von Casimir Anderson
Lesedauer 10 Minuten
Die Szene spielt im Jahr 2025: Drei Freunde aus einer sechsten Klasse kebbeln sich vor der Jugendherberge, bewerfen sich mit kleinen Kiefernzapfen, nehmen sich gegenseitig Sachen weg und begleiten alles mit inszeniert übertriebenem Krakeel. Das Ganze geschähe wohl nicht, wäre nicht beschlossen worden, die Schüler ohne Smartphone zur Klassenfahrt zu schicken. Mit Gerät würden sie die meiste Zeit motorisch teilnahmslos auf dem Zimmer sitzen.
Ich habe die Szene beobachtet. Die drei Jungen sind unausgeschlafen und nervig, aber auch Freunde und harmlos. Die Lehrkraft schätzt aber die Situation zu schnell und falsch ein. Intuitiv greift sie auf ein Muster zurück, mit dem sie sich damals durchsetzen konnte. Sie ruft:
„Abstand halten! Ihr haltet jetzt alle zwei Meter Mindestabstand!“
Der Befehl wirkt noch immer. Ohne Diskussion gehen die Schüler auseinander. Die autoritären Corona-Zeiten haben Spuren hinterlassen. Eine davon ist die schulmeisterliche Sehnsucht nach Law and Order. Schule unter Corona-Bedingungen hat Spielen verboten, Schüler isoliert und zu Opfern hysterischer Maßnahmen gemacht, Apartheid zur Tugend erklärt und Stubenhocker zu Helden des Alltags gekürt. Die Schüler mussten funktionieren und weil es so praktisch war, sollen sie heute weiter funktionieren.
Die Folgen der Corona-Politik werden auch im pädagogischen Betrieb nicht analysiert. Meistens wird die Zeit betrachtet wie eine Woche ohne fließendes Wasser: herausfordernd und lästig, aber nachdem die Leitung repariert wurde, auch schnell wieder vergessen. Damals gab es statt Unterricht „E-Learning“: Aufgaben wurden online angefertigt. Ab und zu traf man sich auf Zoom. Es klappte erstaunlich gut. Zurück im Klassenraum war es dann aber wie mit dem ersten Tinder-Date: ganz anders als vorgestellt. Viele der passabel erledigten Aufgaben waren irgendwo abkopiert, das Thema nicht begriffen. Grundlegende Fertigkeiten und Kenntnisse fehlten. Trotzdem schritten die Lehrer, ohne die Lücken zu schließen, einfach im Lernplan voran.
Wohin geht‘s ohne Worte …?
Heute kann in einer normalen Schule in einer sechsten Klasse nicht mehr davon ausgegangen werden, dass sinnerfassendes Lesen von 70 % der Schüler beherrscht wird. Auf meinen Klassenfahrten veranstalte ich manchmal eine Gelände-Rallye, in der in kleinen Gruppen ein Weg gefunden werden soll. Jede Gruppe bekommt von mir eine Einführung, eine für sie vereinfachte Karte, einen Kompass, damit sie den Weg zu verschiedenen markierten Stationen im Gelände findet. Die erste Aufgabe auf dem Rallye-Zettel lautet: „Geht bis zu dem mit einem Band markierten Eichen-Baum. Folgt dem Waldweg nach Osten (links), bis ihr auf eine Straße stoßt (siehe Karte).“ Ich lese sie den Schülern vor.
Der „Eichen-Baum“ – grammatikalisch holprig, aber viele wissen nicht, was eine Eiche ist – ist in Sichtweite des Starts. Ich zeige ihn in der Natur. Man könnte nun einfach zur Eiche und dann links gehen, man könnte mit dem Kompass nach Osten gehen, man könnte zur bekannten Straße gehen. Aber neben der Eiche steht eine Buche, auf die jemand einen Pfeil nach rechts gemalt hat. Drei von zehn Gruppen laufen nach rechts. Ob es am Leseverständnis liegt?
Ich vermute, dass das Wort als Bedeutungsträger und Mittel der Vernunft weniger wichtig (geworden) ist. Was man in welcher Situation zu tun hat, ist seltener mit Verstand zu erfassen, es liegt eher in der Luft. Um in der Welt zurechtzukommen, gilt es, Stimmung und Zeichen zu erfassen, weniger zu lesen und zu verstehen. Die Schüler haben sich wahrscheinlich nicht gefragt, wie die Aufgabe lautet und was richtig wäre, sondern was sie wohl tun sollen. Das Pfeil-Zeichen war stärker als das Wort. Die Erfahrung – auch aus Zeiten absurdester Corona-Verordnungen – zeigt, dass man mit eigenem Denken in sozialen Situationen oft eben nur schlecht weiterkommt.
… ohne Rechnen?
Manchmal stelle ich spaßeshalber ab Klasse vier die Aufgabe: Was ist 13 x 12? Ich bin kein Lehrer, ich gebe keine Noten. Die Kinder sind gerne mit mir unterwegs, mir kann man jeden Unsinn erzählen. Im Durchschnitt ist nur jede sechste Antwort richtig. Das Einmaleins muss nicht nur gelernt, sondern eingeübt werden und es wird von einem bedeutenden Teil der Klassen nicht mehr beherrscht. So wird es nicht gelingen, dass Kinder mehr als ein rudimentäres Gefühl für Größen, Zahlen und ihre Zusammenhänge entwickeln.
… ohne Bewegung?
Nicht nur in der kognitiven Entwicklung wurden Jugendliche allein gelassen. Auch das Bewegungsverhalten in alltäglichen Situationen (dabei spreche ich nicht einmal von Sportlichkeit!) ist häufig mehr als auffällig. Dass alle Kinder einer Klasse schwimmen können, kann nicht mehr vorausgesetzt werden. Im Wald stolpern auffällig viele Kinder tapsig herum. Der Tiefpunkt meiner Erfahrungen war ein Mädchen, das sich bei nur leicht abschüssigem Gelände wie eine gebrechliche Seniorin von Baum zu Baum hangelte. Ich ging davon aus, dass eine Behinderung vorliegen müsse, und fragte diskret die Lehrerin, ob ich dem Mädchen im nächsten Bewegungsspiel eine besondere Rolle zuweisen solle. Die Lehrerin verstand mich nicht. Das Mädchen habe doch keine Behinderung, es sei einfach nur selten draußen.
… ohne soziale Kompetenz?
Schule als physischen und sozialen Begegnungsraum hat es über die Corona-Jahre nicht gegeben. Soziale Kompetenzen konnten nicht erworben werden. Nähe war streng verboten, Konflikte wurden nicht ausgetragen. Wurde die verführerische Bildschirmzeit vor Corona noch von Schule und „guten Elternhäusern“ begrenzt, machen heute schon Grundschüler in Freizeit und Schule nichts häufiger, als auf Bildschirme zu schauen. Ausgegrenzt ist nicht mehr der, der nicht nach draußen darf, sondern der, der über nur begrenzten digitalen Zugang und keine passenden Endgeräte verfügt.
Wer einmal die Gelegenheit hatte, Schüler in einer Pausenhalle (oder Politiker im Plenarsaal) zu beobachten, sieht die soziale Verelendung auf einen Blick: Smartphones sind allgegenwärtig, es fehlt die direkte Interaktion. Mein Dorf hat endlich einen neuen und schönen Spielplatz, die Erwachsenen finden ihn toll. Aber was nützt er, wenn dort kaum ein Kind spielt und deshalb auch keines dazukommen kann?
… ohne Aushandlungsprozesse?
Gehorsam und absolute Autorität kannte man vor Corona eigentlich nur aus der Literatur: von Professor Unrat, dem kleinen Nick oder den Jugendbüchern von Ferenc Molnár und Erich Kästner. Kinder durften nur sprechen, wenn sie gefragt wurden. Schüler hatten zur Begrüßung aus der Bank zu treten, und Kritik am Lehrer war tabu. Der autoritäre Unterricht kontrastierte aber bereits in den Pausen mit einer autonomen Gegenwelt, die sich die Schüler schufen. In ihr wurde verführerische Kunst entdeckt (Professor Unrat), ein Bauplatz in Besitz genommen (Die Jungen von der Paulstraße) oder auf Pausenhof und Schulweg allerhand Unfug getrieben (Der kleine Nick).
Dagegen war in der Corona-Zeit jeder Freiraum streng verboten: Die Maske war immer zu tragen, Abstände mussten strikt eingehalten werden, ohne Test durfte niemand die Schule auch nur betreten.
Ich kenne die pädagogische Praxis als Aushandlungsprozess. Bis Corona hatten die meisten schulischen Angelegenheiten einen größeren oder kleineren Diskussionsspielraum: Man muss sich im Unterricht melden – und tut es oft doch nicht. Der Unterricht beginnt pünktlich – aber es kann etwas dazwischenkommen. Über Hausaufgaben entscheidet der Lehrer – aber manchmal kann man ihn bewegen, sie ausfallen zu lassen. Es ist vielleicht dieses Aushandeln, das man „Erziehung“ oder „soziale Bildung“ nennen könnte.
Der Lehrer als Freund und Prüfer
Die wichtigste Kenngröße im staatlichen Schulsystem ist allerdings die Note, und diese Noten werden nicht nur aus Klassenarbeiten, sondern auch aus der täglichen Mitarbeit des Schülers gebildet. In der Welt der Erwachsenen soll eine objektive Leistungsbeurteilung eine emotionslose Angelegenheit sein. Aus guten Gründen wird sie außerhalb der Schule häufig von externen Prüfern getätigt.
Das Selbstverständnis eines Lehrers ist aber selten das eines neutralen Prüfers. Gute Lehrer sollen schließlich für ihren Stoff begeistern, Vorbild sein, Schwächen erkennen, Kinder dort abholen, wo sie stehen, und viel Beziehungsarbeit leisten. Lehrer haben damit eine Doppelrolle, die sich widerspricht und fast zwangsläufig zu einem unaufrichtigen Verhältnis führt. Viele fliehen vor der Verantwortung, indem sie sich in die Rolle eines devoten Lernbegleiters begeben, der bloß etwas Vorsprung in Wissen und Erfahrung hat. Aushandlungsprozesse sind etwas anderes.
Auf der richtigen Seite stehen
Lehrer möchten dazugehören und gemocht werden. Es gibt gute Gründe, sich einem experimentellen Vakzin zu verweigern, die oberflächliche Klimahysterie in Frage zu stellen und nicht zu gendern. Doch wer immer sich dem Zeitgeist verweigert, wird sich rechtfertigen müssen. Lehrer sind es gewohnt, Recht zu haben; sie wollen sich nicht rechtfertigen.
Dass sie mehrheitlich kinderfeindliche Corona-Maßnahmen mitgetragen haben, hat aber noch andere Gründe. Der Lockdown war für viele Lehrer einfach bequem: Halbe Arbeit im Homeoffice bei voller Bezahlung. Anweisungen statt mühsamer Aushandlungen, keine Elternsprechtage und Konferenzen. Das war ein allgemeines Phänomen: Für die besserverdienenden Teile der Bevölkerung ging der Ausnahmezustand oft mit vielen Annehmlichkeiten einher. Leiden mussten die Schwachen. Die Coronapolitik konnte nur durchgesetzt werden, weil viele davon profitiert haben. Als die Maßnahmen endlich beendet wurden, widersprachen die Lehrerverbände heftig.
Digitalisierung statt Lernen
Viele Lehrer hätten mit dem beziehungslosen Fernunterricht gerne weitergemacht. Digital galt plötzlich als modern. Die einzige Lehre, die man aus der Corona-Zeit gezogen zu haben meint, soll sein, dass die Schulen nicht hinreichend für die Digitalisierung ausgestattet seien. Diese Feststellung ist absurd, denn Schule ist ein Platz des Analogen und der direkten Begegnung.
Ich wohne in einem Gebiet mit hohem Grundwasserstand. Mir ist einmal nach einem Stromausfall der Keller vollgelaufen. Seitdem besitze ich ein kleines Notstromaggregat, das die Pumpe betreiben kann, die den Keller vor Wasser schützt. Einmal hat es gute Dienste geleistet, aber es fiele mir nicht im Traum ein, meine reguläre Stromversorgung durch den Generator zu ersetzen.
Die Schule meint aber, mit der digitalen Transformation, genau das machen zu müssen. Ohne Not wird bewährte und oft schmerzlich vermisste Präsenz einem beständigen Online- und Woanders-Sein geopfert. Natürlich ist es gut, das Internet sinnvoll als Quelle und Ressource zu nutzen. Aber warum sollten Mathebuch und Heft durch ein kleines Tablet ersetzt werden? Mobile Digitalität ist Zucker für den Geist. Sie wirkt schnell, kurz, bald kaum noch. Ist sie nicht mehr da, fehlt sofort etwas. In dieser Welt unbegrenzten digitalen Zugangs gibt es keine Langeweile mehr, keinen Müßiggang, wenig Unfug, wenig Störungen und keine gelungenen Abi-Scherze. Konzentration und Auseinandersetzungen werden vermieden; schließlich kann man jederzeit bequem in virtuelle Nebenwelten ausweichen. Auch wir Erwachsenen erleben das. Der Unterschied zur heutigen Welt der Schüler ist, dass wir noch auf Erfahrungen zurückgreifen können, in denen menschliche Annäherung und geistige Arbeit ohne digitale Ablenkungen und Versüßungen erfolgte.
Für die totale Digitalisierung der Schulen werden seit Corona unfassbare finanzielle Ressourcen abgerufen. Ich kenne eine neue, staatliche, „i-Pad Klasse“, in der Eltern und Schule zum neuen Schuljahr Investitionen von über 20.000 € stemmen mussten. Mit dem Geld könnte man vernachlässigte Kompetenzen fördern, eine zusätzliche Klassenfahrt unternehmen, allen Nichtschwimmern einen Kurs finanzieren – und hätte noch genug übrig, um endlich das Klassenzimmer zu renovieren. Vielen Schulen fehlt es an solider Grundausstattung. Doch man gibt Abermilliarden für eine digitale Infrastruktur aus, die in Isolationszeiten ein Notnagel war und die zu erkennbar schlechteren Ergebnissen führt.
Bequemlichkeit und Zuneigung
Im Klassenalltag macht die Digitalisierung dem Lehrer vieles einfacher. Es obliegt nicht mehr ihm, geeignetes Material bereit zu stellen, er kann überforderte Schüler an die Weiten des Internets verweisen. Wie bei manchem Ministerpräsidenten sind dann bei Schülern ChatGPT und Wikipedia die häufigsten Anlaufstellen. Wenn der Unterricht gar nicht läuft, kann ein YouTube-Erklärvideo auf dem Whiteboard die Arbeit übernehmen oder zumindest für den Rest der langen Stunde irgendwie für Ruhe sorgen. Außerdem führt die Digitalisierung des Unterrichts dazu, dass Defizite weiter verschleiert werden können, mitunter bis zum Schulabschluss und darüber hinaus. An die Stelle von Bildung tritt Abbildung: Wer es versteht, Quellen aus dem Internet zu fischen und anschaulich zu präsentieren, kann die Erwartungen erfüllen, ohne das Thema zu durchdringen. Die Form verdrängt den Inhalt.
Die totale Digitalisierung hat für die Lehrer noch einen weiteren Vorteil: Lehrer wollen gemocht werden. In ihrer Rolle als Prüfer und Aufsichtsperson müssen sie aber Handlungen vornehmen, die nicht dazu angetan sind, Sympathie zu erwecken. In der digitalisierten Schule können Lernkontrollen und Notengebung zunehmend von Software-Programmen übernommen werden. Lässt der Lehrer das diese Programme machen, vermeidet er es, sich Frust, Kritik oder Diskussionen auszusetzen.
Mit Maschinen sprechen? Digitaler Autoritarismus
Um die digitale Schulsituation nachzuvollziehen, stelle man sich einmal folgenden Kunden-„Dialog“ mit einem Telefonassistenzsystem vor: Der Mensch schert menschlich aus dem System aus, indem er zuerst darum bittet, eine Frage zu überspringen, dann mit „weiß nicht“ antwortet und schließlich versucht, ein wenig über das Wetter zu plaudern. Er würde aus der Leitung fliegen. Durch den Ersatz des Unterrichts durch programmgestütztes Lernen machen die Schüler genau diese Erfahrung: Sie lernen, dass es sich nicht lohnt, Fragen zu stellen oder in Beziehung zu treten. Mit einem Lehrer kann man diskutieren. Wer aber versucht, mit einem Fahrkartenautomaten zu verhandeln, ist ein Idiot. Wenn alte Menschen manchmal versuchen, mit Maschinen zu sprechen, dann sieht das – nicht nur für Jugendliche – albern aus. Tatsächlich unternehmen die Alten den absurden Versuch, eine menschliche Welt einzufordern, während sie dem Diktat der Technik unterworfen sind.
Dieses Diktat gilt auch in der digitalisierten Schule. Man stelle sich einen Lehrer vor, der für seinen Unterricht folgende Generalanweisung gibt:
„Einzig ich bestimme hier, was zu tun ist. Wer versucht zu diskutieren, fliegt raus. Ihr antwortet nur, wenn ihr gefragt werdet. Ihr antwortet schnell und tragt die Konsequenzen. Alles, was ihr sagt, wird protokolliert und kann gegen Euch verwendet werden. Wer damit nicht einverstanden ist, verlässt sofort den Klassenraum.“
Wir hätten es hier mit einem durch und durch autoritären Charakter zu tun. Die digitale „Lern-Welt“ hat genau diesen Charakter, auch wenn die Befehle bunt, verspielt und gar nicht soldatisch rüberkommen.
Die Technik hat vielleicht den Vorteil, nicht korrumpierbar zu sein. Aber sie ist totalitär, kalt und beziehungslos. Wenn Schüler und Studenten einem Lehrer nacheifern, bilden sie dabei Charakter, Klugheit und Empathie aus. Doch lassen wir uns erfolgreich auf die Spielregeln von Programmen ein, können wir nur noch funktionieren. Scheitern wir mit der Maschine, scheitern wir einsam und ohne jeden Trost.
Die Scham über uns selbst
Trotzdem ergeben wir uns, im Bewusstsein eigener Mangelhaftigkeit, der Technik. Der Philosoph Günther Anders beschrieb das als „prometheische Scham“. Während wir danach streben, in den technischen Systemen alles so richtig zu machen, wie die Systeme es verlangen, wächst unsere Scham, dass wir das nicht können. Menschen haben Systeme konstruiert, mit denen sie als Menschen gar nicht mithalten können.
Nehmen wir als Beispiel die Situation am Kassenband: Die Geschwindigkeit, mit der die Einkäufe gescannt und uns zum Einpacken weitergegeben werden, ist immer schneller als die, mit der wir sie tatsächlich einpacken können. Hektisch befördern wir also die Sachen irgendwie in den Einkaufswagen und räumen sie dann erst abseits für den Transport sinnvoll ein. Aber wir sind trotzdem immer zu langsam. Statt mit dem Selbstbewusstsein eines Kunden darum zu bitten, nicht hetzen zu müssen, sind wir verbissen darum bemüht, mit der rücksichtslosen Abfertigungsgeschwindigkeit mitzuhalten. Es ist uns peinlich, wenn wir einen Moment nach Kleingeld suchen; wir ärgern uns, wenn sich vor uns jemand ein paar „überflüssige“ Sekunden Zeit nimmt. Wir schätzen den kommunikationsarmen Automatismus und verleugnen uns selbst dabei.
Angst vor Kontaktaufnahme und Beziehung
Wie beim Einkauf am Kassenband haben wir Schülern längst angewöhnt, die Problemlösung zu suchen, bei der menschliche Interaktion vermieden werden kann. Einen Mitschüler, Lehrer oder gar Fremden nach etwas zu fragen, bringt Schüler regelmäßig in Verlegenheit. Ich bin mit Schülern oft in einer kleinen Stadt unterwegs, wo sie eine Stunde Freizeit haben. Treffen ist um 17:00 Uhr am Marktplatz. Regelmäßig heißt es dann: Dafür brauche man jetzt aber sein Handy. Auf die Idee, andere Menschen nach der Uhrzeit oder dem Weg zum Marktplatz zu fragen, kommen viele gar nicht mehr. Sie finden die Vorstellung, jemanden fragen zu müssen, peinlich. Während der Corona-Jahre gab es für die Kinder das Gebot äußerster Kontaktvermeidung. Auf Fremde sollte man nur mit bedecktem Gesicht zugehen. Solche Erfahrungen in wichtigen Lebensabschnitten prägen. Auch bei vielen Erwachsenen blieb die Angst vor der Begegnung mit einer fremd gewordenen Welt. Bis sich Nachbarn und Kollegen wieder unbefangen trafen, brauchte es eine Zeit des Abtastens, Auslotens und der gegenseitigen Versicherungen.
In aller Funktionalität ist uns die Technik überlegen. Aber wenn Schule ein Raum der sozialen Entwicklung und Charakterbildung sein soll, muss sie wieder Aushandlungsprozesse, Anarchie und Chaos akzeptieren. Sie muss ihr grundsätzliches Versagen in der Corona-Zeit aufarbeiten. Wenn wir dann Handy und Tablet aus der Schule (und gerne auch aus dem Miteinander unter Erwachsenen) wieder verbannen, wird etwas ähnliches geschehen. Schüler werden gehemmt und verlegen sein, sie werden rot werden und komisches Zeug reden. Sie werden in Fettnäpfchen treten und mit Annäherungen scheitern.
Aber sie werden nicht mehr funktionieren. Sie werden sich mit Kiefernzapfen bewerfen und Unsinn aushecken. Sie werden mit dem Lehrer diskutieren und manchmal den Unterricht sprengen. Sie werden aus Langeweile beginnen, ein Buch zu lesen. Sie werden Umwege gehen und Neues entdecken. Vieles davon wird sich zunächst ungewohnt anfühlen, aber doch in guter Erinnerung bleiben. Wir werden Freundschaften schließen mit Menschen, die wir nicht zuvor auf Kompatibilität gecheckt haben. Es wird viel Unvollkommenheit geben. Und dann wird es schön.