Zwei Fragen an die Würde im Grundgesetz

Ich gestehe, das Grundgesetz hat mich nie sehr beschäftigt. Das hat wohl damit zu tun, dass ich nicht gefragt wurde, ob ich es als für mich geltende Verfassung annehmen will, obwohl eben das im § 146 vorgesehen war. Als der Beitritt der DDR zum Bundesgebiet erfolgte, war ich 21 Jahre alt und, um es höflich zu sagen: Ich erlebte diesen Beitritt nicht gerade als inspirierendes Ereignis. Mir schien, als sollten wir sämtliche Regeln und Strukturen übernehmen, ohne sie uns wirklich anzueignen.

Das Argument lautete, diese Regeln hätten sich im Westen ja glänzend bewährt, also würde dies auch im vereinten Deutschland funktionieren. Beide Teile des Arguments weckten mein Misstrauen. Denn ob sich diese Regeln erstens wirklich bewährt hatten, das hätte ich gern genauer gefragt und gewusst. Und dass sich, zweitens, daraus eine Fortschreibung der bisherigen Logik für das neue Gebilde ableiten ließe, schien mir sehr zweifelhaft. Beide deutsche Staaten waren ja Produkt der deutschen Teilung, also mussten sie auch beide auf je einem Auge blind sein. Ich wollte aber nicht mit einem gesellschaftlichen Programm, das auf einem Auge blind ist, in mein Erwachsenenleben gehen müssen.

Es blieb mir natürlich nichts anderes übrig. In den Jahrzehnten danach machte ich weitgehend meinen Frieden mit all dem. Ich lancierte meine Wege an die Peripherie und genoss eine große Fülle in den Möglichkeiten, die sie mir bot. Erst die Corona-Zeit brachte mir das Thema wieder zum Bewusstsein: Was ist die Idee, die sich diese Gesellschaft von sich selbst gegeben hat?

Und da ist nun dieser erste Artikel mit seinem ersten Satz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich kann sagen, dass einiges in mir rebelliert, wenn ich diesen Satz heute lese. Woran liegt das? Die Beiläufigkeit, mit der unsere Gesellschaft in die Corona-Politik hineingelaufen ist, gibt ein beredtes Zeugnis davon, dass diesem Wortlaut zwei Widerhaken fehlen.

Da ist zuerst die Frage, was denn das ist: die Würde des Menschen. Der Artikel setzt voraus, dass wir das wissen. Ich meine, dass es einiger geistiger Anstrengung bedarf, um diese Frage zu beantworten. Man sollte schon einen Begriff der menschlichen Würde entwickelt haben, und dieser Begriff muss zugleich in der Erfahrung wurzeln. Man sollte die Widersprüche kennengelernt haben, die sich aus dieser Idee in der Wirklichkeit ergeben, aber auch die Kraft kennen, die aus ihr erwachsen kann. Es provoziert mich, dass dieses Verständnis einfach vorausgesetzt wird, so wie heute auch bei den Ärzten unterstellt wird, dass sie den hippokratischen Eid schon irgendwie verstanden haben werden, ohne dass sie sich damit in ihrem Studium auseinandersetzen müssen. Ja, es gibt da diese naheliegende Schnittmenge mit dem christlichen Glauben, es gehört irgendwie zur Allgemeinbildung, dass der erste Satz aus der Gottesbeziehung der Christen hervorgegangen ist. Benannt wird dieser Zusammenhang allerdings nicht. Das hätte man tun können, dann wäre der erste Artikel eine Hausaufgabe: Mach Dich schlau! Aber nichts davon steht dort. Es wird einfach unterstellt, dass es über die Würde des Menschen keine Unklarheiten geben kann. Das ist, meiner Erfahrung nach, der beste Weg in die Beliebigkeit. Und so war es in den letzten Jahren auch zu erleben. 

Und dies führt direkt in das noch größere Unbehagen, nämlich an der Art der Festschreibung: … ist unantastbar. Mir ist klar, dass hier etwas postuliert wird, das nicht hintergehbar sein soll, ein Verweis auf das Transzendente, an das unsere Gesellschaft und jeder Einzelne gebunden sein soll. Aber ich fürchte, so kann das nicht funktionieren. Im Lichte dessen, was man „Verfassungswirklichkeit“ nennt, wird dieser erste Satz zu einem Essentialismus. Er suggeriert, die Würde liege auf der Haben-Seite. Und so habe ich die westdeutsche Gesellschaft eben auch erlebt, in all den Jahren, als eine Gesellschaft, die sich im Besitz wähnte, im Besitz der Demokratie, im Besitz des Wissens, im Besitz der Moral und natürlich im Besitz der Ämter und der Vermögenswerte. Das Bräsige unserer Gegenwartsgesellschaft, es nimmt hier seinen Anfang. Und das hat mich von Anfang an gestört.

Jeder weiß, dass die Würde des Menschen, welche Vorstellung wir uns auch immer davon machen, tagtäglich angetastet wird. Man muss nicht erst in der politischen Debatte über die Corona-Impflicht oder über evidenzfreie Maskenvorschriften kramen, es ist einfach so, dass die menschliche Würde in jeder menschlichen Gesellschaft verletzt wird, mal mehr, mal weniger, mal schlimmer, mal beiläufiger. Wenn der zweite Satz dieses Artikels „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ einen Sinn haben soll, dann müssen die beiden genannten Fragen, die nach dem Verstehen und Begreifen als auch die nach dem überhaupt Menschenmöglichen, im ersten Satz enthalten sein; als eine gemeinsame Frage, als Rätsel auch, als kollektive Sehnsucht und als gesellschaftliche Aufgabe aller, trotz all dem, was Menschen einander antun.

Wo die Fallhöhe verschwiegen wird, gehen auch die weiteren Formulierungen von den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ sehr leicht von den Lippen. Allzu leicht!

Mit einer Formulierung allein kann man kein Gemeinwesen retten. Aber wenn man es retten möchte, dann sollte der erste Satz ehrlich sein.

Ja, ich finde es gut, dass der erste Artikel mit der Würde des Menschen einsetzt. Aber Leute, so einfach können wir es uns nicht machen. Mit der Würde liegt die Latte hoch. Ich war nie gut im Hochsprung, deshalb weiß ich, was das heißt.

Na dann sag doch, wie du es schreiben würdest, so höre ich es. Ich meine nicht, dass man einfach so einen neuen ersten Artikel hinschreiben kann. Sich eine Verfassung zu geben, das ist eine gemeinsame Anstrengung. Es braucht Zeit, um einen guten Text zu machen, der für alle gelten soll, und viele sollten daran mitarbeiten, nicht nur ein paar „Mütter und Väter des Grundgesetzes“.

Ich möchte keinen alternativen Artikel schreiben. Aber ich kann sagen, was drinstehen sollte.

Es sollte ausgedrückt werden, dass wir uns einen Begriff von der Würde des Menschen machen wollen. Dass man diese Würde nicht immer sehen und spüren kann, dass sie aber unterstellt werden muss, weil eine Gesellschaft, die das nicht tut, verkommen muss. Es geht darum, dass wir uns aufrichten müssen, im Bemühen darum, so etwas wie eine Würde zu entwickeln und sie uns zuzubilligen. Ich meine, dass das Bemühen um einen guten Umgang miteinander ebenso konnotiert werden sollte wie Grenzen der staatlichen Gewalt, die diesen Umgang nicht gewährleisten kann, ihm aber dennoch verpflichtet sein muss.

Es muss etwas frei bleiben, in der Mitte. Und diese Leerstelle, die ist der Ort, den wir anschließend füllen, können. Mit uns selbst. Und ja, auch mit den anderen Artikeln.

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