Sag mir wo du stehst in Sachen Corona – und ich sage dir, was du bist.

Kommentar von Clara Riesling, Autorin 1bis19

Lesedauer: 3 Minuten

Linke Meinungsmacher in Deutschland haben sich mit der Übernahme der Lockdown-Logik ihre eigene Handlungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit genommen.

Am 1. Mai abends in Berlin-Neukölln: 10 Einsatzwagen der Polizei mit Blaulicht donnern durch die Fuldastraße. Zugleich laufen hunderte, vor allem junge Menschen mehr oder weniger zielstrebig durch den Kiez. Eher Richtung Sonnenallee, um sich einen Kampf mit „den Bullen“ zu liefern, Flaschen zu werfen, Autos anzuzünden? Oder doch lieber langsam in Richtung Görlitzer Park, um da friedlich einen Joint zu rauchen mit ein paar tausend anderen gegen Wohnungsnot, Verdrängung und Neoliberalismus zu demonstrieren?

Maske und Abstand – oder auch nicht

Es ist ein sehr gemischtes Bild. Etwa die Hälfte bis zwei Drittel tragen keine Maske. Sind das überhaupt Linke? Kann ja eigentlich nicht sein, denn wir haben ja in einem Jahr Corona-Berichterstattung gelernt, das „echte“ Linke mit der Corona-Politik der Bundesregierung solidarisch sind und keinen gefährden wollen. Nach dem Vorbild „linker“ Parteien wie Die Linke (mit Ausnahme von Sahra Wagenknecht) oder der Grünen (mit Ausnahme von Boris Palmer), die im Bundestag für oder jedenfalls nicht gegen das Infektionsschutzgesetz und für die „Bundesnotbremse“ und damit für ihre eigene Entmachtung als Abgeordnete gestimmt haben.

Und vor allem: Wer gegen die Corona-Maßnahmen ist, der ist ja rechts oder gilt als von Rechten vereinnahmt, das ist in den letzten 14 Monaten immer wieder so von Politikern UND Journalisten behauptet und so auch geschrieben worden in der Presse. Und gesagt worden im Fernsehen und im Radio. Von durchaus klugen Leuten. Die sich oft selbst links verorten und jetzt anscheinend nicht mehr wissen, was links sein eigentlich bedeutet.

Linke Motive, rechtes Handeln?

Wer sind also diese jungen vorgeblich linken (denn wer geht sonst auf 1.-Mai-Demos in Berlin?) Protestler, die aber in großer Zahl ohne Masken herumlaufen? Nur wenige Journalisten machen sich Mühe und gehen das Risiko ein, „Masken-Verweigerer“ nach den Motiven ihres Protestes zu fragen. Aus den wenigen Antworten ergibt sich: Sie wollen damit für das Recht auf Leben und für die Grundrechte eintreten. Für das Recht auf Leben? Sind sie es nicht gerade, die hier (angeblich) das Leben anderer riskieren? Die Maßstäbe haben sich offenbar völlig verschoben.

Freiheit ist nicht mehr die Freiheit des Andersdenkenden

Nicht wenige Linke, besonders solche, die in Parteien organisiert sind, für die taz, das Neue Deutschland oder die Süddeutsche schreiben oder in anderen Medien über Themen wie soziale Ungerechtigkeit, kapitalistische Zwänge oder mehr Diversität berichten, scheinen lieber auf Freiheit und Selbstbestimmung zu verzichten, als das Narrativ vom alternativlosen Lockdown aufzugeben. Sie glauben wirklich, damit Leben zu retten. Und meinen, wer anders denkt und anders vorgehen will, Theater, Museen, Läden und Restaurants öffnen will (wie es vielerorts in Europa seit Monaten geschieht), gefährde diese Leben.

Auf die Demonstrationen am 1. Mai bezogen heißt das:

Bevor ich jemanden hier in dieser Menschenmenge gefährde (auch wenn der freiwillig hier ist), verzichte ich doch besser monate- oder jahrelang selbst auf mein Leben, wie ich es eigentlich für frei und lebenswert halte. Und: Wer hier demonstriert, kann gar nicht wirklich links sein.

Wirklich?

Selbst wenn man sich der Lockdown-Logik anschließt, die davon ausgeht, dass andere Strategien, wie etwa der schwedische Weg gescheitert seien (was er nicht ist): Sind wir nicht längst in einem Stadium der Pandemie, das es jedem erlaubt, der kein Risiko eingehen will, sich zu schützen? Sind nicht die Risikogruppen weitgehend geimpft? Warum soll ich nicht selbst entscheiden dürfen, ob ich mich einer theoretischen Gefahr aussetze, wenn ich mich doch anschließend testen kann, im Alltag Abstand halte und niemanden zwinge, meine Atemluft irgendwo einzuatmen? Derselbe Bürger, dieselbe Journalistin, derselbe Politiker, der dieses System weiterhin für zwingend hält, spricht tausenden nicht-maskentragenden und nicht-abstandhaltenden Teilnehmern der 1.-Mai-Demos gleich auch noch ihre linke Gesinnung ab. Sag mir wo du stehst in Sachen Corona, und ich sage dir anschließend, ob das rechts oder links ist.

So weit ist es gekommen, die Corona-Debatte hat nicht nur unendlich viel Leid und Zwietracht über dieses Land gebracht, sie hat auch Begriffe wie links und rechts, bürgerlich oder liberal komplett ad absurdum geführt.

Es ist Zeit, sich an den Demonstranten am 1. Mai 2021 ein Beispiel zu nehmen: Sie haben sich nicht abschrecken lassen, für ihre Anliegen auf die Straße zu gehen. Wer sich dabei schützen wollte, der hat das getan. Auch wer das nicht wollte, hat sich diese Freiheit genommen.

Beides ist richtig.

Teilen

Schreibe einen Kommentar