von Myrthe Jentgens
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Unsere ‚selige Freiheit‘
Ein Stück Land, mit dem man machen durfte, was man wollte, über das man keine Abgaben zu entrichten und keine Vorschriften zu befolgen hatte – ein solches nannten Halbbauern des Oderbruchs im 17. Jahrhundert ihre „seelige Freyheit“. Kenneth erzählte mir davon und es hat mich berührt. Man stelle sich vor: Es war also möglich, neben der schweren Arbeit auf den “geliehenen”, abgabepflichtigen Parzellen, die zusätzliche Arbeit auf den abseits gelegenen, oftmals weniger fruchtbaren Wiesen als eine “selige Freiheit” zu erleben …
Auch wenn unsere Zeiten natürlich ganz anders beschaffen sind, gibt es da doch eine Parallele. Trotz unseres heutigen, massiven Eingespanntseins in ein kräftezehrendes und oft lebensfeindliches gesellschaftliches System schaffen sich viele Menschen durch die selbstständige Produktion von Lebensmitteln eine kleine „selige Freiheit“. Im restlichen Leben fühlen sie sich Sachzwängen, Normen, Reglementierungen ausgesetzt, aber wenn sie Brot backen oder Wachteln füttern, Honig schleudern oder Hochbeete bepflanzen, scheint dies irgendwie in den Hintergrund zu treten. Die Menschen, die so etwas tun, verbinden Glücksgefühle damit. Wenn sie erzählen, leuchten die Augen, huscht ein Lächeln übers Gesicht, streckt sich der Rücken in die Gerade, greifen die Hände liebevoll nach den entstandenen Produkten.
Die selbsttätige Herstellung von Nahrung ist etwas tief Befriedigendes. Und sie feiert gerade ein Comeback. Eine Freundin berichtete von einer Ferienreise, auf der sie ihren Sauerteig mitgenommen hatte. Es stellte sich heraus, dass alle Menschen, die sie auf der Durchreise besuchte, ebenfalls angefangen hatten, Brot zu backen und sich somit gerne einen Teil ihres Sauerteiges abzwacken wollten. Aus der Flut an YouTube-Videos zum Thema Selbstversorgung und aus der Zunahme an Lebensmittelquellen außerhalb der Supermärkte spricht die Sehnsucht nach einem aktiven Kontakt zum Lebendigen. Indem wir Materie verwandeln und in unseren Stoffwechsel aufnehmen, verwandelt dieser Prozess auch uns. Oder anders gesagt: Im Moment unseres sorgfältigen Eingreifens in lebendige Prozesse greifen diese Prozesse auch in uns ein. Aus einem Stück allgemeiner und „objektiver“ Natur auf der einen Seite und einem individualisierten, subjektiven Menschen auf der anderen entsteht etwas Neues, Drittes, das beides beherbergt.
Mein Mann und ich erleben unsere kleine, selige Freiheit in der Form von zwei Milchkühen. Als wir unseren vorigen Milchvieh-Hof verlassen mussten, stand für uns fest: Irgendwann machen wir das selber, im Kleinen. Beruflich betreibt mein Mann seither nur Ackerbau, schlägt sich mit Fragen der Wirtschaftlichkeit herum, sowie mit dem, was die Behörden von ihm fordern, privat hält er, mit mir zusammen, zwei Milchkühe der Rasse Angler Rotvieh. Wir haben sie als Kälber gekauft, als unser Haus noch eine Baustelle war, und haben ihnen seither beim Wachsen zugeschaut. Auch haben wir sie führig gemacht, sodass wir sie ohne Probleme zu den Weiden führen können, auf denen sie grasen dürfen. „Rechnen“ tut sich das kein bisschen, außer man schlägt eben zu der „Rechnung“ noch ganz andere, nicht-monetäre Werte hinzu. Abends sitzen wir oft auf dem Futtergang, trinken was, rauchen was, kichern über das Verhalten der beiden, lauschen den Fressgeräuschen. Es ist ähnlich wie Urlaub.
Die eine hat jetzt ihr erstes Kalb bekommen, die zweite steht kurz vor der Kalbung. Wir haben also ein bisschen umgebaut, ein bisschen was gekauft, ein Paar gute Kannen, eine kleine, händisch verschiebbare Melkanlage. Die Eingewöhnung der ersten Kuh verlief nicht ohne blaue Flecken, aber mittlerweile geht das Ganze ruhig und zügig vonstatten. Die Milch geht an die Dorfbewohner und an Freunde. Die Leute kommen in unseren kleinen Abholraum mit Kühlschrank und Zapfanlage, und ich kann es nicht anders sagen, aber sie sehen dabei selig aus.
Auch schöpfe ich morgens den Rahm ab und schlage nach einigen Tagen Butter daraus. Ich tauche sie, so wie ich es bei YouTube gezeigt bekommen habe, in Eiswasser, knete die Feuchtigkeit hinaus und streiche sie dann in ein schönes, hölzernes Förmchen hinein. Ich bin normalerweise keine leidenschaftliche Hauswirtschafterin; ich backe kaum, ich koche keine Marmelade ein. Aber beim ersten Mal, als ich diese Butter zubereitete, bemerkte ich, dass ich vor Erregung leicht zitterte.
Manchmal frage ich mich, ob wir uns genügend darüber im Klaren sind, was wir eigentlich verloren haben. Schaut man genauer hin, so kann einem nachgerade schwindelig davon werden. Die Entwicklung ist atemberaubend. Die bäuerliche Welt ist in einigen wenigen Jahrzehnten einfach komplett versunken. Das ist, geschichtlich gesehen, eine sehr kurze Zeit. Natürlich sollte man die Härten der Selbstversorgung nicht leugnen, ebenso wenig wie die vielbenannte Enge der bäuerlichen Verhältnisse. Aber es ist doch genau so wichtig, die Freuden deutlich zu erkennen und sich zu fragen, ob es eigentlich richtig ist, diese allesamt über Bord zu werfen und die Techniken der Selbstversorgung einfach vollständig zu vergessen. In dem Buch „Marie des Brebis“ erzählt eine alte Schafbäuerin aus dem Französischen Hochland aus ihrem Leben. Die Liebe zum Lebendigen und die Freude am Lebendigen tropfen aus jeder Seite des Buches heraus. Man kann nur staunend feststellen: Wir haben mit der harten Arbeit und mit all den anderen Begrenzungen auch unendlich viel Wundervolles verloren.
Wenn wir Freude am Lebendigen haben, fühlt sich die Arbeit nicht wie das Gegenteil von Freizeit an. In dem Gedicht „Sommernacht“ von Gottfried Keller wird ein alter, ländlicher Brauch beschrieben, nach welchem es in der Heimat des Dichters einst Sitte war, den hilfebedürftigen Witwen über Nacht bei der Ernte zu helfen. Eine Schar junger Schnitter zieht aus, um zusätzlich zu der ohnehin geleisteten Tagesarbeit das Getreide einer alleinstehenden Frau zu mähen und zu Garben zusammenzubinden. Diese Jungs genießen die nächtliche Aktion aus vollen Zügen, obwohl sie seit Tagen nichts anderes tun, als Getreide schneiden. Sie verschenken die überschüssige Kraft. Da heißt es am Ende des Gedichts:
„Die reinste Lust ziert ihren Fleiß!
Schon sind die Garben festgebunden
Und rasch in einen Ring gebracht,
Wie lieblich flohn die kurzen Stunden,
Es war ein Spiel in kühler Nacht!
Nun wird geschwärmt und hell gesungen
Im Garbenkreis, bis Morgenluft
Die nimmermüden braunen Jungen
Zur eignen schweren Arbeit ruft.“
Lange ist das her. Aber eigentlich, geschichtlich betrachtet, liegen solche Stimmungen und Lebenskräfte gar nicht so weit weg. Und etwas schwingt ja auch noch nach, wenn wir es lesen. Wir suchen unsere selige Freiheit genauso im Verborgenen, Abseitigen, in der Nacht oder „auf dem Lande“, in den Nischen der Gesellschaft und vor allem abseits der großen Systeme, die unser Leben und Fühlen, koste es, was es wolle, zu kontrollieren suchen. Produzieren wir in solch einem systemfernen Kontext Nahrung, für uns selbst und für unser allernächstes Umfeld, geschieht dabei etwas ganz Ähnliches: Die reinste Lust ziert unseren Fleiß.
Ein bisschen was von dieser Lust finde ich aber auch in meinem landwirtschaftlichen Erwerbsjob. Momentan füttere ich 63 Mutterziegen, 120 Lämmer, drei Rentnerinnen und vier Ziegenböcke mit Silage, Heu und Kraftfutter. Ich melke mit Hilfe einer Melkanlage um die 100 Liter Milch. Ich quetsche das Kraftfutter für den nächsten Tag, reinige den Melkstand, die Melkanlage und die Stallgassen und streue frisches Stroh ein. Manchmal kommt mir diese Arbeit vor wie ein Würfel; wie immer man ihn wirft, man wird Glück haben […].
Anders, Kenneth und Jentgens, Myrthe (2025):
Es ist beides da und es ist beides wahr. Über den Selbsterhalt in zerrissener Zeit. Aufland Verlag Croustillier.