von Thierry Simonelli
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Der Begriff des „Feminismus“ bezieht sich ursprünglich auf ein Projekt der Emanzipation. Er stammt aus den Kämpfen früherer Generationen von Frauen für gleiche Rechte, für den Zugang zur Bildung, für die Anerkennung von Arbeit, für den Schutz vor Gewalt und für die politische Teilhabe.
Dieser ursprüngliche Feminismus entstand im Widerstand gegen tief verankerte Herrschaftsstrukturen und schöpfte seine Kraft aus der Verbindung mit pazifistischen, antikolonialen und sozialistischen Bewegungen. Die Geschichte des Feminismus erschöpft sich daher nicht in der Forderung nach individuellen Rechten, sondern stellt eine umfassende Gesellschaftskritik dar.
Ursprünge des Feminismus
Die Women’s International League for Peace and Freedom, 1915 gegründet, verband den Kampf für die Emanzipation der Frauen mit einer radikalen Absage an den Krieg. Damit wurde deutlich, dass Feminismus nicht nur die patriarchalen Machtverhältnisse infrage stellte, sondern zugleich auch die ökonomischen und politischen Strukturen, in denen sich diese Macht verankert. Krieg erschien hier nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Kulmination verschiedener Formen von Herrschaft und symbolischer Gewalt.
Ein solcher Rückblick auf die Grundorientierung des Feminismus erlaubt es, die Transformation zu verstehen, die er in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat. Denn die Bewegung der Emanzipation wurde allmählich fragmentiert und von politischen wie ökonomischen Kräften vereinnahmt, die mit ihrem ursprünglichen Projekt nichts mehr gemein haben.
Die Wende zum Empowerment- und Markt-Feminismus
Ein entscheidender Wendepunkt war das Aufkommen des „Feminismus der Selbstermächtigung“ (empowerment) in den 1980er und 1990er Jahren, der zeitgleich mit der Expansion des Neoliberalismus entstand. Diese Version des Feminismus zielte nicht mehr darauf, gesellschaftliche Strukturen grundlegend zu verändern, sondern darauf, einigen Frauen den Eintritt in die bestehenden Machtzirkel der Wirtschaft zu ermöglichen. Die wohl bekannteste Vertreterin dieser Tendenz ist Sheryl Sandberg, ehemalige Direktorin von Google und Autorin des Bestsellers Lean in: Women, work, and the will to lead (Sandberg 2013).
Sandberg ruft Frauen dazu auf, sich „durchzusetzen“, „das Wort zu ergreifen“ und „sich Führungsaufgaben zuzutrauen“. Hinter dem scheinbar ermutigenden Diskurs verbirgt sich jedoch eine brutale Logik. Emanzipation wird auf die strikt individuelle Erfolgsgeschichte in einem deregulierten Markt reduziert.
Die amerikanische Philosophin Nancy Fraser hat diese Verschiebungen als historische Bewegungen innerhalb des Feminismus rekonstruiert. In ihrer Genealogie beschreibt sie die Entwicklung als Verschiebung vom Vorrang der Umverteilung hin zur Priorisierung der Anerkennung. Gerechtigkeit erfordere beides, doch die Abkopplung von Umverteilungsfragen habe die gesellschaftskritische Reichweite feministischer Politik geschwächt und ihre Anschlussfähigkeit an herrschende Ordnungen erhöht (Fraser 1995).
In späteren Texten bezeichnet Fraser diese Allianz aus emanzipatorischer Rhetorik und neoliberaler Wirtschaftsordnung als „progressiven Neoliberalismus“. Gemeint ist damit eine Konstellation, in der Anerkennung versprochen wird, während soziale Sicherheiten abgebaut werden (Fraser 2017). Der „Empowerment“-Feminismus wird also zum ideologischen Werkzeug eines schrankenlosen Kapitalismus, der die kritische Grundausrichtung des Feminismus in ihr Gegenteil verkehrt. An die Stelle einer Infragestellung von Herrschaft tritt die Affirmation der bestehenden Ordnung.
Wie auch Hester Eisenstein (2009) gezeigt hat, reduziert dieser „Marktfeminismus“ Emanzipation auf Integration in Hierarchien auf Kosten der Millionen Frauen, die in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen verharren. Herrschaft wird nicht bekämpft, sondern nur für einige wenige zugänglich gemacht.
Militaristischer Feminismus
Dieser Prozess der Vereinnahmung beschränkt sich jedoch nicht auf die Wirtschaft. Heute erleben wir eine neue, noch beunruhigendere Mutation des Feminismus: das Auftreten des militaristischen Feminismus. Diese Version begnügt sich nicht damit, Frauen in Aufsichtsräte zu bringen; sie bietet ihnen nun die Rolle militärischer Strateginnen und Verfechterinnen der Aufrüstung an.
Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, erklärt die „europäische Verteidigung“ und die massive Erhöhung der Militärausgaben zur obersten Priorität. Annalena Baerbock verkaufte als deutsche Außenministerin im Namen einer „feministischen Außenpolitik“ eine harte Konfrontation mit Russland. Kaja Kallas, als EU-Außenbeauftragte, verkörpert die kompromisslose atlantistische Linie, verpackt in die wohlklingende Sprache der Werte.
Dieser militaristische Feminismus inszeniert sich zwar noch als Erbe des emanzipatorischen Projekts, in Wahrheit ist er jedoch dessen Verrat. Er benutzt die Sprache der Gleichheit und Gerechtigkeit, um Krieg, Militarisierung und die NATO zu legitimieren. Das Bild der Frau an der Macht dient dazu, dem alten Geschäft der Gewalt ein inklusives und „progressives“ Gesicht zu geben. Hier ist eine bemerkenswerte symbolische Umkehrung am Werk: Anstatt die kriegerischen Logiken infrage zu stellen, dient die scheinbare Emanzipation nun dazu, sie zu rechtfertigen.
Diese Verschiebung lässt sich nur verstehen, wenn man sie im Verhältnis zu den etablierten Geschlechterstereotypen betrachtet. „Toxische Männlichkeit“ wird gerne durch eine Verherrlichung der Dominanz, der Brutalität und der Opferbereitschaft definiert. Beim militaristischen Feminismus könnte man daher auch von einem „toxischen Feminismus“ sprechen, einer Variante, die Gewalt nicht kritisiert, sondern legitimiert. Weder das Patriarchat verschwindet dadurch noch die kriegerische Marktlogik des internationalen Imperialismus. Vielmehr wird der Krieg, bunt dekoriert mit den Farben der Diversität, zu einer pervertierten Verheißung von Emanzipation.
Schon in den 1990er Jahren hatten Forscherinnen der Internationalen Beziehungen wie J. Ann Tickner (1992) aufgezeigt, wie sicherheitspolitische Diskurse die Rhetorik der Frauenrechte benutzten, um militärische Interventionen zu legitimieren. Das eindrücklichste Beispiel bleibt wohl die Rhetorik der „Befreiung afghanischer Frauen“ und deren Instrumentalisierung durch die Bush-Regierung zur Rechtfertigung des Krieges in Afghanistan (vgl. Abu-Lughod 2002). Diese Form des instrumentalisierten Feminismus, oft verharmlosend als „Gender Mainstreaming“ etikettiert, operiert nicht im Modus der Emanzipation, sondern im Modus der Legitimation: Sie produziert Scheinrepräsentation statt Transformation.
Was jedoch in den 1990er Jahren noch punktuell war, hat sich heute zur strukturellen Norm westlicher Außen- und Sicherheitspolitik entwickelt. Der militaristische Feminismus ist keine rhetorische Ausnahme mehr, er ist zu einer tragenden Achse der politischen „Werte“ in Europa geworden. Es geht auch ihm um die Normalisierung eines Europas im Kriegszustand, in dem Militäretats explodieren, während Sozialbudgets gekürzt werden. Die Feminisierung der politischen Eliten berührt den Charakter der Entscheidungen nicht. Die „männlichen“ Machtmuster bleiben intakt, sie fordern weiter Opfer von der Bevölkerung und schreiben die Kriegsökonomie fort.
Ethics Washing
Der Aufstieg des sogenannten „militaristischen Feminismus“ ist nicht nur eine semantische Irritation. Er steht auch exemplarisch für die Integration kritischer Diskurse in ein neues geopolitisches Dispositiv, das man als moralisch aufgerüstete Kriegslogik beschreiben könnte. Im Zentrum dieser Logik steht ein Prozess, der sich unter dem Begriff „Ethics Washing“ zusammenfassen lässt.
„Ethics Washing“, analog zum bekannteren „Greenwashing“, beschreibt den strategischen Einsatz moralischer Begriffe, um Institutionen, Praktiken oder Produkte als ethisch verantwortungsvoll darzustellen, ohne deren strukturelle Gewalt, Hierarchie oder Ausbeutungslogik tatsächlich zu hinterfragen. Im sicherheitspolitischen Feld hat sich dieses Konzept zur ideologischen Schlüsseltechnik entwickelt. So wird der Krieg nicht trotz, sondern wegen seiner angeblichen Moral geführt.
Embedded Feminism
Der eingebettete Feminismus („Embedded Feminism“), wie ihn Catherine Rottenberg (2018) bezeichnet, ist eine Spielart dieser Entwicklung. Der Ausdruck meint jene Form feministischer Rhetorik, die sich nahtlos in hegemoniale Diskurse neoliberal-kapitalistischer oder militärischer Institutionen einfügt. Exemplarisch lässt sich dies an der Genderpolitik der NATO zeigen, insbesondere im Rahmen ihrer Implementierung der Resolution 1325 („Women, Peace and Security“) des UN-Sicherheitsrats. Die Einführung von „Gender Advisors“ oder „Female Engagement Teams“ in Militäreinsätze soll als Fortschritt erscheinen. Doch wie Lauren Wilcox (2021) betont, erfolgt diese Inklusion unter Bedingungen, die die Gewaltförmigkeit des militärischen Apparats nicht in Frage stellen; sie deuten ihn lediglich um. Der strukturelle Zusammenhang zwischen Aufrüstung, imperialistischem Interventionismus und globaler Ungleichheit wird so symbolisch neutralisiert und veredelt.
Krieg als moralisches Gebot
Diese Dynamik hat sich inzwischen nachweislich auf die politische Kommunikation vieler westlicher Staaten ausgeweitet. Wenn europäische Verteidigungsministerinnen heute öffentlichkeitswirksam den Kriegsetat erhöhen, militärische „Verantwortung“ beschwören und dies als Zeichen feministischer Handlungsfähigkeit präsentieren, dann ist dies kein bloßer rhetorischer Missbrauch. Vielmehr zeigt sich darin eine Verschiebung im normativen Koordinatensystem. Hier wird der Krieg nicht mehr als moralisches Problem, sondern als moralisches Gebot dargestellt.
Diese Semantik hat eine subtile ideologische Funktion: Sie verschiebt die Debatte von der Ebene demokratisch-prinzipieller Fragestellung (ist Aufrüstung überhaupt notwendig oder legitim?) hin zur moralischen Selbstverpflichtung (darf ich meine Verantwortung als Frau verweigern?). Krieg erscheint so als moralisch gebotene Konsequenz aus universellen Werten. Dass Krieg eine politisch umstrittene Gewaltmaßnahme darstellt, verschwindet dann aus dem Blickfeld.
Der militaristische Feminismus fungiert in diesem Kontext als symbolischer Kitt zwischen Diversitätspolitik und militärischer Hegemonie. Er bietet ein identitätspolitisches Ornament, das alte Strukturen mit neuer Sprache legitimiert. Die Gewalt wird nicht beseitigt, sondern moralisch überhöht. Der Krieg wird nicht verhindert, sondern mit den Farben der Gleichstellung bemalt. Der „Embedded Feminism“ entspricht exakt der Logik des „Ethics Washing“: Eine tiefgreifende Kritik wird in ihr Gegenteil verkehrt, ihre Begriffe werden umgedeutet und zur Absicherung der bestehenden Ordnung verwendet.
Verlust der Unterscheidungsfähigkeit
Doch dieser Prozess bleibt nicht folgenlos. Er verändert die politische Kultur der westlichen Demokratien. Wenn militärische Gewalt mit feministischer Rhetorik, Diversitätslogiken und moralischen Imperativen überblendet wird, verliert die Öffentlichkeit die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Herrschaftskritik und Herrschaftsmarketing. Der Krieg wird nicht mehr als Ausnahmezustand gedacht, sondern als moralisch normierte Dauerhandlung im Dienst universeller Werte. Feminismus wird somit zum Inbegriff ideologischer Verblendung. Es wäre daher notwendig, daran zu erinnern, dass der Feminismus nie dazu bestimmt war, als ideologisches Feigenblatt der herrschenden Klassen zu dienen. Emanzipation bedeutet nicht, Frauen die Möglichkeit zu geben, als Managerinnen des Kapitalismus oder als Strateginnen der NATO-Kriege aufzutreten.
Man muss wieder an die emanzipatorischen Ursprünge feministischen Denkens erinnern: Emanzipation bedeutet, gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern, Herrschaft und Krieg abzuschaffen und gerechtere und friedlichere Gesellschaften zu gestalten. Der kritische, pazifistische und antikolonialistische Feminismus hat stets dieses Ziel vertreten. Deshalb müsste es heute darum gehen, ihn gegen seine pervertierten Karikaturen zu verteidigen. Solange Gleichstellung bedeutet, dass auch Frauen sich in der Aufgabe sehen, auf Kriege vorzubereiten und Kriege zu rechtfertigen, bleibt die Ordnung der Gewalt unangetastet, auch wenn ihr Geschlecht sich verändert hat.
Literatur
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Abu-Lughod, L. (2002). Do Muslim women really need saving? Anthropological reflections on cultural relativism and its others. American Anthropologist, 104 (3), 783–790. https://doi.org/10.1525/aa.2002.104.3.783
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