Olympia 2026: Eine Spurensuche

von Johannes Kirnberger

Lesedauer 4 Minuten
Jenseits von Olympia und Medienrummel: Iceskating am Silser See
– © Johannes Kirnberger

Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina sind vorbei – und in den deutschen Medien macht sich Enttäuschung breit. Platz 5 im Medaillenspiegel, nur 7 Gold statt 12 vor vier Jahren. Journalisten fragen: Warum so schwach? Dabei zeigten doch alle deutschen Athleten Höchstleistungen! Waren wir wirklich schlechter?

Deutschland im Vergleich

Bei den Spielen 2026 in Mailand und Cortina waren etwa 2.900 Sportler aus 92 Staaten vertreten, die sich in 16 Disziplinen und 8 Sportarten miteinander verglichen. 116 Medaillen-Entscheidungen gab es insgesamt. Für Deutschland waren 185 Athletinnen und Athleten am Start, welche sich für 15 der insgesamt 16 Sportarten qualifizierten.

Deutschland erlangte Platz 6, mit 7 mal Gold, 9 mal Silber, 8 mal Bronze. Zum Vergleich:
Platz 1: Norwegen, 18 Gold, 11 Silber, 11 Bronze 
Platz 2: USA, 11 Gold, 12 Silber, 9 Bronze
Platz 3: Italien, 10 Gold, 6 Silber, 14 Bronze

Bei den Olympia-Spielen in Beijing 2022 kam Deutschland auf Platz 2, mit 12 mal Gold, 10 mal Silber, 5 mal Bronze. Der Rückgang wird vor allem damit erklärt, dass die Konkurrenz (z. B. Norwegen mit Rekord-Gold) stärker war und Deutschland in den Nicht-Schlitten-Disziplinen (wie Biathlon, Ski Alpin oder Snowboard) weniger zulegen konnte. Der Schlittenbereich blieb stark; viele Medaillen gab es gerade dort. Aber insgesamt reichte es nicht für die Top-Platzierung von 2022.

Ich möchte mich nicht auf die Stufe von so manchem Kommentator begeben und von viel Blech reden. Es wäre ungerecht, die Leistungen der Sportler damit abzuwerten.

Aber dennoch steht die Frage im Raum: Woran könnte es liegen?

Deutschland investierte seit 2024 etwa 346 – 360 Mio. in die Teilnehmer mit dem Fokus auf möglichst breiter Förderung. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern liegt Deutschland dabei nur im Mittelfeld; in den Niederlanden beispielsweise fällt die Förderung durch eine zentralisierte Vergabe stärker aus. Doch die Fördermittel stiegen in Deutschland, was eine Kritik an Ineffizienz nach sich zieht. Denn trotz Steigerung sanken die Medaillenchancen in den letzten Jahren.

Sport und Gesellschaft

Leistungssport ist in Deutschland leider nicht nur positiv behaftet. Im Gegenteil: Wer als Leistungssportler erfolgreich ist, sieht sich nicht selten mit einer Neiddebatte konfrontiert.
Die Diskussion dreht sich oftmals um den Bezug von Gehältern, um Sponsoring und mediale Aufmerksamkeit. Übersehen wird dabei häufig, dass eine Sportler-Karriere mit vielleicht dreißig Jahren bereits zu Ende ist, und damit auch die Verdienstmöglichkeit.

Aber diese Debatte wirft komplexe Fragen zur gesellschaftlichen Wertschätzung von sportlicher Leistung auf. Manchen Sportler dürfte die Frage beschäftigen, ob er sich diesem Diskurs aussetzen will.

Wenn man sich durch die Medienlandschaft in Deutschland liest, kommen weitere Fragen dazu. Zum Beispiel: Wie halten wir es eigentlich mit unserer Nationalität? Dürfen wir uns noch als Patrioten outen?

Brennen für das eigene Land

Als Olympiateilnehmer brennst du für DEIN Land, nicht nur für deinen Sport. Die Begeisterung etwa fürs Eiskunstlaufen kann man in diesem strengen Winter besonders gut nachvollziehen. Als Eiskunstläufer signalisierst du mit deiner Nationalität und deinem Kostüm: Ich finde hier optimale Bedingungen für mein Training vor; ich lebe in einem Land, das mir hilft, mir meinen Lebenstraum zu erfüllen. Die Tribünen sind voll mit Fans aus deinem Land, sie reisen aus weiter Ferne an. Dein Instagram-Account hat hunderttausende Follower, mit denen du dein Leben teilst.

Aber, so wird sich mancher Sportler heute fragen, darf ich die deutsche Fahne noch im Profil führen, ohne dafür in eine – womöglich „rechte“ – Ecke gestellt zu werden? Was geschieht, wenn ich mich bei einer Siegerehrung zu meiner Nationalhymne bekenne und mitsinge? Darf ich sagen, dass ich für mein Land alles gebe? Oder liege ich mit meinem Unbehagen richtig, nicht mehr alles sagen zu dürfen? Dürfte es ein „deutsches Sommermärchen“ überhaupt noch geben? Mit Deutschlandflaggen am Auto oder im Garten?

Hochleistungssportler sind selten politisch engagiert. Nicht nur, dass ihnen hierfür die Zeit fehlt. Sie wollen und müssen auch den Kopf frei haben. Die mentale Gesundheit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg. Umso schlimmer ist es, wenn sie jedes Wort auf die Goldwaage legen müssen; noch schlimmer, wenn sie persönliche Entscheidungen, die politisch interpretiert werden, erklären müssen. Erinnern wir uns daran, wie Joshua Kimmich unter Druck gesetzt wurde, als er die Coronaimpfung verweigern wollte. Es gab eine regelrechte Hetzjagd auf ihn. Im Juni 2024 erklärte er rückblickend: Es war „brutal“!

Solche Kampagnen hinterlassen Spuren auch bei anderen Sportlern, selbst wenn sie das nicht aussprechen.
 
Politik und Sportfunktionäre tragen maßgeblich zum Erfolg der Sportler bei – nicht nur durch persönliche Wertschätzung, indem sie deren Entscheidungen akzeptieren, sondern auch in der Außenkommunikation. Sportler tauschen sich mit ihren Konkurrenten aus anderen Nationen aus, vielleicht auch über Botschaften der Politik. Aber sind die Aussagen unserer Politiker noch anschlussfähig? Will man sich als  Leistungsträger national und international erklären müssen, wenn die Regierung über Aufrüstung statt Frieden spricht und wenn Staatsanwälte Bagatellen mit Hausdurchsuchungen bestrafen? Will man sich auf seinem Instagram-Kanal rechtfertigen müssen, weil in Deutschland jegliche Regierungskritik als „rechts“ gebrandmarkt wird?

Wer sich die Abschlussgala der Eiskunstläufer in Bologna ansehen konnte, bekam hier einen kleinen Einblick in „Bella Italia“. Es schien eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass italienische Eiskunstläufer zu italienischer Musik im italienischen Bologna laufen. Hätten wir es zugelassen, dass ein deutsches Paar in Deutschland zur Musik von Nena tanzt? Das ist nur eine hypothetische Frage, aber sie drängt sich immer mehr auf.

Wir sind auf dem besten Weg, unsere Identität zu verlieren, und ich stelle die Frage in den Raum: Ist dieses leise Unbehagen, das viele von uns mehr und mehr ergreift, nicht auch bei den Sportlern angekommen? Wäre es nicht möglich, dass auch sie sich immer mehr fragen: Wofür stehe ich und wofür steht dieses Land?

Ich würde mir wünschen, dass wir uns wieder mehr auf unsere Wurzeln und unsere Werte besinnen. Bis vor kurzem lebten wir in einem wunderschönen Land mit vielen Möglichkeiten. Der mittlerweile eher in Ungnade gefallene Satz „Wir schaffen das“ könnte durchaus wieder Gültigkeit erlangen, indem wir als Gesellschaft sagen: Wir sind nicht schlecht; und wir sind auch nicht „rechts“ (wenn „rechts“ rechtsextrem bedeuten soll). Wir stehen für unsere Werte und unsere Stärken, und wir stehen zu unseren Schwächen. Beispielsweise stehen wir zu einer umfassenden Coronaaufarbeitung. Wir setzen uns für einen umfassenden Pluralismus ein, der versucht, alle Strömungen zum Wohl des Landes zu bündeln.

Für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen ist meist ein langer Leidensweg notwendig. Bereits die Teilnahme ist ein großer Erfolg. Es liegt an uns als Gesellschaft, wie wir unsere Sportler fördern. Sport überschreitet nicht nur die Grenzen des Vorstellbaren, er verbindet die Menschen und Nationen miteinander. Das geht aber nur, wenn wir als Gesellschaft den Sportlern den Rücken freihalten und sogar stärken.

Stehen wir also zu unseren Sportlern und zu ihren Entscheidungen! Eröffnen wir keine Neiddebatte, wenn sie – auch finanziell – von Erfolg zu Erfolg eilen! Und reden wir nicht über Blech und den fünften Platz.

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