Sturheit rächt sich

Warum die Deutschen nicht aus dem Lockdown-Dilemma herauskommen

Von Clara Riesling, Autorin bei 1bis19

Lesedauer: 4 Minuten

Am Anfang war das Wort

„Die Infektions-Zahlen müssen runter“ – dieses Mantra begleitet uns seit Beginn der Anti-Corona-Politik in Deutschland. Gemeint sind die so genannten Infizierten-Zahlen, die sich aus den Corona-Positiv-Getesteten bemisst. Infektion heißt nicht Erkrankung, das ist neu im allgemeinen Sprachgebrauch, früher galt ich nur als infiziert, wenn ich krank war. Und sonst allenfalls als Träger und nur potenzieller ÜBER-Träger eines Erregers. Jetzt sind also alle Menschen, die das Virus in sich tragen, „infiziert“, was wie gesagt, bisher als „krank“ verstanden wurde. Diese semantische Veränderung wird einfach vollzogen, sämtliche Medien machen mit, ohne es zu erklären. Spielt das eine Rolle? Ja. Sprache ist der Schlüssel zu einem Narrativ. Ein Narrativ, eine Geschichte oder Erzählung, basiert auf einer bestimmten Wortwahl. Mit der „Infektion“ ist der Grundstein des Corona-Narrativs gelegt.

Das Narrativ

Ein Narrativ ist wichtig, um das Geschehen zu erklären und das eigene Handeln zu rechtfertigen. Im Fall von Corona heißt das: Corona ist eine Gefahr für die gesamte Bevölkerung. Deshalb müssen wir die „Infizierten“-Zahlen durch geeignete Maßnahmen wie einen Lockdown senken, damit wir weniger Erkrankte haben. Doch wie viele tatsächlich Erkrankte haben wir überhaupt? Diese Frage wird allein deshalb schon an den Rand gedrängt, weil wir uns ja primär um DIE „Infizierten“ kümmern, die in der überwältigenden Mehrheit der Fälle NICHT krank sind. Wenn wir schauen, wer tatsächlich erkrankt ist, danach, wer schwer erkrankt ist und wer an Corona tatsächlich stirbt, dann wird aus der gewaltigen Zahl der „Infizierten“ eine im Vergleich winzige, die kaum der Rede wert wäre, wenn man das Narrativ der Corona-Gefahr für uns alle verlassen würde.

Warum ist das Narrativ ein Problem?

Die Frage, wer unter welchen Umständen das Corona-Virus an wen weitergibt, ist bis jetzt nicht geklärt, wird es wahrscheinlich nie. Geklärt ist aber, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen, die an Covid-19 erkranken oder sogar sterben, über 80 Jahre alt ist, in einem Alters- oder Pflegeheim lebt und meist schwere Vorerkrankungen hat. Diese Menschen bekommen das Virus entweder von anderen Menschen in ihrer Umgebung, die tatsächlich erkranken, oder von solchen, die sie betreuen oder pflegen. SIE müssen geschützt werden, SIE sind die einzigen, die sich diesen Schutz nicht selbst gewähren können. Das Narrativ der Corona-Gefahr für ALLE relativiert die reale Gefahr für diese Menschen, weil sie den Schutz der Allgemeinheit auf Kosten des besonderen, intensiven Schutzes dieser gefährdeten Gruppe favorisiert. Dieser relativ kleine Teil der Bevölkerung könnte mit konzentrierten Maßnahmen und einer fokussierten Anstrengung von uns allen geschützt werden. Durch Quarantäne, Tests, Masken und was es noch gibt an Schutzmaßnahmen. Vor allem in Heimen. Das Narrativ von der Gefahr für alle lässt diese spezielle Anstrengung eine von vielen werden, sie geriet aus dem Blick. Die Folgen sind klar und deutlich zu sehen.

Warum wird das Narrativ nicht verändert?

Politiker und Wissenschaftler tun eines extrem ungern: Zugeben, dass sie einen Fehler gemacht haben. Denn das kostet sie Ansehen, Stellung, Wiederwahl, manchmal sogar die gesamte Karriere. Wenn das Corona-Narrativ von der angeblichen Gefahr für ALLE zusammenbricht, gibt es viele Verlierer. Die Bundesregierung, die Politiker in den Ländern und Kommunen, das Robert-Koch-Institut, die Charité, die großen Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen, die Wortführer, Meinungsmacher und Kolumnisten. Sie alle haben das Narrativ von der Gefahr für alle bedient, angefüttert, großgemacht. So groß, dass eine Rücknahme oder Veränderung einer Kapitulation gleichkäme. Es ist so ähnlich wie eine Lebenslüge, die man unter keinen Umständen aufgeben will. Weil dann ja alles umsonst war, Geld und Gut und Lebenszeit verschwendet – für nichts und wieder nichts. Das darf natürlich nicht sein. Sie alle können sich diese Blöße nicht geben. Ihre Sturheit hat einen klaren Grund, ein messerscharfes Motiv. Selbstschutz. Aber sie rächt sich – und zwar für uns alle, durch den Niedergang und die Spaltung unserer Gesellschaft.

Wie müsste das Narrativ verändert werden?

Als erstes müssten alle Verantwortlichen zugeben, dass sie auf dem falschen Weg waren. Dass die Senkung der „Infizierten“-Zahlen nicht das richtige Ziel ist. Dass die „Infizierten“-Zahl nicht in direktem Zusammenhang steht bzw. stehen muss mit der Zahl der Erkrankten oder der Toten – wenn man nur die Gefährdeten tatsächlich schützt. Dass Lockdown-Maßnahmen für alle NICHT das geeignete Mittel sind. Dass man die tatsächlich von Corona betroffenen Gruppen nicht richtig geschützt hat, weil man ihren Schutz nicht priorisiert hat.

Das neue Ziel müsste sein: Risikogruppen schützen. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Zugleich allen anderen Menschen erklären, dass Corona für sie ein, wenn auch geringes, Restrisiko einer ernsten Erkrankung birgt, und dass sich jeder, der dieses Risiko verringern möchte, durch Abstand und Maskentragen schützen KANN. Mit einer medizinischen FFP2-Maske kann sich fortan jeder und jede in allen Situationen vor einer Übertragung schützen, der das MÖCHTE. Alle anderen, die keinen direkten Kontakt zu den Risikogruppen haben, müssen selbst entscheiden können, ob sie das geringe Restrisiko einer Corona-Erkrankung eingehen wollen oder nicht. So wie in normalen Zeiten auch jeder das Risiko selbst bewertet, ob er sich im Büro, in der U-Bahn, im Kino oder bei einer Party mit einer Erkältung, Grippe, Pneumokokken oder einer anderen Atemwegserkrankung anstecken KANN.

Was wäre der Gewinn?

Die Änderung des Narrativs der angeblichen Corona-Gefahr für alle in eine Gefahr für bestimmte, unbedingt zu schützende Risikogruppen, würde den meisten Menschen in Deutschland die Angst nehmen und ihnen bewusstmachen, dass das Leben ohnehin in allen Zeiten mit Risiken für die Gesundheit behaftet ist. Dass es NICHT unsolidarisch ist, Kontakt mit anderen Menschen zu haben, nur, weil man möglicherweise Träger eines Krankheitserregers ist, der für bestimmte Gruppen gefährlich sein kann, wenn sie daran erkranken. Dass es ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft ist, wenn Menschen moralisch verurteilt werden, die lediglich ihr Recht wahrnehmen, auf eigenes Risiko mit anderen zu leben – ohne dabei mutwillig jemanden zu gefährden, der tatsächlich gefährdet IST.

Dass diese Menschen nicht schuld sind an der Existenz des Corona-Virus. Dass die Krankenhäuser, Intensivstationen und Arztpraxen vor allem damit entlastet wären, wenn man die Risikogruppen schützt – und nicht die Allgemeinheit, die sich aus Angst vor Corona mit all den anderen Erkrankungen nicht mehr behandeln lässt. Dass man jede Art von Lockdown sofort beenden kann und wir uns alle verantwortungsvoll aber selbstbestimmt wieder dem Risiko Leben aussetzen können, wie wir es vorher auch getan haben.

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