von Katja Leyhausen
Lesedauer 10 Minuten
Oskar Pastior (1927–2006), der zur deutschsprachigen Minderheit in Siebenbürgen gehörte und 1945 mit 17 Jahren wegen Kollektivschuld für fünf Jahre ins stalinistische Arbeitslager verschleppt wurde, entwickelte sich danach zum Lyriker und Prosaisten. Der Roman „Atemschaukel“, den er zusammen mit Herta Müller über seine Lagererfahrungen verfasste, gehört zu den beeindruckendsten Werken der deutschsprachigen Literatur. Beim Lesen erfährt man den totalen Verlust der Menschlichkeit und die Verzweiflung, ihn auszudrücken. Pastior bekannte, ihm sei im Lager „die Sprache zerbrochen“. Total war also auch der Verlust von Sprache, Wort, Begriff. Pastiors Texte sind durchzogen von diesem Thema:
Olehoff warf die Flinte ins Korn
und auch andere Redensarten
zu gefährlich schien ihr Versagen
seit die geflügelten Worte
in Schwarmwolken bald
hin und her die
Täler verfinsterten und
keine Kugel sie traf (Pastior 1987, 11)
Sprachverlust heute
Pastior stand 1945 an einem ganz anderen Punkt in der menschlichen Geschichte, als wir es heute tun. Dennoch erleben wir in unserem Land gegenwärtig einen Sprachverlust, der ins Totale zu kippen droht. Zu beklagen ist vor allem der Verlust der Wertbegriffe und Wörter, mit denen sie ausgedrückt werden. Die schönen Namen von Verfassung und Demokratie, Impfung und Solidarität (…) werden in falschen politischen Versprechen inflationär verschlissen. Die Grenze zu Betrug und Verbrechen wird dabei – wie bei Produktmarketing und Kriegstreiberei – immer wieder überschritten: zuletzt Anfang Januar, als eine unbekannte Organisation, die sich selbst den Markennamen „Vulkangruppe“ anheftete, durch den Überfall auf ein Gaskraftwerk im Südwesten Berlins Haushalte, Krankenhäuser und Pflegeheime sabotierte und das in den Medien als „gemeinwohlorientierte Aktion“ bewarb. Spätestens seit der Corona-Politik wundert sich kaum noch jemand über solche Ausbrüche von Sprachwillkür. Resignation und Gleichgültigkeit wachsen. Wer dennoch Kritik üben will, steht oft genug vor einem sprachlichen Vakuum: „Keine Kugel“ trifft mehr diese falschen „geflügelten Worte“, die „in Schwarmwolken […] hin und her die Täler verfinstern“.
Totale Willkür
Das Totale an diesem willkürlichen Umgang mit Gemeinwohl, Solidarität, Demokratie usw. ist, dass diese Wörter und ihre Bedeutungen ins direkte Gegenteil gewendet werden. Man sieht das besonders deutlich am negativen Kriegs- und Feindesvokabular: Die vielen Organisationen, die meinen, allgegenwärtigen Hass zu bekämpfen, stacheln realiter selbst Hass in großem Ausmaß an (gegen das, wie sie Hass nennen). Wer im Meinungswettstreit und Informationsdschungel mit dem Kriegsvokabular von Desinformation und Fake News hantiert, der erreicht, dass relevante Informationen und Meinungen nicht zur Kenntnis genommen werden. Er produziert also systematisch selbst Desinformation und Fake News, die er als absolute Wahrheit verherrlicht und verbreitet. Er zerstört die Werte der Wahrheit und Information. Im Namen seiner Wahrheit ruft er dazu auf, Extremisten zu bekämpfen – und wird durch diese radikale Blindheit selbst zum Extremisten. Wer Anderen vorwirft, sie seien hochgefährliche Verschwörungstheoretiker, der muss, um die Gefahr zu bannen, überall nach ihnen suchen. Er muss sie in großer Zahl und Vernetzung aufspüren – und ist ganz schnell selbst zum Verschwörungstheoretiker geworden. Wer seine Obsession darin gefunden hat, Demokratiefeinde zu bekämpfen, wird selbst einer. Denn er lässt seinem politischen Gegner (den man, mit einem Ausdruck des Linguisten und Sprachkritikers Hans-Jürgen Heringer, in Demokratien positiv als Gegenpartner aufzufassen hat) nicht den geringsten Spielraum für Debatte und Kompromiss.
Wenn mit Regierungsgewalt die kollektive Einnahme experimenteller Medikamente erzwungen wird und Marketingexpertinnen (Buyx / Prainsack 2011 & 2016) es bewirken, dass die individuelle Unterordnung unter diesen gefährlichen Zwang auf allen medialen Kanälen und politischen Podien als Solidarität verkauft wird, dann ist Solidarität als Hochwertwort fortan nicht nur irgendwie diskreditiert. Dann wird der Wert der Solidarität für das Gegenteil von Solidarität missbraucht – um nämlich Familienmitglieder, Freunde, Kollegen (…) gegeneinander aufzubringen und ihre gemeinsame, solidarische Gegenwehr gegen den staatlichen Übergriff im Keim zu ersticken. Solidarität wird mit dem Schlagwort Solidarität sabotiert.
Vexierwörter
Die Vernichtung von Solidarität und sozialem Zusammenhalt durch Solidaritätspropaganda muss noch untersucht und an anderer Stelle aufgeklärt werden. Das Wort ist, wie viele andere Wörter im politischen Gebrauch, zu einem Vexierwort gemacht worden. Das Phänomen haben Sprachwissenschaftler schon in den 80er Jahren beschrieben: Als im Mai 1986 in der Großen Syrte in einem amerikanischen Militärangriff ohne Kriegserklärung zwei libysche Kampfschiffe versenkt wurden und Reagans Regierungssprecher daraufhin von Journalisten gefragt wurde, ob das jetzt Krieg bedeute, antwortete der: „Das ist ein friedliches Seemanöver in internationalen Gewässern“ (Teubert 1989, 55). Friedlich wurde dabei als ein Vexierwort gebraucht: Die Öffentlichkeit wurde nicht in dem Sinne getäuscht, dass damit die Wahrheit unsichtbar gemacht worden wäre. Denn die falsche Verwendung war ja ganz offensichtlich. Vexierwörter werden – wie Vexierbilder – gebraucht, um die Öffentlichkeit zu verwirren, zu desorientieren, ruhigzustellen. Wer frech Frieden behauptet, wo er offen Krieg führt, will Erkenntnis, Moral und Widerspruchsgeist der Öffentlichkeit ruinieren. Wer den Menschen Solidarität predigt, wo er sie mit staatlichem Zwang überwältigt und ökonomisch ausbeutet, der will sie im großen Stil verunsichern und ihres Urteilsvermögens berauben. Der will sie „sprachlich kolonialisieren“ (Teubert 1989, 67), das heißt: unterwerfen und entrechten.
Auch wenn also der historische Hintergrund der gegenwärtigen Spracherfahrungen zweifelsohne ein ganz anderer ist, so könnte man doch, für Erkenntniszwecke provokativ zugespitzt, sagen: Was Sprache, Begriffsbildung und die kommunikative Ausdrucksfähigkeit betrifft, so erleben wir gerade eine „Aktualität von KZ-Erfahrungen“.
„Überlegungen zur Aktualität von KZ-Erfahrungen“
Viel deutlicher in dieser provokativen Behauptung war der Soziologe, Adorno-Schüler und Verfechter der Kritischen Theorie, freie Publizist und Bandenforscher Wolfgang Pohrt (1945–2018). Ein Best-Of seines publizistischen Werks der Jahre 1974–2014 ist gerade (2025) von Klaus Bittermann in der Edition Tiamat herausgebracht worden. Vertreten sind dort auch „Überlegungen zur Aktualität von KZ-Erfahrungen“, die 1979 u.a. beim WDR ausgestrahlt wurden. Die provokante These stammte allerdings gar nicht von Pohrt, sondern von den KZ-Überlebenden selbst. Ausführlich zitiert Pohrt aus deren Tagebüchern und Erinnerungen. Ihnen entnimmt er die „Erkenntnis, dass die markante Differenz zwischen dem KZ und dem Leben, das wir führen, nicht existiert“ (1979a, 37).
Viele Häftlinge berichten, überlebt zu haben allein aus der Hoffnung heraus, dass sie Zeugnis über die Verbrechen ablegen würden und dadurch „nach Auschwitz […] alles anders, besser werden“ würde (1979a, 44). Aber diese Hoffnung erfüllte sich so wenig wie die geringsten Hoffnungen der KZ-Zeit selbst. In den Tagebüchern ist überliefert: Es gab bei den Transporten in die Lager immer wieder zufällige Augenzeugen aus der Bevölkerung, zum Beispiel wenn die Züge an kleinen Bahnhöfen manchmal anhielten, um Leichen auszuladen. Pohrt kommentiert: Die Opfer waren „realistisch und bescheiden genug, nicht […] auf die gelungene Befreiungsaktion zu warten“. Aber sie erwarteten in solchen Situationen „eine menschliche Geste, die keinen Heroismus erfordert, einen Ausdruck des Bedauerns, des Abscheus, der Empörung“. Diese Gesten blieben aus. Es herrschte die totale „Indifferenz“ (ebd. 31 f.) – und zwar nicht nur vor der Befreiung 1945 und nicht nur bei den Deutschen, sondern erst recht danach und sogar bei den jüdischen Verwandten, die die Lagerrealität nicht hatten kennenlernen müssen (ebd. 37).
Indifferenz heißt: Es gibt keine Unterschiede mehr
Durch das verbreitete Desinteresse erfuhren die Überlebenden damals ein fortgesetztes Trauma. Nichts wurde besser. KZ-Überlebende wie Primo Levy brachten sich später selbst um ihr Leben, weil sie die Gleichgültigkeit nicht mehr ertrugen. Pohrt greift einen wiederkehrenden Alptraum Primo Levys auf: Er sitzt am Familientisch, alles ist „friedlich […], ohne Schmerz“, in einer rundum grünen Landschaft. Aber plötzlich „löst sich alles“ um ihn herum auf, „die Umgebung, die Wände, die Personen weichen zurück; die Beklemmung nimmt zu […]. Alles ringsum ist Chaos“ (Pohrt 1979b, 59 f.). Dasselbe berichteten andere Überlebende in anderer Form: Im Lager lösten sich alle Konturen und Bilder, alle Kategorien und Begriffe der menschlichen Realität auf – sogar die von Opfer und Täter, von Schuld und Unschuld.
Denn die Überlebenden fühlten sich selbst schuldig daran, dass andere gestorben waren, nicht sie. In dieser Umgebung, wo man, unter der Hand von Mördern, nur noch ans Sattwerden und nackte Überleben denken konnte, vollzog sich „eine Angleichung der Opfer an ihre Henker“ (Pohrt 1979b, 50). „Die Menschen hatten nichts voneinander zu erwarten, als wechselseitigen Betrug und Verrat“ (Pohrt 1979a, 43). Ein Überlebender urteilte: „Das größte Verbrechen, das die Nazis an ihren Gefangenen begingen, war vielleicht nicht deren Vernichtung in den Gaskammern, sondern ihr – oft erfolgreiches – Trachten, sie nach ihrem eigenen Bilde zu formen“ (Pohrt 1979b, 50).
Lebende Verwesung neben toten Knochenbergen – und eine Gemütlichkeit drumherum
„Das KZ ist insofern totalitär, als es jegliche Differenzen eliminiert“ (Pohrt 1979a, 38). Pohrt arbeitet aus den Zeugnissen den Verlust bzw. die vorsätzliche Vernichtung dreier weiterer Unterschiede heraus, zuerst den von Leben und Tod. Unerträglich bleibt, dass die Häftlinge im KZ „lebten, um zu sterben“, dass sie dort „nicht nur umgebracht worden sind, sondern auch gelebt haben“. Sie lebten einen „Tod, ohne zu sterben“, mit „allen Phasen des Krepierens“ (ebd. 37-39), und schrieben ins Tagebuch: „Wir sind nicht alle tot, aber wir sind Tote“ (ebd. 46): „Lebende Verwesung“ neben „toten Knochenbergen“ (Pohrt 1979b, 56).
Diese abstumpfende Indifferenz zwischen Leben und Tod wurde noch gesteigert dadurch, dass „wenige privilegierte Häftlinge“ in den Lagern „relativ gut und sauber“ wohnten. Sie feierten Feste mit „Lachen, Lieder[n], Heiterkeit“. Ein Häftlingstagebuch berichtet über sie: Sie „schließen die Augen, stopfen sich die Ohren zu, sie wollen nichts sehen und nichts hören“. Das heißt: Das „Nebeneinander von Krematorium und gemütlichem Leben […], von Vorgarten und Gaskammer“ (1979a, 40 f.) war nicht einmal durch Lagermauern unterbrochen. Drinnen und Draußen waren nicht unterscheidbar.
Das aber, so kommentiert Pohrt, macht das KZ zu einem Ort, „den wir nicht mehr genau lokalisieren können […]. Wenn es auch im KZ zumindest vorübergehend für wenige Privilegierte möglich war, die Augen zu schließen und relativ gemütlich zu leben, so heißt die logische Konsequenz davon, dass es nicht unmöglich ist, dass uns das KZ inzwischen eingeholt hat, ohne dass wir es bemerkten. Solange wir das KZ nicht in der eindeutigen Differenz zu unserer eigenen Existenz fixieren können, wissen wir nicht, ob wir noch draußen oder schon drinnen sind“ (1979a, 41 f.). „Niemals“ vermitteln diese Zeugnisse „das beruhigende Gefühl: Das war entsetzlich, gewiss, aber das war einmal, jetzt ist es vorbei“ (Pohrt 1979a, 36).
„Vielleicht war das alles erst der Anfang“
Vernichtet wurden nicht nur die Begriffe von Opfer und Täter, Schuld und Ohnmacht, Leben und Tod, Drinnen und Draußen. Vernichtet wurden auch Gefühl und Begriff der Zeit. Wo das Leben ein fortgesetztes Sterben war, war der Tod „kein abrupter Einschnitt, sondern eine Angelegenheit von zeitloser Dauer“ (Pohrt 1979a, 40). In Todesangst und Überlebenskampf setzte bei den Häftlingen die Erinnerung an das Leben vor dem Lager aus – und in dieser Unfähigkeit des Erinnerns „bis zum Verlust des Zeitgefühls“ ähneln ihnen die Unbeteiligten und Nachgeborenen. „Im Vergessen daran, was den KZ-Opfern geschehen ist, werden alle Menschen jenen ähnlich“ (Pohrt 1979b, 49). Daher hatten viele Überlebende kein Vertrauen mehr in die geschichtliche Entwicklung. Wer kein Zeitgefühl mehr hat, der macht auch keine Erfahrungen mehr. Und wer keine Erfahrungen macht, der kann auch die Zukunft nicht bewältigen. Häufig haben die Überlebenden ihre „Angst vor der Zukunft“ artikuliert. Die „Sorgen über die Zukunft“ seien „noch größer als die Sorgen über das Erlittene“ (Pohrt 1979a, 45 f.). „Vielleicht war das alles erst der Anfang“ (ebd. 28).
Gefühlige Betroffenheitsrituale statt kluger, sachlicher Unterscheidungen
Wolfgang Pohrt veröffentlichte diese Überlegungen im Jahr 1979, als die Serie „Holocaust“ ausgestrahlt wurde und Millionen Zuschauer an den Bildschirmen weinten. Aber das war nicht die große Zäsur, die die Differenzen zurückbrachte. Im Gegenteil: Seither herrschen Betroffenheitsrituale. Pohrt kommentiert: Der historische Umgang mit den Zeugnissen der Holocaust-Überlebenden „verlangt nicht das Verständnis, sondern den Verstand“ (Pohrt 1979a, 30). Die neue „Gemütsgymnastik“ (ebd. 36) hingegen kann „nur durch restloses Abschalten des Verstandes“ praktiziert werden. Im Ergebnis werden die Ereignisse nicht verstanden und aufgearbeitet, sondern instrumentalisiert. Pohrt kritisiert die politische Elite, die in der Öffentlichkeit Gefühle beschwört. Sie differenziert nicht, sondern leistet einen „Treueschwur auf eine neue Prinzipienlehre“. Sie betreibt knallharte Machtpolitik; ihr öffentlicher „Vollzug“ von „Ergriffenheit“ ist Heuchelei (ebd. 32). Wenige Jahre später, muss man hinzufügen, im Jahre 1986, wurde in der deutschen Öffentlichkeit mit großen Profilierungsgeheul der Historikerstreit losgetreten.
Kein Stück besser sind die privaten Medienspektakel: Die Kino-Besucher und TV-Zuschauer sehen in den Holocaust-Darstellungen für sich selbst einen „therapeutischen Wert“ (1979a, 35). Sie nehmen sich die Gelegenheit, um im Grunde über ihre eigene Gegenwart zu weinen. Pohrt nennt als konkretes Beispiel für die elende Gegenwart die „mörderische Vereinsamung der alten Menschen“ (ebd. 42) und spitzt zu: In einer Welt, „die Auschwitz hinter sich, aber den Atomkrieg vor sich hat“, herrscht eine „Wirklichkeit, wo Schaufensterpuppen oft […] viel lebendiger aussehen als die lebendigen Menschen“ (ebd. 46). Durch den privaten und öffentlich-politischen Bekenntniszwang werden sich Indifferenz und Gleichgültigkeit nicht ändern.
Grenzen der Sprache müssen respektiert werden
Pohrt, Pastior, Hannah Arendt, der Historiker Reinhart Koselleck – viele haben gesehen, dass gegenüber den Lagerverbrechen die Sprache versagen musste und dass dieses Versagen definitiv ist. „Was sich im Konzentrationslager ereignete, […] ist mit der beschreibenden oder nachvollziehenden Sprache kaum greifbar. Das Verstummen gehört zur Signatur des totalitären Staates“ (Koselleck 1971/1989, 289). Die Verbrechen machen „sprachlos“, und deshalb haben „die Menschen […] allzu oft der offensichtlichen Versuchung nachgegeben, ihre Sprachlosigkeit in alle möglichen auf der Hand liegenden Sprachgebilde, die, immer natürlich unangemessen, gefühlsmäßige Erregung ausdrücken, zu übertragen. Die Folge ist, dass heute die ganze Geschichte gewöhnlich in Begriffen der Gefühlswelt, die als solche nicht unbedingt kitschig sein müssen, erzählt wird, um sie zu sentimentalisieren und zu verkitschen […]. Wer immer diese Fragen anspricht, muss damit rechnen, […] auf ein Niveau heruntergezogen zu werden, auf dem ernsthaft nicht mehr diskutiert werden kann” (Arendt 2007, 19 f.).
So kommt es, dass viele glauben, „Nazis unterschieden sich von Nicht-Nazis dadurch, dass diese […] gelegentlich von Rührung ergriffen werden, jene aber nicht“ (Pohrt 1979a, 34). Relevante begriffliche Unterscheidungen dagegen, die notwendig wären etwa für die Kritik am Sprachgebrauch der Betroffenheitsrituale sowie auch der inflationären Nazi- und Antisemitismusdiffamierungen, werden nicht getroffen.
Was den Holocaust angeht, sind also die Nachgeborenen den Zeitgenossen nicht nur im Vergessen und Verdrängen ähnlich, sondern auch in der Sprachlosigkeit und der Indifferenz, zu der sie durch die Sprachlosigkeit für immer verurteilt sind. Wenn das aber stimmt, wenn heute über diese Verbrechen der Vergangenheit nicht angemessen gesprochen werden kann, weil die sprachlichen Kategorien definitiv fehlen, dann besteht desto dringender die Aufgabe, wenigstens in der Analyse der politischen Gegenwart einen Sprachgebrauch zu üben, in dem die relevanten begrifflichen Unterschiede gemacht werden. Angesichts der gegenwärtig herrschenden Sprachwillkür vor dem Totalverlust der sprachlichen Unterscheidung zu warnen, heißt also nicht, die Gegenwart mit dem Holocaust zu vergleichen oder gar gleichzusetzen. Es heißt, Konsequenzen zu ziehen.
Worte wieder wörtlich nehmen – verfremden und erneuern
Oskar Pastior hatte sich mit seiner Lyrik in einen dadaistischen Realismus gerettet. Herta Müller meinte: Er wurde zu einem „Realisten der großen und der allerkleinsten Dinge“. Dazu diente ihm unter anderem die Technik, die falschen „geflügelten Worte“, die „in Schwarmwolken […] hin und her die Täler verfinstern“, wieder wörtlich zu nehmen. Er gab den abgenutzten Floskeln ihre Kraft zurück, indem er sie künstlerisch verfremdete und dabei zugleich in die konkrete Lebensrealität – bis in die alltäglichsten Dinge hinein –zurückversetzte. In seinen Gedichten ist es oft das Essen, die freie Bewegung im Raum oder die Anatomie des Menschen, deren konkrete Bedeutung der ehemals hungernde, eingesperrte und körperlich geschundene Häftling durch das Wörtlichnehmen leerer Floskeln zurückholte. Die Lagererfahrung ist allgegenwärtig: „Das Auberginengericht mundet, es hat kein Rezept, nur Mittäterschaft“ (Pastior 2007, 109).
Kunst der Sprache zur treffenden Unterscheidung und zur Vermeidung von Indifferenz – das ist die Aufgabe der Gegenwart. Am besten fängt man einfach mal an, wie es die „Pädagogen für Menschenrechte“ tun: In ihrer Performance „Alles unter den Teppich kehren“, die sie das erste Mal im Sommer 2025 beim Platz der Grundrechte in Karlsruhe aufführten, veranschaulichen sie am konkreten Bild, wie die Rechtsbrüche der Corona-Politik weiterhin der Indifferenz überlassen werden. Die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern, Schuld und Ohnmacht, politischer Verantwortung und gesellschaftlicher Solidarität bleiben dem Vergessen überlassen, der falschen Sprache und der Gleichgültigkeit. Aber nicht alle vertuschen mit: In solchen Aktionen, wo die relevanten Wörter und Begriffe wieder unter dem Teppich hervorgeholt werden, erinnern wir uns. Wir sehen die relevanten Unterschiede und sind alles andere als gleichgültig.
Literatur
Arendt, Hannah (2007): Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. München/Zürich (Piper).
Buyx, Alena / Barbara Prainsack (2011): Solidarity. Reflections on an Emerging Concept in Bioethics. PDF Online: https://www.nuffieldbioethics.org/publication/solidarity-reflections-on-an-emerging-concept-in-bioethics/
Buyx, Alena / Barbara Prainsack (2016): Das Solidaritätsprinzip: ein Plädoyer für eine Renaissance in Medizin und Bioethik. Frankfurt/Main (Campus)
Koselleck, Reinhart (1971/1989): Terror und Traum. Methodologische Anmerkungen zu Zeiterfahrungen im Dritten Reich (1971). In: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten (1989). Frankfurt/Main (Suhrkamp). S. 278–299.
Pohrt, Wolfgang (1979a/2025): Vielleicht war alles erst der Anfang (1979). In: Ders. 2025, S. 28–46.
Pohrt, Wolfgang (1979b/2025): Überlegungen zur Aktualität von KZ-Erfahrungen. In: Ders. 2025, S. 47–61.
Pohrt, Wolfgang (2025): Wahn, Ideologie und Realitätsverlust. Metamorphosen des deutschen Massenbewusstseins. Ein Reader. Hgg. u. mit einem Nachwort versehen von Klaus Bittermann. Berlin (Tiamat).
Pastior, Oskar (1987): Jalousien aufgemacht. Ein Lesebuch. Hgg. von Klaus Ramm. München/Wien (Hanser).
Pastior, Oskar (2007): durch – und zurück. Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz. Frankfurt/Main (Fischer).
Teubert, Wolfgang (1989): Politische Vexierwörter. In: Josef Klein (Hg.): Politische Semantik: bedeutungsanalytische und sprachkritische Beiträge zur politischen Sprachverwendung. Opladen (Westdeutscher Verlag). S. 51–68.