Immer nur die anderen. Der Lockdown-Moralismus ist die eigentliche Pest in diesem Land.

Kommentar von Clara Riesling, Autorin 1bis19

Lesedauer: 2 Minuten

Jetzt hat es auch mein eigener Vater gemacht. Mich als Corona-Leugnerin und „Querdenkerin“ beschimpft. Der Grund: Ich halte nichts von Reiseverboten in Länder, die weniger Corona-Fälle als wir und funktionierende Gesundheitssysteme haben, und ich halte auch nichts davon, Rückkehrer aus solchen Gebieten, die allesamt getestet, ohne Symptome und mit FFP2-Masken ausgerüstet im Flugzeug sitzen, danach in Quarantäne zu schicken, obwohl sie sich wahrscheinlich hundertfach eher hier in Deutschland im öffentlichen Nahverkehr oder im Supermarkt anstecken könnten. Worum geht es also? Nicht um Fakten, sondern um eine Moral, die vor allem eins ist: selbstgerecht und selbstvergessen.

Diese falsche Moral begegnet mir auf Schritt und Tritt in diesem Land. Mit dem Finger wird auf Kritiker auch ganz offensichtlich sinnloser, grotesker Maßnahmen gezeigt. Zum Beispiel die, eine Maskenpflicht im Freien durchzusetzen, wenn sich gar keine Menschen ansammeln. Oder auch die, nur einen Partner eines Paares treffen zu dürfen, obwohl dieser Bett und Tisch mit einem anderen teilt, der aber nicht kommen darf. Oder: Einen Supermarkt zu öffnen, aber ein Theater trotz Testsystem und Hygienekonzept zu schließen. Ich spreche gar nicht von den Denunzianten. Die sind ja ohnehin eine jämmerliche Spezies für sich. Sondern von denen, die sehenden Auges eine unsinnige Regel mit moralischer Bedeutung aufladen, um sie damit zu legitimieren.

Zurück zu meinem Vater, der hier stellvertretend für eine ganze Generation steht. Ein Mann, der als kettenrauchender Akademiker in einem hoch dotierten Beruf jahrzehntelang nicht nur seine eigene Gesundheit, sondern auch die seiner Mitmenschen geschädigt hat. Der seine Kinder jahrzehntelang zu Passivrauchern gemacht hat (auch im Auto) – die in der Folge also ein erhöhtes Krebsrisiko haben. Der jahrzehntelang einen Diesel gefahren und damit tonnenweise Feinstaub in die Atemluft gepustet hat – woran bekanntlich Hunderttausende langfristig sterben. Der jahrzehntelang durch seine narzisstischen Egotrips seine Familie tyrannisiert hat.

Derselbe Mensch stellt sich heute hin und verurteilt andere für ihr angeblich unmoralisches und vermeintlich egoistisches Verhalten.

Dass er selbst sein ganzes Leben lang diesen Maßstäben nicht entsprochen hat, kommt ihm nicht in den Sinn. Er und viele andere in diesem Land haben sich ihr ganzes Leben lang nicht für die Gesundheit ihrer Mitmenschen interessiert. Jetzt auf einmal ist jeder, der ein Leben in Eigenverantwortung leben will, auf einmal unsolidarisch. Und wer sich nicht in ein Regel-Korsett pressen lassen will, das in seiner Absurdität vielleicht gerade noch in der DDR akzeptiert worden wäre, der ist also unmoralisch.

Schon immer wusste ich: Hüte dich vor denen, die glauben, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Es sind die, die sich selbst nicht über den Weg trauen, und zwar zu Recht. Die ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Verhalten nicht wahrhaben und nicht aufarbeiten wollen.

In Pandemie-Zeiten sind sie die eigentliche Pest.

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