von Andreas Hansel
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Erledigen Sie Ihre Lebensmitteleinkäufe selbst? Schauen Sie sich dabei die Verpackungen und die Produkte genau an? Wenn ja, dann sind Ihnen sicherlich die sogenannten „Haltungsformen“ ein Begriff. Dabei handelt es sich um ein Klassifizierungssystem, mit dem die Haltungsbedingungen landwirtschaftlicher Nutztiere bewertet und gekennzeichnet werden. Je nach Tierart und Haltungsmodell gelten dabei unterschiedliche Kriterien.
Ab 2026 wird die Haltungsform-Kennzeichnung schrittweise verpflichtend. Die folgenden fünf Stufen kennzeichnen die Lebensumstände unserer Nutztiere:
- Stallhaltung,
- Stallhaltung + Platz,
- Frischluftstall,
- Auslauf/Weidehaltung und
- Bio-Haltung.
Am geläufigsten sind diese Haltungsformen für Schweine, Rinder, Geflügel sowie in der Fischzucht. Die Unterschiede zwischen den Stufen sind beträchtlich: Sie reichen von minimalen gesetzlichen Standards bis hin zur ökologischen Premiumhaltung mit Auslauf, Frischluftzugang und streng regulierter Fütterung.
Haltungsformen bei den Menschen
Was aber wäre, wenn wir dieses System auch auf uns Menschen selbst anwenden? Welche Haltungsform trifft auf Sie persönlich zu? Wie sieht es in Ihrem eigenen Leben aus? Die wenigsten Menschen machen sich bewusst, dass auch sie in Strukturen leben, die mit Einschränkungen, Freiheiten und Pflichten einhergehen – ganz ähnlich wie bei Nutztieren.
Nur: Es gibt keine offizielle Kennzeichnung und niemand trägt ein Etikett am Hemdkragen. Bei dem ein oder anderen Menschen kann man die Haltungsform anhand der Mode und anhand von Accessoires vermuten. Die folgenden Absätze werden Ihnen eventuell dabei helfen, Ihre Mitmenschen künftig auch bezüglich ihrer Haltungsform klassifizieren zu könnten.
Haltungsform 1: Stallhaltung (Käfighaltung)
Menschen in dieser Haltungsklasse sind auf engstem Raum untergebracht. Sie findet sich in Hochsicherheitsgefängnissen und Arbeitslagern totalitärer Regime (CECOT, Laogai-System in China, Schwarzer Delfin in Russland). Bei CECOT in El Salvador beispielsweise steht pro Person weniger als ein Quadratmeter „Wohnfläche“ zur Verfügung. Manche haben keinen oder nur eine halbe Stunde Auslauf am Tag. Kontakte zur Außenwelt sind stark eingeschränkt. Viele dieser Menschen müssen für einen Hungerlohn arbeiten, zwölf Stunden und mehr – manchmal unter Folter oder psychischem Druck.
Diese Haltungsform gibt es aber auch in Sonderzonen demokratischer Staaten: Stichwort Guantanamo. Bewegungsfreiheit existiert kaum, die Überwachung ist lückenlos. Verlassen diese Menschen ihren “Stall”, dann nur mit Handschellen, Fußfesseln, GPS-Tracking. Ein Wechsel in eine andere Haltungsform von dort aus ist praktisch ausgeschlossen.
Haltungsform 2: Stallhaltung + Platz (Notfallhaltung)
Flüchtlinge und Menschen in Notunterkünften leben häufig in dieser Form. Sie werden in Containern, Turnhallen oder Zeltstädten untergebracht, mit einem minimalen, aber leicht erweiterten Raumangebot. Es gibt Bewegungsmöglichkeiten, jedoch unter Auflagen und Kontrolle. Die Privatsphäre ist stark eingeschränkt und die Lebensumstände sind bedrückend, die Zukunft ist in der Regel ungewiss.
Die „Stall + Platz“-Haltung für Menschen ist zwar zumeist als Übergangslösung gedacht. Doch viele Menschen verweilen lange Jahre in dieser Form, ohne Perspektive auf Besserung. Organisatorische Vorgaben und politische Willkür ersetzen individuelle Gestaltungsspielräume. Die wichtigste Nahrungsquelle für diese Menschen ist die Hoffnung.
Haltungsform 3: Frischluftstall (Bodenhaltung)
Menschen in dieser Klasse leben dicht gedrängt – oft in städtischen Wohnsilos oder Hochhaussiedlungen. Sie haben mehr Raum als in den vorherigen Klassen, leben aber unter permanentem Druck: niedrige Löhne, unsichere Jobs, wachsende Lebenshaltungskosten. Manche arbeiten in Großraumbüros, unter Kunstlicht, unterbrochen nur von kurzen Pausen an der frischen Luft, die gerne auch mit Nikotin angereichert wird. Andere arbeiten in Fabriken oder verbringen den ganzen langen Tag im Kastenwagen oder LKW.
Sie sind zwar keine Gefangenen, aber ihr Alltag fühlt sich oft so an. Prekäre Beschäftigung, mehrere Jobs, Behörden-Marathons und die Sorge, ob das Geld bis zum Monatsende reicht, dominieren das Denken und belasten die Seele. Freizeit ist Mangelware, Urlaub, sofern überhaupt finanziell darstellbar, ein organisierter Freigang mit Rückfahrticket.
Freiwillig? Kaum. Die meisten Menschen in dieser Klasse wären lieber woanders. Doch strukturelle Zwänge wie Bildungsbarrieren, familiäre Abhängigkeiten oder Schulden halten sie an ihrer Stelle im System.
Haltungsform 4: Auslauf / Weide (Freilandhaltung)
Hier beginnt Freiheit sichtbar zu werden. Menschen in dieser Haltungsklasse leben meist in Vororten, Kleinstädten oder großzügigen Wohnungen. Viele verfügen sogar über ein kleines eigenes Haus mit Garten oder zumindest über Rückzugsräume. Beruflich sind die Menschen in dieser Haltungsform oft gut etabliert, beispielsweise als Facharbeiter, Handwerker, Beamte, Angestellte, Selbstständige oder Freiberufler.
Diese Menschen genießen Freiräume, können Urlaube planen, in Bioläden einkaufen oder für ihre Berufstätigkeit auch Teilzeitmodelle wählen. Aber auch sie bleiben in das gesellschaftliche System eingebunden, mit Steuern, Versicherungen und weiteren Pflichten. Die tägliche Erwerbsarbeit nimmt auch hier noch immer viel Raum ein.
Freilandhaltung ist für viele das Ziel – der goldene Mittelweg zwischen Sicherheit und Selbstbestimmung. Doch nicht selten richtet sich der Blick weiter nach oben. Einigen gelingt sogar der Aufstieg in eine bessere Haltungsform.
Haltungsform 5: Bio-Haltung (Digitale Nomaden, Selbstversorger, Privilegierte)
Maximale Autonomie, minimale Fremdbestimmung: Menschen in dieser Klasse arbeiten orts- und zeitunabhängig oder leben ganz ohne Erwerbszwang. Digitale Nomaden, die dort arbeiten, wo andere Urlaub machen, Selbstversorger, die ihre Energie und Nahrung eigenständig erzeugen, sowie reiche Menschen, deren Einkommen passiv fließt, sind in dieser Haltungsform zu finden.
Die Bio-Haltung ist ökologisch, ästhetisch und mental nachhaltig, jedenfalls in der Selbstdarstellung. Sie ist freiwillig gewählt, basiert aber meist auf Bildung, Kapital oder beidem. Wer in diese Klasse hineingeboren wurde oder den Aufstieg dorthin geschafft hat, will kaum mehr zurück.
Haltungsform 6: Artgerechte Premiumhaltung (Superreiche)
Hier lebt das menschliche Pendant zum Kobe-Rind. Riesige Grundstücke. Mehrere Villen auf verschiedenen Kontinenten. Eigene Bio-Landwirtschaft, ein Team aus Köchen, Ärzten, Coaches, Piloten und Anwälten. Keine Behördenformulare, keine öffentlichen Verkehrsmittel – alles ist privat und optimiert.
Die Menschen dieser Klasse erleben keine Kontrolle, sondern gestalten ihre Welt und die der anderen nach ihren Ideen und Vorstellungen. Die Arbeit, die die Menschen dort verrichten, besteht primär darin, Entscheidungen zu treffen, bei denen sie durch Stiftungen, Holdings oder Family Offices unterstützt werden. Diese Haltungsform ist äußerst selten, sehr begehrt und bestens abgeschirmt.
Haltungsform 7: Gnadenhofhaltung (Pflegebedürftige, Alte, Vergessene)
Wer nicht mehr gebraucht wird, landet oft hier: in Heimen, Einrichtungen für betreutes Wohnen oder isolierten Pflegekomplexen. Manche hochwertig und liebevoll geführt, andere unterbesetzt, antiquiert, muffig, verwahrlost. Für die Menschen in dieser Haltungsform besteht keine Aussicht auf Rückkehr ins aktive Leben.
Die Qualität der Gnadenhofhaltung hängt maßgeblich vom Vorleben ab: Wer einst in Bio- oder Premiumhaltung lebte, kann auf eine bessere Einrichtung hoffen. Wer aus der Bodenhaltung kommt, fällt oft tiefer. Die Gnadenhofhaltung ist die Endstation des Lebens. Danach kommen nur noch Klinikum, Hospiz und Friedhof.
Haltungsformen sind menschengemacht
Haltungsformen gibt es also nicht nur im Supermarkt. Haltungsformen sind kein Naturgesetz. Sie sind menschengemacht, politisch gewollt, ökonomisch stabilisiert und kulturell legitimiert.
Bei Tieren sprechen wir offen darüber, wie viel Platz, Luft, Bewegung und Würde wir ihnen zugestehen. Geht es um uns Menschen, vermeiden wir diese Sprache. Vermutlich, weil sie zu sehr verdeutlichen würde, wie stark Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität verteilt, begrenzt und verwaltet werden.
Die Mehrheit der Menschen lebt nicht dort, wo sie gerne leben möchte, sondern dort, wo sie es sich leisten kann oder wo sie unfreiwillig untergebracht wird. Der Wechsel in eine „höhere“ Haltungsform ist nur selten das Ergebnis von Leistung, sondern zumeist eine Mischung aus Herkunft, Bildung, Kapital, Gesundheit und Zufall. Der Abstieg in niedere Haltungsformen hingegen kann durch einen einzigen Schicksalsschlag wie Krankheit, Unfall, Alter, Entlassung oder Scheidung ausgelöst werden.
Frei und freiwillig?
Irritierend an dem Thema ist dabei das Narrativ der „Freiwilligkeit“. Viele Menschen in der Boden- oder Frischluftstall-Haltung glauben, sie hätten „es sich ausgesucht“. Tatsächlich konnten sie meist nur aus einer begrenzten Auswahl an Optionen wählen. Obwohl strukturelle Abhängigkeiten längst als Realität anerkannt sind, gelingt es der Gesellschaft, den Eindruck von Freiheit aufrecht zu erhalten.
In den oberen Haltungsformen lebt der geringste Teil der Menschen, dennoch dominieren diese Politik, Kultur und Wirtschaft. Sie setzen die Maßstäbe, nach denen ein „gelungenes Leben“ definiert wird, unterliegen aber selbst nicht den Zwängen, die sie für die anderen als selbstverständlich deklarieren. Die Menschen in der unteren Haltungsformen bleiben in der gesellschaftlichen Debatte unsichtbar, ihre Stimmen werden erst laut, wenn der empfundene Druck für Sie so unerträglich geworden ist, dass sie auf die Straße gehen.
Die Analogie der Haltungsformen mag zugespitzt sein, vielleicht wirkt sie auf den ein oder anderen Leser sogar befremdlich oder unangenehm. Aber genau darin liegt ihr Wert. Sie soll dazu anregen, das eigene Leben nicht nur danach zu beurteilen, wie „gut“ man selbst lebt, sondern auch danach, wie frei man selbst ist. Auch kann man darüber nachdenken, wer auf wessen Kosten lebt.
Wer sich damit auseinandersetzt, könnte feststellen, dass Humanität kein Zustand ist, der durch allabendliches Gerede über Werte herbeigeführt wird. Es braucht Handlungen, die dazu geeignet sind, die Bedingungen in den Haltungsklassen zu verbessern, und die dazu beitragen, das System insgesamt zum Positiven zu verändern.