»Als Polizist kenne ich unser Grundgesetz – daher weiß ich, dass die Situation rechtswidrig ist!«

Interview mit dem Polizisten Marco S.* ( *Name von der Redaktion geändert)
Marco dient seit nahezu 30 Jahren der Bundesrepublik Deutschland als Polizeibeamter.

Ein Gastbeitrag von Nadine Strotmann

Das Interview erscheint als Originalbeitrag auch in der kommenden Ausgabe 57 der Wochenzeitung „Demokratischer Widerstand“

Lesedauer 4 Minuten

Marco S. ist Polizist aus Hamburg. Wir trafen ihn am vergangenen Sonntag als privaten Teilnehmer der großen Augustdemonstration in Berlin. Im Interview spricht der 48-Jährige über seine Beweggründe, über den Zwiespalt zwischen Befehl und Eigenverantwortung und das seltsame Gefühl, von Kollegen eingekesselt zu werden.

NS: Hallo Marco, schön, dass Sie Lust und Zeit für ein Interview mit uns haben. Sie haben sich Anonymität erbeten, daher drucken wir Ihren Namen in geänderter Form. Mögen Sie sich skizzenhaft vorstellen?

Marco S.: Gern. Ich bin gebürtiger Ostdeutscher, komme aus der Gegend um Stettin und lebe bereits seit vielen Jahren in Hamburg. Während meiner Polizeiausbildung habe ich eine Zeit in Berlin gelebt, bin also vertraut mit der Stadt. Meinen Vorgesetzten habe ich über meine private Teilnahme an der Demonstration informiert, er akzeptiert das auch. Dennoch möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt unerkannt bleiben.

NS: Warum haben Sie sich als junger Mann entschieden, Polizist zu werden?

Marco S.: Es ist ähnlich wie bei vielen meiner Kollegen. Ich wollte was Gutes machen, für die Bürger unseres Landes da sein. Außerdem ist der Beruf als Polizist abwechslungsreich. Wenn Du auf Streife bist, erlebst Du viel: Von der Ruhestörung bis zur Messerstecherei. Außerdem trägst Du von Anfang an viel Verantwortung, kannst viel selbst entscheiden. Und Du hast einen gesellschaftlich anerkannten Beruf.

NS: Sie waren als Teilnehmer am Sonntag auf einer verbotenen Demonstration. Warum?

Marco S.: Als Polizist habe ich viel über unser Grundgesetz gelernt. Von daher weiß ich, dass die derzeitige politische Situation rechtswidrig ist. Deswegen halte ich das Demonstrationsverbot auch für hinfällig, denn das Infektionsschutzgesetz fußt nicht auf soliden Fakten und hebelt unsere Grundrechte daher unberechtigt aus. Ich möchte mit meiner Teilnahme ein Zeichen für unsere Verfassung setzen: Wir haben keinen Föderalismus mehr, viele Maßnahmen basieren auf Verordnungen, und die Zahlen und Fakten zur Corona-Krise passen nicht zu den Maßnahmen. Vieles ist willkürlich und nicht evidenzbasiert. Mein Eindruck zur Demo ist sehr gemischt. Die Besucher waren friedlich, die Bereitschaft meiner Kollegen hart durchzugreifen groß.

NS: Wie ordnen Sie das teils sehr aggressive Verhalten Ihrer Kollegen ein?

Marco S.: Mein Eindruck ist, dass die Kollegen insgesamt härter und schneller eingreifen als früher zu meiner Zeit als Streifenpolizist. Ich habe auf der Demonstration am Sonntag Situationen miterlebt, die nicht verhältnismäßig sind. Wir wurden als friedliche Gruppe eingekesselt, einer sogar in Gewahrsam genommen und wir sind in der Überzahl fast in ein Gerangel mit der Polizei geraten. Das war ein seltsames Gefühl, zumal ich ähnliche Situation aus der anderen Perspektive kenne. Früher hätten wir uns diese Art von Aggression nicht erlaubt, weil wir Angst vor Konsequenzen gehabt hätten. Also wenn zum Beispiel eine Person bereits fixiert am Boden liegt, habe ich als Polizist nicht unnötig noch Schläge verabreicht, das schießt weit über das Ziel hinaus.

NS: Wie erklären Sie sich diese Unverhältnismäßigkeit?

Marco S.: Der gesellschaftliche Druck ist massiv. Die Massenmedien „framen“ die Demonstranten, rücken sie in die Ecke der Staatsfeinde, der Reichsbürger, der Nazis, sprechen sogar von Corona-Leugnern. Das heißt nichts anderes, als dass es sich vermeintlich um Menschen handelt, die rücksichtslos andere infizieren und deren Tod in Kauf nehmen. Dieser Prozess der Entmenschlichung ist brandgefährlich, ganze Bevölkerungsgruppen werden diskreditiert. Das wiederum setzt die Hemmschwelle der Polizisten herab. Aus meiner Sicht werden hier viele Kollegen gerade verheizt, vor allem die jungen und unerfahrenen, die frisch von der Polizeischule kommen. Ihnen fehlt die Weitsicht. Ältere Kollegen sind da besonnener und leben mehr Eigenverantwortung im Umsetzen von Befehlen.

NS: Was meinen Sie damit?

Marco S: Grundsätzlich hofft ja jeder von uns, dass die Befehle erst mal gut sind. Manchmal muss man jedoch von eigenen Vorstellungen Abstand nehmen, das ist halt die Kehrseite eines sicheren Jobs, und das gute Gehalt ist dann auch mal eine Art Schmerzensgeld. Aber dennoch hat jeder Polizist die Möglichkeit, Befehle zu gestalten, im Härtefall auch zu remonstrieren. Wenn zum Beispiel eine Demonstration aufgelöst werden soll, kann ich immer noch in Eigenverantwortung entscheiden, ob ich weniger oder mehr Gewalt einsetze. Hier gilt das Maß der Verhältnismäßigkeit. Erfahrene Kollegen sind daher oft nicht bei diesen Einsätzen, die machen nicht alles mit.

NS: Ein Demonstrant kam im Zusammenhang mit einer polizeilichen Maßnahme ums Leben. Die genaueren Umstände sind noch nicht bekannt. Dennoch, was macht das mit Ihnen?

Marco S.: Es ist erschreckend. Es fühlt sich für mich so an, als würde sich die Spirale der Gewalt immer schneller drehen. Erst wurde der Ton der Polizisten gegenüber den Demonstranten deutlich schärfer, dann wurden die ersten Versammlungen hart aufgelöst, Wasserwerfer kamen zum Einsatz gegenüber friedlichen Menschen und jetzt das. Ich will das nicht vorschnell bewerten, aber es macht mich traurig. Und diese ganzen Bilder und Videos, die jetzt wieder durch das Internet und die Welt gehen, schaden nicht nur der Polizei in ihrem Ansehen, sondern unserem ganzen Land.

NS: Welchen Tipp haben Sie für Ihre Kollegen?

Marco S.: Glaubt nicht alles, was euch erzählt wird, informiert euch über die Mainstream-Medien hinaus. Lest Bücher, die aufklären und bildet euch weiter. Nur mit viel Wissen kann ich mir eine eigene Meinung bilden – und muss nicht mehr blind der Mehrheit hinterherrennen.

NS: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Marco S.: Ich wünsche mir endlich wieder eine Debattenkultur, in der Argumente ausgetauscht werden und die Suche nach einem gesellschaftlichen Konsens im Mittelpunkt steht.

NS: Marco S., wir danken Ihnen für das Gespräch.

© Nadine Strotmann

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