„Ich will du sein“ – ein Impuls zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung

Gastbeitrag von Dr. Wolf Pfannenstiel

Lesedauer 7 Minuten

Es ist ein kurzer Satz, der dazu beitragen kann, dass Menschen einander besser verstehen und sich (wieder) annähern können: „Ich will du sein.“ Diesen Satz hole ich mir in konfliktträchtigen Situationen immer wieder her und wende ihn bewusst an. Im Folgenden möchte ich einige Aspekte von „Ich will du sein“ – im Kontext der nun seit über 18 Monaten andauernden Corona-Krise – näherbringen und dazu aufrufen, ihn mit Offenheit auszuprobieren und zu beherzigen.

Ich mache keinen Hehl daraus: Ich finde die Corona-Politik unserer Bundes- und Länderregierungen unverhältnismäßig. Ich bin weder Virologe noch Epidemiologe, doch als promovierter Informatiker verfüge ich über ein Grundverständnis von Wissenschaftlichkeit. Ich recherchiere seit Beginn der Coronakrise viel und informiere mich über wissenschaftliche Ergebnisse sowie Aussagen verschiedener Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen zum Thema. Ich habe versucht, die Corona-Maßnahmen mit dem in Einklang zu bringen, was Wissenschaft und die dokumentierten Tatsachen rund um Corona hergeben. Es ist mir bis heute nicht gelungen.

Umso mehr wächst meine Fassungslosigkeit darüber, was in diesem Land vor sich geht. Mir wird immer deutlicher, was Angst mit Menschen anrichtet. Mir wird mehr und mehr klar, welche Manipulationsmacht die Medien haben. Ich sehe, wie den Menschen im Namen einer angeblich guten und „lebenswichtigen“ Sache die Freiheit Stück für Stück genommen wird. Ich sehe, wie Menschen das alles nicht nur für „alternativlos“ halten, sondern sich auch fast fanatisch im Namen der „Solidarität“ für Maßnahmen einsetzen, die sie selbst unfrei, überwacht und dennoch weiter in Angst hinterlassen.

Dennoch bleibt für mich unumstößlich: Meine Zuversicht werde ich nicht verlieren. Ich lebe in der Gewissheit des Guten im Menschen.

„Ich will du sein“ bedeutet, mich gedanklich und emotional so weit wie möglich an mein Gegenüber – mein jeweiliges du – anzunähern: Ich möchte verstehen, was dich bewegt, was dich zu deinen Worten und deinen Taten motiviert. Ich möchte erfassen und begreifen, was du fühlst. Mit „Ich will du sein“ drücke ich meinen Willen aus, mich der Sicht der Welt meines Gegenübers in so großer Offenheit wie mir möglich anzunähern.

Gegen die Polarisierung der Gesellschaft

Die Anwendung von „Ich will du sein“ verlangt Offenheit und Mut. Es fällt nicht leicht, „Ich will du sein“ bei jemandem zu denken, der mir (aus welchen Gründen auch immer) unsympathisch ist oder bei dem ich überzeugt bin, dass seine Meinung und Sicht der Dinge meinen Überzeugungen widersprechen. „Ich will du sein“ eröffnet mir neue Sichtweisen, die mir nur ein anderer Mensch geben kann, auf die ich selbst aufgrund meiner eigenen Begrenztheit nicht komme.

Was will mich daran hindern? Wenn ich zum Beispiel eine These, die ein AfD-Politiker zur Corona-Politik vertreten hat, plausibel finde, muss ich auf deren offene Befürwortung verzichten, weil ich befürchten müsste, mich des Kontakts mit dieser politischen Partei „schuldig“ zu machen? Das wäre absurd, denn das politische Konstrukt der sogenannten „Kontaktschuld“ ist zu nichts weiter dienlich, als Menschen zu diskreditieren und mundtot zu machen. Auch AfD-Politiker sind Menschen, die durch irgendetwas zu ihren Überzeugungen gekommen sein müssen.

„Ich will du sein“ als Haltung hilft dabei, andere Menschen zu verstehen. Statt auszugrenzen, kann ich mit dem Anderen sprechen, mir seine Meinung anhören, mit ihm darüber diskutieren. Vielleicht eröffnet er mir sogar neue Sichtweisen und überzeugt mich oder vielleicht auch umgekehrt. Und selbst dann, wenn beides nicht der Fall ist, so hilft doch die menschliche Begegnung auf Augenhöhe, mein Gegenüber als empfindenden Menschen wahrzunehmen, dem dieselben Menschenrechte wie mir zustehen und der ebenso wie ich auf der Suche nach seinem Glück ist.

Dabei bedeutet „Ich will du sein“ nicht, mir jegliche Sichtweise oder Verhalten meines Gegenübers zu eigen zu machen. Es bedeutet, mein Gegenüber verstehen und nicht für das, was es denkt, verurteilen zu wollen. Es gibt einen Unterschied zwischen Billigen und Verstehen. Ich kann etwas verstehen, auch wenn ich es nicht billige. „Ich will du sein“ kann meiner inneren Verhärtung entgegenwirken. Gerade das scheint mir in der aktuellen Zeit dringend notwendig zu sein. Mit „Ich will du sein“ drücke ich Achtsamkeit für den Andersdenkenden aus, denn Achtsamkeit heißt zu wissen, dass der Andere wichtig ist.

Ich will du sein“ als ein Beitrag zur demokratischen Kultur

Demokratie bedeutet die Herrschaft des Volkes. Es ist klar, dass ein Volk nicht e i n e Meinung zu politischen, sozialen, wirtschaftlichen und anderen Fragen hat. In Anbetracht der Meinungsvielfalt erscheint es sinnvoll, sich auf wenige unverbrüchliche Grundwerte zu verständigen. Diese wurden auf den Ruinen totalitärer Herrschaft von den Gründern unserer Republik in Form von Grundrechten im deutschen Grundgesetz festgeschrieben.

Um wirksam zu sein, müssen gesellschaftliche Vereinbarungen klar sein, d.h. es müssen konkrete Handlungsmaximen formuliert werden, die ein Höchstmaß an gewünschter Wirkung erzielen. Zur Entscheidungsfindung ist ein differenzierter und offener Diskurs notwendig, um so viele Aspekte wie möglich und nötig einfließen zu lassen. Unser Parteiensystem bildet diese differenzierte Vielfalt von Betrachtungsweisen nur beschränkt ab, denn vor allem aus Machterwägungen agieren Parteien als „Ganzes“ (Stichwort: Fraktionszwang). Nehmen wir an, sechs politische Entscheidungen stehen an: Jeder Mensch kann bei jeder dieser Entscheidungen dafür oder dagegen sein. Das ergibt dann 64 (= 2 hoch 6) verschiedene Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Wie soll sich diese Meinungsvielfalt abbilden lassen? Bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Juni 2021 standen 22 Parteien zur Wahl. Wenn jede Partei eine Position zu diesen sechs Fragen hat, reicht das dennoch nicht aus, um auch nur bei dieser kleinen Zahl von Fragen das tatsächlich mögliche Meinungsspektrum abzubilden. Mehr noch: Der Wahl-O-Mat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hatte 38 politische Fragen zum Abgleich mit den Parteipositionen im Angebot. Schon bei einer rein binären Beantwortung der Fragen mit „stimme zu“ oder „stimme nicht zu“ ergab das rechnerisch über 274 Milliarden verschiedene Gesamtpositionen, die man vertreten konnte. Zugegeben, eine sehr theoretische Betrachtung, doch es zeigt das Problem mangelnder Differenzierung, das unser Parteiensystem mit sich bringt.

Absolut objektiv kann jemand nur dann sein, wenn er über a l l e Informationen verfügt. Objektiv sein heißt auch, nicht nur die eigenen Interessen zu berücksichtigen, sondern die aller Menschen. Über wirklich a l l e Informationen zu verfügen, ist weder Politikern noch Wählern möglich. Doch „Ich will du sein“ ermöglicht uns eine Erweiterung der Sichtweisen, die mir (nur) jenes „du“ schenken kann.

Dabei kann man der anderen Meinung widersprechen, ohne dabei den Anderen abzuwerten. Wie möchte ich angesprochen werden? Wie würde ich an Stelle meines Gegenübers reagieren, wenn ich vom Anderen die Nachricht bekäme, die ich selbst gerade geschrieben habe? Wird sie dazu führen, den anderen für meine Meinung zu interessieren und zu öffnen? Reagiere ich aus meiner Hilflosigkeit heraus, andere nicht zum Teilen meiner Sichtweise zwingen zu können, mit Wut? Wir profitieren als Menschen am meisten voneinander, wenn wir uns zuhören und uns so die Möglichkeit geben, uns gegenseitig zu bereichern. Empörung möchte nicht zuhören. Wenn ich eine Person von vorneherein ablehne, wird es mir kaum gelingen, etwas offen aufzunehmen, was sie mir sagt.

Die Angst und ihre Folgen

Wenn Angst uns im Griff hat, fokussieren wir uns darauf, genau das zu verhindern, wovor wir Angst haben. Wir verlieren andere Belange aus den Augen, sowohl unsere eigenen als auch die anderer. Viele haben heute Angst um ihr Leben und befürchten das Schlimmste, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren.

Viele Eltern haben offenbar große Angst um ihre Kinder, was angesichts medialer Panikmache oder der Omnipräsenz eines Karl Lauterbach nicht verwundern kann. Wenn es darum geht, dass das Kind sterben könnte, so nehmen sie alles in Kauf, um dies zu verhindern. Dann ist es nicht mehr wichtig, dass ihr Kind den ganzen Tag in der Schule eine Maske tragen muss, dass es kaum noch Sozialkontakte hat, nicht mehr zum Sport geht und so weiter. Die Angst überlagert alles. Das rationale Argument, dass die Corona-Sterblichkeit von Kindern bewiesenermaßen extrem gering ist, ja dass andere endemische Erreger wie Influenza für Kinder viel gefährlicher sind, spielt nun keine Rolle mehr. Die Sorge vor „Long Covid“ oder neuen Mutationen ist größer, und die Frage nach belastbarer Evidenz des Risikos tritt in den Hintergrund. Die Angst „ja, aber es könnte eben gerade mein Kind treffen“ beherrscht Denken und Handeln. Aus diesen Ängsten erklärt sich, aus welchem Grund sich Menschen und auch ihre Kinder so dringend impfen lassen möchten oder es bereits getan haben. Und es ist unglaublich, wie erleichtert manche Menschen nach ihrer Impfung sind. Dies ist in keiner Weise abwertend gemeint. Es hat meinen Horizont erweitert und hat mir verdeutlicht, wie groß die Angst bei diesen Menschen ist.

Andere fürchten um das Leben ihrer Eltern, Großeltern oder anderer Angehöriger der sogenannten Risikogruppen. Viele der Unterstützer der Corona-Maßnahmen fordern hier den unbedingten Schutz dieser Gruppen und dafür die „Solidarität“ aller. In Bezug auf die Risikogruppen scheint also „Ich will du sein“ schon gelebte Praxis zu sein. Wirklich? Was ist denn mit den alten Menschen, die sich weiterhin Kontakte wünschen und die als selbstbestimmte Menschen die bewusste Entscheidung getroffen haben, den Infektionsschutz nicht über alles andere in ihrem Leben zu stellen? Ist das dann Solidarität, diese Menschen dennoch zu isolieren und Kontakte rigoros zu unterbinden, selbst wenn diese Menschen sich am Ende ihres Lebens nichts sehnlicher wünschen, als ihre Liebsten noch ein letztes Mal zu sehen, sie in die Arme nehmen zu können, um die Liebe und den sanften, warmen Druck ihrer Wangen an den eigenen zu spüren?

Das Risiko allen Daseins

Ich selbst habe keine Angst davor, mich mit Corona zu infizieren. Vielleicht bedeutet es meinen Tod, wenn ich mich mit Corona infiziere oder ich leide danach jahrelang an „Long Covid“. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber nach allen uns heute verfügbaren Erkenntnissen sehr gering, und ich nehme sie als Teil meines allgemeinen Lebensrisikos in Kauf. Ebenso wie ich das mit dem Risiko einer Influenza-Infektion oder gewissen anderen Lebensrisiken tue. Ein Leben in Freiheit ist mir wichtiger, als mich vor jedem Risiko des Daseins zu fürchten. Nichtsdestotrotz bin ich dem Leben gegenüber demütig genug, um zu wissen, dass ich nicht vor schweren Erkrankungen gefeit bin. Es gibt im Leben keine Garantien. Für nichts.

Wie wäre es, wenn die Menschen, die immer lautstärker die Ausgrenzung von Ungeimpften fordern, sich einmal in den hineinversetzen, der sich nicht impfen lassen möchte. In jemanden, der vielleicht vor einer neuartigen Impfung mit bedingter Zulassung und angesichts von Nebenwirkungen ebenso viel Angst um sich und sein Leben hat, wie ein Maßnahmenbefürworter vor Covid-19?

Denn schließlich wollen wir tief in unseren Herzen alle dasselbe: Ein Leben in Freiheit, Frieden und verbundener Gemeinschaft gestalten. Der Blick nach hinten findet den „Schuldigen“, der Blick nach vorne die Lösung. Ich bin mir sicher, es gibt immer eine Lösung in Verbundenheit. In diesem Sinne: Ich möchte ihr alle sein! Wer macht mit?

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