Plädoyer für den Zweifel

von Andreas Hansel

Lesedauer 5 Minuten
1bis19 - Plädoyer für den Zweifel
© Taylor Deas-Melesh

In den Leitmedien moralaposteln die Gesandten der Politik ihre Wahrheiten von den medialen Kanzeln. Sie titulieren Demonstranten herablassend als „Covidioten“, bezeichnen Ungeimpfte als dumm, faul und ungebildet. Kinder solle man nicht mit Kindern Ungeimpfter spielen lassen, Ungeimpfte solle man am besten wegsperren und vom Leben ausschließen, wird gesagt und geschrieben. Die Verweigerer der mRNA-Therapie seien Tyrannen, die zwei Drittel der Gesellschaft von der Rückkehr zu einem normalen, freien Leben abhielten, polemisierte der Ehrenpräsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery in Anne Wills sonntäglicher Besserwisser-Runde.

Das gleiche Bild in den alternativen Medien: Reichweitenstarke Maßnahmengegner ziehen die Reichen und Mächtigen, die Politiker, Journalisten und Wissenschaftler durch den Dreck und betiteln sie mit üblen Schimpfwörtern. Geimpfte Mitmenschen qualifizieren sie als nicht denkende Schlafschafe ab. Gleichgesinnte, die nicht laut werden, die nicht an Demonstrationen teilnehmen, die eher beobachten, werden für die Misere der Demokratie und den Verlust von Freiheit und Grundrechten mitverantwortlich gemacht.

Ich bin mir nicht sicher

Diese inzwischen zwanzig Monate andauernde Dauerbeschallung rief mir oft die erste Zeile eines Textes von Henry L. Mencken 1 in den Sinn: “Moral certainty is always a sign of cultural inferiority.“ Er schreibt: “Moralische Gewissheit ist immer ein Zeichen für kulturelle Unterlegenheit. Je unzivilisierter ein Mensch ist, desto sicherer ist er, dass er genau weiß, was richtig und was falsch ist. Alle menschlichen Fortschritte, auch in der Moral, sind das Werk von Menschen, die an den geltenden moralischen Werten gezweifelt haben, nicht von Menschen, die sie hochgehalten und durchzusetzen versucht haben. Der wahrhaft zivilisierte Mensch ist immer skeptisch und tolerant, in diesem wie in allen anderen Bereichen. Seine Kultur basiert auf dem “Ich bin mir nicht sicher”.

Moralpredigten sind auf beiden Seiten laut und deutlich zu vernehmen. Aus der offenbar tiefen inneren Überzeugung heraus, dass sie als Erleuchtete im Besitz von Wahrheit seien, lassen Sie keine Zweifel aufkommen, dass ihre Meinung, die einzig richtige sei. Ein „Ich bin mir nicht sicher“ wird allenthalben schmerzlich vermisst. Art und Weise des Vortrags von Argumenten, subtile Zwischentöne der Kommunikation, persönliche Anfeindungen bei fehlender Bereitschaft zum dringend notwendigen respektvollen Austausch, insbesondere auf der Seite der Politik, zeigen deutlich auf, dass sich die an der medialen Front agierenden Personen moralisch überlegen fühlen.

Aber wie stellt es sich mit der „kulturellen Unterlegenheit“ dar? Es ist doch valide, anzunehmen, dass die Lautsprecher an den Extremen beider Lager prinzipiell aus demselben Kulturkreis kommen. Sie leben im selben Land und haben mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ähnliche Bildung und kulturelle Prägung genossen. Der neutrale Beobachter kommt spätestens hier zu der Frage: Was ist das für eine Kultur? Was ist das für eine Kultur, in der man nicht mehr zuhört? Was ist das für eine Kultur, in der man nicht mehr miteinander, sondern übereinander redet? Was ist das für eine Kultur, in der man sich nicht mehr respektiert, sondern diffamiert? Was ist das für eine Kultur, in der man Hass sät und dadurch Spaltung vorantreibt?

Angst auf allen Seiten

Das Band der Kultur, das unserer Gesellschaft zusammenhält, hat zweifellos Risse bekommen. Diese führen uns zu einem Zitat von Aldous Huxley, nach dem Kultur ein sehr dünner Firnis ist, der sich leicht in Alkohol auflöst. Alkohol kann aber nicht die Ursache der aktuellen Auflösung kultureller Errungenschaften, insbesondere der Gesprächs- und Diskussionskultur sein, wurden wir doch nicht dazu angehalten uns allabendlich zu betrinken. Nein. Wir sollten Kartoffelchips essen und Fernsehserien schauen. Gibt also einen anderen Grund für die kulturellen Auflösungserscheinungen?

Ja, den gibt es. Es ist die Angst, die Kultur deutlich wirkmächtiger auflösen kann, als Alkohol es vermag. Löst sich der Alkoholnebel am nächsten Tag als Kater wieder auf, kehrt die Kultur zurück. Anders bei der Angst. Angst verschwindet nicht über Nacht. Sie bleibt. Hartnäckig. Lange. Kann sich sogar selbst verstärken. Der angstinduzierte Kulturverlust hält folglich viel länger an als der rauschinduzierte, vermutlich sogar so lange, wie die Angst unser Fühlen, Denken und Handeln beherrscht. Aber es sind verschiedene Ängste, die in den Lagern vorherrschen. Die Politiker sorgen sich um ihre Wiederwahl. Die Eliten haben Angst vor Macht-, Kontroll- und Kapitalverlust. Bei den Bürgern, die die Maßnahmen befürworten, ist es oft die nackte Angst um die Gesundheit und das eigene Leben. Zumeist dominiert dort aber die Angst um das versäumte Leben, die verstrichene Zeit, die nicht wunschgemäß genutzt werden konnte. Die Kritiker der Maßnahmen haben Angst vor dem Verlust von Grundrechten, dem Verlust der Demokratie, der Rückkehr von Totalitarismus durch einen alle Lebensbereiche kontrollierenden technokratischen Apparat.

Die Ursachen der Ängste, so unterschiedlich sie auch sind, liegen im Glauben verwurzelt. Das, was gesagt, geschrieben und gesendet wird, wird von den meisten Menschen geglaubt. Die einen glauben, dass das Virus ein tödliches Killervirus ist, dass es eine Pandemie gibt, dass Politiker nur das Beste für Ihre Bürger tun, dass die Impfstoffe die einzige Lösung sind, dass die prominenten Wissenschaftler genau wissen, was Sache ist. Die anderen glauben, dass alles halb so schlimm ist, dass die Pandemie nur medial aufgebauscht wird, dass Politiker korrupt sind, dass die Pharmaindustrie dahinter steckt und dass es einen perfiden Masterplan der Eliten gibt.

Im Zweifel Innehalten

Etwas zu glauben, bedeutet aber immer, es nicht zu wissen. Um vom Glauben zum Wissen zu gelangen, bedarf es des Zweifels. Zweifel wirft Fragen auf. Deren Beantwortung, schon die Suche nach Antworten, bringt uns der Erkenntnis ein Stück näher. Zweifel hat in unserer Kultur keinen großen Stellenwert, aktuell nicht, möglicherweise noch nie gehabt. Zweifeln ist in unserer Kultur mehr ein Kennzeichen der Schwäche, als dass es den starken, zivilisierten Menschen auszeichnet. Wer zweifelt zögert, handelt nicht, bremst den Fortschritt – so die vorherrschende Meinung.

Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Hätte es keine Zweifler gegeben, würden wir weiterhin glauben, dass wir auf einer Scheibe leben, die im Mittelpunkt des Universums steht, würden Ablassbriefe kaufen und Hexen verbrennen und hätten nie einen menschlichen Körper seziert. Aufklärung und Revolution hätten niemals stattgefunden, Wissenschaft und Fortschritt wären nicht ansatzweise in dem Maße vorangeschritten, wie sie es dank der Zweifler getan haben.

Zweifel rüttelt an den Fundamenten der Macht, deswegen war und ist er unerwünscht. Zweifel und der Streit um die Suche nach Antworten auf die durch ihn aufgeworfenen Fragen sind aber das, was unsere Gesellschaft weiterbringt. Deswegen gilt es, den Zweifel hochzuhalten, deswegen müssen wir ihn praktizieren, kultivieren und gutheißen. Nur mittels seiner Hilfe wird es uns gelingen, den Weg vom Glauben zum Wissen einzuschlagen, dabei unsere Ängste zu überwinden und somit die Voraussetzungen zu schaffen, um die Risse im Band unserer Kultur wieder schließen zu können.

1 Henry Louis Mencken (1880-1956) war in den 1920er und 1930er Jahren zu einem der einflussreichsten und produktivsten Journalisten der USA, der über allerlei Schwindler und Betrüger der Welt schrieb. Dabei nahm er ebenso Chiropraktiker wie den Ku-Klux-Klan, Politiker oder auch andere Journalisten aufs Korn. Vor allem aber griff er die puritanische Moral an. Er nannte Puritanismus „die quälende Angst, dass jemand irgendwo glücklich sein könnte“.
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war er Redakteur und Autor des Magazins „The American Mercury“ und der „Baltimore Sun“. Er schrieb eine landesweit syndizierte Zeitungskolumne für die „Chicago Tribune“ und veröffentlichte daneben zwei bis drei Bücher pro Jahr. Als ein Meisterwerk gilt sein Buch „“The American Language“ (1919), eine Geschichte und Sammlung der amerikanischen Umgangssprache. Es enthält eine Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung ins amerikanische Englisch, die mit den Worten beginnt: „Wenn die Dinge so verfahren sind, dass sich das Volk eines Landes von einem anderen Land losreißen muss und es auf eigene Faust macht, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, außer vielleicht Gott den Allmächtigen, dann sollte es jeden wissen lassen, warum es das getan hat, damit jeder sehen kann, dass es nicht versucht, jemandem etwas überzustülpen.“, s. https://www.goodreads.com/author/show/7805.H_L_Mencken

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