Die Illusion des Heiligen Krieges

Ist es an der Zeit, unsere Religionen in den Ruhestand zu schicken?

von Douglas Rushkoff

Lesedauer 7 Minuten
Douglas Rushkoff am Times Square – Quelle: Photos — Douglas Rushkoff

Diese Woche rief mich wieder ein Rabbiner unter Tränen an. Es geschah zum dritten Mal in den letzten paar Jahren, seit dem 7. Oktober. Es ist der Krieg, das Töten, das Töten von Kindern – begangen im Namen einer Religion oder eines Volkes, dem dieser Rabbiner sein Leben gewidmet hatte.

„Ich trage nicht einmal mehr eine Kippa“, sagte er weinend. „Ich weiß, was das für die Menschen bedeutet, die mich auf der Straße sehen. Was auch immer es für mich bedeutet haben mag – sie sehen eine Kippa und denken: Zionist. Mörder.“

Derjenige, der letzten Sommer anrief, auf dem Höhepunkt der Hungerkrise im Gazastreifen, ging noch weiter: „Ich glaube, Israel hat das Judentum auf absehbare Zeit untragbar gemacht. Vielleicht sogar für immer.“ Ich war erstaunt, das von einem Rabbiner zu hören. Ich saß einfach am Telefon und hörte ihr zu. Es war eine seltsame, sehr bedauerliche Bestätigung einiger der Ideen, über die ich 2003 in einem Buch mit dem Titel „Nothing Sacred“ geschrieben hatte – der Grund dafür, warum die Rabbiner mich jetzt anriefen.

Sich mit Gräueltaten gegen Gräueltaten verteidigen?

Um es gleich vorweg klarzustellen: Weder diese Rabbiner noch ich – und überhaupt kein Jude, was das betrifft – trägt mehr Verantwortung für das, was Israel tut, als irgendein weißer Mensch für das, was Donald Trump in ihrem Namen tut. Oder irgendein Christ für den offiziell geführten Heiligen Krieg, den Amerika im Namen der Herbeiführung der Apokalypse gegen den Iran führt

Aber diese Rabbiner machen sich Sorgen, dass die Art und Weise, wie Israel sich verhält – positiv formuliert: wie es sich gegen Gräueltaten verteidigt – selbst Gräueltaten begeht. Sie sorgen sich, dass diese Gräueltaten das jüdische Projekt untergraben haben, das jüdische „Image“ beschädigt und jüdische Institutionen kompromittiert haben und dass es daher schwerfällt, das eigene Judentum anzunehmen, geschweige denn dies in der Öffentlichkeit zu tun. Oder dass es noch schwerer wird, der Welt eine der intellektuellen oder spirituellen Gaben des Judentums anzubieten. […]

Es ist das gleiche Gefühl wie als Amerikaner unter Trump. Ich weiß, dass ich ihn nicht gewählt habe und dass ich vielleicht nicht direkt verantwortlich bin. Aber er stellt das gesamte amerikanische Projekt infrage und offenbart etwas vom genozidalen Kolonialismus, der Sklaverei, dem Rassismus und der Ausbeutung, die nötig waren, damit dieses Land dahin gelangen konnte, wo es heute ist, und so bleiben konnte.

Israel als Verwirklichung jüdischer Ideale?

Ich bin mir deshalb nicht sicher, wie wir irgendetwas davon hätten verhindern können. Ich habe es versucht, als ich vor zwanzig Jahren „Nothing Sacred“ schrieb. […] Mein Argument war, dass das Judentum weniger als Religion gedacht war, die heilige Dinge verehrt, denn als ein Prozess, durch den wir über die Religion hinauswachsen. Gott entwickelt sich von Götzenbildern über ein großes, furchterregendes Monster und einen zornigen Vater hin zu einer ätherischen Präsenz und schließlich zu der Frage: „Welchen Weg ist er gegangen?“ Gott zieht sich zurück und überlässt es den Menschen, das Heilige in etwas Anderem zu finden – nicht an einem Ort, nicht in einem Namen und schon gar nicht in einem Nationalstaat.

Was mir damals wichtig war und mir eine Menge Ärger eingebracht hat: Israel ist nicht die Verwirklichung jüdischer Ideale. Es war bestenfalls ein notwendiger Kompromiss, um jüdisches Leben zu retten. In einer Welt, in der zuerst die Europäer und dann arabische Völker sie auslöschen wollten […], war es durchaus sinnvoll, einen eigenen Ort zu bekommen. Die vom Vereinigten Königreich verordnete Teilung oder eine moderne politische Grenze im postkolonialen Nahen Osten hat jedoch nichts mit Gottes Plan für die Menschheit zu tun. Oder soll man glauben, dass sich Gott auch nur im Geringsten für den Westfälischen Frieden interessiert?

Eine transzendentale, mythische Erzählung wie die Tora als Grundbuchauszug zu verwenden, macht das ganze Projekt zunichte. Sobald man den Text wörtlich nimmt oder als historische Aufzeichnung von Ereignissen betrachtet, die tatsächlich in der Vergangenheit stattgefunden haben, verliert man den Zugang zu der zeitlosen, multidimensionalen Erfahrung, die darin beschrieben wird. […] Dass die Tora wahr oder gültig ist, liegt nicht daran, dass sie sich irgendwann in der Geschichte ereignet hat, sondern daran, dass sie ständig geschieht, in jedem Augenblick.

Ist diese Verteidigung Israels wichtiger als das Judentum?

[… Als Reaktion auf diese Thesen in meinem Buch schrieben] berühmte jüdische Intellektuelle Artikel, in denen sie mich als die neueste Inkarnation des selbsthassenden Juden bezeichneten. Der Vorsitzende des größten jüdischen Verbandes Amerikas setzte mich sogar auf die schwarze Liste.  Noch Jahre später wurde jeder Synagoge, die mich als Redner engagierte, mitgeteilt, sie solle den Auftritt absagen, sonst riskiere sie den Verlust ihrer Fördermittel. Ich bekam einen Anruf vom Rabbiner, der sagte: „Es tut uns wirklich leid, das tun zu müssen, aber …“ Es war immer ein Anruf. Niemals schriftlich.

So bekam ich einen ersten Eindruck von der Rachsucht und Allgegenwärtigkeit dieses anderen, angeblich jüdischen Projekts. Eines, bei dem die Verteidigung Israels wichtiger war als das Judentum selbst. Diejenigen von uns, die das Judentum als einen fortwährenden, nie endenden Dialog und eine Zusammenarbeit betrachteten, wurden beiseitegeschoben zugunsten derer, die den Politikern halfen, die nationale Identität des Judentums in Stein zu meißeln. Israel wurde zum Gott oder zumindest zum neuen Tempel. Dieses Ding, über das wir nicht einmal nachdenken sollen, bis der Messias kommt, ist genau jetzt da – mit einem Sitz in den Vereinten Nationen und einer Atombombe zur Selbstverteidigung. […]

Anstieg des Antisemitismus – des alten und des neuen

Ursprünglich wollte ich diesen Text über den jüngsten Anstieg des Antisemitismus schreiben, insbesondere im Zusammenhang mit dem Krieg im Iran. Es gibt nämlich zwei Hauptarten von Antisemitismus – zwei Rechtfertigungen für Hass. Die traditionelle Variante, die ich schon immer kannte, war der Hass auf Fremde. Juden hatten kein eigenes Land und waren daher immer Einwanderer. Ihre Religion war so abstrakt, dass sie die lokalen Götter der Völker, die sie besuchten, nie respektierten. Im Judentum ist Gott unvorstellbar, weshalb ihnen die lokalen Idole und Götter, die die Menschen verehrten, wenig bedeuteten. Juden wurden gehasst, weil sie Universalisten, Globalisten, nicht ortsansässig und das Gesicht der Einwanderung waren.

Doch Israel und sein Verhalten haben zu einer anderen Art von Antisemitismus geführt: zur Wut der Linken, dass Juden Kolonialisten seien. England konnte seine Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr kontrollieren. Es übergab einen Teil Palästinas den Juden und einen Teil den Palästinensern. Niemand sonst wollte die Juden dort haben, sodass Krieg ausbrach und Israel seither sein Recht, dort zu sein, aggressiv verteidigt. Vielleicht unbewusst setzte Israel neben der Rückeroberung seines Heimatlandes auch das gewaltsame Kolonialprojekt seiner Vorgänger fort.

Nun werden Juden von beiden Seiten angegriffen. Die Rechte sieht uns im Allgemeinen als Einwanderer mit dunklerer Hautfarbe, die die einheimischen Götter verunglimpfen und womöglich sogar Jesus getötet haben. Ja, im Bibelstudium für das US-Kabinett wird gelehrt, dass die Juden Jesus getötet haben. Und die Linke sieht uns als weiße, zionistische Kolonialisten auf dem Gebiet eines indigenen Volkes. Geht zurück nach Polen!

Christliche Zionisten

Die Situation spiegelt zwei extreme Ausprägungen des Christentums in den Vereinigten Staaten wider, die um die Vorherrschaft ringen. Da sind zum einen die christlichen Zionisten, die derzeit in Trumps Kabinett und beim Militär vertreten sind. Leute wie Hegseth, Huckabee oder die Glaubensbeauftragte des Weißen Hauses, Paula White-Cain, glauben, dass sie sich in einem Heiligen Krieg gegen den Satan befinden. Sie erzählen einander und den Truppen, dass der Krieg Jesus zurückbringen wird. In nur einer von vielen offiziellen Ansprachen informierte ein Kommandant seine Truppen mit den Worten: „Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um im Iran das Feuer zu entzünden, das Armageddon herbeiführt und Jesu‘ Rückkehr auf die Erde.“ Oder vom Freethought Caucus im Kongress: Militärkommandeuren wird aufgetragen, ihren Soldaten zu sagen, dass die amerikanischen und israelischen Angriffe die Rückkehr Jesu Christi beschleunigen werden. Dabei werden Passagen aus der Offenbarung des Johannes zitiert und Offiziere angewiesen, ihren Truppen mitzuteilen, dass die aktuellen Kampfhandlungen alle Teil von Gottes göttlichem Plan sind.

Diese Leute glauben, dass die Herbeiführung der Apokalypse in einem biblisch verordneten Bündnis mit Israel die zweite Wiederkunft Jesu auslösen wird. Sie glauben, dass die Juden danach überflüssig sind, die Christen aber alle in den Himmel kommen. […]Wie einige Juden in Spanien im Jahr 1491 glauben die meisten zionistischen Lobbygruppen, dass es eine gute Idee ist, sich mit dem großen Imperium gegen die Araber zu verbünden – als hätten sie vergessen, dass in Spanien auf die Vertreibung der Muslime die Inquisition gegen die Juden folgte.

Christliche Nationalisten

Den christlichen Zionisten stehen jedoch christliche Nationalisten gegenüber wie Tucker Carlson, Steve Bannon, Candace Owens und Megyn Kelly. Sie glauben, dass die Vereinigten Staaten und Trump nur hilflose Marionetten seien, die von einer globalen, überaus wohlhabenden Clique aus Rothschilds und anderen Juden gelenkt werden. Die Idee dahinter ist, dass Israel den Iran schon immer angreifen wollte und sein Geld und seinen Einfluss nutzt, um Amerika dazu zu zwingen. Als er den Krieg ankündigte, sagte Marco Rubio (was später von Trump dementiert wurde), dass Israel angreifen würde und Amerika daher mitziehen müsse. Weiter bestärkt wurde das vom Chef der Terrorismusbekämpfung, Joe Kent, der zurücktrat, weil die Israel-Lobby die USA in den Krieg gezwungen habe. Die extremere Version der Geschichte lautet, dass Jeffrey Epstein (Jude) und Ghislaine Maxwell (jüdischer Vater) mit dem Mossad zusammengearbeitet und die echten Epstein-Akten genutzt hätten, um Trump zu erpressen, damit er Israels Willen befolge. […]

Einerseits wird das Christentum also dazu benutzt, den Ausbruch des Dritten Weltkriegs gegen den Iran zu rechtfertigen, in der Hoffnung, dass das Feuer Jesus zurückrufen möge. Andererseits wird es dazu benutzt, Juden als Mörder Christi zu entlarven, die heimlich für den gesamten Aufschwung der westlichen Zivilisation, den Kolonialismus und den Kapitalismus verantwortlich seien – welche Amerika überhaupt erst ermöglicht haben, nun aber dem göttlichen Recht des weißen Christentums im Wege stehen, diesen Kontinent zu beherrschen und allen Amerikanern seine religiösen Werte der weißen Vorherrschaft aufzuzwingen.

Ich rechne schon mit Anrufen von Priestern und Pastoren, die genauso aufgebracht sind wie meine Rabbiner und sich fragen, ob Amerikas heiliger Krieg das Christentum unhaltbar macht. Darauf würde ich antworten: Keine Sorge – darum haben sich die Kreuzzüge bereits vor tausend Jahren gekümmert. […]

Aus der Religion herauswachsen?

Ist es also an der Zeit, all diese Religionen in den Ruhestand zu schicken, bevor sie uns alle umbringen? Ist nicht der „Heilige Krieg“ doch nur ein Mittel, Soldaten und Kabinettsmitglieder dazu zu motivieren, Bomben abzuwerfen, während andere Politiker und Geschäftsleute die Staatskassen plündern und Reichtümer auf Bankkonten in Katar anhäufen? […]

Ich fand die Vorstellung, aus einer Religion „herauszuwachsen“, schon immer reizvoll. Religionen mögen als großartige mythische oder spirituelle Einsichten beginnen. Doch die institutionellen Rahmen, die wir für sie schaffen, sind in einem bestimmten Moment unserer evolutionären Entwicklung als Spezies verankert. Spirituelle Wahrheiten sind lebendige, sich wandelnde Dinge – genau wie wir selbst – und wachsen schließlich selbst über den besten und durchdachtesten Rahmen hinaus. Können wir also das Beste unserer Glaubensrichtungen in einen neuen Kontext übertragen?

Informationen zu Text und Autor

Der Text erschien zuerst auf Substack:
The Holy War Delusion – by Douglas Rushkoff – Rushkoff

Übersetzung: Andreas Hansel, unter Zuhilfenahme von KI (Grok, ChatGPT, deepL)

Douglas Rushkoff ist Autor und Dokumentarfilmer, der sich mit der menschlichen Autonomie im digitalen Zeitalter beschäftigt.

Er hat 25 Bücher zu den Themen Medien, Technologie und Kultur verfasst, darunter „Survival of the Richest: Escape Fantasies of the Tech Billionaires“, „Team Human“, „Present Shock: When Everything Happens Now“, „Throwing Rocks at the Google Bus“, „Program or Be Programmed“, „Life Inc“ und „Media Virus“. Sein Buch „Coercion“ wurde mit dem Marshall-McLuhan-Preis ausgezeichnet.

Er prägte die Begriffe „virale Medien“, „Screenagers“ und „soziale Währung“, und seine PBS-Frontline-Dokumentarfilme – „Generation Like“, „The Persuaders“ und „Merchants of Cool“ – gehören nach wie vor zur Pflichtlektüre in den Bereichen Medien, Marketing und Jugendkultur. Außerdem entwickelt er eigene Graphic Novels.

Rushkoff ist Team Human Ambassador bei ANDUS Labs, ständiges Mitglied des Club of Rome, Senior Research Fellow am Institute for the Future und Fellow am Institute for General Semantics. Er ist Professor für Medientheorie und digitale Ökonomie am CUNY/Queens College und Kolumnist bei Medium.

Im Original:
About — Douglas Rushkoff

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