Eine Rezension von Johanna Eisele
Lesedauer 10 Minuten
Wie schaut ein junger, nachdenklicher Mann auf das Gemeinwesen einer Stadt? Einer, der hier in Deutschland eine Gegenwart hat und eine Zukunft mitgestalten will für sich und seine Kinder? Der sich der deutschen Großstädte, ihres schleichenden Verfalls, der geringen Bürgerbeteiligung, der Unzuverlässigkeit ihres ÖPNV, des Verlusts von Sicherheit gewahr wurde? Und der nun in einer ostdeutschen Kleinstadt erkundet, wie Gesellschaft und Politik funktionieren können und woran sie auch dort scheitern können?
Die Nähe der Kleinstadt
„In der Nähe – Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht“ erschien 2025 im Tropen-Verlag als Sachbuch des Autors und FAZ-Feuilletonisten Simon Strauß. Dem Buch ging eine 6-teilige Podcast-Serie der FAZ mit Reportagen aus der Stadt Prenzlau voraus („Schaut auf diese Stadt“). Im Sommer 2024 hatte Strauß ein halbes Jahr vor der Brandenburger Landtagswahl (30,9% SPD, 29,2% AfD, 13,5% BSW, 12,1 % CDU) dort verbracht.
Simon Strauß ist 1988 geboren, als Sohn des Dramatikers Botho Strauß und der Rundfunkautorin Manuela Reichart. Aufgewachsen ist er in der Uckermark und in Berlin, wo er als Abiturient eines Berliner altsprachlichen Gymnasiums mit Mitschülern das Stück „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder inszenierte. Mit dieser Hintergrunderfahrung über das Wesen einer Kleinstadt und ihrer Bewohner nähert er sich Prenzlau. Als Altertumswissenschaftler weiß er um antike Städte, die dank des Zusammenhalts ihrer Bewohner aufstiegen. Die ideale Polis des Aristoteles, so Strauß, umfasste etwa zwanzigtausend Vollbürger. Etwa so viele Einwohner hat Prenzlau. Hier begegnet man sich direkter, persönlicher und häufiger als in einer Großstadt. In einer Kleinstadt „besteht die Chance darauf, dass man sich im Laufe seines Lebens zumindest einmal in die Augen schauen kann, [dort] ist das Verantwortungsgefühl für das Gemeinwesen am stärksten.“
Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel, gerahmt von Einleitung, Resümee und einem Epilog. Die Kapitel greifen jeweils ein Thema auf: das Flüchtlingsheim, die Folgen des zweiten Weltkriegs, die Betriebe der Stadt seit der DDR, die AfD und den „Oststolz“ – gefolgt jeweils vom Porträt eines Stadtbürgers.
Das Flüchtlingswohnheim
Strauß wählt einen fast tagesaktuellen politischen Einstieg für das erste Kapitel: Der Landkreis möchte in Prenzlau gegen den Willen der Bürger Prenzlaus ein zweites Flüchtlingsheim einrichten. In der öffentlichen Sitzung des Regionalparlaments Uckermark wird dieser Streit offen ausgetragen. Doch „die Nähe, die diese Versammlung unter Anwesenden eigentlich suggeriert, entpuppt sich als Fiktion.“ Die AfD hat ein Bürgerbegehren initiiert und zahlreiche Unterschriften gegen das zweite Flüchtlingsheim gesammelt. Auch die Stadtverordneten und der parteilose Bürgermeister sind dagegen. Die Landrätin verweist auf die Weisung aus Berlin, ein Bürgerbegehren dagegen sei nicht zulässig. „Und was ist vom politischen Engagement der Bürger zu halten, wenn es sich gegen die liberalen Werte richtet, die ihnen ein solches Engagement ursprünglich überhaupt ermöglicht haben?“, fragt sich Strauß.
Dem ersten Kapitel stellt er „den Flüchtling“ als Stadtbürger zur Seite. Auf vier Seiten wird das Bild eines jungen Mannes gezeichnet, der als Wirtschafts- und Bürgerkriegsflüchtling aus Syrien auf seiner Flucht Schlimmes erlebt hat und der nun in Deutschland seine Tatkraft unter Beweis stellen möchte. Strauß sieht in ihm das leuchtende Gegenbeispiel für die zum Ausdruck gekommene Angst vor Überfremdung. Für ihn ist der Flüchtling nicht das Problem, sondern Teil der Lösung: „Die Prenzlauer und der syrische Flüchtling teilen dieselbe Sehnsucht. Eigentlich […] könnte ihr idealisiertes Bild von Gemeinschaft als gemeinsamer Nenner zu etwas Gutem führen: einer Wiedergeburt des Politischen aus dem Geiste der Nachbarschaft.“
Die Wunde des zweiten Weltkriegs
Im zweiten Kapitel folgt Prenzlaus Zerstörung durch die rote Armee im April 1945. Dies wurde in der DDR geleugnet, die Stadt wurde im sozialistischen Stil wieder errichtet. Strauß erwägt, ob die Wunde (aus dem zweiten Weltkrieg) weniger von Schwäche als von der Stärke zeugt, die diese Stadt aus überstandenen Krisen gezogen hat. Er regt an, die Wunde als geschichtlichen Charakterzug offen zu zeigen und ernst zu nehmen. Diesem Kapitel folgt das Portrait von Prenzlaus Bürgermeister. Strauß beschreibt ihn als kompetent, parteilos, pragmatisch, gesprächig. Er „verkörpert das strenge Zusammenspiel von Fürsorge und Ordnung.“ Vertrauen, als Resultat von Nähe, ist für ihn die wichtigste Eigenschaft der Politik. Er kreiert sie in regelmäßigen Gesprächen mit den Einwohnern der Stadt, auch mit den Flüchtlingen.
Die Betriebe der Stadt – AWP und Enertrag
Der Armaturenwerke Prenzlau (AWP), ihre Geschichte und die Manager, die diese prägten, bilden das Zentrum des dritten Kapitels. Just das frühere Verwaltungsgebäude dieser Werke wurde nun vom Landkreis als weiteres Flüchtlingsheim auserkoren.
Die AWP, ein volkseigener Betrieb, waren zu DDR-Zeiten das wichtigste Unternehmen der Stadt. Der Maschinenbaubetrieb mit zeitweise 1500 Mitarbeitern war ein erfolgreicher, großer Arbeitgeber. Ihm angegliedert waren zahlreiche Sozialbetriebe: eine Kantine, ein Kindergarten, Ferienhäuser u.v.m. „Erwerbstätigkeit und Lebenswelt waren eng aufeinander bezogen“, schreibt Strauß und schlussfolgert: „Wenn das soziale Netz an die Berufstätigkeit geknüpft wird, bleibt wenig Raum für aufrührerische Ideen.“
Mit der Wende erfuhren die AWP einen schweren Niedergang. Strauß schildert die damalige Situation: Die Proteste der Mitarbeiter und der Kampf ihrer Manager sind vergeblich. Das Unternehmen wird zerschlagen, westdeutsche Investoren übernehmen große Teile und entlassen die Menschen in die Arbeitslosigkeit. Aber die Kältetechnik findet keinen Interessenten. Zwei Manager und ein Konstrukteur wollen den endgültigen Tod dieses Betriebsteils unbedingt verhindern. Sie sind überzeugt von der Qualität der Produkte, und in zum Teil demütigenden Verhandlungen gelingt es ihnen tatsächlich, diesen Unternehmensteil zu erwerben und zu einem „Hidden Champion“ zu entwickeln. 1992 starten sie mit 35 Mitarbeitern. „Die Fähigkeit, das Ungehörige duldsam zu ertragen, ist die zentrale Charaktereigenschaft in dieser Zeit gewesen“, erkennt Strauß und zitiert einen der 80-jährigen früheren Manager: „Unser Stillschweigen zu Undingen, die uns widerfahren sind, war unser großer Vorteil.“ Die drei Männer haben ihren Stolz nicht verloren, wenngleich ihre besondere Leistung nie wirklich gewürdigt wurde.
Ein anderer „Hidden Champion“ ist Enertrag, ein großer Produzent erneuerbarer Energien, der seine Anlagen weltweit vertreibt. Doch zwischen Enertrag und den Bürgern von Stadt und Landkreis besteht eine kaum überbrückbare Distanz. Während Enertrag „liberale Hilfsbereitschaft suggeriert unter dem Vorzeichen von ‚Transformation‘ und ‚Aufbau Ost‘, erfahren die Bürger ihre Ohnmacht, den Verlust von Lebensqualität, Landschaft und Ruhe. Es ist genau dieses Gefühl von fehlender politischer Nähe, die den Nährboden dessen bildet, was sich im Osten tagespolitisch in Umfragewerten und Wahlergebnissen ausgedrückt.“
Eine Kitaleiterin ist diesem Kapitel zur Seite gestellt. In ihrer Kita werden 104 Kinder aus 18 Nationen betreut. „Wir erleben die Eltern als sehr dankbar“, sagt sie, aber natürlich gebe es Konflikte. Fehlende Deutschkenntnisse, individuelle Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten machen die Kinderbetreuung aus ihrer Sicht zu einer deutlich schwierigeren Aufgabe als zu DDR-Zeiten. Aber: „Wenn wir eine Herausforderung haben, stecken wir die Köpfe zusammen und suchen gemeinsam Lösungen.“
Der AfD-Politiker
Das Kapitel vier ist das zentrale Kapitel des Buches: Beim Prenzlauer Neujahrsempfang 2023, wo 750 Bürger ihre Stadt und das ehrenamtliche Engagement feierten, begegnete Strauß dem AfD-Politiker Felix Teichner. Teichner ist „ein echter Prenzlauer“, drei Jahre jünger als Strauß und dreifacher Abgeordneter – in der Stadtverordnetenversammlung, im Kreistag, im Landtag. Strauß zögert. Schon der Handschlag wird von ihm erörtert und begründet. Teichner habe ein verschmitztes Lächeln, als hecke er einen Streich aus.
Im darauffolgenden März besucht Strauß Teichner in seinem Wohn- und Arbeitshaus, dem ehemaligen Güstrower Schulhaus. Seine politischen Gegner versuchten zwei Jahre lang, den Verkauf an den AfD-Mann zu verhindern. Teichners drei kleine Söhne leben in Westdeutschland, aber zahlreiche Kuscheltiere warten auf sie in der Wohnung des Vaters. Der hat in Hannover studiert, ist Mitglied einer schlagenden Verbindung. Aufgewachsen ist er in einer Bauernfamilie mit drei Geschwistern. Er selbst beschreibt das als ein „Zusammenspiel von harter Arbeit und grenzenloser Freiheit.“ Morgens musste er in der Landwirtschaft helfen, am Nachmittag konnte er nach Lust und Laune Moped fahren. Die offen systemkritisch, christdemokratisch gesinnte Familie sah sich zu DDR-Zeiten Restriktionen ausgesetzt, das prägte auch Teichner. Strauß zweifelt: „Der Ostdeutsche als demokratische Frühwarnung? Das wirkt gewagt, insbesondere bei einem Mitglied einer Partei, der vom Verfassungsschutz die Absicht der Zerstörung der demokratischen Grundordnung unterstellt wird.“
Strauß beobachtet, dass alle Werte, die Teichner mit der DDR verbindet, mit Nähe zu tun haben. „Es geht nicht um Arbeit und Wohlstand, nicht um Gleichheit und Gerechtigkeit, sondern um das Paradigma der Gemeinschaft, die soziale Bindungsstärke.“ Das, so stellt Strauß fest, verbindet Teichner mit seinem politischen Gegner bei DER LINKEN. Doch Teichners ehrenamtliches Engagement in verschiedenen Gruppen der Stadt Prenzlau scheint verdächtig: „Infiltration ist eine bekannte Strategie der Unterwanderung, dies führt […] zu einer angebräunten Zivilgesellschaft“, zitiert Strauß den Berliner Soziologen Steffen Mau. Ein Widerspruch fällt ihm immerhin auf: „Was genau soll das bedeuten? Dass die Zivilgesellschaft zwar bunt sein darf, aber nicht so bunt, dass sie auch dunklere Töne aushält? Dass nur der zur Zivilgesellschaft gehört, der sich gegen rechts engagiert?“
Schließlich geht es um den Ukraine-Krieg. Teichner ist gegen weitere Waffenlieferungen (wie übrigens auch DIE LINKE in Brandenburg). Das war für Strauß erwartbar. Aber überrascht ist er, dass Teichner die Verteidigung Deutschlands mit der Waffe strikt ablehnt. Später, an anderer Stelle im Buch, wird Strauß‘ Einstellung zu einem möglichen Krieg mit Russland deutlich: Die Deutschen als habituelle Pazifisten sollten besser vorbereitet sein, anstatt böse überrascht zu werden. Im Kapitel fünf stellt er einen Oberstleutnant vor, Leiter des letzten deutschen Fernmeldebataillons. Hier ist Strauß erleichtert, dass „anständige und pflichtbewusste“ Männer wie der Oberstleutnant im Ernstfall Leib und Leben für den Schutz ihres Landes aufs Spiel setzen. Über Teichners „Feigheit“ dagegen ist Strauß erstaunt.
Prenzlaus Zukunft – die Pauline!
„Der Traum von freier Gesellschaft und repräsentativer Demokratie braucht neue Anregung“ findet Strauß. Deshalb führt er im Resümee euphorisch Pauline, die „Wissenschaftsvermittlerin“, ein. Sie ist der Antipode zu Felix Teichner: „Pauline ist Prenzlaus Zukunft.“ Pauline ist die dreißigjährige Tochter eines erfolgreichen Prenzlauer Handwerkers. Dieser Mann beeindruckt Strauß; er lobt seine Bodenständigkeit, die gewiefte Ehrlichkeit, seine Skepsis gegenüber den Mächtigen. Trotzdem schwärmt Strauß: „Aber Pauline ist anders. […] Nach dem Abitur eine Ausbildung zur Medienkauffrau bei Axel Springer, auserwählt unter Tausenden. Zwei Jahre lang Weltläufigkeit und Start-up Atmosphäre (die Rezensentin fragt sich verwundert: bei Springer?), eigenverantwortliches Arbeiten, Yoga in der Mittagspause, Kollegen und Chefs aus Westdeutschland. Sie saugt alles auf und kehrt dann zurück in ihre Heimat zu Mann, Familie und Freunden. Sie macht ein Praktikum beim uckermärkischen Tourismus-Marketing. Zieht schließlich weiter zur brandenburgischen Wissenschaftskommunikation, vermittelt zwischen Hochschule und Gesellschaft, organisiert Veranstaltungen, die zeigen sollen, welchen Mehrwert die brandenburgische Wissenschaft dem Steuerzahler bringt.“
Pauline freut sich über die aus Berlin und Westdeutschland zugezogenen Stadtbürger, die Prenzlau ein Yogastudio, einen Bioladen, eine Töpferei schenkten. Als junge Mutter erkennt sie die Vorzüge Prenzlaus für Familien mit Kindern. „Pauline, sie ist der Blick nach vorne“. Strauß zitiert sie mit den Worten: „Es herrscht Frieden bei uns. Wir können in den Urlaub fahren. Wenn wir krank sind, gibt es einen Arzt. Wir müssten gar nicht so unzufrieden sein.“
Nähe als Ideal und Risiko
Dem Fazit des Autors ist eigentlich nichts hinzuzufügen: Die „energische Sehnsucht nach Nähe ist von Haus aus weder gut noch schlecht, sie ist vor allem eines: sie ist da und verlangt nach Erfüllung.“ Aber was lernen wir von Prenzlau? Welche Renaissance wäre erforderlich?
Strauß macht Vorschläge, wie man die Sehnsucht erfüllen könnte: Anwesenheit, Augenkontakt, Handschlag, Zeit. In einer Kleinstadt ist man sich im Wortsinn näher: Zu seinen historischen Kenntnissen über die antike Polis gewinnt er die Erfahrungen aus der DDR hinzu. Hier unterstrich „die propagierte Fiktion einer klassenlosen Gesellschaft den Wert von Nähe“. Strauß meint, dass im Osten bis heute die Nähe oft idealisiert wird. „Das im Osten spürbare Nähe-Bedürfnis“ sei „eine eingeübte Bewusstseinsregung, um auf politische Krisengefühle zu reagieren […], ein ureigenes Mittel zur Verteidigung der Seele gegen die Zerschlagungstendenzen des westlichen Neoliberalismus.“
Im Podcast vom November 2025 entdeckt er allerdings auch die andere Seite der ersehnten und idealisierten Nähe: einen „düsteren, aggressiven und gefährlichen Unterton“. Auch im Buch zeigt Strauß diese Furcht: „Hinter der Sehnsucht nach Nähe verbirgt sich im Osten mitunter auch der riskante Wunsch nach einer anderen Ordnung von Gesellschaft und Staat.“
Aber was ist daran riskant? Das würde man gerne wissen. Meint er die Zweifel am Wert der repräsentativen (Parteien)-Demokratie? Im Kapitel über das Flüchtlingsheim hatte er ja gemeint, die AfD nutze aus, was das Grundgesetz vorgibt. Dazu gehört, dass die Parteien das Grundgerüst der bundesdeutschen Demokratie bilden. Ich finde riskant, dass ein junger Intellektueller diese Zweifel nicht teilt.
Es mag daran liegen, dass Strauß diese „riskanten“ Zweifel, Wünsche und Ideale vor allem bei der AfD verortet. Die Rechte in Deutschland kennzeichnen, seiner Ansicht nach, die Bereitschaft, anwesend zu sein und lokal Verantwortung zu übernehmen, zugleich aber Fremdenfeindlichkeit und der Wunsch nach Nonkonformität. Felix Teichner ist für Strauß eine Herausforderung. Er begegnet ihm mit Vorsicht und Misstrauen. In den Parlamenten sei Teichner überall „Mitglied der umstrittensten Fraktion“. Er fantasiert in Teichners „verschmitztes Lächeln“ beim Prenzlauer Neujahrsempfang 2023 einen Jungenstreich hinein: „Der Streich könnte in diesem Fall heißen: Machtübernahme.“ Aber welche anderen riskanten Fantasien und welche anderen umstrittenen Fraktionen gibt es in den Parlamenten?
Strauß wirft Teichner „Feigheit“ vor, weil dieser nicht bereit ist, sich oder seine Söhne für Deutschland in einem Krieg zu opfern. Als Leser fragt man sich: Wie „feige“ ist jemand, der sich, wie Teichner, gegen das Establishment stellt? Welchen Werten und Konventionen der BRD fühlt sich Strauß verbunden, die auch Teichner – besonders als deutscher Patriot – verteidigen müsste? Würde er, Strauß, diese ebenfalls mit der Waffe in der Hand verteidigen? Würde er seine Söhne dafür hergeben? Immerhin stellt sich Strauß diese Frage am Ende des Kapitels selbst.
Vielleicht geht beim Thema Krieg das dramatische Talent der Familie Strauß manchmal mit ihm durch? Um sich von dem ostdeutschen AfD-Politiker abzugrenzen, wird er sogar national-romantisch: „Denn ein gemeinsamer Traum ist das, was eine Nation am Leben hält. Die Bereitschaft, etwas zu opfern, hängt an der Vorstellung, wofür man es tut.“ Auch ein anderer Topos spricht für diesen Stilzug der literarisch-romantischen Dramatik statt sachlicher Reportage: das Gefühl der „Rache“, dem Strauß bei den Ostdeutschen immer wieder zu begegnen meint.
„Konkretes Können“ statt großer Utopien als Demokratiewerkzeug
Strauß denkt nicht nur über das Ideal der Nähe nach, sondern auch über die Möglichkeiten des Könnens. Die Protagonisten seines Buches über die ostdeutsche Provinzstadt sieht er als „Könnerinnen und Könner […], die durch ihren Einsatz das Gegebene verbessern, ohne ihr Handeln dabei unter die Vorzeichen eines größeren Wandelziels zu stellen.“ Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen für das, was man vor Ort tut, nicht um den Verfolg einer großen Utopie. Einmal mehr geht er bei seinen Überlegungen vom antiken Stadtbürgertum aus: „Was in der Moderne etwa mit der Erwartung einer neuen Gesellschaftsordnung oder in unserer Gegenwart mit der Hoffnung auf ein neues moralgerechtes Klimaschutzzeitalter einhergeht, blieb in der Antike stets auf das konkrete menschliche Können bezogen.“
Hier liege ein Unterschied zwischen Ost und West: „Im Osten gibt es heute […] einen Glauben an Verbesserungen im Hier und Jetzt.“ Im Osten sei man skeptischer gegenüber Utopien als im Westen. Ich gebe Strauß recht: Meiner Beobachtung nach gibt es zwar auch im Westen lokales Engagement. Aber es ist häufig parteipolitisch gefärbt und/oder an die „Zivilgesellschaft“ geknüpft: Kirchen, Verbände, Gewerkschaften. Das mindert im Westen den Wert der Nähe und unterstützt utopiegeleitete Inkompetenz-Netzwerke. „Am Ende muss dieses Land vielleicht ein Praktikum in seinen ostdeutschen kleinen Städten machen, um seinen Mannschaftsgeist zu finden“, auch „im Hinblick auf das verunsicherte Verhältnis von Partizipation und Repräsentation.“
Allerdings meint Strauß, man müsse „klug, möglicherweise auch indirekt reagieren, mit längerem Blicken statt mit Wiederholung von Argumenten, mit einer anderen gefühlsklügeren Art des Umgangs statt mit einem neuen Parteiprogramm.“ Gefühlsklüger? Das wirkt elitär, von oben herab. Das habe ich bei Robert Habeck schon gesehen. Es ist mir unsympathisch, und ich gewinne den Eindruck, dass es Strauß bei dem neuen Mannschaftsgeist doch nur um Schauspielerei geht.
Auch andere Widersprüche übersieht Strauß: So beobachtet er beim Energieunternehmen Enertrag „eine gewisse Abgehobenheit“ auf der Webseite und in der Unternehmensbroschüre. Er versteht die Fly-Over Programmatik von Enertrag als Missverständnis. Aber warum sollte sie das sein? Mir scheint sie Programm, trotz des ostdeutschen Gründers. Und wie kommt Strauß darauf, dass „im Grunde ein Elternabend in der Kindertagesstätte doch die beste Grundausbildung für ein demokratisches Miteinander bieten muss – oder gerade nicht?“ Den angedeuteten Zweifel führt er leider nicht weiter aus. Er fragt auch nicht nach, wer in der Kita die Köpfe zusammensteckt und nach Lösungen sucht, wenn es Herausforderungen im Miteinander gibt. Das wäre wichtig, denn Strauß schreibt von der „Sicherheit des gemeinsamen Könnens“, von „geteilter Nähe als Voraussetzung für gemeinsame Lösungen.“ Aber konkret wird er hier nicht.
Und umgekehrt muss man ihn fragen, da er doch auf das konkrete Können vor Ort setzt: Was macht ihn so sicher, dass Stadtbürger, die in ihrer Stadt schon ein Flüchtlingsheim haben und ein zweites ablehnen, Fremdenfeinde sind?
Habe ich das Buch gerne gelesen? Ja. Es stellt den Kosmos einer ostdeutschen Kleinstadt mit ihrer Geschichte vor. Das ist gar nicht so weit weg von dem, was ich in meiner Heimatstadt beobachte, einschließlich der Wunden der Zerstörung im 2. Weltkrieg. Aber ich bin misstrauisch. Mich verwundert, dass Strauß übersieht, wie der grüne Kanzlerkandidat Habeck im Bundestagswahlkampf 2024/2025 über seine „Küchentischgespräche“ die „Nähe“ bereits gekapert und entwertet hat. Die Idee, dass man mit „Nähe“ die Entfremdung und Anonymisierung auflöst, kann ich nur bedingt folgen. Denn wie viele andere frohe Begriffe – „Solidarität, Demokratie, Gemeinschaft, Freiheit“ – wird hier der nächste Begriff für den Missbrauch vorbereitet. Das ist zwar offensichtlich nicht die Intention von Strauß, aber sein Buch führt darauf hin.
Simon Strauß: In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht. Stuttgart (Tropen) 2025.