyro-Technik und Choreografien wird kaschiert, dass auf der Bühne musikalisch nichts Echtes mehr passiert. Es soll bloß keiner merken, dass alles nur Illusion ist.

Der Musikgeschmack der breiten Masse wird sich weiter verändern. Die Hörer werden zunehmend mit perfekter Musik sowie auch immer mehr mit KI-Musik beschallt. Dadurch werden sie daran gewöhnt, dass Musik „perfekt“ klingen muss. Die meisten werden nicht merken, dass durch die zunehmende Perfektion auch die Seele der Musik verschwindet. Handgemachte und live aufgeführte Musik wird somit wichtiger denn je, um diese Seele am Leben zu erhalten. „Made by Humans“ wird hoffentlich zu einem neuen Qualitätskriterium. Die Zielgruppe, die das zu schätzen weiß, ist zwar kleiner, aber sie existiert.

Das Leben lassen wir uns nicht nehmen

Der alte Prozess war nie nur Mittel zum Zweck: Er ist doch das pure Leben selbst! Die Zeit, die Musiker in Bands damit verbringen, Songs zu komponieren, zu arrangieren, zu üben, aufzunehmen und vor Publikum zu präsentieren, ist doch das, was die Emotionen hervorruft, was in Erinnerung bleibt, worüber wir noch in 20 Jahren reden und lachen. Sollen wir uns das von einer KI einfach nehmen lassen? Die Antwort ist definitiv ein klares Nein.

An den Klick, mit dem ich mit Suno.ai den Song „Australia Has Fallen“ erzeugt habe, werde ich mich in naher Zukunft nicht mehr erinnern. An den Gag von der letzten Probe, als unsere Perkussionistin gefragt hat, ob sie in drei-Viertel oder sechs-Achtel einzählen soll, und ich mit der Antwort: „Mir doch egal, Bruchrechnen ist ohnehin nur etwas für Chirurgen“ die ganze Band zum Lachen brachte, werden wir uns alle dauerhaft erinnern, genauso wie an alle anderen Anekdoten und Erlebnisse im Proberaum, im Studio und auf der Bühne. Genau das ist es, was bleibt.

Deshalb: Ja, ich werde weiter selbst schreiben, weiter mit der Band proben, weiter Gitarre üben – auch wenn ich nie so virtuos werde wie die Suno.ai-Phantome. Denn Musik machen ist echtes Leben. Wer jetzt mit handgemachter Musik aufhört, weil Suno.ai „besser“ klingt, der verkauft nicht nur seine Songs, er verkauft seine Geschichten, seine Erinnerungen und seine Freundschaften.

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