Die Angst im Schatten des Gesetzes

Von Andreas Hansche

Lesedauer 5 Minuten
Angst im Schatten des Gesetzes
211015 © Foto Bob Price

Das Archaische reicht aus der Vergangenheit des Menschen bis dahin, wo Unbewusstes Bewusstsein wird. Es reicht in unser Rechtssystem, seine Institutionen. Es ist in unserer Sprache, in den Spielen, nicht nur in denen der Kinder.

Es ist in jeder Zeit und Gesellschaft anders, die Ägypter empfanden andere Dinge als überwunden als die Römer oder wir heute. Das Archaische ist das, was manche als primitiv empfinden, als nicht mehr zeitgemäß.

Es ist das Erbe an instinktivem Verhalten in unserem Wesen, das sublimiert Kultur und Sitte wird.

Adam erkannte sein Weib Eva. Der Begriff Erkenntnis zeigt in der Sprache, wie das Archaische in sie hineinreicht. Erkenntnis ist Sex, als das Begreifen des begehrenswerten Anderen. Es ist Liebe. Es ist Erkenntnis als intellektuelle Kulturleistung, durch die wir moderne Menschen wurden. Erkenntnis reicht vom Kreatürlichsten zum Intellektuellen, sie ist archaisch und modern zugleich.

Archaisch ist die Rache, die Ekstase, die Aggression, der Krieg, die Autorität der Alten, das Tabu, der Tribalismus der Horde und sein Verlangen nach Loyalität. Es ist das Wort, das ich halten muss, bei meinem Leben. Es ist der Aberglaube, der Glaube daran, dass alles beseelt ist.

Das Archaische ist der Fall-Back-Modus, wenn es kulturell nicht mehr geht.

Wir haben durchaus Lust an der Verfeinerung, der Differenzierung, an dem, was Kultur ausmacht. Wir können es bei Kindern beobachten, darin, wie sie uns nachahmen.

In Situationen der Überforderung, des Drucks, der Aggression verlieren wir die Contenance und verlieren das Gesellschaftliche, das wir spielen. Kultur und Gesellschaft sind auch ein Spiel, in dem wir mitspielen.

Unsere Lust und Freude an Erkenntnis lässt uns an Verbesserung und Verfeinerung arbeiten. Kinder möchten groß werden, und solange wir nicht überfordert werden, wollen wir Verbesserung. Kinder zeigen am deutlichsten die Begegnung zwischen dem Archaischen und der Kultur. In beide Richtungen, vor und zurück, in ihrem Nachahmen und in ihrer Grausamkeit.

Archaische Angst

Es ist auch die Angst. Die vor Gespenstern, die Angst im dunklen Wald. Die Angst vor dem unbekannten Geräusch in der Stille. Die Angst vor dem Archaischen in uns, im Anderen, im Fremden. Dass wir Menschen geworden sind aus Angst. Wir haben uns Waffen zum Schutz gebaut, Werkzeuge und Technologien, mit deren Hilfe wir vorsorgen können gegen den Hunger und die Kälte im Winter.

Die Angst der Tiere: Das Reh zittert und flieht. Selbst Fuchs und Bär trollen sich. Affen klettern auf Bäume. Flucht- und Schutzinstinkte, die in unserem Unbewussten da sind. Sie und alle anderen Instinkte bilden die Quelle der Überraschung darüber, wie archaisch wir Menschen eben auch sind. Dass unsere Angst eine andere als die der Tiere ist, hat damit zu tun, dass wir nicht nur auf Gefahren reagieren. Wir wissen, dass es sie gibt, sie rufen sich selbst aus unserer Erinnerung in unser Bewusstsein.

Aber was unsere Angst verstärkt, ist auch die Voraussetzung, den Stier bei den Hörnern zu packen, die Gefahr anzugehen.

Dann gibt es noch die Angst vor der Angst. Die Mutlosigkeit vor dem Schritt, die Hörner zu packen.

Die Industriegesellschaft ist die Grundlage für das moderne Leben. Vor über einhundert Jahren waren ihre Transmissionsriemen und Räderwerke sichtbar, die Stahlwerke rauchten, der Lärm der Dampfmaschinen war unüberhörbar.

Es gibt immer noch Maschinen, Lärm, aber wir können nicht mehr nachvollziehen, wie sie funktionieren, sie sind zu schwarzen Schachteln geworden. Die zunehmende Abwesenheit schwerindustrieller Produktion aus Ballungsgebieten heraus hat die gesamte Industrieproduktion selbst in eine Black-Box verwandelt.

Manche glauben, man könne an dieser Box drehen und schrauben, wie man will. Nach wie vor ist aber Industrieproduktion die Umsetzung der Verfeinerung von Wünschen nach Dingen, die das Leben erleichtern: der Schritt von der ersten Sichel aus Holz mit Steinklingen zum Mähdrescher. Sie ist die intellektuelle und manuelle Leistung einzelner Vieler in einem komplexen gesellschaftlichen Biotop.

System of boxes

Das system of boxes hat uns die Angst nicht und auch nicht die Angst vor der Angst genommen.

Trotz der zunehmenden Abwesenheit von Gefahr nimmt unsere Angst nicht ab. Im Gegenteil, die Bannung von Gefahren scheint eine Art Leere zu erzeugen, in die unsere Angst mit Lust zu strömen scheint.

Wir haben Angst, dass wir die Box auf Rädern verpassen, sei sie Lieferdienst oder Transportmittel. Dass wir Boxen in unseren Händen falsch bedienen, dass aus der kafkaesken Box, die das Schloss, die Behörde ist, die falschen Briefe oder Nachrichten in den Briefkasten flattern. Eine hypochondrische Manie, die uns beim Verlassen des Hauses zwingt, permanent aufzupassen, nicht das Falsche zu tun.

Oder ein Virus. Möglicherweise aus einer Box namens Labor. Die Angst vor der Angst, wir versuchen mit Schutzzaubern zu bannen, was da an Bedrohlichem auf uns zuzukommen scheint. Wir maskieren uns. Vielleicht erkennt uns das Virus ja nicht, wenn das Gesicht versteckt ist. Wir verwenden Desinfektionsmittel als Weihwasser. Das ist eben auch archaisch: wenn wissenschaftliche Erkenntnisse, die eigentlich immer von einem permanenten Prozess des Zweifels begleitet werden müssen, in unser magisches Denken hinein verfestigt werden.

Offensichtlich geht einer Gesellschaft, die sich über ihre Produktionsweise nicht mehr im klaren ist, auch das Verhältnis zu sich selbst verloren. Im Einzelnen und in Gruppen.

Im Schatten der Black-Box entwickeln sich tribale Strukturen, von manchen Blasen oder Parallelgesellschaften genannt. Das Archaische kehrt zurück, je mehr kulturelle Errungenschaften als nicht mehr brauchbar gesehen werden. Im Schatten des Rechtssystems entstehen archaische Systeme. Kultur- und Staatsbildung macht aus, dumpfe Volksgefühle in klare Rechtsprechung zu wandeln. Möglicherweise hat die Verfeinerung dieser Prozesse zu einem Verlust an Präzision geführt. Der Drang, für jedes Problem, jede Gefahr einen Bann im Gesetz zu schaffen, scheint Rechtssysteme zunehmend zu ermüden, sie damit in ihrer Wirksamkeit zu entschärfen.

Rechtsstaat kapituliert

Der Wunsch des Staates nach Durchimpfung aller Bürger gegen SarsCov2 als eine zu zwingende Maßnahme müsste in eine Rechtsform münden und die dafür nötige Mehrheit und Akzeptanz finden.

Da offensichtlich befürchtet wird, dass weder Akzeptanz noch Rechtsstaat das hergeben, wird dieser Wunsch an ein dumpfes, gäriges Volksgefühl übergeben.

Der Rechtsstaat kapituliert vor dem magischen Denken, dass eine Kommunion, eine Eucharistie der Impfung, die ganz offensichtlich von einer nicht unerheblichen Menge gefordert wird, eine Lösung wäre.

Nun tu doch was!, ist die Forderung nach einem Irgendwie des Handelns, wenn nichts mehr geht. Diese Forderung bringt selten rationales Handeln hervor, wenn ihr unbedingt Folge geleistet wird.

Nämlich der Frage nachzugehen, ob denn überhaupt und unbedingt und unmittelbar immer etwas getan werden müsse.

Möglicherweise entstehen über diesen Umweg Gesetze, die wirksamer scheinen, als das Grundgesetz, obwohl sie diesem widersprechen. Das Grundgesetz dieses Landes setzt keine Handlungsoptionen bei Gefahr, sondern Grenzen gegen Gewalt. Es vertraut dem rationalen, streitbaren Austausch über Handlungsoptionen.

Die SED versuchte im Dezember 1989 durch eine Kampagne gegen polnische Staatsbürger, die unseren Bürgern Waren wegkaufen, von sich abzulenken.

Die Nationalsozialisten haben permanent das Rechtssystem von Weimar dadurch erodiert, dass sie einem Volkswillen freien Lauf ließen, einem Volkswillen, den organisierte Mobs manipulierten, flankierten und verstärkten.

Ich weiß nicht, ob es heute um Ziele geht, die aus einer rationalen Entscheidung der Politik hervorgehen, die mit Kampagnen zur Meinungs- und Entscheidungsbildung unterstützt werden.

Viel zu sehr sehe ich gruppendynamische Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussen. Sie finden immer weniger in demokratischen, rationalen Entscheidungsfindungen statt. Aber immer mehr spielt das Archaische dabei eine Rolle.

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