Was passiert mit unserer Gesellschaft?

Interview mit Dr. Paul Brandenburg

Auf der politischen Agenda steht seit Jahrzehnten ganz oben: Stärkung der Toleranz in der Gesellschaft – und momentan passiert das genaue Gegenteil. Die Gesellschaft spaltet sich in Pro Corona-Maßnahmen und Maßnahmen-in-Frage-Steller. Der Andere ist der Feind, der potentielle Virus-Bringer. Meinungen gibt es nur noch wenige, Hauptsächlich Gut und Böse, Maske oder nicht Maske. Eine Art Ent-Menschlichung findet statt…

Momentaufnahme, Anfang Oktober 2020

Glosse

Ich bin wieder da, in meiner kleinen Oase, wo Menschen entspannt Café trinken, ihre Nase in die Zeitung vertiefen, draußen unter den bunten, verblassten Wimpeln und im Schatten der Bäume sitzen oder drinnen mit Jazzmusik. Wo sie eine einzelne Zigarette kaufen, ein paar Äpfel vom Bauer aus der Region oder einfach einen Smalltalk brauchen. Wo es montags meist Kartoffelsuppe gibt, freitags hauchdünnes, paniertes Schnitzel, wo Kunden mit oder ohne Maske hereinkommen, freundlich nicken, lächeln, einfach nur lächeln, so wie früher. Wer die anderen vor sich selbst beschützen will, trägt die schwarzen, blauen, bunten oder karierten Masken im Gesicht (war das nicht der Zweck der Maßnahme?). Wer keinen Stoff vor der Nase trägt, bekommt auch einen Café, sogar mit Hafermilch, und wird nicht bitterböse angeblöckt und der potenziellen Mordabsicht an seinem Nächsten bezichtigt (oder zumindest an der Großeltern). Hier darf der Bürger mündig sein. Darf Kerzen, Rotwein, Twix oder Wirsing mitnehmen für kleines Geld, oder auch länger verweilen und sich noch den Streuselkuchen mit Kirschen zum Nachtisch erlauben. Hier, in meiner kleinen Oase, im Viertel, wo ich einen Platz in einem Büro angemietet habe, weil es mir an meinem Arbeitsplatz zu anstrengend wird. „Bitte tragen Sie ausnahmslos eine Maske, sobald Sie Ihren persönlichen Arbeitsplatz verlassen. Das gilt auch für sehr kurze Wege, also innerhalb eines Großraumbüros, zu einem zentralen Kopiergerät, in eine Teeküche oder in ein Nachbarzimmer.“ Hier gilt noch die Devise des alten Fritz: Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden. Hier entwickele ich wahrscheinlich keine massive Depression und Angstzustände, wie mein ehemaliger Chorfreund, aufgrund der Quarantäne (nicht wegen des Virus!), oder werde vor ca. 200 Kollegen – jeder zu Hause am Computer – vor meiner Präsentation vom Oberchef heruntergeputzt, weil ich es wage, zusammen mit meiner Kollegin ohne Maske vor dem Bildschirm zu sitzen. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. In meiner Oase umarmen sich sogar Zeitgenossen. Ich bezahle meine Suppe, den Cappuccino zum Mitnehmen und gehe zurück ins Büro. Aber morgen komme ich wieder. Denn ich kann nicht mehr ohne meine kleine Oase, sie erinnert mich irgendwie an alte Zeiten. Damals, als noch mehr mündig waren, Zwischenmenschlichkeit ein hohes Gut war, als ich noch keine konkrete Furcht haben musste meinen Job zu verlieren, weil ich nicht die Meinung der Mehrheit vertrete (auch egal, ich kündige sowieso), als einige großartige Idioten, besser Vollpfosten waren und andere echt OK. Als wir uns nicht für Infektionszahlen, sondern für schwer Erkrankte oder nachweisbare Todeszahlen interessierten, als der Verkäufer in einem Bekleidungsladen uns nicht anschrie, weil wir allein in der Umkleide (allein im ganzen Laden) keine Maske trugen, als die Regierung nur die Regierung, und nicht der unanfechtbar Allwissende war, als die Leitmedien noch ihre Arbeit machten, unparteiische, ausgewogene Berichterstattung als vierte Säule der Demokratie. Muss schon sehr lange her sein, vielleicht Januar 2020……

Wir brauchen:
– einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss
– einen Exit-Plan
– eine Strategie für zukünftige Ausnahmesituationen

Kommentar, 26.09.2020

Regelkonform = ich gehöre zu den Guten

Berliner Tagesspiegel, 26.09.2020: Gute Ratschläge, wie man sich im Winter vor Corona schützen kann. Zum Beispiel Kino/Theater: Hier habe man wenig Kontrolle sich möglicherweise anzustecken. Aber: „psychologisch wichtig ist es, selbst sehr klar Corona-Bewusstsein zu signalisieren“. Natürlich durch die Maske und besser mehr als weniger Abstand in der Schlange. Außerdem „durch Hinweise an den Veranstalter, wenn Dinge nicht regelkonform ablaufen.“

Es lebe das Denunziantentum!

Warum frischen wir nicht Sachsens Idee wieder auf, sollte sich jemand in Zukunft den Corona-Maßnahmen widersetzen?

Welt, 20.04.2020: „Sachsen will Quarantäne-Verweigerer in Psychiatrien sperren.“ Wer nicht hört, wird weggesperrt. Es ist schließlich „für unser aller Gesundheit und Leben wichtig, dass die Menschen sich an die Quarantäneanordnungen der Gesundheitsämter halten“, so Sachsens Sozialministerin, Petra Köpping (SPD), im April 2020.

  • Wir haben in Deutschland: rund 83 Millionen Einwohner
  • Jeden Monat sterben: ca. 75.000 Menschen
  • Seit der Corona-Messung starben: 9443 Menschen
  • Aktuell haben wir Corona Positiv-Getestete: 22.280 = 0,026 % der Bevölkerung
  • Positiv-Test bedeutet nur: der Virus ist im Körper nachweisbar
  • Gesamtzahl Testpositiver abzüglich Genesener und Verstorbener
  • Patienten in Intensivbehandlung: 304 = 0.00036 % der Bevölkerung
  • Stand: RKI 25.09.2020

Auf welcher Evidenz basiert aktuell die epidemische Lage mit nationaler Tragweite?

Eine absolute Sicherheit ist nicht möglich, ebenso wenig wie der absolute Gesundheitsschutz. Denn das hieße gar nicht mehr aus dem Haus zu gehen, nur mit einer Person, bestenfalls dem Partner, Kontakt zu haben. Schließlich können Grippe und viele andere Krankheiten, Unfälle, Gewalttaten etc. ebenfalls tödlich sein. Wir können uns verschanzen, abschotten und möglicherweise länger leben. Wenn wir nicht schon frühzeitig an Vitamin D-Mangel aufgrund fehlenden Sonnenlichts, Diabetes, Fettleibigkeit mangels Sport, Depressionen wegen fehlender Lebensfreude, oder häuslicher Gewalt sterben. Für welchen Preis also?

Die Gesellschaft spaltet sich aktuell immer mehr in pro-Maske und Masken-in-Frage-Steller, in Gut und Böse. Eine Art Entmenschlichung findet statt. Der Andere ist eher Feind als Freund, ein potentiell gefährlicher Virenträger. Und Zwischenmenschlichkeit soll digital ersetzt werden. Das Makaber-Groteske dabei ist: der potentielle Virenträger-Feind ist bei 22.280 Corona-Positiv-Getesteten, also 0.026% der Bevölkerung, sehr schwer ausfindig zu machen…

Wir brauchen:
– einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss
– einen Exit-Plan
– eine Strategie für zukünftige Ausnahmesituationen

Statement
zur Demo am 29.8.2020

Auch gegensätzliche Meinungen zulassen

Die Berliner Polizei verhinderte am 29. August 2020 durch fragwürdige Maßnahmen eine genehmigte Demonstration. In einer Demokratie muss das Demonstrations- und Versammlungsrecht gewährleistet sein, fordert Paul Brandenburg, Vorsitzender der Bürgerrechtsinitiative 1bis19.

Berlin, 11. September 2020 – Die Berliner Polizei hat am Samstag, den 29. August 2020, verhindert, dass sich der genehmigte Demonstrationszug unter dem Motto „Frieden und Freiheit“ in Bewegung setzen konnte.

Laut den Beobachtungen von Mitgliedern der Initiative 1bis19 hatte sich folgende Situation entwickelt: Die Friedrichstraße hatte sich mit immer mehr Menschen gefüllt, die den Demonstrationszug besuchen wollten. Da ihre Seitenstraßen von der Polizei abgesperrt wurden und sie zudem die Zugspitze blockierte, sammelten sich immer mehr Teilnehmer auf der Friedrichstraße an, ohne dass die Demonstration starten durfte. Der vorgegebene Abstand wurde von den Teilnehmern weitgehend eingehalten, dennoch wurde es aufgrund des großen Zustroms und der Blockade am Kopf des Zuges enger. Schließlich gab die Polizei bekannt, dass die Demonstration nicht stattfinden dürfe. Ihre Begründung: Die Abstände würden nicht eingehalten. Laut den Anwesenden von 1bis19 waren es jedoch vor allem die Maßnahmen der Polizei, die verhinderten, dass sich die Kundgebung ordnungsgemäß in Bewegung setzen konnte.

„Egal wie wir thematisch zu einer Demonstration stehen, sie muss ermöglicht werden. Das muss eine Demokratie aushalten”, erklärt dazu Paul Brandenburg von der Initiative 1bis19. Ohne die Absperrungen der Polizei sei der Mindestabstand einhaltbar gewesen. „Mit diesem willkürlichen Vorgehen lässt sich derzeit jeder Protest untersagen. Das ist einer Demokratie nicht würdig”, so Brandenburg weiter.